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6. November 2016

Rückblick September und Oktober 2016: Spielzeitbeginn, Premieren, Tanz und Diskussionen

Die theaterfreie Zeit im Sommer war dieses Jahr wegen meines Besuchs des Göteborg Theaterfestivals im August zum Glück erträglich. Wie immer startete ich die Spielzeit mit dem Tanz im August und dem alljährlichen Brunch der Freunde der Schaubühne.


SEPTEMBER

04.09.16 Tanz im August: Until our Hearts stop von Meg Stuart/Damaged Goods (Volksbühne)
Die sechs Performer*innen bringen nicht nur sich selbst sondern auch das Publikum an die Grenze des Zumutbaren. In der Performance werden physische Grenzen ausgelotet. Meg Stuarts Performance ist eine Produktion an den Münchner Kammerspielen.


08.09.16 PREMIERE Empire von Milo Rau (Schaubühne)

Rami Khalaf, Maia Morgenstern, Akillas Karazissis in EMPIRE (Foto: Marc Stephan)

Mit Empire schließt Milo Rau seine Europa-Trilogie, eine dreijährige Auseinandersetzung mit Mythos und Realität Europas, ab.  Schauspieler*innen aus Griechenland, Syrien und Rumänien erzählen von künstlerischer und wahrer Tragik, von Folter, Flucht, Trauer, Tod und Wiedergeburt.

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Eine Produktion des IIPM – International Institute of Political Murder. In Koproduktion mit dem Zürcher Theater Spektakel, der Schaubühne am Lehniner Platz Berlin und dem Steirischen Herbst Graz. Gefördert vom Regierender Bürgermeister von Berlin – Senatskanzlei – Kulturelle Angelegenheiten, Hauptstadtkulturfonds Berlin, Pro Helvetia und Migros-Kulturprozent. Mit freundlicher Unterstützung: Kulturförderung Kanton St. Gallen.

Konzept, Text und Regie: Milo Rau   
Musik: Eleni Karaindrou
Bühne und Kostüme: Anton Lukas   
Video: Marc Stephan   
Dramaturgie und Recherche: Stefan Bläske, Mirjam Knapp   
Sounddesign: Jens Baudisch
Technik: Aymrik Pech
Produktionsleitung: Mascha Euchner-Martinez, Eva-Karen Tittmann

Text und Performance: Ramo Ali, Akillas Karazissis, Rami Khalaf, Maia Morgenstern

Dauer: ca. 120 Minuten

Weitere Infos und Trailer zum Stück auf der Seite der Schaubühne.

Essay zum Stück in Pearson's Preview: Empire on and off-stage: A Conversation with Milo Rau


18.09.16 Brunch der Freunde der Schaubühne
An unserem Brunch am Wahltag in Berlin wurde über den Spielplan 2016/17 gesprochen, der selbstverständlich von den aktuellen politischen Ereignissen geprägt sein wird.


24.09.16 re-re-re-visited thisisitgirl von Patrick Wengenroth (Schaubühne)
Stücke, wie dieses sind auch beim vierten mal noch so gut wie beim ersten mal. Für alle Feminist*innen und auch alle anderen: Hingehen!


28.09.16 PREMIERE Schatten (Eurydike sagt) von Elfriede Jelinek/Katie Mitchell (Schaubühne)

Jule Böwe in Schatten / Eurydike sagt (Foto: Gianmarco Bresadola)

Katie Mitchell hat bereits mehrmals an der Schaubühne inszeniert und fast immer geht es in ihren Stücken um Weiblichkeit aus einer feminsitischen Sicht. Mit Elfriedee Jelineks Text zelebriert sie durch die Entsteheung eines Live-Films auf der Bühne Eurydikes unfreiwillige Reise aus dem Reich der Schatten zurück in die patriarchale Zivilisation.
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Regie: Katie Mitchell   
Mitarbeit Regie: Lily McLeish   
Bildregie: Chloë Thomson
Bühne: Alex Eales   
Kostüme: Sussie Juhlin-Wallen   
Videodesign: Ingi Bekk
Mitarbeit Videodesign: Ellie Thompson   
Sounddesign: Melanie Wilson, Mike Winship   
Licht: Anthony Doran
Dramaturgie: Nils Haarmann   
Skript: Alice Birch   

Mit: Jule Böwe, Stephanie Eidt, Renato Schuch, Maik Solbach
Kamera: Nadja Krüger/Stefan Kessissoglou, Christin Wilke, Marcel Kieslich
Boom Operator: Simon Peter

Dauer: ca. 75 Minuten

Weitere Infos und Trailer auf der Seite der Schaubühne.

Essay zum Stück in Pearson's Preview: Weder Theater, noch Kino: Katie Mitchells dritte Kunstform in »Schatten«


OKTOBER
    
16.10.16 Streitraum: Kosmopolitismus und Menschenrechte (Schaubühne)
Carolin Emcke diskutierte mit ihrer Doktomutter Seyla Benhabib.
Einen Mitschnitt der Veranstaltung gibt es hier.


16.10.16 Podiumsdiskussion „Warum spielen“ (Schaubühne)
Am Abend des selben Tages gab es eine weitere Podiumsdikussion. Max und ich haben dazu diesen Beitrag verfasst.


26.10.16 Buchvorstellung: Carolin Emcke "Gegen des Hass" (Schaubühne)
Die mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnete Autorin las aus und sprach über ihr Buch mit René Aguigah (Deutschlandradio Kultur). In "Gegen des Hass" versucht sie zu erklären, wie es zu den extremen Formen der Feindlichkeit gegen Geflüchtete, Rassismus, Homophobie, religiösem und nationalistischem Fanatismus und Demokratiefeindlichkeit kommt und appelliert an ihre Leser*innen dem Hass zu widersprechen. Ein Lob des Vielstimmigen, des "Unreinen". Ein Denkanstoß und eine Argumentationshilfe für alle, die eine humanistische Haltung und offene Gesellschaft wollen.


31.10.16 re-visited Never Forever von Falk Richter (Schaubühne)
Nun habe ich auch dieses Stück von Falk Richter noch einmal gesehen. Regine Zimmermann ist eine tolle Besetzung für die weibliche Hauptrolle und jede Gelegenheit Tilmann Strauß zu sehen, der ja nicht mehr im Ensemble ist, ist lohnenswert. Berührend: Ilse Ritter!

Ilse Ritter in NEVER FOREVER (Foto: Arno Declair)


11. Mai 2016

Rückblick Januar bis April 2016: Autorenklub, Streitraum, Poetry Slam, Karneval, Hommage und ((re-)re-)re-visited Stücke

Schon sind wieder vier Monate seit dem letzten Rückblick vergangen. Viel hat sich angesammelt an Erfahrungen und Erlebnissen. Ich habe 21 Stücke gesehen, 2 Autorenklubs von Wengenroth besucht und an 8 weiteren Theater-Veranstaltungen teilgenommen. Der April war natürlich vom FIND geprägt - dazu hatte ich bereits ausführlich berichtet. Auch Max Penthollow hat mir wieder geschrieben, seine Berichte habe ich im Text verlinkt.


JANUAR

08.01. Probedurchlauf Die Mutter von Bertolt Brecht (Schaubühne)
Studierende der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" zeigen zusammen mit Urusla Werner als Mutter einen Theaterklassiker "aus einer Zeit, in der die Utopie einer herrschaftsfreien Gesellschaft noch möglich schien" und blicken "auf eine Gegenwart, die Revolution und Veränderung immer nötiger hat". Wie immer führt Peter Kleinert Regie. Die Musik kommt von Hanns Eisler, die musikalische Leitung hat Mark Scheibe. Wir vom Freundeskreis dürfen diesen Probedurchlauf sehen, bevor die Student/innen vor dem "richtigen" Publikum spielen können.

Ursula Werner als "Die Mutter" mit Celina Rongen, Felix Witzlau (Foto: Gianmarco Bresadola)


16.01. PREMIERE Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs von Milo Rau (Schaubühne)
Eine großartige Ursina Lardi in einem bedrückenden wie beeindruckenden Stück über den Völkermord in Ruanda, die Grenzen des Humanismus und Mitleids. Der Text entstand als eine Art Zusammenschnitt von Interviews mit NGO-Mitarbeiter/innen und Kriegsopfern sowie eigenen Erfahrungen der Schauspielerin und des Regisseurs.

Ursina Lardi als Entwicklungshelferin in "Mitleid" (Foto: Daniel Seiffert)

18.01. Freunde der Schaubühne // Freunde feiern: Neujahrsempfang bei Friedrich Barner 
Bericht im Archiv des Freundeskreises

22.01. re-visited Stück Plastik (Schaubühne)
Hatte ich beim letzten mal erwähnt, wie gut das Stück im "Globe" funktioniert? Ohne diesen Bühnen- und Zuschauerraum wäre das Stück nicht das, was es ist. Und dass, obwohl es sich um ein zeitgenössisches Stück handelt.

Perfekt im Globe: "Stück Plastik" mit Robert Beyer, Jenny König, Sebastian Schwarz, Marie Burchard (Foto: Arno Declair)


28.01. Wengenroths Autorenklub: Stefan Zweig (Schaubühne)
Viele Flaschen Blauer Zweigelt. Eine Flasche Veronal. Gesang. Eine Bowie-Hommage von Eva Meckbach. Laurenz Laufenberg eingehüllt in einen Teppich. Ulrich Hoppe sterbend auf dem Sofa. Wengenroth as always: great. Texte über Europa. Stefan Zweig!


FEBRUAR
 
01.02. Brasch/Eidinger/Kranz (Schaubühne)
Bericht von Max Penthollow und mir "Eine Verbeugung vor Thomas Brasch"

02.02. re-re-visited thisisitgirl (Schaubühne)
Dieses Stück muss bitte noch lange gespielt und von vielen gesehen werden. Hier noch mal der Link zu meinem Bericht von der Premiere.

Männer und Feminismus: Ulrich Hoppe und Laurenz Laufenberg in "thisisitgirl" (Foto: Gianmarco Bresadola)


12.02. Freunde der Schaubühne // Freunde treffen Künstler: "Nehmense 'n andern" - Ein Abend mit Ulrich Hoppe
...aber zum Glück haben wir ihn doch eingeladen! Bericht im Archiv des Freundeskreises

14.02. PREMIERE Borgen (Schaubühne)
Bericht von Max Penthollow "Brillanter Trash"

Fernsehen im Theater: Sebastian Rudolph in "Borgen" (Foto: Arno Declair)
 
19.02. Filmreihe Luc Bondy: Wintermärchen (Schaubühne)
Zum Andenken an Luc Bondy wurden in der Schaubühne Aufzeichungen verschiedener Bondy-Inszenierungen gezeigt. Eine Hommage an einen großen (Schaubühnen-)Regisseur.

28.02. Jewgeni Onegin (Komische Oper)
Eine seltene Ausnahme: Ich bin mal in der Oper. Und ich genieße es. Tolles Bühnenbild. Tolle Sänger sowieso. Eine Inszenierung von Barrie Kosky.


MÄRZ   

01.03. re-visited Die kleinen Füchse (Schaubühne)
Beim zweiten mal hat mir das Stück besser gefallen und ich habe die Qualität der Inszenierung erkannt. Max Penthollow schrieb darüber. Urisana Lardi als Birdie Hubbard - fantastisch!


Frauen gegen das Boys-Network: Ursina Lardi als Birdie in "Die kleinen Füchse" (Foto: Arno Declair)

11.03. re-re-re-visited Tartuffe (Schaubühne)
Ja, es ist immer noch gut. Nein, es ist auch beim vierten mal nicht langweilig.
Max schrieb darüber. Und: Ich auch.

Cathlen Gawlich als Dorine und Franz Hartwig als Damis in "Tartuffe" (Foto: Katrin Ribbe)


20.03. Carnival Al Ladjin - Karneval der Geflüchteten
My Right Is Your Right! und die Berliner Bühnen veranstalteten anlässlich des Globalen Aktionstags gegen Rassismus eine Demo und hatten folgende Forderungen:
Für ein Recht auf Bewegungsfreiheit
Für ein Recht auf Bildung
Für ein Recht auf Arbeit
Für ein Leben in Würde
Für ein Recht auf Mitgestaltung, Teilhabe und Teilnahme
Für die Abschaffung der Residenzpflicht
Gegen antimuslimischen Rassismus
Gegen Abschiebungen

Für ein Recht auf Mitgestaltung: Carnival Al Ladjin (Foto: Stefanie Eisenschenk)


24.03. Poetry Slam – Dead or Alive (Schaubühne)
Die Lebenden, vier Poetry Slamer (Lisa Eckhart, Frank Klötgen, Julian Heun, Toby Hoffmann) treten mit ihren selbst geschriebenen Texten gegen die Toten, vier bereits verstorbene Dichter, an. Die Dichter werden dargestellt von Iris Becher (Mascha Kaléko), Ulrich Hoppe (Konrad Bayer), Bernardo Arias Porras (Pumuckl) und Jenny König (Pablo Neruda). Besonders viel Spaß (sic!) hatte das Publikum mit Pumuckl, der von Bernardo Arias Porras als das interpretiert wurde, was er eigentlich ist: Ein Punk und Anarchist. Im Finale versuchen die Dichter mit Goethes "Prometheus" zu punkten und treten im Boxer-Outfit an - trotz Pumuckls beeindruckender Rezitation des Gedichts gewinnen (natürlich!) die Slamer.


APRIL
        
03.04. Streitraum: Antisemitismus in Europa (Schaubühne)
Carolin Emcke im Gespräch mit Daniel Cohn-Bendit, Agnes Heller und Stefanie Schüler-Springorum: Wie lässt sich Antisemitismus in Europa begegnen? Was sind die Ursprünge - welche Milieus und Motive bedingen Antisemitismus? Welche Rolle spielt der Nahost-Konflikt?

Über das FIND 2016 habe ich ausführlich berichtet.
Hier meine Reviews Teil 1, Teil 2 und Teil 3

21.04. Nora (Deutsches Theater)
Armin Petras hat das Stück von Ibsen für das DT überarbeitet: Nora und ihr Mann leben in einer bunten poppigen Welt. Sie sprechen eine - in dieser Inszenierung künstlich überzeichnete - Hippster-Sprache. In welchem gesellschaftlichen Konstrukt sollen sie leben?

25.04. Wengenroths Autorenklub: Friedrich Schiller (Schaubühne)
In der elften Ausgabe wird Schiller von Goethe (Performer Johannes Dullin) Konkurrenz gemacht. Außerdem gibt's Apfelkorn und verfaulte Äpfel auf der Bühne (jaja, Schiller - Tell - der Apfel). Und Ulrich Hoppe darf einen Text aus den Räubern als Ente sprechen (im Andenken an seine Ausbildungszeit bei einem "sehr berühmten Pantomime-Lehrer"). Iris Becher, Jule Böwe, Tilman Strauß und Mark Waschke konzentrieren sich auf Johanna, die Räuber und Goetz von Berlechingen. Tilman Strauß singt außerdem ein Abschiedslied, denn er wird das Ensemble (leider!) verlassen. Rührend!

26.04. Hamletmaschine (Deutsches Theater)
Vor neun Jahren hat Dimiter Gotscheff Heiner Müllers Hamletmaschine inszeniert und selbst darin gespielt. Zu einem Gastspiel in Havanna konnte er im Herbst 2013 nicht mehr mitreisen, trug aber dafür Sorge, dass eine Version gezeigt werden konnte, die seine Passagen per Video einspielte. Aus Anlass von Gotscheffs 73. Geburtstag ist diese Variante seiner legendären Inszenierung nun noch einmal am Deutschen Theater zu sehen. Im Zuschauerraum sind viele traurige und weinende Menschen - es ist eine Veranstaltung im Gedenken an eine großen Regisseur. Meinen Bezug zu diesem Theaterbesuch hatte ich im Zusammenhang mit dem FIND und der Milo Rau Inszenierung "The Dark Ages" bereits erwähnt - Valery Tscheplanowa erzählte.

3. März 2016

Max Penthollow scheibt mir // Kapitel 14: Brillanter Trash (Premiere von "Borgen" an der Schaubühne)


Max Penthollow schreibt mir...

Liebe Maren,

kürzlich war ich bei der Premiere von „Borgen“ in der Schaubühne.

„Borgen“ - nach der TV-Serie von Adam Price, entwickelt mit Jeppe Gjervig Gram und Tobias Lindholm - Schaubühne Berlin – Regie: Nicolas Stemann - Premiere am Sonntag, 14. Februar 2016, 19:30 Uhr

Hier ist mein Text, für mich war es so:

„Borgen“, auf Deutsch „Die Burg“ (Schloss Christiansborg), nach der dänischen Polit-TV-Serie „Borgen“ von Adam Price.


Die Darsteller/innen kommen auf die Bühne und nehmen am Tisch Platz, es gibt Begrüßungsapplaus.

Die Politiker/innen inszenieren sich selbst, mithilfe des Fernsehens, als Produkte für den Wähler und die Wählerin. Sie versuchen, sich gegenseitig auszumanövrieren, selbst die Überlebenden der immerwährenden Intrige zu sein.


Stephanie Eidt als Birgitte Nyborg (Foto: Arno Declair)

Die wichtigen politischen Entscheidungen werden anderswo und von anderen getroffen, von Kartellen, Syndikaten und Lobbies. Das System hat die Macht und das System regiert.

Auf der Bühne sind etliche Monitore mit ausgeklügelten Live-Videostrecken, zusätzlich im Saal und auf der Bühne Teleprompter mit den Texten des Stücks, für die Darsteller/innen zum Ablesen, dazu kommen improvisatorische Elemente.

Es gibt Polit-Talkshows, Gesprächsrunden, den runden Elefantensitz als Symbol für den Zirkus. Der Fernsehsender TV1 kämpft gegen die TV-Konkurrenz um Zuschauer und Einschaltquoten.

Die Show zieht sich hin, das Stück scheint kein Ende zu finden, 3 ½ Stunden sind schon vergangen und es geht immer noch weiter, die Schauspieler/innen auf der Bühne rackern sich ab. Nach der ersten und nach der zweiten Pause sind etliche der Premierengäste schon gegangen, einige Sitzreihen haben sich gelichtet.


Wer hat das Nachsehen im Polit-Poker? (Foto: Arno Declair)

Einer der Darsteller sagt als Fernsehvertreter von TV1 gegen Ende des Stücks vorn an der Rampe: „wir haben viele Zuschauer verloren“. Er meint die Fernsehzuschauer von TV1, aber hier sind es die Zuschauer/innen des Premierenpublikums!

Talkrunde bei TV1 (Foto: Arno Declair)

Die Darsteller/innen haben alle wunderbar gespielt! Von den Dagebliebenen gibt es anhaltenden und teilweise begeisterten Applaus! Die Edlen sind schon der Ehre wert!

Für mich ist das Drama als Polit-Soap-Opera mit der Talkshow-Sitzgarnitur und den Monitoren und Telepromptern, mit der ganzen Mühe und den Anstrengungen der Darsteller/innen auf der Bühne und dem nach 3 ½ Stunden endlos erscheinenden Schlussteil inklusive Zuschauerverlust eine Metapher für das, was die Show porträtiert.

Schon deswegen ist es für mich brillanter und edelster Trash!

Liebe Maren, ich finde das Stück in diesem Sinne wunderbar und crazy und so abgefahren! Es wird sein Publikum finden!

Liebste Grüße

Max
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Regie: Nicolas Stemann   
Bühne: Katrin Nottrodt   
Kostüme: Katrin Wolfermann
Musik: Thomas Kürstner, Sebastian Vogel   
Video: Claudia Lehmann   
Dramaturgie: Bernd Stegemann, Bettina Ehrlich   
Licht: Erich Schneider   

Mit: Stephanie Eidt, Sebastian Rudolph, Tilman Strauß, Regine Zimmermann   

Statisterie: Daniel Ahl, Frank Jendrzytza, Hauke Petersen, Steven Raabe, Fabrice Riese, Benjamin Scharweit, Philip Schwingenstein, Malik Smith

Dauer: ca. 225 Minuten (2 Pausen)

Weitere Infos und Trailer zum Stück auf der Seite der Schaubühne.

Essay zum Stück in Pearson's Preview: "Borgens" Vorhang lüften.

3. Dezember 2015

Max Penthollow schreibt mir // Kapitel 10: Schmerzliche Einschnitte ("Fräulein Julie" an der Schaubühne)

Max Penthollow schreibt mir...

Liebe Maren,

mehr zu Fräulein Julie:

Fräulein Julie von August Strindberg 1888 – Schaubühne – Regie: Katie Mitchell – Premiere am 25. September 2010

1. Der Inhalt:
Mittsommernacht in Schweden 1888, Küche im Gutshaus, Fest der Sommersonnenwende. Fräulein Julie (25), Tochter der Herrschaften, verführt den mit Köchin Kristin (35) verlobten Diener Jean (30), den sie schon seit ihrer Kindheit anhimmelt.

Nach der Mittsommer-Liebes-Nacht sieht Julie ihre Ehre verloren und nimmt sich mit Jeans Rasiermesser das Leben.

 2. Bühne und Kostüme sind im Stil der damaligen Zeit. Die Darsteller/innen spielen das Stück in stark verkürzter Form. Auf der Bühne wird synchron zum Spiel vom Spiel ein Film gemacht, der synchron zum Spiel auf der Projektions-Leinwand über der Bühne zu sehen ist. Links vorn auf der Bühne ein Tisch für Nahaufnahmen, rechts vorn auf der Bühne ein Tisch mit ca. fünf Mikrofonen für die Geräusche.

Zwei Geräuschemacherinnen, zwei Kameramänner. Schauspieler/innen und Kameraleute bedienen fünf Videokameras. 400 Filmschnitte (Go's), zwei Beamer – just in case.

Luise Wolfram als Julie vor der Kamera (Foto: Thomas Aurin)

Es gibt viel Bewegung, Laufen und Rennen, das Ganze ist eine ausgeklügelte Choreografie für ein Ballett der Darsteller/innen und Kameraleute auf der Bühne für das Schauspiel und für die zeitgenaue Bedienung der Stative, Kabel, Kameras, Tonlabor. Alle arbeiten in präzisem Zeittakt.

3. Cellomusik live mit Ensemble-Begleitung vom Tonträger und aus schallgedämpften Tonkabinen eingesprochene Lyrik von Inger Christensen aus Dänemark und warmes hellgelbes Licht, das von draußen durch die Fenster hereinfällt.

4. Der Strindberg-Text
ist stark gekürzt, Motive und Leitmotive sind immer präsent und wesentliches Merkmal der Inszenierung und des Stücks: das Wasser, die Spiegel, das Blut, das Feuer, die Kräuter, die Blumen, die Wanduhr, das Rasiermesser, das Licht, die Gestaltung der Bühne, die Kostüme, die Cellomusik, die eingesprochene Lyrik aus den Kabinen („die Aprikosenbäume, die vierzehn Kristallgitter, die sieben kristallinischen Systeme, Zedern, Zypressen, Cerebellum“, „das unbenutzte Bett des Schlaflosen“ und so weiter).

 5. Einige Requisiten der Geräuschemacherinnen
sind: Zündhölzer, Feuer, Wasser, Gläser, Fläschen mit Verschlusskorken, Vogelfedern, Stoff, unter dem Tisch Kies, Gras-Äquivalent, verschiedenartige Schuhe, ca. fünf Mikrofone über und unter dem Tisch.

Cathlen Gawlich, Jule Böwe, Tilman Strauß u.a.: Text & Geräusche (Foto: Thomas Aurin)

6. Und jetzt kommt das Beispiel: Jean zündet in der Küche seine Zigarre mit einem großen Zündholz an: dieses Anzünden des Zündholzes ist zeitgleich vierfach zu sehen für die Theaterbesucher/innen in vier unterschiedlichen Szenen: 1. direkt: in der Küche (Jean zündet ein Zündholz an), 2. direkt: links am Tisch für Großaufnahmen (Darstellerin zündet ein Zündholz an, Live-Großaufnahme), 3. direkt: rechts am Tisch für das Geräusch des aufflammenden Zündholzes (Geräuschemacherin zündet ein Zündholz an, Live-Tonaufnahme) und schließlich 4. im Film auf der Projektionswand die Live-Großaufnahme des Anzündens vom Tisch auf der Bühne links und die Live-Tonaufnahme des eben entfachten und auflodernden Zündholzes vom Tisch auf der Bühne rechts. Für die Szene werden also zeitgleich drei Zündhölzer angezündet und vier sind zu sehen! Das hat schon was!

7. Wenn das kleine braune Fläschchen mit dem Kräuter-Elixir beim Entkorken Plop macht, gibt es im Saal leises Lachen.

8. Die Aufführung
dauerte zuletzt (Oktober 2013) etwa 75 Minuten, ganz früher bis 85 und 90 Minuten.

Am 16. Oktober 2013 war die 75. Vorstellung (laut Schaubühnen-Programm).

9. Bei dem ganzen synchrontechnisch und choreografisch ausgeklügelten und teilweise ballettartigen Spiel mit Stativen, Kabeln und Kameras habe ich ich besonders die kleinen nicht geplanten Besonderheiten geliebt, wenn etwas nicht ganz perfekt war, wenn z.B. ungeplant plötzlich ein Kontrollmonitor im Bild (Film) auftaucht oder wenn unbeabsichtigt Julies kleiner Zeisig Serine im Live-Film bereits zerteilt auf dem Schneidebrett in der Küche in zwei Stücken zu sehen ist, schon kurz bevor (!) Jean im Stück (nur im Film/Bild zu sehen!) den kleinen Vogel mit dem Küchenmesser mit einem lauten Messerschlag mit einem Hieb in zwei Stücke schneidet. Oder wenn die langen Kamerakabel auf der Bühne entwirrt werden müssen und das Entwirren der Kabel etwas länger dauert.

Mir haben das emsige Treiben und das gelegentlich eilige Laufen und Rennen auf der Bühne immer sehr gut gefallen. Besonders gern habe ich den Geräuschemacherinnen bei Ihrer Arbeit zugesehen.

Das Intro finde ich ganz toll!

10. Das Spannende und das besonders Faszinierende an Katie Mitchell‘s Inszenierung besteht für mich in einer aufregenden Balance zwischen dem Spiel auf der Bühne und dem synchron dazu gemachten und synchron dazu gezeigten Spiel des Live-Films vom Spiel auf der Bühne.

Die Cellomusik auf der Bühne, die eingesprochene dänische Lyrik und das eigenwillig fallende goldgelbe Licht der sonnigen Mittsommernacht geben dem Stück aus meiner Sicht eine besondere und eigenartige unwirkliche Stimmung.

11. Die Schaubühne ist für Gastspiele von Katie Mitchells Inszenierung von „Fräulein Julie“ viel und weit gereist:

Gastspiele der Schaubühne mit „Fräulein Julie“ (Quelle: www.schaubuehne.de):
Paris (März 2012)
Athen (Juni 2012)
Stockholm (Juni 2012)
Avignon (Juli 2012)
Zagreb (September 2012)
Moskau (Dezember 2012)
Paris (März 2013)
London (April/Mai 2013)
Rennes (November 2013)
Reims (Dezember 2013)
Tianjin (April 2014)
Beijing (April/Mai 2014)
São Paulo (März 2015)
Almada (Juli 2015)

 12. In den vergangenen vier Jahren habe ich Katie Mitchells „Fräulein Julie“ an der Schaubühne genau 20 mal gesehen.

Ich möchte „Fräulein Julie“ dort sehr gerne noch ein paar mal sehen!

Sehr, sehr gerne!

Allerliebst

Max
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Autor: August Strindberg
Regie: Katie Mitchell, Leo Warner
Bühne und Kostüme: Alex Eales
Licht: Philip Gladwell
Sounddesign: Gareth Fry, Adrienne Quartly
Musik: Paul Clark
Dramaturgie: Maja Zade

Kristin: Jule Böwe
Jean: Tilman Strauß
Julie: Luise Wolfram
Kristin Double: Cathlen Gawlich
Kristin Hände: Lisa Guth, Luise Wolfram
Kamera: Andreas Hartmann / Stefan Kessissoglou, Krzysztof Honowski
Geräusche: Maria Aschauer, Lisa Guth
Weitere Kameraaufnahmen, Geräusche und Stimmen aus dem Off: Ensemble
Violoncello: Chloe Miller / Gabriella Strümpel

Dauer: ca. 75 Minuten

Infos und Trailer auf der Seite der Schaubühne.

Mein Bericht aus Stockholm 2012 zu „Fräulein Julie“ hier.

22. Dezember 2013

Familie im goldenen Hamsterrad: „Tartuffe“ von Moliére an der Schaubühne

Michael Thalheimer inszeniert zum zweiten mal an der Berliner Schaubühne. Sein "Tartuffe" wurde mit Spannung erwartet, denn zuvor erfuhr so gut wie niemand etwas über seine Inszenierung. Selbst am Haus wusste man wenig.



Lieblingsszenen:
1. Der Auftritt von Urs Jucker als Monsieur Loyal gehört jetzt zu meinen Top 3 der lustigsten Theatermoment; selten hab ich jemanden so viel aus so einem kurzen Auftritt herausholen sehen. 
2. Damis (Franz Hartwig) versucht, seinem Vater die Wahrheit über Tartuffe zu sagen: Hin- und hergerissen zwischen Mitleid und Verachtung für den pummeligen, linkischen, Butterkeks mampfenden Jungen.
3. Tartuffe treibt die Familie durch das Hamsterrad des Bühnenbilds.



Bühne: Olaf Altmann, ein goldener Kasten, der sich im Laufe des Stückes zunächst zur Seite neigt und sich schließlich vertikal um seine Achse dreht. An der Wand ein Kruzifix. Der Ledersessel, als einziges Möbelstück, hängt somit an der Wand und der Decke. Es entstehen tolle Bilder, wie etwa wenn Mariane (Luise Wolfram) auf der Ecke des Kastens steht und sich das blaue Kleid wie ein Fächer entfaltet.



Herausragender Schauspieler: Tolle Ensembleleistung! Geradezu akrobatisches Können, wird den Schauspielern in der rotierenden schmalen Bühne abverlangt.
Orgon: Ingo Hülsmann
Elmire: Regine Zimmermann
Tartuffe: Lars Eidinger
Dorine: Judith Engel
Mariane: Luise Wolfram
Damis: Franz Hartwig
Valère: Tilman Strauß
Cléante Kay: Bartholomäus Schulze
Madame Pernelle: Felix Römer
Monsieur Loyal: Urs Jucker

Regie: Michael Thalheimer

Kritiken: Nachtkritik, Spiegel online, Tagesspiegel online, Zeit online, Welt online

Infos und Termine auf der Website der Schaubühne.

Fotos: Katrin Ribbe

9. Mai 2013

"That's the way the potatoe mashes" - The Black Rider an der Schaubühne

Ich habe „The Black Rider“ vom genialen Trio Waits/Wilson/Burroughs bereits vor 16 Jahren im Schauspiel Bonn  gesehen und nun die Inszenierung an der Schaubühne von Friedrike Heller schon zum zweiten mal. Das Stück verliert nicht an Attraktivität noch an Aktualität.

Musikalische Verstärkung holt sich Heller, die zum wiederholten Male an der Berliner Schaubühne inszeniert hat, mal wieder durch die Band „Kante“.

Jule Böwe, Ulrich Hoppe, Tilmann Strauß, Franz Hartwig, Sebastian Nakajew und die Band Kante (Foto: Thomas Aurin)




























Mein Herz gehört bei Hellers Black Rider definitiv Jule Böwe. Die kann zwar nicht so toll englisch, was man beim Singen schon sehr hört, aber das ist vollkommen egal. Denn irgendwie passt es wunderbar. Meinetwegen könnte sie irgendeinen Sprachkauderwelsch singen – es wäre trotzdem anziehend. (Zugegeben: Ich kenne die Texte der Songs in- und auswendig, was sicher ein Vorteil ist.)  Dabei bin ich eigentlich gar kein ausgesprochener Jule-Böwe-Fan, aber hier hält sie das ganze Stück zusammen. Heller fasst in ihrer Figur, die dauerbetrunken über die Bühne torkelt, mehrere Rollen (Mutter, Onkel) zusammen, was dem Stück in meinen Augen gut tut.


Jule Böwe (Fotos. Thomas Aurin)

Ein Phänomen ist auch Franz Hartwig als Wilhelm, der eine unglaubliche Kondition beweist und obendrein so süß ist, dass man sich keine bessere Besetzung aus dem Schaubühnen-Ensemble vorstellen kann. Ergänzt wird er hervorragend durch Lucy Wirth, die relativ  neu an der Schaubühne ist, aber sofort überzeugt. Tilmann Strauß als wunderbar schmieriger Stelzfuß, Ulrich Hoppe und Sebastian Nakajew sorgen für weitere Lacher und einen entspannt amüsanten Abend.

Lucy Wirth und Franz Hartwig (Foto: Thomas Aurin)
Heller hat die dem Stück imanente Waffen- und Drogenthematik versucht herauszustellen. Zusätzlich hat sie Originaltexte von William Burroughs eingebaut. Diesen kann man die Geschehnisse rund um den Tod seiner Frau entnehmen kann, die er erschossen hat, als er die Apfelszene aus Wilhelm Tell nachspielen wollte. Aber davon abgesehen, handelt es sich einfach um eine Inszenierung, bei der man nicht jedem Quatsch eine tieferen Bedeutung beimessen muss, und wenn man sich darauf einmal eingelassen hat, macht es vor allem eins: Spaß!

Weitere Infos zur Black-Rider Inszenierung an der Schaubühne hier. 

28. Dezember 2012

Wir feiern den Weltuntergang: Nicolas Stemanns Gefahr-Bar an der Schaubühne



Zwischen Weihnachten und Weltuntergang gibt’s die Gefahr-Bar. Das Theater- und Musik-Trio um Nicolas Stemann präsentiert Texte, Lieder und Aktionen – niveauvoller Quatsch und humorvolle Aufarbeitung jüngster Medienthemen. Ein Abend unter dem Motto „Untergang und Zukunft der Kultur“.

Als Höhepunkt wird Deutschlands Super-Künstler gesucht: Heidi Klum (Stemann), Elfriede Jelinek und Peter Handke (Thomas Kürstner und Sebastian Vogel) nehmen Jonathan Meese, Judith Holofernes, den allgegenwärtigen David Gareth und andere (alle gespielt von Tilmann Strauß aus dem Schaubühnen-Ensemble) unter die Lupe und aufs Korn.

Foto: Arno Declair

Der Name „Gefahr-Bar“ stand bislang für eine Reihe von schnellen, einmaligen Aktionen, die ohne Probe an unterschiedlichen Orten aufgeführt wurden. An der Schaubühne tritt Stemann mit seinen Schauspielern und Musikern, die durch Tilmann Strauß als Gast ergänzt werden, erstmals mit einer abendfüllenden Show auf. Dass dabei immer noch kräftig improvisiert wird, ist keine Frage. 

Und damit‘s auch schön lustig im Publikum zugeht, wird Rotwein und Wodka an die Zuschauer verteilt. Wir sind in Feierstimmung!

1. August 2012

Freunde der Schaubühne auf Reisen in Stockholm

Bitte Regensachen einpacken!
Stockholm / 6° Grad / Regen. Und was für ein Regen… Die schwedische Hauptstadt wird auch das „Venedig des Nordens“ genannt und ist also eine Stadt mit viel Wasser. Dieses Wasser kommt am ersten Tag der Freundeskreis-Reise von oben, von unten, von der Seite. Unser „Reiseleiter“ Christian hatte uns vorab gewarnt, passende Kleidung und Schirm einzupacken. Dieses Wetter – das nicht typisch für die Saison ist und uns ausgerechnet während unseres 5-tägigen Aufenthalts ereilen sollte – wurde quasi zu unserem ständigen Begleiter. Regenschirmleichen säumten unseren Weg, wo auch immer wir waren. Wir nahmen’s zunächst mit Groll, im Laufe des Aufenthalts mit Humor und im Rückblick als unvergesslich mit unserer Reise verbundenes Erlebnis.


Regenschirm-Leichen: Das Wetter in Stockholm forderte seine „Opfer“

5 Tage voll Kunst, Kultur und als Höhepunkt „Julie“
Unsere kleine aber feine Runde der Freunde (14 Personen) war in diesem Jahr in die schwedische Hauptstadt gereist, um Kultur zu erleben, gemeinsam die Stadt zu erkunden und als Höhepunkt der 5-tägigen Reise das Ingmar Bergmann Festival zu besuchen. Hier wurde die Schaubühnen-Produktion von „Fräulein Julie“ gezeigt.


Dramaten:  Die Schweden sind sehr stolz auf ihre Schauspieler

 Im Dramaten (kurz für Kungliga Dramatiska Teatern, das schwedische Nationaltheater), in dem das Festival stattfand erhielten wir am ersten Tag eine Führung hinter die Kulissen und wurden herzlich von der Festivalleitung begrüßt. Die Empfehlung für die Gestaltung des Abends: Ein Besuch der Poduktion „Jag blev slagen klockan fjorton och fyrtiofem“. Die Autorin Éléonore Mercier hat für diese Koproduktion mit verschiedenen internationalen Theatern (darunter auch drei Häuser aus Deutschland - das DT, das Düsseldorfer Schauspielhaus und das Schauspiel Frankfurt) 1653 Sätze aus Telefonaten einer Telefon-Hotline für häusliche Gewalt zusammengestellt. Die beteiligten Theater konnten aus diesen Sätzen für ihre Performance frei wählen und dazu eigene Szenen entwickeln, die in einer zweistündigen Inszenierung gezeigt wurde. Bei einem solch bewegenden Thema fiel die Diskussion unter den Freunden im Anschluss an das Stück entsprechend kontrovers aus.


Schloss Drottningholm: Die grauen Wolken verdarben uns auch hier nicht die Freude

Besuche und Führungen durch diverse Museen (Modernes Museum, Schloss Drottningholm, Vasamuseum) gehörten wie immer zum Programm der Freundeskreisreise, ebenso ein Besuch der Barockoper „Jason & Medea“ im Schlosstheater. Da die Geschmäcker und Erwartungen bekanntlich verschieden sind, wurde das Kulturprogramm mal mit mehr (die äußerst charmante, kompetente und informative Führung durch Drottningholm) mal mit weniger Begeisterung aufgenommen (die leider sehr schlecht vorbereitete und etwas lustlose Dame im Modern Museet konnten den Kunstkennern unter uns nicht wirklich Neues bieten).

Die Schaubühnen-Julie begeistert das schwedische Publikum

Und dann gab’s natürlich noch „unsere Julie“! Gemeinsam mit zahlreichen schwedischen Theaterfans sahen wir Katie Mitchells Inszenierung im Annex, einer Außenspielstädte des Festivals. Die Schaubühnen-Julie, die ohnehin eine Herausforderung für Jule Böwe, Tilman Strauß, Cathlen Gawlich, Luise Wolfram und das gesamte Team darstellt, musste aufgrund der räumlichen Verhältnisse vor Ort noch einmal neu arrangiert werden – eine zusätzliche Schwierigkeit für die Schauspieler, die diese aber mit Bravour meisterten. Entsprechend begeistert war das schwedische Publikum. Bei der anschließenden Premierenfeier im Dramaten gemeinsam mit dem Schaubühnen-Team war die Stimmung zu Recht euphorisch.

Wohin geht es nächstes Jahr?
Am Abreisetag war uns der Wettergott dann zwischendurch doch noch einmal hold und endlich konnten wir einen Eindruck davon bekommen, wie bezaubernd Stockholm im Sommer ist. Auch Dank Christian Clement, der die Reise wie immer hervorragend organisiert hat, war unser Stockholm-Aufenthalt ein tolles Erlebnis für den Freundeskreis. Christian wird in wenigen Wochen nach New York gehen und die nächste Reise nicht mehr für uns gestalten können. Ob die amerikanische Cent-Münze, die wir auf dem letzten Spaziergang durch die Stadt finden, ein Zeichen für unser nächstes Reiseziel sein soll, überlasse ich jedem selbst.

Fotos: Elmar Engels

9. November 2011

Freunde der Schaubühne: Einführung in "Eugen Onegin"

Das erste Treffen der Freunde nach Venedig. Kaum zu glauben, dass es erst einen Monat her ist, seit wir im T-Shirt über den Lido gelaufen sind, denn heute hat definitiv die kalte Jahreszeit begonnen. Draußen ist es nebelig, wir versammeln uns im Café der Schaubühne für ein weiteres kleines aber feines gemeinsames Theatererlebnis. Carola Dürr (Dramaturgin) und Elena Zykova (Bühne) geben uns eine Einführung in „Eugen Onegin“.

Bei „Eugen Onegin“, den meisten von uns besser als Oper bekannt, handelt es sich eigentlich um ein Versepos von Alexander Puschkin. Der russische Nationaldichter schrieb den „Roman in Versen“, wie er seinen Text selbst nannte, zwischen 1823 und 1830.

Der lettische Regisseur Alvis Hermanis, von dem schon einige Gastspiele an der Schaubühne zu sehen waren, setzt den Text mit nur fünf Schauspielern (Robert Beyer, Eva Meckbach, Sebastian Schwarz, Tilman Strauß, Luise Wolfram) für das deutsche Publikum um. Ursprünglich kommen insgesamt ca. 100 Personen vor.

Auf der Bühne (bzw. dem Model des Bühnenbilds) wimmelt es nur so von Requisiten und es liegen zig Bücher herum. Optisch erfordert diese Inszenierung also schon mal erhöhte Aufmerksamkeit.

Modern wird diese Inszenierung bewusst nicht. Carola Dürr erklärt, dass die Kostüme im Stück, der Originalkleidung der Zeit stark nachempfunden wurden und dabei sogar darauf geachtet wurde, dass möglichst Originalstoffe verwendet werden. Die Frauen tragen Korsette. Die Männer auch. Überhaupt wird bei der Inszenierung großen Wert darauf gelegt, alles möglichst nah am Alltag der Menschen des 19. Jahrhunderts in Russland zu gestalten.

Die Premiere findet am 25. November statt. Weitere Infos zum Stück auf der Seite der Schaubühne.