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31. Januar 2023

Max Penthollow schreibt mir // Kapitel 21: Huggy Wuggy Poppy Playtime - Titus Andronicus (Vagantenbühne)

 

Max Penthollow schreibt mir:

 

Liebe Maren,

nach längerer Kultur-Pause war ich wieder im Theater, in der Vagantenbühne bei William Shakespeares TITUS ANDRONICUS. Premiere war am Donnerstag, 07. September 2022. 

Ich habe es inzwischen 7x gesehen. Hier sind meine Eindrücke:

DIE ZUTIEFST BEKLAGENSWERTE RÖMISCHE TRAGÖDIE VON TITUS ANDRONICUS

THE MOST LAMENTABLE ROMAN TRAGEDY OF TITUS ANDRONICUS

Foto: Vagantenbühne


Das Stück:
 
Es ist eine Geschichte von Rache und Gewalt. Die Römer haben die Goten besiegt und der neue Kaiser Saturninus ("Sati"), Sohn des verstorbenen Kaisers, hat die Gotenkönigin Tamora zur Frau genommen, sie ist nun neue Kaiserin von Rom. Tamora nimmt Rache am römischen Heerführer Titus Andronicus, der ihren Sohn ungeachtet ihres Flehens um dessen Leben hinrichten ließ. Es ist eine Geschichte von Gewalt, Erniedrigungen und Demütigungen, ein Bericht von Unterwerfung, Angst, Lügen, Herrschaft, einer Orgie von Macht, Rohheit, Verhöhnung und Menschenverachtung.

Die Motive sind an Grausamkeit kaum zu überbieten: Mord und Totschlag, Vergewaltigung, Verstümmelung und Kannibalismus. Wir bekommen das volle Programm an Gräueln von Shakespeares erster und besonders grausamer Tragödie (ca.1592), zu Shakespeares Zeit ein Publikumserfolg (Quelle: Programmheft der Vagantenbühne zum Stück). Slash und Splatter.


Die Inszenierung:

Die Protagonisten finden sich in einer therapeutischen Sitzung bei Dr. Aaron (im Video zugeschaltet) und durchleben nun mit Dr. Aarons therapeutischer Begleitung ihre traumatischen Erfahrungen ein zweites Mal. Wir durchleben sie mit ihnen. Das ist der Rahmen der Inszenierung.

Das Bühnenbild besteht aus einfachen grifflosen, glattweißen Truhen, Kästen und Schränken, beliebig wandelbar und verschiebbar, sie enthalten die Spiel-Utensilien fürs Stück. Die Kostüme und Requisiten sind schlicht, einfach, allen Epochen und allen Klischees frei zuzuordnen. Es gibt allerfeinste Texte von Shakespeare und Ovid ("Metamorphosen") und eigene Texte des Ensembles, dazu ein Crossover von exquisiter Pop- und Discomusik.

Viele der Figuren und Gewaltopfer sind Kuscheltiere: Teddybären, Huggy Wuggy Plüschpuppen, schwarze und weiße Baumwollsocken mit aufgenähten Kulleraugen als Handpuppen, dazu der Schuhlöffel als todbringender Dolch. Es sind unsere Kuscheltiere, unsere Teddybären, die hier so viel Leid erfahren müssen, unsere Liebsten aus unserem eigenen Kinderbettchen. Umso schlimmer.

Die Inszenierung hat für mich den Charakter eines Kasperletheaters, mit Präsentation des schaurigen Inhalts in komödiantischer Form und mit Slapstick-Elementen. Als sich Titus Andronicus – zur Sühne – von Tamora auf deren Anregung hin seine rechte Hand abhacken lässt, hören wir tiefenentspannte Bossa-Nova-Musik: "The Girl From Ipanema" mit Astrud Gilberto (1963).

Zum Schluss gibt Titus Andronicus als Küchenchef für Tamora und Saturninus ein Festbankett vor einem großen Duschvorhang, als Kostüme haben die Gäste durchsichtige Plasitkcapes. Es gibt klaren grünen Wackelpudding – die Götterspeise. Text: "Da ist viel Herzblut drin!" – "Ja, das schmeckt man!"

Dann geht alles ganz schnell (Originaltext Titus Andronicus): Titus Andronicus ersticht die Kaiserin Tamora, Kaiser Saturninus tötet daraufhin Titus Andronicus und Titus' Sohn Lucius tötet daraufhin Saturninus.

"Ende der Tragödie des Titus Andronicus."

Auf der Bühne: Urs Fabian Winiger in zwei Rollen, Stella Denis-Winkler als Tamora, Urs Stämpfli in fünf Rollen, Sebastian Wirnitzer als Dr. Aaron in der Videoprojektion. Sie spielen mit sichtbarer Freude und Begeisterung.

 
Mein Resümee:

Seit der Premiere am 7. September 2022 habe ich es mittlerweile schon sieben Mal gesehen. Für mich ist es etwas ganz Besonderes, diese selten aufgeführte und besonders grausame Shakespeare-Tragödie in Brian Bell's neuer Inszenierung in der Berliner Vagantenbühne sehen zu können.

Im Gespräch nach einer Aufführung erfahre ich: aktueller Anlass für diese Inszenierung von Titus Andronicus ist der Kriegsausbruch in der Ukraine im Februar 2022.

Foto: Vagantenbühne


Ich finde Stück und Inszenierung fantastisch, alles passt zusammen. 90 Minuten.

Einer der Darsteller hat zu mir gesagt: Eigentlich ist es gar nicht inszenierbar.

Voílà!

Nix wie hin!

Allerliebste Grüße

Max 

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Regie: Brian Bell
Bühne & Kostüme: Clara Wanke
Fassung: Brian Bell und Lars Georg Vogel
Videoprojektionen: Stella Schimmele

Deutsch von Frank Günther

Mit Urs Fabian Winiger, Stella Denis-Winkler, Urs Stämpfli, Sebastian Wirnitzer 

Premiere: 7. September 2022 

Weitere Infos auf der Website der Vagantenbühne.

4. Dezember 2018

Max Penthollow schreibt mir // Kapitel 20: Sehnsucht und Erfüllung - Die Glasmenagerie (Deutsches Theater)

Max Penthollow schreibt mir:


Liebe Maren,

am 26. November war ich im Deutschen Theater in Tennessee Williams' "Glasmenagerie" aus dem Jahr 1944, Regie Stephan Kimmig, Premiere am 16. Dezember 2016.

Menagerie (französisch Ménagerie), die,

1) ein kleiner Tierpark an Fürstenhöfen;

2) Wandertierschau, häufig zu einem Zirkus gehörend.

(aus: Goldmann Lexikon, Bertelsmann Lexigraphisches Institut, Gütersloh 1998, Band 15, S. 6533)


Auf der Bühne ist die kleine Familie, Mutter, Sohn und Tochter - Amanda, Tom und Laura, in ihrem Wohn- und Esszimmer mit Schneiderei. Der Vater ist weg, es gibt nur noch die Erinnerung an ihn und ein Bild auf der Bühne. Ein Mann und Verehrer, Jim, kommt schließlich noch hinzu. Zwei Hühner – eine Henne und ein Hahn – sind in einem kleinen gläsernen Gehege links seitlich auf der Bühne untergebracht und haben ab und zu eigene Bühnenauftritte.

Die Glasmenagerie ist Lauras Sammlung kleiner zarter und zerbrechlicher Glastiere in einem kleinen Pappkarton, mit dabei auch ein Einhorn, das in der Spielhandlung durch versehentliche unachtsame Behandlung sein Horn verliert. "Das ist aber überhaupt nicht schlimm. Gar nicht schlimm."

Als Zweites hat Laura ihre Schallplatten.

Das Stück ist ein Spiel über Hoffnung und Sehnsucht nach Nähe, Liebe und Glück und über die Unmöglichkeit ihrer Erfüllung. Ein Leben in Geborgenheit und Liebe und Glück ist "eine Realität, von der sie nur träumen können".

Anja Schneider und Linn Reusse (Foto: Arno Declair)

Die wunderbaren Darstellerinnen und Darsteller dürfen zeigen, was sie alles können, womit sie – so stelle ich es mir vor - vielleicht schon immer und schon in der Schule und in ihrem ganzen Leben ihre Lieben und andere Menschen begeistert und zum Lachen und zum Staunen gebracht haben, mit Kunststückchen, Kabarett, Klamauk und slapstickartigem Witz. Hinreißend spielen sie das melancholische Spiel um Erwartung, Enttäuschung, Liebesverlangen und Liebesverlust, herzzerreißend und zum Weinen. Sie sind fantastisch und in ihrem Element: Anja Schneider, Linn Reusse, Marcel Kohler und Holger Stockhaus.

Durch das in Form und Inhalt gegensätzliche Spiel entsteht ein eindrückliches Bild einer unendlichen Sehnsucht und grenzenlosen Hoffnung sowie einer großen und unermesslichen Traurigkeit. Für mich war das Stück gerade in dieser polaren Art der Inszenierung ganz wunderschön und bezaubernd und der Abend für mich besonders anrührend, bewegend und entzückend!

Anja Schneider als Amanda Wingfield (Foto: Arno Declair)
 
Die Bedeutung der beiden leitmotivischen Hühner auf der Bühne, Henne und Hahn, bestimmen wir selbst. Uns allein ist es überlassen, was wir an Interpretation in dieses Motiv hineinlegen möchten oder nicht. Ich habe dieses Moment sehr genossen!

In der Nacht gibt es einen heftigen Regenschauer.

Jeder (jede) sollte eine Glasmenagerie haben.


Allerliebste Grüße

Max

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Regie: Stephan Kimmig
Bühne: Katja Haß
Kostüme: Anja Rabes
Musik: Michael Verhovec

Deutsch von Jörn van Dyck

Amanda Wingfield: Anja Schneider
Laura Wingfield: Linn Reusse
Tom Wingfield: Marcel Kohler
Jim O’Connor: Holger Stockhaus

21. Mai 2017

Max Penthollow schreibt mir // Kapitel 18: Mobbing im Klinikum - Ein Ärztestück ("Professor Bernhardi" in der Schaubühne)

Max Penthollow schreibt mir...

Liebe Maren,

vor kurzem war ich in der Schaubühne bei "Professor Bernhardi" von Arthur Schnitzler.

Hier sind einige von meinen Eindrücken:

"Professor Bernhardi" von Arthur Schnitzler - Fassung von Thomas Ostermeier und Florian Borchmeyer - Regie: Thomas Ostermeier - Premiere am 17. Dezember 2016

Wien um 1900, Elisabethinum, Privatklinik. Professor Bernhardi ist Chefarzt einer klinischen Abteilung, und Ärztlicher Leiter des Hauses, Jude.

Der Tod einer jungen Patientin während eines sie betreffenden Disputs zwischen Pfarrer Reder und Professor Bernhardi ist der Auftakt zum Stück.

Es geht im einzelnen so: ein 18jähriges Mädchen hat nach einer verbotenen Abtreibung eine Sepsis und ist todgeweiht. Ihr Leben ist auch mit aller ärztlichen Kunst nicht mehr zu retten. Sie ist euphorisch und hat Phantasien, dass jemand sie abholen wird.

Hochroitzpointner (Moritz Gottwald), Kandidat der Medizin und superschlau ("die macht's nicht mehr lange!"), hat den Priester rufen lassen. Pfarrer Franz Reder (Laurenz Laufenberg) will der Patientin, die nichts von ihrem bevorstehenden Tod ahnt, die Sterbesakramente spenden, er will sie – Christin – von ihren Sünden freisprechen und sie mit Gott vereinen und ihre Seele der Erlösung und dem Ewigen Leben zuführen. Professor Bernhardi (Jörg Hartmann) kommt zur Szene hinzu und versucht, Pfarrer Reder von seinem Vorhaben abzuhalten, in der Absicht, die junge Patientin in ihrer glücklich-euphorischen Gefühlslage in Frieden sterben zu lassen und sie nicht mit der Schreckensnachricht ihres herannahenden Todes zu peinigen. Professor Bernhardi und der Pfarrer Reder diskutieren, währenddessen stirbt die junge Patientin.

Für Professor Bernhardis teilweise judenfeindliche und selbst karriere-affine Kollegen ist dieses Ereignis ein willkommener Anlass, um gegen Professor Bernhardi einen Skandal zu konstruieren. Professor Bernhardi wird in der Folge wegen Behinderung der Religionsausübung zu einer zweimonatigen Haftstrafe verurteilt und muss ins Gefängnis und verliert seine Berufserlaubnis. Seine Stelle wird frei.

Arthur Schnitzler (1862-1931), selbst Arzt und Jude, hat das Stück 1912 geschrieben, 21 Jahre vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 mit den bekannten Konsequenzen.


Das Ärztekollegium tagt - Robert Beyer, Veronika Bachfischer, Lukas Turtur, Eva Meckbach, Thomas Bading, Jörg Hartmann, Sebastian Schwarz, David Ruland, Konrad Singer (Foto: Arno Declair)

Auf der klinisch weißen Bühne spielen 15 Darsteller und Darstellerinnen des Ärztekollegiums und weiteren Krankenhauspersonals und dazu Politiker, 17 Rollen - 17 Hauptrollen. Aus meiner Sicht ist es ein schönes Ensemble-Theater in einer nuancenreichen Inszenierung mit fesselnder Bühnengestaltung mit ausgeklügelter Videoarbeit und mit hervorragendem lustvollem und unterhaltsamem Spiel aller Darsteller und Darstellerinnen.

In der Darstellung der Vehemenz und Besessenheit, mit der Menschen - unter bestimmten Voraussetzungen und in bestimmten gesellschaftlichen Konstellationen - in Gruppen oder in Massen auf andere Menschen oder Menschengruppen losgehen, um sie zu zerstören und zu vernichten, ist das Stück aus meiner Sicht zeitlos, immer aktuell und seine Botschaft allgemein gültig.

Ich finde: so präzise und dezent in der Darstellung, so verstörend und vernichtend in der Konsequenz! Finsterst und so realistisch!

Ein wichtiges Stück und ein munterer und unterhaltsamer Theaterabend!

Ich empfehle: hingehen und das böse Spiel genießen! Die Vorstellungen sind immer schnell ausverkauft!

Allerliebst

Max

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Regie: Thomas Ostermeier   
Bühne: Jan Pappelbaum   
Kostüme: Nina Wetzel   
Musik: Malte Beckenbach   
Ko-Komposition: Simon James Phillips
Bildregie: Matthias Schellenberg
Kamera: Moritz von Dungern, Joseph Campbell, Florian Baumgarten
Videodesign: Jake Witlen   
Dramaturgie: Florian Borchmeyer   
Licht: Erich Schneider   
Wandzeichnungen: Katharina Ziemke

Dr. Bernhardi: Jörg Hartmann   
Dr. Ebenwald: Sebastian Schwarz   
Dr. Cyprian: Thomas Bading   
Dr. Pflugfelder: Robert Beyer   
Dr. Filitz: Konrad Singer   
Dr. Tugendvetter: Johannes Flaschberger   
Dr. Löwenstein: Lukas Turtur   
Dr. Schreimann/Kulka, ein Journalist: David Ruland   
Dr. Adler: Eva Meckbach   
Dr. Oskar Bernhardi: Damir Avdic   
Dr. Wenger/Krankenschwester: Veronika Bachfischer   
Hochroitzpointner: Moritz Gottwald   
Professor Dr. Flint: Hans-Jochen Wagner   
Ministerialrat Dr. Winkler: Christoph Gawenda   
Franz Reder, Pfarrer: Laurenz Laufenberg   

Dauer: ca. 165 Minuten


Weitere Infos auf der Seite der Schaubühne.

22. Oktober 2016

Max Penthollow schreibt mir // Kapitel 17: "Die Zeit aus den Fugen" (Podiumsdiskussion an der Schaubühne)

Wenn es gut werden muss!

Am Mittag des gleichen Tages habe ich Carolin Emckes Streitraum besucht. Thema: Kosmopolitismus und Menschenrechte. Carolin Emcke äußerte, dass Sie sich große Sorgen darüber mache, wo heute überhaupt noch Demokratiebildung stattfinde. Ihre Hoffnungen setze sie ins Theater. Diese Idee, was Theater leisten kann, im Kopf ging ich in den Diskussionsabend an der Schaubühne. 

Insgesamt hatte ich von diesem Abend etwas anderes erwartet. Mehr Einblicke in die Möglichkeiten, die Theater hat. Leider ist die Diskussion zu stark in Erklärungsversuche über die Gründe für das Erstarken der AfD abgedriftet. Das wäre vielleicht nicht so schlimm gewesen, wenn die Diskutant/innen dabei nicht immer wieder die Frage „Wozu spielen?“ aus den Augen verloren hätten.

Mir fällt es schwer, den Abend und die Ergebnisse der Diskussion zu bewerten.

Max hat es dennoch versucht und hier sind seine Gedanken zu dem Abend.

Max Penthollow schreibt mir...

Jeden Tag geschehen Dinge in der Welt, die wir nicht verstehen. Wir müssen es aber versuchen!*

(*Werbeslogan für den "Stern" aus den 1980er Jahren)

"Die Zeit ist aus den Fugen…" - wozu spielen?

Diskussionsabend in der Schaubühne am Sonntag, 16. Oktober 2016, 20:30 Uhr, mit Thomas Ostermeier, Ulrich Matthes, Maxi Obexer, Falk Richter
Moderation: Peter Claus, Kulturradio (rbb)

Liebe Maren,

gestern waren wir beide bei der Podiumsdiskussion in Saal C in der Schaubühne, hier sind meine Eindrücke und Gedanken dazu:

"Die Zeit ist aus den Fugen" ist ein Zitat aus "Hamlet" von William Shakespeare. "The time is out of joint!"

Die Zeit war und ist schon immer aus den Fugen! Und die Menschen haben immer Kunst gemacht und sich in der Kunst mit den Dingen in ihrer Welt beschäftigt und darstellende Kunst und Theater und Performances gemacht. Seit 2400 Jahren und Aischylos ist es belegt und wir wissen es genau!

In 85 Generationen Homo sapiens seit Homer ist unsere Spezies in 2800 Jahren (bei angenommenen 3 Generationen pro 100 Jahre) genetisch gleich geblieben. Die Menschen waren gegenüber ihren Mitmenschen zu allen diesen Zeiten und in den Zeiten davor liebevoll, fürsorglich und solidarisch - so wie heute - und genauso auch immer – auch massenweise – aggressiv, mörderisch und grausam - so wie heute. In diesem Sinne war und ist die Zeit und die Welt schon immer aus den Fugen - oder eben auch nicht!

Wozu spielen? Ich sehe es so: weil sie spielen müssen! Weil die Menschen immer Theater gemacht haben! Aus Leidenschaft! Und wozu? Und wozu noch? Um Spaß zu haben oder um die Welt zu verändern, um andere Menschen aufzurütteln, als Getriebene, aus Besessenheit und Lust am Spielen, zur Selbstverwirklichung, für Anerkennung und Bewunderung, für den eigenen Narzissmus, um zu zeigen, was sie können, um die Leidenschaft für das Theater und die Darstellende Kunst mit anderen Menschen zu teilen, um ihren KönigInnen treu zu dienen, um Geld und Lebensunterhalt zu verdienen, zum Lachen und zum Weinen und zum Heulen. Aus Lust und Leidenschaft, apollinisch und dionysisch!

So verstehe ich das Thema!

In Marius von Mayenburgs Schaubühnen-Übersetzung sagt Hamlet: "das ist nicht und wird niemals gut!" Und Hamlet sagt: "die Zeit ist ganz verrenkt, wie gut, dass ich geboren wurde, um sie wieder einzurenken!"

Hamlet hat die Zeit nicht eingerenkt!

Der Diskussionsabend war nach meinem Empfinden von einem gewissen Interesse. Gesellschaftliche und politische Gegenwart in munterer Erörterung waren thematisch die Hauptlast des Schwerpunkts des Abends. Vom Podium aus und aus dem Publikum wurden Meinungen, Ansichten und Haltungen geäußert und dargestellt. Die KünstlerInnen stellten zum Teil ihre Projekte dar und sprachen über ihre Arbeit und ihre Arbeiten und ihre Visionen. Aus dem Publikum kam zu einigen Äußerungen Zustimmung in Form von Klatschen. Das Publikum war gut einbezogen und applaudierte nach einer ausführlichen Veranstaltung nach annähernd zwei Stunden am Schluss länger.

Hamlet sagt: "das ist nicht und wird niemals gut!"

Liebe Maren, wir wollen trotz allem weiter versuchen, alles so zu machen, dass es gut wird!

Allerliebst

Max

4. Mai 2016

Max Penthollow schreibt mir // Kapitel 16: Laut und leise ("Sommergäste" in der Volksbühne)

Max Penthollow schreibt mir...

Liebe Maren,

ich war am 15. März 2016 in der Premiere von "Sommergäste" nach(!) Maxim Gorki an der Volksbühne und ein weiteres mal am Freitag, 18.März 2016 (erste Vorstellung nach der Premiere).

"Sommergäste" von Maxim Gorki - Volksbühne Berlin - Regie: Silvia Rieger - Premiere am Dienstag, 15. März 2016, 20 Uhr

Bei der Premiere habe ich es so empfunden:
Student/innen der Ernst-Busch-Hochschule für Schauspielkunst. Ich fand es schön und interessant, die Darsteller/innen hatten viel Freude ebenso wie das Publikum. Allerdings habe ich bisher keinen wirklichen Zugang gefunden zum Konzept der Inszenierung. Es war für mich insgesamt sehr laut und die Darsteller/innen haben teilweise sehr laut gesprochen (herausgeschrien und herausgebrüllt!), teilweise so laut, dass ich es nicht richtig verstanden habe.

Das Publikum saß auf der Bühne, das Stück spielte im Zuschauerraum. Einige Motive habe ich aus der Schaubühnen-Inszenierung wiedererkannt (ich habe die Schaubühnenfassung von Alvis Hermanis  fünfmal gesehen, vor drei oder vier Jahren).

Ich würde die Absicht der Regisseurin, Silvia Rieger,  gern besser verstehen. Aus meiner Sicht konnten die Schauspielstudenten einen Teil von den tollen Sachen zeigen, die sie können, aber mehr davon wäre für mich auch spannend gewesen.

Interessant und sehenswert ist die Inszenierung aus meiner Sicht allemal!

Nach der Premiere hat es mir keine Ruhe gelassen und ich bin noch einmal in das Stück gegangen. Nun komme ich zu dem folgenden Ergebnis:

Die Darsteller/innen haben zwar in ihrem Spiel viel und dominierend geschrien, das Schreien hat mich aber diesmal weniger irritiert und mehr beeindruckt als bei der Premiere, ich habe die Texte diesmal besser verstanden, und es gab doch immer noch und im ganzen Stück auch viele leise Momente, die für mich ganz bezaubernd waren. Sie waren in meiner Wahrnehmung am ersten Abend unter den lauten Tönen weitgehend untergegangen.

Silvia Riegers Inszenierung ist schlicht und schnörkellos, der Text und die Bühnenshow sind auf Wesentliches reduziert und durch Neues ergänzt.

Ich fand es wieder ganz toll, mit welcher Begeisterung und Lust und Freude die Darsteller/innen ihr Spiel gemacht haben! Die schwarze Bühne ist weitgehend leer, es gibt wenige Leitmotive: eine große weiße Birke, einen großen weißen Pilz und ein langes rotes Tischtuch schräg über den Bühnenboden, mit weißen Esstellern und silberglänzendem Besteck. Sehr schöne fantasie- und liebevoll gestaltete Kostüme, schönes Licht und eindrucksvolle Musik!

Mein Fazit: Gorkis "Sommergäste" ist und bleibt ein wunderbares Stück und die Inszenierung von Silvia Rieger und das begeisterte muntere Spiel der Darsteller/innen haben mir sehr gut gefallen! Sehr fein!

Es gab fröhlichen Applaus!

Allerliebst

Max
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Eine Kooperation mit der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin

Regie: Silvia Rieger
In der Bühne von: Bert Neumann
Kostüme: Laurent Pellissier
Licht: Torsten König
Einrichtung Musik und Ton: Wolfgang Urzendowsky
Dramaturgie: Sabine Zielke

Mit: Frank Büttner, Maximilian Hildebrandt, Daniel Klausner, Benjamin Kühni, Martin Otting, Marie Louise Rathscheck, Theresa Riess, Celina Rongen, Kim Schnitzer, Janet Stornowski, Ulvi Erkin Teke, Léa Wegmann und Felix Witzlau

Dauer: 1 Stunde 55 Minuten  

Weitere Infos auf der Seite der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.

3. Mai 2016

Max Penthollow schreibt mir // Kapitel 15: Steht der Tropfen höhlt den Stein! ("Die Affäre Rue de Lourcine" am Deutschen Theater)

"Der Schnaps hat's ganz schön in sich!" (Zitat aus der Aufführung, vorgetragen vom Dienstmädchen Justine) 

Max Penthollow schreibt mir...

Liebe Maren,

kürzlich habe ich im Deutschen Theater Eugene Labiches "Die Affäre Rue de Lourcine"  gesehen.

Hier ist mein Bericht:

"Die Affäre Rue de Lourcine"  von Eugène Labiche – Deutsch von Elfriede Jelinek – Regie: Karin Henkel – Deutsches Theater Berlin -  Premiere am Sonntag, 17. Januar 2016, 19:30 Uhr

Eugène Labiche hat von 1815 bis 1888 gelebt, in Frankreich, erst in Paris und später auf dem Lande. Nach abgeschlossenem Jurastudium arbeitete er als Journalist, Stückeschreiber, als Landwirt auf seinem Gut und als  Politiker, mit 55 Jahren war er Bürgermeister von Sologne. Eugène Labiche hat 175 Theaterstücke geschrieben mit 48 Koautoren und hatte mit seinen Stücken einen Riesenerfolg! Das Schreiben sei ihm ganz leicht gefallen! (Quelle: Programmheft des Deutschen Theaters zum Stück).  Labiche's Thema: die Welt des Bürgertums - seines Bürgertums: seine Welt!

"Die Affäre Rue de Lourcine", ist in deutscher Sprachfassung erstmalig 1988 an der Berliner Schaubühne aufgeführt worden (Quelle: Wikipedia), nun am Deutschen Theater Berlin, damals wie heute in der Übersetzung aus dem  Französischen von Elfriede Jelinek.

Eine Farce aus dem Jahr 1857: zwei Männer, Lenglumé und Mistingue, erinnern sich nach einer Sauftour vom Vorabend und der vergangenen Nacht beim "Jahrestreffen der Ehemaligen" an gar nichts mehr. Am Mittag des nun angebrochenen Tages soll eine Kindstaufe stattfinden, zu der sich gerüstet werden muss. Lenglumés wechselhaft strenge Ehefrau Norine liest aus der Zeitung vor, dass in der vergangenen durchzechten Nacht in ihrer Straße (Rue de Lourcine) ein junges Kohlenmädchen grausam ermordet worden sei. Es gibt nur wenige Indizien, aber die weisen laut dem Zeitungsbericht unerbittlich und kompromisslos auf die beiden Männer als die Täter bzw. als Tatbeteiligte hin.

Für mich ist es eine schrille, von Karin Henkel liebevoll und spannend inszenierte Posse, ein Schwank mit überraschender Wendung und kathartischem Schluss! Die Darsteller/innen haben große Freude an ihrem Spiel, die Bühne dreht sich stimmungsvoll zu déjà vus, das Publikum geht gut mit!  

Ich finde: 160 Jahre nach ihrer Entstehung und fast 30 Jahre nach ihrer deutschen Erstaufführung ist "Die Affäre Rue de Lourcine" im Deutschen Theater eine besondere Perle!

Ich fand es ganz toll!

Liebste Grüße

Max
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Regie: Karin Henkel
Bühne: Henrike Engel
Kostüme: Nina von Mechow
Musik: Arvild Baud
Dramaturgie: Claus Caesar, Hannes Oppermann

Oscar Lenglumé: Michael Goldberg
Mistingue / Norine: Felix Goeser
Norine: Anita Vulesica
Potard / Justine: Christoph Franken
Justine: Wiebke Mollenhauer
Sohn / Justine / Oscar Lenglumé: Camill Jammal


Weitere Infos auf der Seite des Deutschen Theaters.

3. März 2016

Max Penthollow scheibt mir // Kapitel 14: Brillanter Trash (Premiere von "Borgen" an der Schaubühne)


Max Penthollow schreibt mir...

Liebe Maren,

kürzlich war ich bei der Premiere von „Borgen“ in der Schaubühne.

„Borgen“ - nach der TV-Serie von Adam Price, entwickelt mit Jeppe Gjervig Gram und Tobias Lindholm - Schaubühne Berlin – Regie: Nicolas Stemann - Premiere am Sonntag, 14. Februar 2016, 19:30 Uhr

Hier ist mein Text, für mich war es so:

„Borgen“, auf Deutsch „Die Burg“ (Schloss Christiansborg), nach der dänischen Polit-TV-Serie „Borgen“ von Adam Price.


Die Darsteller/innen kommen auf die Bühne und nehmen am Tisch Platz, es gibt Begrüßungsapplaus.

Die Politiker/innen inszenieren sich selbst, mithilfe des Fernsehens, als Produkte für den Wähler und die Wählerin. Sie versuchen, sich gegenseitig auszumanövrieren, selbst die Überlebenden der immerwährenden Intrige zu sein.


Stephanie Eidt als Birgitte Nyborg (Foto: Arno Declair)

Die wichtigen politischen Entscheidungen werden anderswo und von anderen getroffen, von Kartellen, Syndikaten und Lobbies. Das System hat die Macht und das System regiert.

Auf der Bühne sind etliche Monitore mit ausgeklügelten Live-Videostrecken, zusätzlich im Saal und auf der Bühne Teleprompter mit den Texten des Stücks, für die Darsteller/innen zum Ablesen, dazu kommen improvisatorische Elemente.

Es gibt Polit-Talkshows, Gesprächsrunden, den runden Elefantensitz als Symbol für den Zirkus. Der Fernsehsender TV1 kämpft gegen die TV-Konkurrenz um Zuschauer und Einschaltquoten.

Die Show zieht sich hin, das Stück scheint kein Ende zu finden, 3 ½ Stunden sind schon vergangen und es geht immer noch weiter, die Schauspieler/innen auf der Bühne rackern sich ab. Nach der ersten und nach der zweiten Pause sind etliche der Premierengäste schon gegangen, einige Sitzreihen haben sich gelichtet.


Wer hat das Nachsehen im Polit-Poker? (Foto: Arno Declair)

Einer der Darsteller sagt als Fernsehvertreter von TV1 gegen Ende des Stücks vorn an der Rampe: „wir haben viele Zuschauer verloren“. Er meint die Fernsehzuschauer von TV1, aber hier sind es die Zuschauer/innen des Premierenpublikums!

Talkrunde bei TV1 (Foto: Arno Declair)

Die Darsteller/innen haben alle wunderbar gespielt! Von den Dagebliebenen gibt es anhaltenden und teilweise begeisterten Applaus! Die Edlen sind schon der Ehre wert!

Für mich ist das Drama als Polit-Soap-Opera mit der Talkshow-Sitzgarnitur und den Monitoren und Telepromptern, mit der ganzen Mühe und den Anstrengungen der Darsteller/innen auf der Bühne und dem nach 3 ½ Stunden endlos erscheinenden Schlussteil inklusive Zuschauerverlust eine Metapher für das, was die Show porträtiert.

Schon deswegen ist es für mich brillanter und edelster Trash!

Liebe Maren, ich finde das Stück in diesem Sinne wunderbar und crazy und so abgefahren! Es wird sein Publikum finden!

Liebste Grüße

Max
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Regie: Nicolas Stemann   
Bühne: Katrin Nottrodt   
Kostüme: Katrin Wolfermann
Musik: Thomas Kürstner, Sebastian Vogel   
Video: Claudia Lehmann   
Dramaturgie: Bernd Stegemann, Bettina Ehrlich   
Licht: Erich Schneider   

Mit: Stephanie Eidt, Sebastian Rudolph, Tilman Strauß, Regine Zimmermann   

Statisterie: Daniel Ahl, Frank Jendrzytza, Hauke Petersen, Steven Raabe, Fabrice Riese, Benjamin Scharweit, Philip Schwingenstein, Malik Smith

Dauer: ca. 225 Minuten (2 Pausen)

Weitere Infos und Trailer zum Stück auf der Seite der Schaubühne.

Essay zum Stück in Pearson's Preview: "Borgens" Vorhang lüften.

19. Februar 2016

Eine Verbeugung vor Thomas Brasch: Max und Maren in der Schaubühne bei Brasch/Eidinger/Kranz

„Das Unvereinbare in ein Gedicht“


Max und ich waren wieder zusammen im Theater...

„Das Unvereinbare in ein Gedicht“ – Gedichte von Thomas Brasch, mit Lars Eidinger und George Kranz


Schaubühne Berlin – Montag, 1. Februar 2016 20:00 Uhr bis 21:30 Uhr


Lars Eidinger (Foto: Heiko Schäfer)


MAX: Saal A der Schaubühne ist voll besetzt, der Abend schon seit langem ausverkauft. Der Bühnenhintergrund ist eine senkrecht frei im Raum angebrachte weiße rechteckige Plane, die sich am Boden der Bühne nach vorn als Bühnenboden fortsetzt. Das Licht ist karg, fahlweiß.

MAREN: Ich habe einen Freund mitgebracht, der Schlagzeuger ist. Er geht nicht so oft ins Theater wie Max und ich. Ich bin sehr gespannt, wie seine Sicht auf den Abend ist.


Links sitzt George Kranz am Schlagzeug. Rechts steht Lars Eidinger am Mikrofon mit hellblauem Hemd über der schwarzen Hose und mit schwarzer Strickmütze, er liest aus zwei Büchlein mit neongrünen und pinkfarbenen kleinen Reitern als Lesezeichen. Lars Eidinger liest Gedichte von Thomas Brasch, zwischen den Gedichten macht George Kranz jeweils kurze Schlagzeugsoli, symmetrisch und abgestimmt auf den Gedichtvortrag.

Mir fällt auf: Lars Eidinger legt keines der beiden Bücher aus der Hand, sondern hält beide die ganze Zeit über.

Eidinger und Kranz lassen Thomas Brasch und sein Werk auf der Bühne erstehen. Sie machen das Andenken an Thomas Brasch im Saal lebendig, als einen, der sucht und der mehr Fragen hat als er Antworten weiß.

Zunächst wirken die Schlagzeugsoli von George Kranz wie eine Zäsur, bevor Text und Schlagzeug ein Ganzes ergeben.

Irgendwann kommt Braschs Gedicht  „Ich liebe Dich“: „„Ich liebe Dich“ kann man / auf dreierlei Weise betonen. / Wie spricht man den Satz ohne Betonung?“ Lars Eidinger liest kurz das Gedicht, dann spielt George Kranz auf dem Schlagzeug und spricht dazu den Satz „Ich liebe Dich“ ohne Betonung und immer wieder. Dazu erscheint der Text als einzige Projektion an diesem Abend, die Wörter jeweils einzeln und in großen schwarzen Lettern auf dem weißen Grund der Plane: ICH / LIEBE / DICH. Der dramatische Höhepunkt.

Der dramatische Höhepunkt ist wie ein Verschmelzen aller Sinne – alles läuft zusammen: Das Gehörte, das Gesehene, das Gefühlte.

Am Schluss kommt eine Zugabe von seitlich, außerhalb der Bühne. Die eigentliche Bühne bleibt dabei leer und dort ist dann nur noch einer: Thomas Brasch.

Die Zuschauer/innen wenden die Köpfe von rechts nach links, von links nach rechts und müssen beides über den Raum der Bühne einfangen und vereinbaren.

George Kranz spielt souverän, mit allem was es gibt, mit Schlagzeug, Hocker, Händen und Stimme. Lars Eidinger ist in seiner Art der Performance zurückgenommen, bescheiden, distanziert, schlicht und schnörkellos. Lars Eidinger und George Kranz machen den Abend zu einer großen Verbeugung vor Thomas Brasch.

Lars Eidinger sagt später im Gespräch im Café, dass er vermutete, einige Zuschauer/innen würden George Kranz' Rhythmus-Einlagen, die mit der Stimme produziert werden, als befremdlich und vielleicht unangenehm empfinden und würden daher lachen müssen – so wie eine Übersprunghandlung. Ich empfinde es als eine Besonderheit dieses wunderbaren Abends.

Thomas Brasch ist die Hauptperson auf der Bühne, der Star des Abends.

Ich fand es groß!

Es hat mich beeindruckt!

Mein Schlagzeuger-Freund ist auch beeindruckt und hat viele Assoziationen, die er Lars Eidinger mitteilt. Ich freue mich, dass Menschen, die mir wichtig sind, etwas mitnehmen können. Ein wirklich toller Abend!

Max und Maren

5. Februar 2016

Max Penthollow scheibt mir // Kapitel 13: Die Siegerin ("Die kleinen Füchse" an der Schaubühne)

 Max Penthollow schreibt mir...

 Liebe Maren,

„Die kleinen Füchse“ an der Schaubühne habe ich nun schon einige Male gesehen. Gestern war ich wieder da:

Zieh fest die Zügel an!

Nina Hoss als Regina (Foto: Arno Declair)

Zwei Brüder wollen in ein höchst profitables Geschäft kommen, brauchen dafür die Mitwirkung ihrer Schwester und setzen ihre Schwester unter Druck.

Das Blatt wendet sich aber und die Schwester manövriert ihre Brüder ins Aus und ist schließlich die Siegerin: Sie fässt die Zügel an!

„Die kleinen Füchse – The Little Foxes“ ist ein Bühnen-Krimi von 1939 aus USA, von Lillian Hellman, spielt um 1900 in einer kleinen Stadt in den Südstaaten, im Haus der Familie Giddens. Es geht um Familie und Geld. Tiefe Abgründe!

Der Titel stammt aus der Bibel, aus dem Hohelied Salomos, einer Sammlung von  Liebesliedern aus dem Alten Testament: „Fangt uns die Füchse, die kleinen Füchse! Sie verwüsten die Weinberge, unsre blühenden Reben.“ (Quelle: Programmheft der Schaubühne zum Stück).

Familie... Nina Hoss, Andreas Schröders, Iris Becher, Mark Waschke, Jenny König (Foto: Arno Declair)

Lillian Hellman (1905–1984) ist eine bedeutende US-amerikanische Dramatikerin des 20. Jahrhunderts, so wie Tennessee Williams, Arthur Miller, Thornton Wilder, Eugene O’Neill, Edward Albee. In dieser Aufstellung ist sie die einzige Frau.

„The Little Foxes“ wurde am Mittwoch, 15. Februar 1939 am Broadway in einer Produktion des National Theatre in New York City uraufgeführt (Quelle: Six Plays by Lillian Hellman, Vintage Books Edition, A Division of Random House, New York, 1979, Reprint of the 1960 edition,   published by Modern Library New York, S. 149).

Die Inszenierung war sehr erfolgreich mit mehr als 400 Aufführungen und anschließender Tournee durch die USA.

Trivia: National Theatre in Manhattan, (heute: Nederlander Theatre), 208 West 41st Street, New York, NY10036, ganz nah am Broadway und am Times Square, eröffnet am 1. September 1921, zwischenzeitlich (ab 1959): Billy Rose Theatre, seit 1980: Nederlander Theatre, mit aktuell 1.232 Sitzplätzen (Homepage Nederlander Theatre).

In Deutschland gab es bisher eine einzige Inszenierung der „Kleinen Füchse“ 1956 am Deutschen Theater Berlin, dann erst wieder jetzt 2014, 58 Jahre später, an der Schaubühne Berlin (Thomas Ostermeier, persönliche Mitteilung, Dienstag 03. Dezember 2013, 19 Uhr, Schaubühne, Einführungsveranstaltung zum Stück für die Freunde der Schaubühne mit Thomas Ostermeier, Florian Borchmeyer und Jan Pappelbaum).

Der Stoff ist zeitlos und das Stück hier nur geringfügig verändert und an unsere heutige Lebenswelt angepasst. Die Fassung der Schaubühne ist neu und aktuell.

Es ist wie bei Shakespeare: der Stoff ist trivial und boulevardesk, die Geschichte mitreißend.

Ich kann nur staunen, mit welch luxuriöser Fülle von Ideen und mit welcher Souveränität, Übersicht und Präzision die Inszenierung gemacht ist und mit welcher Liebe und Begeisterung die Darsteller/innen die Figuren und das ganze Stück zum Glühen und zum Strahlen bringen! Es gibt auch wunderbare kleine aber edelste improvisatorische Elemente! Allerfeinst!

Hier käme nun noch als „Special“ meine kurze Beschreibung einer kleinen, stillen und andachtsvollen aber höchst spektakulären Szene im Stück, bei der alle (die Männer auf der Bühne und das ganze Publikum) von einem besonderen Vorkommnis erfahren. Aber: ich will auch die Spannung erhalten und nichts verraten! Deshalb lasse ich diesen Textabschnitt weg und es bleibt geheim!

Mystery and suspense! Ein Thriller! Mehr als ein Thriller!

Ich empfehle: hingehen!

Berlin - New York! Es ist ganz einfach!

Liebste Grüße

Max
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Von: Lillian Hellman   
Regie: Thomas Ostermeier   
Bühne: Jan Pappelbaum   
Kostüme: Dagmar Fabisch   
Musik: Malte Beckenbach   
Dramaturgie: Florian Borchmeyer   
Licht: Urs Schönebaum   

Birdie Hubbard: Ursina Lardi   
Oscar Hubbard: David Ruland   
Leo Hubbard: Moritz Gottwald   
Regina Giddens: Nina Hoss   
William Marshall: Andreas Schröders   
Ben Hubbard: Mark Waschke   
Alexandra Giddens: Iris Becher   
Horace Giddens: Thomas Bading   
Addie: Jenny König   

Dauer: ca. 135 Minuten (keine Pause)

Weitere Infos und Trailer der Schaubühne hier.

8. Januar 2016

Max Penthollow schreibt mir // Kapitel 12: Royal Richard ("Richard III" an der Schaubühne)

Max Penthollow schreibt mir...

Liebe Maren,

hier ist mein Text zu Richard III:

Richard III – Shakespeare – Schaubühne  – Übersetzung: Marius von Mayenburg – Regie: Thomas Ostermeier – Premiere am 7. Februar 2015

Richard, Herzog von Gloster (Gloucester), praktizierender Psychopath, muss seine Macht weiter festigen und erweitern und König von England werden.

Richard muss König werden (Fotos: Arno Declair)

Dafür muss er potentielle Widersacher und auch seine Getreuen als mögliche Rivalen ermorden oder ermorden lassen und geriert sich dabei auch gerne als Gutmensch („Wenn ich deinen Ehemann getötet habe, dann doch nur aus tiefster Liebe zu Dir, um dir dann selbst ein liebender Ehemann sein zu können!“).

Richard ist finster drauf!

Die Frauen wickelt er um den Finger, sie sind ihm zugetan und sind ihm verfallen. Für Erhalt und Vermehrung seiner Macht lässt er auch ihre Kinder töten, was soll er denn auch machen?!

Warum verfallen die Frauen Richard? (Foto: Arno Declair)

Auch Richards Getreue und Ausführende seiner Auftragsmorde wirken mit am Erhalt des Macht-Systems und sind Richard bis zum Schluss loyal ergeben, bis sie - unberechenbar  wann – selbst in Ungnade fallen und eliminiert werden - müssen. Was bleibt dem Richard denn auch übrig?!

Dann sind alle weg, Richard ist jetzt Richard III, König von England, allein und einsam, und hat nur noch Feinde, die ihn bedrohen. Zutiefst finster!

Die Show fängt fulminant an, geht schwungvoll weiter und wird dann kontinuierlich mit zunehmender-Dezimierung (sic) der beteiligten Figuren immer langsamer bis hin zum Vollbild des finalen Stillstands.

Shakespeare weiß wie’s geht, Ostermeier auch:
Allerfeinste Inszenierung, beste Besetzung, hingebungsvolles Ensemble-Spiel, großartige Kostüme(!), exquisite Live-Musik! Erste Inszenierung im neuen Globe-Theater der Schaubühne, mehrere Etagen auf der Bühne und im Zuschauerraum, toll!

Das "Globe" in der Schaubühne (Foto: Arno Declair)

Voilà!

Very good theatre!

Allerliebst

Max
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Regie: Thomas Ostermeier   
Bühne: Jan Pappelbaum   
Kostüme: Florence von Gerkan
Mitarbeit Kostüme: Ralf Tristan Scezsny
Musik: Nils Ostendorf   
Video: Sébastien Dupouey   
Dramaturgie: Florian Borchmeyer   
Licht: Erich Schneider   
Puppenbau: Ingo Mewes, Karin Tiefensee
Puppentraining: Susanne Claus, Dorothee Metz
Kampfchoreographie: René Lay   

Richard III: Lars Eidinger   
Buckingham: Moritz Gottwald   
Elizabeth: Eva Meckbach   
Lady Anne: Jenny König   
Hastings, Brakenbury, Ratcliff: Sebastian Schwarz   
Catesby, Margaret, Erster Mörder: Robert Beyer   
Edward, Bürgermeister, Zweiter Mörder: Thomas Bading   
Clarence, Dorset, Stanley, Prinz v. Wales (als Puppe): Christoph Gawenda   
Rivers, York (als Puppe): Laurenz Laufenberg   
Schlagzeuger: Thomas Witte   

Dauer: ca. 150 Minuten

Richard III ist im in Saal C eingerichteten elisabethanischen Theater der Schaubühne ("Globe") zu sehen.

Pearson's Preview zum Stück hier.

Weitere Infos und Trailer auf der Seite der Schaubühne.

11. Dezember 2015

Max Penthollow schreibt mir // Kapitel 11: Tod im Wasser ("Ophelias Zimmer" an der Schaubühne)

Max Penthollow schreibt mir...

Liebe Maren,

am 08.12.2015 (Premiere) und 09.12.2015 war ich in der Schaubühne in „Ophelias Zimmer“. Ich fand’s toll! „Ophelias Zimmer“  - Shakespeares „Hamlet“ aus Ophelias Sicht

Hier ist mein Bericht: 

„Ophelias Zimmer“ – Alice Birch – Regie: Katie Mitchell – Schaubühne – Premiere am 8. Dezember 2015, 20:00 Uhr

Der Schlüssel zu „Ophelias Zimmer“ ist bei Shakespeares „Hamlet“.

Was macht Ophelia in ihrem Zimmer? (Foto: Gianmarco Bresadola)

1. Hamlet
Hamlet, Kronprinz von Dänemark, hat jede Menge Schwierigkeiten mit seiner königlichen Familie und mit der Familie seiner Freundin Ophelia, sucht Zuflucht im Wahnsinn und steht schwere Zeiten und Krisen durch. Am Ende des Stücks sind alle Vertreter der beiden Familien tot, einschließlich Hamlet und Ophelia. Hamlets Frage ist: Sein oder nicht sein?!

2. Ophelia
Ophelia ist Hamlets Freundin. Sie ist die Tochter des Hofangestellten Polonius und die kleine Schwester von Laertes. Aus Polonius‘ Sicht wird Ophelia von Hamlet nur ausgenutzt und macht ihn selbst, Polonius, „zum Idioten“. Vater Polonius verbietet Ophelia jeglichen Umgang mit Hamlet.

„Ophelias Zimmer“ macht einen Perspektivwechsel und betrachtet die Dinge aus Ophelias Sicht während einer Theater-Aufführung von „Hamlet“. Der zeitliche Ablauf von „Ophelias Zimmer“ bezieht sich von Anfang bis Ende minutiös auf „Hamlet“.


Ophelia unterliegt (Foto: Gianmarco Bresadola)
Ophelia wird bevormundet, unterdrückt, ihre bescheidenen Wünsche werden abgelehnt, ihr Vater Polonius verbietet ihr nach draußen zu gehen (Dienstmädchen: „heute nicht!“). Ophelia ist in ihrem Zimmer und hat praktisch keine Kontakte nach draußen, Hamlets Briefe schickt sie entsprechend der Anweisung von ihrem Vater Polonius zurück. Sie bekommt immer wieder Blumen ins Zimmer.

Ophelia ist Verliererin, Benachteiligte, Unterlegene, Opfer. Sie hat kaum etwas eigenes, und was sie hat (z.B. Hamlets Briefe), das wird ihr weggenommen, andere Menschen dringen rücksichtslos in ihr Zimmer und in ihr Leben ein. Ophelia wird wahnsinnig. Ophelia ist allen egal. Sie arbeitet an einer Stickerei mit dem Text: „Leben ist    “.

Einmal kommt Hamlet Ophelia in ihrem Zimmer besuchen, er fasst sie hart an und schreit sie an (8. Szene (bzw. 3. Akt, 1. Szene) in „Hamlet“) und führt in ihrem Zimmer einen autistischen Tanz zu rhythmusstarker Disco-Musik auf: Love Will Tear Us Apart (Joy Division). Ophelia sitzt und weint.

Besuch von Hamlet (Foto: Gianmarco Bresadola)


In fortschreitender Vereinsamung und in zunehmendem Wahnsinn vollzieht Ophelia in ihrem kleinen Zimmer immer dieselben Rituale von Bewegungsmustern. Sie sagt: „ich will Laertes sehen! Ich will Hamlet sehen! – Kommt jemand?“

Niemand kommt. Ophelia stirbt schließlich im Wasser. 

3. Ophelias Tod
Ophelias Wahnsinn und ihr Tod durch Ertrinken sind (jedenfalls für mich) ein zentrales Motiv oder das zentrale Motiv der Ophelia in „Hamlet“:

Die Königin, Hamlets Mutter, berichtet Laertes, dass Ophelia von einem Weidenbaum am Bach gestürzt sei, als sie einen ihrer selbst geflochtenen Blumenkränze im Astwerk des Baumes aufhängen wollte. Dabei brach ein „neidischer kleiner Zweig“ und ihre Unkrauttrophäen und sie selbst fielen in das weinende Gewässer. Es dauerte nicht lange, bis ihre Gewänder, schwer von dem, was sie getrunken hatten, das arme Geschöpf hinabzogen in den schlammigen Tod (18.Szene (bzw. 4.Akt, 7.Szene)).

Zwei Clowns, Ophelias Totengräber, rätseln am frisch ausgehobenen Grab (19.Szene (bzw. 5.Akt,1.Szene) darüber, ob Ophelias Tod durch Ertrinken ein Unfall war oder ob Ophelia wohl Selbstmord begangen hat, indem sie sich absichtlich ins Wasser gestürzt hat. Auf diese Frage gibt es bei „Hamlet“ keine Antwort.

In Katie Mitchells „Ophelias Zimmer“ nimmt sich Ophelia konsequenterweise und für uns eineindeutig selbst das Leben – hier mithilfe einer großen Schneiderschere.

4. Das Stück
Das Stück „Ophelias Zimmer“ dreht sich formal in Gänze um Shakespeares Motiv von Ophelias Ertrinken in der Textpassage in „Hamlet“ (18. Szene): Ophelia, die Blumen, das Wasser, die schweren Gewänder. So sind für mich die Blumen und auch die vielen Kleider (über 15 Stück), die Ophelia während der Aufführung – alle übereinander - anzieht und in denen sie sich zum Schluss gar nicht mehr richtig bewegen kann, während des gesamten Stücks Leitmotive von Ophelias „schlammigem Tod im weinenden Gewässer“.

Warum Ophelia immer wieder Blumen bekommt, die sie dann immer wieder in einen Abfallkorb steckt, und warum sie immer wieder und immer mehr Kleider anzieht, darüber kann man rätseln und interpretieren! Aber aus meiner Sicht ist es so: die Blumen und die Kleider müssen zum Schluss vorhanden sein, weil sie als Motive in dem zentralen Bild der ertrinkenden Ophelia (genau entsprechend Shakespeares Text) gebraucht werden! Und woher die Blumen kommen und warum sonst noch die vielen Kleider und was das sonst alles für eine Bedeutung hat, ist aus meiner Sicht gar nicht wichtig. Zum Schluss müssen sie alle da sein! Für das „Motif central“!

5. Mein Resümee
Die zeitgenaue Aufführung von „Hamlet“ aus Ophelias Sicht in Ophelias Zimmer fand ich atemberaubend! Gewaltiges Bühnenbild!

Jenny König ist Ophelia – in „Ophelias Zimmer“ und auch in der „Hamlet“-Inszenierung der Schaubühne (Regie: Thomas Ostermeier). Einzigartig und allerfeinst!

Katie Mitchells Spiel mit den Motiven und mit dem Motiv Zeit finde ich magisch.

Ich hatte es so erwartet und war primär schon gleich zweimal da!

Ich finde: grandioses Konzept, großartige Regie, beste Besetzung, großartige schauspielerische Leistung aller Darsteller/innen, tolle Bühne im Globe-Theater, bester Ton, feinste Musik und ausgeklügeltes Licht, alle Wechsel im sekundengenauen Takt eines Chronometers!

By the book!

Splendid!

Allerliebst

Max
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Koproduktion mit dem Royal Court Theatre London.

Text: Alice Birch   
Regie: Katie Mitchell   
Bühne und Kostüme: Chloe Lamford   
Sounddesign: Max Pappenheim
Dramaturgie: Nils Haarmann   
Lichtdesign: Fabiana Piccioli
Mitarbeit Regie: Lily McLeish

Mit: Iris Becher, Ulrich Hoppe, Jenny König, Renato Schuch   

Die Texte von Ophelias Mutter wurden eingesprochen von: Jule Böwe   

Statisten: Oliver Herbst / Mario Kutz

Dauer: ca. 120 Minuten

Weitere Infos zum Stück auf der Seite der Schaubühne.

Gunda Bartels vom Tagesspiegel hat Jenny König zu ihrer Rolle in "Ophelias Zimmer" und der als Gertrud/Ophelia in Thomas Ostermeiers Hamlet-Inszenierung interviewt.

3. Dezember 2015

Max Penthollow schreibt mir // Kapitel 10: Schmerzliche Einschnitte ("Fräulein Julie" an der Schaubühne)

Max Penthollow schreibt mir...

Liebe Maren,

mehr zu Fräulein Julie:

Fräulein Julie von August Strindberg 1888 – Schaubühne – Regie: Katie Mitchell – Premiere am 25. September 2010

1. Der Inhalt:
Mittsommernacht in Schweden 1888, Küche im Gutshaus, Fest der Sommersonnenwende. Fräulein Julie (25), Tochter der Herrschaften, verführt den mit Köchin Kristin (35) verlobten Diener Jean (30), den sie schon seit ihrer Kindheit anhimmelt.

Nach der Mittsommer-Liebes-Nacht sieht Julie ihre Ehre verloren und nimmt sich mit Jeans Rasiermesser das Leben.

 2. Bühne und Kostüme sind im Stil der damaligen Zeit. Die Darsteller/innen spielen das Stück in stark verkürzter Form. Auf der Bühne wird synchron zum Spiel vom Spiel ein Film gemacht, der synchron zum Spiel auf der Projektions-Leinwand über der Bühne zu sehen ist. Links vorn auf der Bühne ein Tisch für Nahaufnahmen, rechts vorn auf der Bühne ein Tisch mit ca. fünf Mikrofonen für die Geräusche.

Zwei Geräuschemacherinnen, zwei Kameramänner. Schauspieler/innen und Kameraleute bedienen fünf Videokameras. 400 Filmschnitte (Go's), zwei Beamer – just in case.

Luise Wolfram als Julie vor der Kamera (Foto: Thomas Aurin)

Es gibt viel Bewegung, Laufen und Rennen, das Ganze ist eine ausgeklügelte Choreografie für ein Ballett der Darsteller/innen und Kameraleute auf der Bühne für das Schauspiel und für die zeitgenaue Bedienung der Stative, Kabel, Kameras, Tonlabor. Alle arbeiten in präzisem Zeittakt.

3. Cellomusik live mit Ensemble-Begleitung vom Tonträger und aus schallgedämpften Tonkabinen eingesprochene Lyrik von Inger Christensen aus Dänemark und warmes hellgelbes Licht, das von draußen durch die Fenster hereinfällt.

4. Der Strindberg-Text
ist stark gekürzt, Motive und Leitmotive sind immer präsent und wesentliches Merkmal der Inszenierung und des Stücks: das Wasser, die Spiegel, das Blut, das Feuer, die Kräuter, die Blumen, die Wanduhr, das Rasiermesser, das Licht, die Gestaltung der Bühne, die Kostüme, die Cellomusik, die eingesprochene Lyrik aus den Kabinen („die Aprikosenbäume, die vierzehn Kristallgitter, die sieben kristallinischen Systeme, Zedern, Zypressen, Cerebellum“, „das unbenutzte Bett des Schlaflosen“ und so weiter).

 5. Einige Requisiten der Geräuschemacherinnen
sind: Zündhölzer, Feuer, Wasser, Gläser, Fläschen mit Verschlusskorken, Vogelfedern, Stoff, unter dem Tisch Kies, Gras-Äquivalent, verschiedenartige Schuhe, ca. fünf Mikrofone über und unter dem Tisch.

Cathlen Gawlich, Jule Böwe, Tilman Strauß u.a.: Text & Geräusche (Foto: Thomas Aurin)

6. Und jetzt kommt das Beispiel: Jean zündet in der Küche seine Zigarre mit einem großen Zündholz an: dieses Anzünden des Zündholzes ist zeitgleich vierfach zu sehen für die Theaterbesucher/innen in vier unterschiedlichen Szenen: 1. direkt: in der Küche (Jean zündet ein Zündholz an), 2. direkt: links am Tisch für Großaufnahmen (Darstellerin zündet ein Zündholz an, Live-Großaufnahme), 3. direkt: rechts am Tisch für das Geräusch des aufflammenden Zündholzes (Geräuschemacherin zündet ein Zündholz an, Live-Tonaufnahme) und schließlich 4. im Film auf der Projektionswand die Live-Großaufnahme des Anzündens vom Tisch auf der Bühne links und die Live-Tonaufnahme des eben entfachten und auflodernden Zündholzes vom Tisch auf der Bühne rechts. Für die Szene werden also zeitgleich drei Zündhölzer angezündet und vier sind zu sehen! Das hat schon was!

7. Wenn das kleine braune Fläschchen mit dem Kräuter-Elixir beim Entkorken Plop macht, gibt es im Saal leises Lachen.

8. Die Aufführung
dauerte zuletzt (Oktober 2013) etwa 75 Minuten, ganz früher bis 85 und 90 Minuten.

Am 16. Oktober 2013 war die 75. Vorstellung (laut Schaubühnen-Programm).

9. Bei dem ganzen synchrontechnisch und choreografisch ausgeklügelten und teilweise ballettartigen Spiel mit Stativen, Kabeln und Kameras habe ich ich besonders die kleinen nicht geplanten Besonderheiten geliebt, wenn etwas nicht ganz perfekt war, wenn z.B. ungeplant plötzlich ein Kontrollmonitor im Bild (Film) auftaucht oder wenn unbeabsichtigt Julies kleiner Zeisig Serine im Live-Film bereits zerteilt auf dem Schneidebrett in der Küche in zwei Stücken zu sehen ist, schon kurz bevor (!) Jean im Stück (nur im Film/Bild zu sehen!) den kleinen Vogel mit dem Küchenmesser mit einem lauten Messerschlag mit einem Hieb in zwei Stücke schneidet. Oder wenn die langen Kamerakabel auf der Bühne entwirrt werden müssen und das Entwirren der Kabel etwas länger dauert.

Mir haben das emsige Treiben und das gelegentlich eilige Laufen und Rennen auf der Bühne immer sehr gut gefallen. Besonders gern habe ich den Geräuschemacherinnen bei Ihrer Arbeit zugesehen.

Das Intro finde ich ganz toll!

10. Das Spannende und das besonders Faszinierende an Katie Mitchell‘s Inszenierung besteht für mich in einer aufregenden Balance zwischen dem Spiel auf der Bühne und dem synchron dazu gemachten und synchron dazu gezeigten Spiel des Live-Films vom Spiel auf der Bühne.

Die Cellomusik auf der Bühne, die eingesprochene dänische Lyrik und das eigenwillig fallende goldgelbe Licht der sonnigen Mittsommernacht geben dem Stück aus meiner Sicht eine besondere und eigenartige unwirkliche Stimmung.

11. Die Schaubühne ist für Gastspiele von Katie Mitchells Inszenierung von „Fräulein Julie“ viel und weit gereist:

Gastspiele der Schaubühne mit „Fräulein Julie“ (Quelle: www.schaubuehne.de):
Paris (März 2012)
Athen (Juni 2012)
Stockholm (Juni 2012)
Avignon (Juli 2012)
Zagreb (September 2012)
Moskau (Dezember 2012)
Paris (März 2013)
London (April/Mai 2013)
Rennes (November 2013)
Reims (Dezember 2013)
Tianjin (April 2014)
Beijing (April/Mai 2014)
São Paulo (März 2015)
Almada (Juli 2015)

 12. In den vergangenen vier Jahren habe ich Katie Mitchells „Fräulein Julie“ an der Schaubühne genau 20 mal gesehen.

Ich möchte „Fräulein Julie“ dort sehr gerne noch ein paar mal sehen!

Sehr, sehr gerne!

Allerliebst

Max
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Autor: August Strindberg
Regie: Katie Mitchell, Leo Warner
Bühne und Kostüme: Alex Eales
Licht: Philip Gladwell
Sounddesign: Gareth Fry, Adrienne Quartly
Musik: Paul Clark
Dramaturgie: Maja Zade

Kristin: Jule Böwe
Jean: Tilman Strauß
Julie: Luise Wolfram
Kristin Double: Cathlen Gawlich
Kristin Hände: Lisa Guth, Luise Wolfram
Kamera: Andreas Hartmann / Stefan Kessissoglou, Krzysztof Honowski
Geräusche: Maria Aschauer, Lisa Guth
Weitere Kameraaufnahmen, Geräusche und Stimmen aus dem Off: Ensemble
Violoncello: Chloe Miller / Gabriella Strümpel

Dauer: ca. 75 Minuten

Infos und Trailer auf der Seite der Schaubühne.

Mein Bericht aus Stockholm 2012 zu „Fräulein Julie“ hier.

2. Dezember 2015

Die Datenwolke sind wir: Maren und Max bei Interrobang in den Sophiensälen

 Max und ich waren zusammen im Theater...


"To Like Or Not To Like"- Berliner Performancegruppe Interrobang - Sophiensäle - Oktober 2015

Heitere und schaurig-spannende interaktive Big Data-Erlebnisshow mit fiesem aber allgemein bekanntem Ergebnis: unser Leben ist Teil eines globalen Daten-Universums.

MAX: Wir sitzen auf unseren Stühlen, vorn ist die Bühne, die Leinwand, nach hinten steigt der Zuschauerraum an. Neben jedem Stuhl ist ein weiterer Stuhl mit einem zum Sitz gehörigen nummerierten Telefon. Stühle und Telefone sind von der ersten zur zweiten und zu den weiteren Reihen jeweils versetzt. 50 Besucher/Innen passen so in den Saal, den Hochzeitssaal der Sophiensäle. Vorn ist eine große Leinwand, so hoch wie der Saal.

Der Einlass erfolgt jeweils in Zweiergruppen. Zu Beginn wird von jedem ein Foto gemacht und wenn er oder sie  in den Theaterraum geht und sich auf den ihm oder ihr zugewiesenen nummerierten Platz setzt, dann kann er sein Foto und die Fotos der anderen schon fotografierten Theaterbesucher/Innen schon in Farbe in einer seifenblasen-artigen Kugel vor einem hellblauen Hintergrund auf der Leinwand sehen. Es kommen immer neue Kugeln, bis alle 50 Personen im Saal sind. Die Kugeln sind immer in Bewegung und stoßen sich bei gegenseitigem Kontakt jeweils gegenseitig ab.

MAREN: Als das Foto gemacht wird, überlege ich mir natürlich, ob das jetzt schon zu viel Preisgabe, zu viel Zugeständnis ist. Ich weiß ja, dass es um „Big Data“ geht und darum, inwieweit man bereit ist, etwas von sich  - also auch ein Bild von sich – der Öffentlichkeit oder wem auch immer zur Verfügung zu stellen. Ich lasse es geschehen und habe gleich ein schlechtes Gewissen. Es gibt übrigens ein paar Zuschauer, die das verweigern und sich nicht fotografieren lassen oder etwas vor die Kamera halten.

Dann kommt eine Schrift: bitte den Hörer abnehmen. Wir nehmen den Hörer ab, werden von einer wohlklingenden Frauenstimme freundlich begrüßt und dürfen jetzt an einer Befragung teilnehmen.
Von uns bzw. unseren Mit-Theaterbesuchern werden mehrere Fotos mit Nummern projiziert, z.B. 1 bis 4, dazu kommen Fragen, z.B. diese vier Personen sind Mitglieder einer Wohngemeinschaft, von wem möchten Sie sich bekochen lassen?

Oder: die hier abgebildeten Personen sind Mitglieder einer Terrorgruppe. Wer von ihnen ist der Anführer, das „Gehirn“?

Oder: diese sechs Personen suchen eine Wohnung. Wer von ihnen hat die größten Chancen, die Wohnung zu bekommen Wähle die 6, wenn du es bist.

Oder: Wer von diesen vier Personen besticht den Makler?

Die Bildzusammenstellungen werden vom System generiert.

Wer von diesen Personen bricht beim Marathonlauf 100m vor dem Ziel zusammen? Es ist viel Raum für unsere Vorurteile.

Es folgen weitere Bilder, von Menschen am Lagerfeuer, vom Grill, von einem Philharmonischen Orchester und die Frage dazu: bist du dabei? – da kann man die Tasten von 0 bis 6 drücken.

Jaja, ich ahne es schon: Gleich kommt mein Bild auch mit irgendeiner Frage. Hoffentlich ist es nichts Peinliches! Als mein Bild erscheint wird gefragt: „Welche Person halten Sie für autoritär?“ Ich bekomme viele Stimmen. Ist das jetzt gut oder schlecht?


Dann können oder sollen wir auch miteinander telefonieren und uns zu den Fragen austauschen: „wie haben die Neuen Medien dein Leben verändert?“ oder „ist es möglich die eigenen Daten zu schützen?“

Gibt’s ja nicht: Ich telefoniere mit Max. Er hat mich versehentlich angerufen, weil er sich vertippt hat. Wir werden aber bald unterbrochen und ich werde von einer anderen Zuschauerin angerufen. Wir reden darüber,  wie es „früher“ mit dem Telefonieren und Verabreden war. Ist auch so ein Klischee. Aber, hey, ich hab das halt wirklich noch so gemacht. Früher. Vor dem Handy. Ich bin 40. Kenne also das und das danach.

Dann können wir auch neue Telefonpartner/Innen wählen, aus 50 nummerierten projizierten Fotos von den Teilnehmer/Innen, einfach die Nummer wählen und weiter geht’s.

Wer nicht drückt oder zu langsam ist, der ist dann aktuell nicht dabei.

Schließlich werden die Meta-Daten ermittelt, z.B. von bestimmten Profilen, die Schnelldrücker, die Verweigerer, die nicht oder zu langsam gedrückt haben.

Dann spricht das System mit freundlicher wohlklingender Männerstimme mit uns, fordert uns auf, eine Frage mit ihm zu erörtern, wenn wir wollen. Wer die 1 drückt, ist weiter dabei, wer aber nicht drückt, z.B. weil er gar keine Frage hat, die er mit dem System erörtern will, ist raus. Der kann dann zuhören oder zuschauen, wie sich die anderen Theaterbesucher/Innen angeregt von jemandem einen Text anhören und in der Interaktion weitere Nummern auf der Tastatur wählen.

Ich frage mich: 1. Hören die Männer eine Frauenstimme? 2. Warum gebe ich so viel von mir preis? 3. Gebe ich zu viel von mir preis? 4. Speichern „die“ jetzt wirklich meine Daten? 5. Warum mache ich jetzt da mit? 6. Bin ich jetzt cool, weil ich die Sache nicht boykottiere oder genau das Gegenteil? 7. Warum stelle ich mir überhaupt diese Fragen?

Wir sehen auf blauen Himmel-Hintergrund eine weiße Wolke mit zentral eingeblendeten binären Symbolen. Die Wolke, das sind wir und unsere Daten. Das System fordert uns auf, mit ihm eine Frage zu besprechen und erzählt uns über einige unserer Persönlichkeitsmerkmale, die es herausgefunden hat durch unser Entscheidungsverhalten bei der Befragung, auch und besonders auch über die Metadaten, wann wir was gedrückt haben, wie schnell wir gedrückt haben, mit wem bzw. mit wie vielen Personen wir telefoniert haben.

Dann am Ende sagt uns die Männerstimme der Maschine, dass wir nun mit unseren Daten für immer bei ihr sein werden und weit über unser irdisches Leben hinaus beim bzw. im System bleiben werden, damit sind wir unsterblich und sind wir mit dem System für immer eins.

Ach Mensch, ich füge mich jetzt einfach...


Ausgeklügelte elektronische Schleifen führen uns je nach unserem Wahlverhalten zu immer neuen bzw. auch wieder zu denselben Ansagen der Stimme im Telefon, sehr faszinierend.

Ich denke: Was ist das für ein Wahsinnsaufwand sowas zu programmieren.

Zum Schluss sehen wir wieder unsere Fotos in den wasserhellen seifenblasenartigen Kugeln auf der Leinwand vor himmelblauem Hintergrund, ein lautes bassbetontes immer stärker werdendes Rauschen und Beben, bei dem nach und nach die Blasen mit unseren Fotos zerplatzen. Wir sind weg - im Datenhimmel.

Wir sind gar nicht weg. Wir sind auf immer im Datenhimmel. Datenarchiv. Datensammelsurium. Gruselig...

Es gibt großen Applaus für die Künstler/Innen der Performancegruppe Interrobang, die sich das alles ausgedacht haben, ein aus meiner Sicht ganz klug und mit  großer Liebe und Hingabe entwickeltes und ausgestaltetes überraschungsreiches Programm mit einem von Anfang bis Ende schlüssigen Konzept mit bestechender Konsequenz und mit faszinierender technischer Performance.

Wahnsinn. Wahnsinn! Die machen sich so viel Arbeit. Ich denke an „Her“, den Film mit Joaquin Phoenix und Scarlett Johansson. Hatten die den auch im Hinterkopf? Hatten sie!

Wir erleben Dinge, die wir kennen und machen Erfahrungen mit einem System, das wir lieber nicht kennenlernen wollen, von dem wir aber genau wissen, dass es längst Bestandteil unseres Lebens ist oder noch genauer: dass unser Leben in Daten und in den daraus zu ermittelnden Fakten und Profilen Bestandteil des Systems ist.

Vielleicht ist es besser, darüber nicht nachzudenken... Oder vielleicht ist es besser, darüber mal genauer nachzudenken...?

Verstörend aber höchst unterhaltsam, lustvoll, dionysisch, ein bisschen fies.

Aller-aller-feinst!

Ja, ja und ja! Max, danke, dass du mich mitgenommen hast!

Ich war gleich zweimal da. 

Aus meiner Sicht auch herausragend: Interrobangs Projekt „Callcenter Übermorgen“, für mich ein ganz großes Theatererlebnis 2015 beim Heidelberger Sückemarkt, vorgesehen um den 20. Juni 2016 in Leipzig. Ich will wieder hin!

Mein Fazit: Ich will auch mehr sehen von Interrobang.

Max & Maren 
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Von und mit Till Müller-Klug, Lajos Talamonti, Nina Tecklenburg 
Dramaturgie: Kaja Jakstat 
Telefoninstallation und Datenbankprogrammierung: Georg Werner 
Videodesign, Sounddesign und Programmierung: Florian Fischer 
Bühne und Kostüm: Sandra Fox 
Musik: Joscha Eickel 
Produktionsleitung: ehrliche arbeit 
Hospitanz: Anja Schneidereit
Übersetzung (englische Version): Daniel Brunet 
Fotos: Michael Bennett, Renata Chueire, Nina Tecklenburg

Eine Koproduktion von Interrobang mit Schauspiel Leipzig und SOPHIENSÆLE.
Gefördert aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds.

 

Weitere Infos zum Stück und Trailer hier.

28. November 2015

Max Penthollow schreibt mir // Kapitel 9: Erstklassige Landung ("Der fliegende Holländer" in der Staatsoper im Schillertheater)

Max Penthollow schreibt mir...


Liebe Maren,

gestern Abend war ich in der Staatsoper im Schillertheater bei Wagners Oper „Der fliegende Holländer“.

Hier ist mein Bericht:

 
Der fliegende Holländer –  Oper von Richard Wagner, 1843 –  Staatsoper im Schillertheater –  Regie: Philipp Stölzl - Premiere: März/April 2013

Mittwoch, 25. November 2015 19:30Uhr, 16.Vorstellung, volles Haus.



Der fliegende Holländer ist ein reicher Segler mit einem unheimlichen Schiff. Das Stück ist für mich eine Seefahrersaga, Wagneroper, unglückliche Liebesgeschichte, tiefe Enttäuschung hier und Unglück, Tod und Verderben dort.

"Der fliegende Holländer" in der Staatsoper im Schillertheater (Foto: Matthias Baus)


Senta ist im Mittelpunkt der Handlung, zwischen zwei Männern, die Oper endet mit ihrem Tod. Es geht um Liebe, Treue und Verrat.

Traumhafte Musik und bezaubernder Gesang  –  der fliegende Holländer segelt durch ein wildes überschäumendes Meer von Musik, über einen tanzenden Ozean von Orchesterklängen und Gesang. Für Wagner-Fans dürfte es ein Traum von Sehnsucht und Erfüllung sein.

Kurz vor Beginn der Vorstellung um ca. 19:30Uhr tritt ein Vertreter des Opernhauses auf die Bühne vor den Vorhang und in die Mitte der Rampe und verkündet, dass er eine schlechte Nachricht hat, die aber durch eine gute Nachricht schnell wieder ausgeglichen werden kann:

die Hauptdarstellerin, die die Rolle der Senta hat, musste heute Mittag leider krankheitsbedingt ihre Teilnahme absagen.

Dann haben sie in München Ricarda Merbeth angerufen, Nachmittags um zwei, die dann nach Berlin gekommen ist mit dem Flieger und noch mit der Regieassistentin zwei Stunden die Aufführung durchgearbeitet und durchgesprochen hat, und er bitte um Nachsicht und Verständnis, wenn nicht alle Feinheiten und Details bis ins Kleinste hätten durchgearbeitet werden können und Ricarda Merbeth habe ja auch früher schon den Part der Senta gesungen und gespielt.

Das fand ich wunderbar: sie erfährt 5 ½ Stunden vor Beginn der Aufführung von der Not-Situation im Berliner Opernhaus, kommt sofort aus München eingeflogen, kann sich ein bisschen vorbereiten, abstimmen und einstimmen und  singt und spielt dann, steht auf der Bühne und rettet für alle, die ins Schillertheater gekommen sind, den Opernabend.

Ich bin immer wieder fasziniert von der Vorstellung, dass die Teilnehmer/innen an dem Spiel und die Spielenden und die Singenden selbst nicht ganz genau wissen, wie es sich entwickelt und wie es wird. Sie erwarten und hoffen mit gutem Grund, dass alles gut wird, aber ganz genau wissen sie es nicht. Das ist für mich immer besonders spannend.

Ricarda Merbeth hat es großartig gemacht, sie hat wunderbar gespielt und gesungen und hat zum Schluss tosenden Applaus bekommen für ihre virtuose Leistung an diesem Abend und dafür, dass sie ganz unerwartet und spontan für uns alle nach Berlin gekommen ist und für uns so zauberhaft gespielt und gesungen hat und so die Aufführung und den Opernabend für uns alle gerettet hat!

Sie kommt von München nach Berlin und macht es einfach! Das hat mich beeindruckt und hat mich den ganzen Opernabend lang in Atem und Aufregung gehalten. Es macht mich glücklich!

In den Opernhäusern muss man bestimmt ständig oder immer wieder mit solchen Improvisationen arbeiten. Trotzdem!

Der heutige Abend war und bleibt für mich auch deswegen ein ganz zauberhaftes und überwältigendes Erlebnis!

So hab ich‘s am liebsten!

Liebste Grüße

Max
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Musikalische Leitung: Markus Poschner
Regie: Philipp Stölzl
Co-Regie: Mara Kurotschka
Bühnenbild: Philipp Stölzl, Conrad Moritz Reinhardt
Kostüme: Ursula Kudrna
Licht: Hermann Münzer
Chor: Martin Wright

Daland: Peter Rose
Senta: Camilla Nylund (12./16./20./22. Nov.) // Ricarda Merbeth (25. Nov.)
Erik: Andreas Schager
Mary: Anja Schlosser
Steuermann: Joel Prieto
Der Holländer: Michael Volle


Staatsoper im Schiller Theater
Staatskapelle Berlin
Staatsopernchor
2:15 h (keine Pause)

Eine Produktion des Theater Basel.


Weitere Infos auf der Seite der Staatsoper.

24. November 2015

Max Penthollow schreibt mir // Kapitel 8: Handy-Erlebnis bei der Premiere von "Tartuffe" (Schaubühne)

Max Penthollow schreibt mir...

Liebe Maren,

hier ist mein Text „Tartuffe II“ über mein Premierenerlebnis mit Telefon-Klingeln – very special:


Handy Handy - Großer Moment – Flüchtige Kunst

Tartuffe – Molière - Schaubühne – Regie: Michael Thalheimer - Premiere am 20. Dezember 2013

Schaubühne Berlin, Saal A. Tartuffe. Premiere. Freitag, 20.Dezember 2013, Beginn 20 Uhr

Am Schluss der Premierenvorstellung von „Tartuffe“, gegen 21:45Uhr, tritt Zofe Dorine (Judith Engel) – ganz in Schwarz - an die Rampe und spricht im fahlen Licht mit leiser Stimme ihren Schluss-Monolog, einen der dramatischen Höhepunkte der Inszenierung:

"Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen, bist fern meinem Schreien, den Worten meiner Klage?“

Während sie spricht, in diesem großen heiligen Moment, klingelt ein Mobiltelefon mitten im Theatersaal, fünf, sechs, sieben oder acht Mal. Ein schlichter Klingelton, im Saal gut und deutlich hörbar. Dann hört es auf.

Virtuos ist es indessen an der Rampe weitergegangen, Judith Engel hält alle Zügel fest in ihrer Hand und setzt ihren Schluss-Monolog während des Klingelns ruhig und unbeirrt fort bis zum Ende:

„(…) Herr, es ist Zeit zu handeln; man hat dein Gesetz gebrochen."

Licht aus. Riesen-Applaus.

Nach der Aufführung erfahre ich im Gespräch mit Mit-Besucherinnen der Premiere, dass dem Klingeln noch ein kleines Telefonat gefolgt sei: „Ja, es ist jetzt ungünstig, ich bin gerade im Theater, ich kann jetzt gerade nicht telefonieren.“

Welcome the unpredictable!

Die Störung, der überraschende unvorhersehbare Zwischen-Fall ist nun Bestandteil unseres Theaterabends und nicht mehr weg zu denken. Ein Extra für uns, einzig und nicht wiederholbar. Es könnte auch ein Scheinwerfer sein, der mit lautem Knall durchbrennt. So oder so: ein großer Moment - auch und vielleicht gerade mit dem Klingeln des Mobiltelefons!

Möge der Himmel verhüten, dass jemals mein Mobiltelefon im Theater klingelt!

Allerliebst

Max

Wer "Tartuffe" mit Lars Eidinger, Ingo Hülsmann u.a. noch sehen möchte, findet Infos hier.

Wer weitere Blogbeiträge zum Stück lesen möchte, findet den von Max hier und meinen hier und einen weiteren hier.

3. November 2015

Max Penthollow schreibt mir // Kapitel 7: Liegestütz und Golf - Executive’s Choice ("Don Giovanni" an der Deutschen Oper)

Max Penthollow schreibt mir...

Liebe Maren,

am 1. November 2015, war ich bei „Don Giovanni“ von Mozart in der Deutschen Oper. Die Inszenierung gibt es seit Oktober 2010. Ich fand es wunderbar und magisch.

Don Giovanni – Mozart – Deutsche Oper – Inszenierung: Roland Schwab - Musikalische Leitung: Daniel Cohen – Italienische Sprache  - Premiere am 16. Oktober 2010

Der Inhalt:
Don Giovanni ist der große Frauen-Vernascher und wird zum Schluss für sein ausschweifendes Lotterleben bestraft, indem er in die Hölle muss. Vorher dürfen wir aber noch reichlich teilhaben an seinem libertinären Leben.

Die Bestrafung war wohl für Publikum und Moralwächter der versöhnende Ausgleich, damit man  den frivolen Stoff auf die Bühne bringen konnte, für Männer und Frauen, die vielleicht selbst gern ihre Bessere Hälfte gegen zwei jüngere Viertel eingetauscht hätten.

Die Leute auf der Bühne sind gekleidet wie Menschen unserer Zeit, deren Anblick uns vertraut ist. Die Bühne ist schlicht in Anthrazit bis Schwarz, Investoren-Architektur. Don Giovanni wird flankiert von weiteren 20 Don Giovannis, Männern in dunkelgrauen Anzügen, mit gestählten Alabasterkörpern, Sixpack, Repräsentanten des Erfolgs. Männer aus einem Unternehmen mit Dress-Code, mit kompromisslosem  Anforderungsprofil und mit unerbittlichem Leistungsdruck.  Sie halten sich ständig fit, machen Liegestütze und anderes und trainieren ständig mit ihren Golfschlägern als den Insignien von Manneskraft und Mannesmacht. Sie haben gelbe Kärtchen, die sie dem Publikum zeigen, auf denen steht eine Zahl: die 6. Sie müssen immer bereit sein und sie sind immer bereit.

DON GIOVANNI von Wolfgang Amadeus Mozart , Deutsche Oper Berlin, copyright Bettina Stöss

Frauen in schlichten, sachlichen, wohl akzentuierten und nur leicht verspielten Kleidern in hellen Farbtönen, ganz feminin, starke Führungs-Frauen in mächtigen Führungs-Etagen.

Leporello ist Don Giovannis Persönlicher Referent, muskulös, drahtig, mit schwarzem Haar im Undercut-Style. Er führt eine Liste (das oder auch den „Leporello“) über Don Giovannis Fraueneroberungen, hier in Form von hellen Fetzen in einem schwarzen Müllsack.

Zwischendurch ein Auftritt anmutiger junger Frauen und fürsorglicher junger Männer, alle ganz in Weiß, unter herabhängenden Zweigen mit geschickt ausgeleuchtetem weißem Laub, für mich eine zauberhafte Impression.

Champagnerfest als Maskenball, karussellartige Bühnen-Aufbauten, Männerfitness, ein Fahrrad-Trainingsgerät und ein sportlicher Supertyp, der die Pedale jagt und ausdauernd alles gibt, bis der Indoor-Cycling-Trainer auch auseinanderfliegen könnte.

Don Giovanni lässt nichts anbrennen und nimmt, was er kriegen kann.

Nach der Pause hat sich die Bühne verändert, die Partygäste sind vom Fest angeschlagen, es ist dunkler geworden, die Stimmung ist gekippt. Es gibt umgestürzte Tische und viele schwarze Müllsäcke.

Im 3. Akt Exzess der Völlerei, mit Querverweis zur Silvester-TV-Show über den 90.Geburtstag und Hommage an Butler James und Miss Sophie: der immer betrunkener werdende Leporello schenkt Wein ein und trinkt ihn aus oder verschüttet ihn und navigiert geschickt über das Tigerfell! Déjà vu! Das Andere in der Wiederkehr des Gleichen! Sehr fein!

Grandiose und luxuriöse Bühnentechnik, wunderbare Mozart-Musik, grandioser Gesang, zum Schluss tobt der Saal im Bühnenglück der Deutschen Oper.

DON GIOVANNI von Wolfgang Amadeus Mozart , Deutsche Oper Berlin, copyright Bettina Stöss

Das Stück wird in dieser Spielzeit noch einmal gespielt, und zwar bald, am Donnerstag, 12. November, 19:00Uhr.

Das Bestechende an der Inszenierung ist für mich: die Einfachheit, Präzision und Klarheit in den Motiven und Symbolen, dazu die tolle Mozart-Musik mit dem wunderbaren Gesang.

Ich fand‘s einfach hinreißend und zauberhaft!

Ich liebe zur Musik ja auch immer die Bühnenshow und das visuelle Erlebnis und Abenteuer, und aus dieser Sicht empfehle ich:

„Fahr schnell los – zu deinem Opernhaus!“

Deutsche Oper
Donnerstag, 12. November, 19:00 Uhr bis 22:30Uhr
Kartentelefon: 030 / 343 84 343

Nichts wie hin!

Allerliebst

Max
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Dramma giocoso in zwei Akten
Libretto von Lorenzo da Ponte
Uraufführung am 29. Oktober 1787 in Prag
Premiere an der Deutschen Oper Berlin am 16. Oktober 2010

In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Musikalische Leitung: Daniel Cohen
Inszenierung: Roland Schwab
Bühne: Piero Vinciguerra
Kostüme: Renée Listerdal
Chöre: Thomas Richter
Choreografische Mitarbeit: Silke Sense

Don Giovanni: Davide Luciano
Donna Anna: Aurelia Florian
Don Ottavio: Matthew Newlin
Der Komtur: Tobias Kehrer
Donna Elvira: Jana Kurucová
Leporello: Seth Carico
Masetto: Andrew Harris
Zerlina: Alexandra Hutton

Chöre: Chor der Deutschen Oper Berlin
Orchester: Orchester der Deutschen Oper Berlin

Weitere Informationen auf der Seite der Deutschen Oper.