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31. Januar 2023

Max Penthollow schreibt mir // Kapitel 21: Huggy Wuggy Poppy Playtime - Titus Andronicus (Vagantenbühne)

 

Max Penthollow schreibt mir:

 

Liebe Maren,

nach längerer Kultur-Pause war ich wieder im Theater, in der Vagantenbühne bei William Shakespeares TITUS ANDRONICUS. Premiere war am Donnerstag, 07. September 2022. 

Ich habe es inzwischen 7x gesehen. Hier sind meine Eindrücke:

DIE ZUTIEFST BEKLAGENSWERTE RÖMISCHE TRAGÖDIE VON TITUS ANDRONICUS

THE MOST LAMENTABLE ROMAN TRAGEDY OF TITUS ANDRONICUS

Foto: Vagantenbühne


Das Stück:
 
Es ist eine Geschichte von Rache und Gewalt. Die Römer haben die Goten besiegt und der neue Kaiser Saturninus ("Sati"), Sohn des verstorbenen Kaisers, hat die Gotenkönigin Tamora zur Frau genommen, sie ist nun neue Kaiserin von Rom. Tamora nimmt Rache am römischen Heerführer Titus Andronicus, der ihren Sohn ungeachtet ihres Flehens um dessen Leben hinrichten ließ. Es ist eine Geschichte von Gewalt, Erniedrigungen und Demütigungen, ein Bericht von Unterwerfung, Angst, Lügen, Herrschaft, einer Orgie von Macht, Rohheit, Verhöhnung und Menschenverachtung.

Die Motive sind an Grausamkeit kaum zu überbieten: Mord und Totschlag, Vergewaltigung, Verstümmelung und Kannibalismus. Wir bekommen das volle Programm an Gräueln von Shakespeares erster und besonders grausamer Tragödie (ca.1592), zu Shakespeares Zeit ein Publikumserfolg (Quelle: Programmheft der Vagantenbühne zum Stück). Slash und Splatter.


Die Inszenierung:

Die Protagonisten finden sich in einer therapeutischen Sitzung bei Dr. Aaron (im Video zugeschaltet) und durchleben nun mit Dr. Aarons therapeutischer Begleitung ihre traumatischen Erfahrungen ein zweites Mal. Wir durchleben sie mit ihnen. Das ist der Rahmen der Inszenierung.

Das Bühnenbild besteht aus einfachen grifflosen, glattweißen Truhen, Kästen und Schränken, beliebig wandelbar und verschiebbar, sie enthalten die Spiel-Utensilien fürs Stück. Die Kostüme und Requisiten sind schlicht, einfach, allen Epochen und allen Klischees frei zuzuordnen. Es gibt allerfeinste Texte von Shakespeare und Ovid ("Metamorphosen") und eigene Texte des Ensembles, dazu ein Crossover von exquisiter Pop- und Discomusik.

Viele der Figuren und Gewaltopfer sind Kuscheltiere: Teddybären, Huggy Wuggy Plüschpuppen, schwarze und weiße Baumwollsocken mit aufgenähten Kulleraugen als Handpuppen, dazu der Schuhlöffel als todbringender Dolch. Es sind unsere Kuscheltiere, unsere Teddybären, die hier so viel Leid erfahren müssen, unsere Liebsten aus unserem eigenen Kinderbettchen. Umso schlimmer.

Die Inszenierung hat für mich den Charakter eines Kasperletheaters, mit Präsentation des schaurigen Inhalts in komödiantischer Form und mit Slapstick-Elementen. Als sich Titus Andronicus – zur Sühne – von Tamora auf deren Anregung hin seine rechte Hand abhacken lässt, hören wir tiefenentspannte Bossa-Nova-Musik: "The Girl From Ipanema" mit Astrud Gilberto (1963).

Zum Schluss gibt Titus Andronicus als Küchenchef für Tamora und Saturninus ein Festbankett vor einem großen Duschvorhang, als Kostüme haben die Gäste durchsichtige Plasitkcapes. Es gibt klaren grünen Wackelpudding – die Götterspeise. Text: "Da ist viel Herzblut drin!" – "Ja, das schmeckt man!"

Dann geht alles ganz schnell (Originaltext Titus Andronicus): Titus Andronicus ersticht die Kaiserin Tamora, Kaiser Saturninus tötet daraufhin Titus Andronicus und Titus' Sohn Lucius tötet daraufhin Saturninus.

"Ende der Tragödie des Titus Andronicus."

Auf der Bühne: Urs Fabian Winiger in zwei Rollen, Stella Denis-Winkler als Tamora, Urs Stämpfli in fünf Rollen, Sebastian Wirnitzer als Dr. Aaron in der Videoprojektion. Sie spielen mit sichtbarer Freude und Begeisterung.

 
Mein Resümee:

Seit der Premiere am 7. September 2022 habe ich es mittlerweile schon sieben Mal gesehen. Für mich ist es etwas ganz Besonderes, diese selten aufgeführte und besonders grausame Shakespeare-Tragödie in Brian Bell's neuer Inszenierung in der Berliner Vagantenbühne sehen zu können.

Im Gespräch nach einer Aufführung erfahre ich: aktueller Anlass für diese Inszenierung von Titus Andronicus ist der Kriegsausbruch in der Ukraine im Februar 2022.

Foto: Vagantenbühne


Ich finde Stück und Inszenierung fantastisch, alles passt zusammen. 90 Minuten.

Einer der Darsteller hat zu mir gesagt: Eigentlich ist es gar nicht inszenierbar.

Voílà!

Nix wie hin!

Allerliebste Grüße

Max 

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Regie: Brian Bell
Bühne & Kostüme: Clara Wanke
Fassung: Brian Bell und Lars Georg Vogel
Videoprojektionen: Stella Schimmele

Deutsch von Frank Günther

Mit Urs Fabian Winiger, Stella Denis-Winkler, Urs Stämpfli, Sebastian Wirnitzer 

Premiere: 7. September 2022 

Weitere Infos auf der Website der Vagantenbühne.

26. März 2017

Rückblick Februar & März 2017: Über Schuld, Kunst und Karrieristen

Auch wenn der Februar natürlich vor allem von der Berlinale bestimmt wurde, blieb immer etwas Zeit fürs Theater. Und weil Ende März schon wieder das FIND (Festival Internationale Neue Dramatik an der Schaubühne am Lehniner Platz - 30.3. bis 9.4.) beginnt und ich hierfür eigene Beiträge geplant habe, fasse ich die letzten beiden Moante in einem Artikel zusamen.


FEBRUAR
01.02.17 Interrobang: Der Prozess 2.0 (Sophiensäle)
Ein Schuldlabyrinth nach Kafka. Theater zum Mitmachen. Mitmachen müssen, können, sollen. Nach dem Betreten des Parcours, müssen die Zuschauer*innen (=Teilnehmer*innen) dieses Theaterprojekts sich ihren persönlichen Ordner abholen, verschiedene Fragen beantworten, Aufgaben erledigen und sich entscheiden, welchen persönlichen Weg sie gehen wollen. All das wird von einem Gericht ausgewertet und in einer Verhandlung für und gegen einen vorgetragen. Das sogenannte "Innere Gericht" verurteilt zunächst noch präzise und detalliert, später im Sammel- und noch später im Eilverfahren jede*n zum Handeln. Dabei spielt es für das Gericht gar keine Rolle mehr, was wirklich hinter den Antworten steckt und (scheinbar) willkürlich werden einzelne Sätze oder Aussagen aus der Akte gegen eine*n verwendet. Eine Mischung aus "Bloß nicht meinen Fall verhandeln" und "Warum nicht meine Akte? Bin ich etwas so langweilig?" macht sich breit. Und was dabei verdächtig im Raum schwebt, ist die Tatsache, dass es egal ist, wie man sich verhält oder was man denkt, alles kann gegen mich verwendet werden. Die Zusammenhänge sind gleichgültig. Und wie Josef K. in Kafkas Prozess, hege ich den Verdacht, dass an dem, was das Gericht da gegen mich vorbingt, vielleicht etwas dran sein könnte...
Interrobang schafft es, die gegenwartsrelevanten Motive aus Kafkas Klassiker in ein instellatives Stück zu packen und die Zuschauer*innen dabei ordentlich aufzurütteln.

Von und mit Till Müller-Klug, Nina Tecklenburg, Lajos Talamonti, Elisabeth Lindig


02.02.17 Zeit der Kannibalen von Johannes Naber nach dem Drehbuch von Stefan Weigl (Vagantenbühne)
Sollte man einen Film einfach so nachspielen? Die Verfilmung mit Katharina Schüttler, Sebastian Blomberg und Devid Striesow ist großartig - keine Frage. Die kammerspielartige Kapitalismus-Kritik mit dem bösen Humor und der Darstellung der Busninessmenschen, deren Welt in nur wenigen Stunden ins Wanken gerät, bietet sich auch fürs Theater an. Dennoch habe ich von dieser Inszenierung  etwas Neues erwartet. Allerdings ist für diejenigen, die den Film nicht kennen, die Bühnenadaption sicher sehr lohnenswert. Meine Empfehlung: Hingehen sollte, wer den Film nicht kennt.

Regie: Bettina Rehm

Mit Björn Bonn, Johann Fohl, Senita Huskić, Hannah von Peinen, Joachim Villegas und Axel Strothmann


03.02.17 Love Hurts In Tinder Times von Patrick Wengenroth (Schaubühne)
Gleich mal vornweg: Mit Tinder hat das Stück (zum Glück) gar nicht so viel zu tun. Tinder Times steht viel mehr für diese Zeit, in der viele nach neuen Wegen des Zusammenlebens und von Liebesbeziehungen suchen. Kann ich einen exklusiven Anspruch auch eine*n Partner*in erheben? Warum schmerzt es den*die andere*n, wenn man sich außerhalb der Beziehung Befriedigung und Bestätigung sucht? Und: Ist es nicht immer ganz anders als es aussieht? Garniert wird dieser Wengenroth-Abend (wie immer) mit viel Musik, diesmal vorrangig aus den 80ern. Und so findet auch der kürzlich verstorbene George Michael seinen Platz im Stück. Die sich nackt in Farbe wälzenden und Kunst machenden Protagonist*innen (Mark Waschke, Lise Risom Olsen, Andreas Schroeders) sehe ich weniger als Provokation, denn als humorvolle gedachte Anspielung auf Performance Künstler und vielleicht sogar das Theater selbst.

Realisation: Patrick Wengenroth   
Bühne: Mascha Mazur   
Künstlerische Mitarbeit Bühne: Céline Demars   
Kostüme: Ulrike Gutbrod   
Musik: Matze Kloppe  

Mit Matze Kloppe, Lise Risom Olsen, Andreas Schröders, Mark Waschke, Patrick Wengenroth

Andreas Schröders, Mark Waschke, Lise Risom Olsen (Foto: Gianmarco Bresadola)


Essay zum Stück in Pearson's Preview: LOVE HURTS IN TINDER TIMES. Ein Gespräch mit Patrick Wengenroth


12.02.17    revisited Hedda Gabler von Henrik Ibsen (Schaubühne)
Nach vielen Jahren mal wieder dieses Stück. Die Angst vor dem sozialen Abstieg, jede*r kennt sie und erkennte sich in dem Stück wieder. Man kann Hedda (Katharina Schüttler) und ihr Handeln gleichzeitig verabscheuen und bemitleiden. Und wie steht es um ihren Mann Jorgen Tesmann (Lars Eidinger) und den um seine Arbeit betrogenen Eilert Lovborg (Kay Bartholomäus Schulze)? Das Besondere an dem Stück ist, dass man keine*n so richtig mag oder hasst. Zerissen, betroffen, gerührt verlässt man das Theater.

Lore Stefanek, Katharina Schüttler, Lars Eidinger (Foto: Arno Declair)

Regie: Thomas Ostermeier   
Bühne: Jan Pappelbaum   
Kostüme: Nina Wetzel   
Musik: Malte Beckenbach   
Dramaturgie: Marius von Mayenburg   
Video: Sébastien Dupouey   

Jørgen Tesman, Privatdozent der Kulturgeschichte: Lars Eidinger   
Frau Hedda Tesman, seine Frau: Katharina Schüttler   
Fräulein Juliane Tesman, seine Tante: Lore Stefanek   
Frau Elvstedt: Annedore Bauer   
Richter Brack: Jörg Hartmann   
Eilert Løvborg: Kay Bartholomäus Schulze
 


MÄRZ
04.03.17 Denial von Yael Ronnen (Maxim-Gorki-Theater)
Das Stück über Verleugnung und Verdrängung wurde von Yael Ronen gemeinsam mit den Schauspieler*innen entwickelt. In verschiedenen Konstellationen zeigen sie, was es bedeutet, wenn man versucht, die Realität zu verarbeiten, zurechtzubiegen oder einfach zu verstehen. Coming out, Intoleranz und Gewalt in der eigenen Familie, politische Verfolgung und andere traumatische Erlebnisse werden in kurzen Szenen aufgearbeitet bzw. dargestellt. Wie immer bei Yael Ronen wechseln sehr traurige und berührende Geschehnisse mit witzigen Einschüben. Und nie weiß man - auch das ist typisch für ihre Stücke - was aus den Biographien der Schauspieler*innen stammt und was Fiktion ist.

Regie: Yael Ronen
Bühnenbild: Magda Willi
Kostüme: Amit Epstein
Musik: Nils Ostendorf
Video: Hanna Slak

Mit Oscar Olivo, Dimitri Schad, Cigdem Teke, Maryam Zaree und Orit Nahmias.


23.03.17 re-revisited Stück Plastik (Schaubühne)
Darf man Geld rumliegen lassen, wenn die Putzhilfe da ist? Ist Michael, der für Ärzte ohne Grenzen nach Afrika gehen will, ein Egoist? Warum hat Ulrike als Künstlerin versagt?  Und ist Sohn Vincent ein Junge oder ein Mädchen? Diese und viele, viele andere Fragen werden im Stück verhandelt, vielmehr wird darüber gestritten. Das eigentlich interessante ist aber auch, dass die Person, die den Streitimpuls gibt, überhaupt nichts zur Debatte beitragen kann, weil sie einfach nicht zu Wort kommt. Sie drückt sich im Gesang aus, im Gespräch mit dem 12jährigen Sohn der Familie, für die sie putzt und übt Rache. Dialoggewaltiges und äußerst lustiges Stück über richtiges und falsches Verhalten, kommunizieren und zuhören. Stück Plastik von Marius von Mayenburg schrammt manchmal knapp an einer Boulevard-Komödie vorbei und ist deswegen gerade so gut. Die zahlreichen Anspielungen auf die Kunstwelt und das eigene Milieu mit den zackigen Monologen (die von den brillanten Schauspieler*innen einfach mitreißend gespielt werden) machen die Inszenierung zu einer Perle im Spielplan.

Mit Marie Burchard, Robert Beyer, Laurenz Laufenberg, Sebastian Schwarz und Jenny König.
Regie: Marius von Mayenburg


25.03.17 re-visited Professor Bernhardi von Arthur Schnitzler (Schaubühne)
Spannend wie beim ersten mal. Die Aktualität dieses Stückes ist so groß, dass bei fast jeder Szene der Puls hoch geht. Wie in der Sitzungszene die Intrige gegen Professor Bernhardi entsponnen wird - da muss man sich empören. Aber es gibt in dieser Inszenierung nicht immer ein klares Gut und Böse, Richtig oder Falsch. Keine unverfälschten Sympathien. Und das lässt einen noch lange über den Abend hinaus nachdenken.


Damir Avdic, Laurenz Laufenberg, Veronika Bachfischer, Jörg Hartmann (Foto: Arno Declair)

Regie: Thomas Ostermeier   
Bühne: Jan Pappelbaum   
Kostüme: Nina Wetzel   
Musik: Malte Beckenbach   
Wandzeichnungen: Katharina Ziemke

Dr. Bernhardi: Jörg Hartmann   
Dr. Ebenwald: Sebastian Schwarz   
Dr. Cyprian: Thomas Bading   
Dr. Pflugfelder: Robert Beyer   
Dr. Filitz: Konrad Singer   
Dr. Tugendvetter: Johannes Flaschberger   
Dr. Löwenstein: Lukas Turtur   
Dr. Schreimann/Kulka, ein Journalist: David Ruland   
Dr. Adler: Eva Meckbach   
Dr. Oskar Bernhardi: Damir Avdic   
Dr. Wenger/Krankenschwester: Veronika Bachfischer   
Hochroitzpointner: Moritz Gottwald   
Professor Dr. Flint: Hans-Jochen Wagner   
Ministerialrat Dr. Winkler: Christoph Gawenda   
Franz Reder, Pfarrer: Laurenz Laufenberg