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31. Januar 2023

Max Penthollow schreibt mir // Kapitel 21: Huggy Wuggy Poppy Playtime - Titus Andronicus (Vagantenbühne)

 

Max Penthollow schreibt mir:

 

Liebe Maren,

nach längerer Kultur-Pause war ich wieder im Theater, in der Vagantenbühne bei William Shakespeares TITUS ANDRONICUS. Premiere war am Donnerstag, 07. September 2022. 

Ich habe es inzwischen 7x gesehen. Hier sind meine Eindrücke:

DIE ZUTIEFST BEKLAGENSWERTE RÖMISCHE TRAGÖDIE VON TITUS ANDRONICUS

THE MOST LAMENTABLE ROMAN TRAGEDY OF TITUS ANDRONICUS

Foto: Vagantenbühne


Das Stück:
 
Es ist eine Geschichte von Rache und Gewalt. Die Römer haben die Goten besiegt und der neue Kaiser Saturninus ("Sati"), Sohn des verstorbenen Kaisers, hat die Gotenkönigin Tamora zur Frau genommen, sie ist nun neue Kaiserin von Rom. Tamora nimmt Rache am römischen Heerführer Titus Andronicus, der ihren Sohn ungeachtet ihres Flehens um dessen Leben hinrichten ließ. Es ist eine Geschichte von Gewalt, Erniedrigungen und Demütigungen, ein Bericht von Unterwerfung, Angst, Lügen, Herrschaft, einer Orgie von Macht, Rohheit, Verhöhnung und Menschenverachtung.

Die Motive sind an Grausamkeit kaum zu überbieten: Mord und Totschlag, Vergewaltigung, Verstümmelung und Kannibalismus. Wir bekommen das volle Programm an Gräueln von Shakespeares erster und besonders grausamer Tragödie (ca.1592), zu Shakespeares Zeit ein Publikumserfolg (Quelle: Programmheft der Vagantenbühne zum Stück). Slash und Splatter.


Die Inszenierung:

Die Protagonisten finden sich in einer therapeutischen Sitzung bei Dr. Aaron (im Video zugeschaltet) und durchleben nun mit Dr. Aarons therapeutischer Begleitung ihre traumatischen Erfahrungen ein zweites Mal. Wir durchleben sie mit ihnen. Das ist der Rahmen der Inszenierung.

Das Bühnenbild besteht aus einfachen grifflosen, glattweißen Truhen, Kästen und Schränken, beliebig wandelbar und verschiebbar, sie enthalten die Spiel-Utensilien fürs Stück. Die Kostüme und Requisiten sind schlicht, einfach, allen Epochen und allen Klischees frei zuzuordnen. Es gibt allerfeinste Texte von Shakespeare und Ovid ("Metamorphosen") und eigene Texte des Ensembles, dazu ein Crossover von exquisiter Pop- und Discomusik.

Viele der Figuren und Gewaltopfer sind Kuscheltiere: Teddybären, Huggy Wuggy Plüschpuppen, schwarze und weiße Baumwollsocken mit aufgenähten Kulleraugen als Handpuppen, dazu der Schuhlöffel als todbringender Dolch. Es sind unsere Kuscheltiere, unsere Teddybären, die hier so viel Leid erfahren müssen, unsere Liebsten aus unserem eigenen Kinderbettchen. Umso schlimmer.

Die Inszenierung hat für mich den Charakter eines Kasperletheaters, mit Präsentation des schaurigen Inhalts in komödiantischer Form und mit Slapstick-Elementen. Als sich Titus Andronicus – zur Sühne – von Tamora auf deren Anregung hin seine rechte Hand abhacken lässt, hören wir tiefenentspannte Bossa-Nova-Musik: "The Girl From Ipanema" mit Astrud Gilberto (1963).

Zum Schluss gibt Titus Andronicus als Küchenchef für Tamora und Saturninus ein Festbankett vor einem großen Duschvorhang, als Kostüme haben die Gäste durchsichtige Plasitkcapes. Es gibt klaren grünen Wackelpudding – die Götterspeise. Text: "Da ist viel Herzblut drin!" – "Ja, das schmeckt man!"

Dann geht alles ganz schnell (Originaltext Titus Andronicus): Titus Andronicus ersticht die Kaiserin Tamora, Kaiser Saturninus tötet daraufhin Titus Andronicus und Titus' Sohn Lucius tötet daraufhin Saturninus.

"Ende der Tragödie des Titus Andronicus."

Auf der Bühne: Urs Fabian Winiger in zwei Rollen, Stella Denis-Winkler als Tamora, Urs Stämpfli in fünf Rollen, Sebastian Wirnitzer als Dr. Aaron in der Videoprojektion. Sie spielen mit sichtbarer Freude und Begeisterung.

 
Mein Resümee:

Seit der Premiere am 7. September 2022 habe ich es mittlerweile schon sieben Mal gesehen. Für mich ist es etwas ganz Besonderes, diese selten aufgeführte und besonders grausame Shakespeare-Tragödie in Brian Bell's neuer Inszenierung in der Berliner Vagantenbühne sehen zu können.

Im Gespräch nach einer Aufführung erfahre ich: aktueller Anlass für diese Inszenierung von Titus Andronicus ist der Kriegsausbruch in der Ukraine im Februar 2022.

Foto: Vagantenbühne


Ich finde Stück und Inszenierung fantastisch, alles passt zusammen. 90 Minuten.

Einer der Darsteller hat zu mir gesagt: Eigentlich ist es gar nicht inszenierbar.

Voílà!

Nix wie hin!

Allerliebste Grüße

Max 

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Regie: Brian Bell
Bühne & Kostüme: Clara Wanke
Fassung: Brian Bell und Lars Georg Vogel
Videoprojektionen: Stella Schimmele

Deutsch von Frank Günther

Mit Urs Fabian Winiger, Stella Denis-Winkler, Urs Stämpfli, Sebastian Wirnitzer 

Premiere: 7. September 2022 

Weitere Infos auf der Website der Vagantenbühne.

15. Dezember 2016

This is not a….. theatre critique: "Richard III." (Schaubühne) - Gastbeitrag von Anna R.

Männlich, verbittert, kriminell, häßlich sucht….und ich komme extra aus Bonn angereist, um genau diesem Mann meine Aufmerksamkeit zu schenken. Eine Binsenweisheit, dass mensch immer das woanders sucht, was er zu Hause nicht hat.

Also gut, ich reise nicht nur an, um mich dieser Ungestalt feilzubieten und dem eigenen Voyeurismus zu fröhnen. Es ist noch viel abgründiger: Meine liebste lange Freundin Maren, sorgt ca. einmal im Jahr dafür, dass wir unsere Abgründe bei mode,- gesundheits- und politbewusstem Essen, Trinken und Handeln updaten. Durch sie ist es mir möglich wenigsten EINEN Haken hinter die Liste der „Must-Haves“ der deutschen Theaterinszenierungen zu machen. In diesem Jahr getoppt dadurch, dass wir nicht nur die gleichen Blousons in der gleichen Boutique erwerben sondern diese tatsächlich auch zusammen zu Aufführung in die Schaubühne tragen. Auch wir spielen ein Schauspiel. Manchmal trinken wir aber auch einfach mal nur Kaffee miteinander.

Aber genug des kleinbürgerlichen Wahnsinns, Richard III. on stage. Was sage ich? Im Globe. Die Welt in der Welt. Und ich bin mittendrin. Im Dreck, gespickt mit goldenem Konfetti, im Sumpf aus Familien,- und Machtkampf auf allen Ebenen, von höchster Stelle abgesegnet.

Konfetti-Rausch - Das Schaubühnen-Ensemble (Foto: Arno Declair)

Es scheint nur ein Schritt zu sein, um selbst an diesem Spiel mitzumischen. Erschreckend banal. Wenn da nicht der gerade erlebte Wahlsieg eines Donald Trumps wäre. Oder ist auch das einfach banal? Bekomme ich vielleicht einfach nicht mit, dass ich in meinem Mikrokosmos wechselweise die Rolle von jedem einzelnen dieser Familienmitglieder und Bediensteten einnehme?

Lars Eidinger als Richard III. (Foto: Arno Declair)

Kein Vorhang, eher ein Abhang. Das Licht geht aus. Es gibt keinen Applaus. „Warum denken die Leute in letzter Zeit hier immer, das Stück geht noch weiter…?“ so oder so ähnlich beschwert sich Hamlet…äh…Richard. Lars. Bevor es ihn dann doch gibt, den Applaus. Jeden und jede Einzelne möchte ich umarmen und beklatschen, von diesem geilen Schaubühnenfamilienteamwahnsinn.

Kein Abgang (Foto: Arno Declair)

Und bekomme sogar noch Autogramme: Von Laurenz, Jenny, Robert und Moritz. Und ein artiges Dankeschön, dafür, dass ich extra aus Bonn angereist bin. „For there is nothing either good or bad. But thinking makes it so.“ DankeMarendankeSchauspieldankeLeben.

Widmung von Lars Eidinger im Richard-Programmheft (Foto: Anna R.)
Widmung von Lars Eidinger (Foto: Anna R.)
Unterschriften des Schaubühnen-Ensembles (Foto: Anna R.)


21. November 2016

TheaterBlick unterwegs... "Er spricht gut Deutsch" - Othello (Staatsschauspiel Dresden)


Um den Blick mal wieder auf die Spielpläne anderer Theater auch außerhalb von Berlin zu richten, bin ich nach Dresden gefahren. Bekannt ist das Theater u.a. für seine Bürgerbühne, die gerade in den letzten Monaten immer auch einen Gegenpol zu den sogenannten "besorgten Bürger*innen" gebildet hat.

Ich habe mich aber für ein Stück entschieden, das im großen Haus am 29. Oktober 2016 Premiere hatte: Othello (Regie: Thorleifur Örn Arnarsson).

Staatsschauspiel Dresden (Foto: Maren Vergiels)


Ich weiß nicht, wie oft ich Othello schon gesehen habe, erinnern kann ich mich an eine Inszenierung des Schauspiel Bonn (das muss in den 90ern gewesen sein) und die Ostermeier-Inszenierung in 2010 an der Berliner Schaubühne (mit Sebastian Nakajew als Othello, Stefan Stern als Jago und Eva Meckbach als Desdemona).

Der Theaterabend beginnt quasi mit einem Vorspiel, einem Video-Projekt, das Teil der Inszenierung ist. Auf einer großen Leinwand über dem Eingang des Theaters sieht man wie Bürger*innen aus Dresden und Schauspieler*innen des Hauses abwechselnd Texte in verschiedenen Sprachen aus  "Die Fremden" sprechen.

Video-Projekt "Die Fremden" (Foto: Krafft Angerer)

Diesen Text schrieb Shakespeare etwa zeitgleich zur Entstehung von Othello, er ist Teil eines Theaterstücks, das von verschiedenen Autoren verfasst wurde. In Shakespeares Szene spricht Thomas Morus zu den Bürger*innen Londons, um einen gewalttätigen Aufstand gegen die Fremden und Flüchtlinge aus Flandern und Frankreich zu verhindern. Der Bezug zu aktuellen Geschehnissen ist beeindruckend.

Auf der Fahrt nach Dresden habe ich in Carolin Emckes gerade erschienenen Buch "Gegen den Hass" das Kapitel über Clausnitz (Hass und Missachtung Teil 1: Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit) gelesen. Die Texte dieser Mahnrede erscheinen wie ein Echo:

"Würd’s euch gefallen, wenn ihr dort auf ein Volk träft, so barbarisch, dass es wild ausbricht in Gewalt und Hass, euch keinen Platz gönnt auf der weiten Welt [...]"

"Was dächtet ihr, wenn man mit euch so umging? So geht’s den Fremden, und so berghoch ragt eure Inhumanität.“

(aus: William Shakespeare: Die Fremden, übersetzt von Frank Günther)

Vor der Vorstellung haben die Theaterbesucher*innen die Möglichkeit, Teil des Projekts zu werden und sich beim Vortragen eines Satzes aus dem Shakespeare-Text filmen zu lassen. Ich mache mit.

Zur Inszenierung:
Zu Beginn tritt der Othello-Darsteller Ahmad Mesgarha noch bei Saallicht auf. Er erzählt, dass er bereits seit der Wende an diesem Haus Schauspieler ist und eines seiner ersten Stücke ein Kafka-Abend war. In der Kritik habe damals in Klammer hinter seinem Namen gestanden: Er spricht gut Deutsch. Mesgarha ist in Deutschland geboren, in Berlin aufgewachsen, sein Vater ist Iraner. Im Iran habe er nie gelebt. Für die Othello-Inszenierung sei er der einzige, für den keine Maske vorgesehen sei, er tritt ohne Schminke auf. Seine Maske sei sein Name.

Ahmad Masgarha als Othello und Daniel Sträßer als Jago (Foto: Krafft Angerer)

Einige der anderen Schauspieler*innen sind weiß geschminkt und tragen sehr schrille Kostüme (Sunneva Ása Weishappel) mit Anleihen an Barock, Punk und Hip-Hop. Mesgarha trägt hingegen relativ schlichte Kleidung: Ein Anzug bzw. Stiefel und eine Unformjacke.

Paula Skorupa als Bianca und Alexander Angletta als Cassio (Foto:Krafft Angerer)

Othello ist ein gelassener Mann, den Beleidigungen nicht aus der Fassung bringen. Es muss etwas anderes her, um ihn zu brechen. Die durch die Intrigen Jagos erzeugte Eifersucht macht ihn schließlich zu jenem Monster, das die anderen in ihm immer sehen wollen.

Leider geht im Laufe des Stückes die angekündigte Thematik - man erwartet nach dem ersten Auftritt, dass im Folgenden die Thematik des Fremdenhasses bzw. die Mechanismen, die Hass entstehen lassen, stärker beleuchtet werden - etwas verloren. Das Othello-Thema der Eifersucht tritt in den Vordergrund. Jago (Daniel Sträßer - toller Schauspieler, den ich mir merken muss) ist der Star des Abends und die Figur des Othello wird, abgesehen vom Schluss, irgendwie etwas zur Nebenfigur.

Daniel Sträßer als Jago und Ahmad Mesgarha als Othello (Foto: Krafft Angerer)

Und das obwohl Ahmad Mesgarha toll spielt - er erinnert mich in manchen Posen übrigens an Ingo Hülsmann (das mag aber auch daran liegen, dass die Berliner Schaubühne mit ihren Schauspieler*innen, die ich so gut kenne, für mich natürlich immer über-präsent ist und ich mich nicht davon frei machen kann, Vergleiche zu ziehen).

Desdemona (Katharina Lütten) hat nach einem schwachen Beginn starke Momente und steigert sich auch im Laufe des Abends immer weiter. Großartig ist ihr Wutausbruch, bei dem Stühle und andere Teile der Kulisse fliegen. Es ist nachvollziehbar, wie ihre Emotionen hochkochen als Othello ihr ihre Treue nicht glauben will. Ihr gesamter aufgestauter und zunächst zurückgehaltener Ärger entlädt sich in dieser Szene. Vielleicht ist die Figur vom Regisseur auch so angelegt worden, dass sie im Verlauf der Handlung stärker wird - keine duldene Desdemona.

Ahmad Mesgarha als Othello und Katharina Lütten als Desdemona (Foto: Krafft Angerer)


Noch ein Wort zum Bühnenbild (Julia Hansen): Die weiße Bühne wird immer weiter mit Requisiten, Sand und schließlich Graffitis auf der Wand gefüllt. Zum Schluss wird die bunt besprühte Wand mit Farbrollen komplett schwarz überstrichen. Und ich muss noch mal eine Parallel zur Schaubühne ziehen: In Thomas Ostermeiers Volksfeind wird die schwarze Wand immer wieder mit Kreide beschrieben und schließlich weiß überstrichen.

Auch noch erwähnenswert: Der beeindruckende Rap von Thomas Schumacher.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich habe den Abend sehr genossen und die Fahrt nach Dresden hat sich auf jeden Fall gelohnt. Dank der guten Schauspieler*innen, dank der Kostüme und des Bühnenbildes und auch dank der guten Idee, das aktuelle Thema der Fremdenfeindlichkeit als Aufhänger zu nehmen inkl. des Video-Projekts, ist es eine (trotz der beschriebenen Schwächen) gelungene Inszenierung. Unbedingt anschauen!

Für mich war das mit Sicherheit nicht der letzte Theaterabend in Dresden.

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Othello: Ahmad Mesgarha
Jago, Othellos Fähnrich: Daniel Sträßer
Desdemona: Katharina Lütten
Cassio, Othellos Leutnant: Alexander Angeletta
Emilia, Jagos Frau: Lucie Emons
Bianca, Cassios Geliebte: Paula Skorupa
Rodrigo, ein junger Herr aus Venedig: Simon Käser
Brabantio, Senator, Desdemonas Vater: Lars Jung
Der Doge von Venedig: Thomas Schumacher

Regie: Thorleifur Örn Arnarsson
Bühne: Julia Hansen
Kostüm: Sunneva Ása Weishappel
Musik: Arnbjörg María Danielsen
Video: Wanja Saatkamp

Spieldauer: ca. 2 Stunden 40 Minuten (eine Pause)

Nächste Vorstellungen:
25.11.2016   
01.12.2016   
13.12.2016   
21.12.2016   
26.01.2017

Tickets können online hier gekauft werden.

Weitere Infos zum Stück auf der Seite des Staatsschauspiel Dresden.


15. Juni 2011

Freunde der Schaubühne: Einführung in "Maß für Maß"

Thomas Ostermeier (Regie), Marius von Mayenburg (Übersetzung) und Jan Pappelbaum (Bühne) gaben uns einen Einblick in die Arbeit an der Inszenierung „Maß für Maß“, die im September Premiere an der Schaubühne haben wird. Nachdem Ostermeier uns eine Einführung in die Handlung des Stückes gegeben hatte, erläuterte er die Wahl der Schauspieler/innen, u.a. Gert Voss, Lars Eidinger und Stefan Stern. Für die Wahl der weiblichen Hauptdarstellerin hat Ostermeier sich über 50 junge Schauspielerinnen angesehen und vorsprechen lassen. Er entschied sich für Jenny König, die Ensemblemitglied am Nationaltheater Mannheim ist. Die Problematik bei sehr jungen Schauspielerinnen, die gerade von der Schauspielschule kommen, sei, dass sie in klassischen Stücken, in denen es die Frauenfiguren in einer Männerwelt oft schwer haben, sich zu behaupten, versuchen, massiv gegen dieses Rollenbild anzuspielen. Dies führe häufig dazu, dass das Stück dann nicht mehr funktioniere, erklären Ostermeier und von Mayenburg. Ich kann die jungen Schauspielerinnen gut verstehen. Ich kann aber auch Ostermeier verstehen, der nach einer weiblichen Darstellerin gesucht hat, die die Ansprüche an die Rolle erfüllt und wie er sagt, dabei trotzdem ihre Würde behält. Ich bin gespannt, ob es funktioniert.

Genauso wie schon bei „Hamlet“ und „Othello“ hat Marius von Mayenburg auch dieses Shakespearestück neu übersetzt – und dabei natürlich eine bestimmte Lesart des Stückes wählen müssen. Wer sich die Mühe macht Shakespeares Stücke im Original zu lesen, weiß, dass von Mayenburg sicherlich keine leichte Aufgabe hatte, als er sich Satz für Satz durch Shakespeares Doppel- bzw. Mehrdeutigkeiten arbeiten musste. Bei den Schaubühnen-Inszenierungen von „Hamlet“ und „Othello“ hatte ich mehrere Aha-Erlebnisse, die mir im Studium oder bei anderen Inszenierungen leider oft verwehrt blieben, und ich habe beide Male das Theater mit dem Gefühl verlassen, neue Facetten des Stückes gesehen zu haben. Das stimmt mich zuversichtlich, dass mir der Zugang zu „Maß für Maß“, das ich bisher noch nicht von der Bühne kenne, leicht fallen wird.

Das Modell des Bühnenraums, der von Jan Pappelbaum komplett in Gold ausgestattet wurde, hat eine museale Anmutung, besonders im Modell für Salzburg (hier hat das Stück bereits im August Premiere). Ich versuche, mir vorzustellen, wie das später „in echt“ wirken wird und bin mir sicher, dass es ganz anders wird als wir es uns jetzt vorstellen können. Ich mag Inszenierungen, die mit wenig Requisiten und wenig Ausstattung auskommen, weil dann alles über die Schauspieler bzw. den Text funktionieren muss. Daher bin ich froh, dass Ostermeier und Pappelbaum ankündigen, dass sie diese für die „Maß für Maß“ Inszenierung bewusst reduzieren. Das sei bei Shakespeare übrigens auch so gewesen, erklärt Ostermeier.

Ich freue mich auf September, wenn das Stück an der Schaubühne läuft – und lasse mich gerne überraschen, ob dann alles so sein wird, wie ich es mir jetzt ausmale.

5. März 2011

"Noli me tangere" mit einer Prise Shakespeare (F.I.N.D. / Schaubühne)

"Noli me tangere" (Rühr mich nicht an) sagt Jesus Christus zu Maria Magdalena nach seiner Auferstehung im Evangelium des Johannes. Im gleichnamigen Stück von Jean-François Sivadier wird die Geschichte vom Tod Johannes des Täufers neu erzählt. Die Inszenierung des Théâtre National de Bretagne, Rennes/Frankreich ist zur Zeit im Rahmen des F.I.N.D. (Festival of International New Drama) an der Schaubühne zu Gast.

Ein knapp dreistündiges Stück (ohne Pause) in französischer Sprache mit deutschen Obertiteln ist keine leichte Kost - vor allem bei der Fülle der Motive und Anleihen aus Geschichte und Literatur. An vielen Stellen lässt Shakespeare grüßen. Etwa als eine Laiendarstellertruppe ein Stück einstudiert und Schauspieler Jean sich als "Nachfahre" von Nick Bottom entpuppt. Außerdem findet sich eine gute Prise Hamlet in dem Stück. Dies entgeht auch dem Engel nicht ("Ist das nicht die Geschichte über den Prinzen von Dänemark?"), der bei seinen Auftritten auf eine gute Performance setzt, Glitzer vertreut und als eine Art Moderator das Publikum mit viel Witz immer wieder ab und auf den Boden bzw. zurück in die Realität des Theatersaals holt ("In welchem Land bin ich hier?" - "Deutschland." - "Hab ich noch nie von gehört.") Überhaupt wird die Handlung immer wieder vom Spiel im Spiel und Zwischenspiel durchbrochen. Zudem spielen fast alle Schauspieler mehrere Rollen, so dass die verschiedenen Ebenen des Stückes sich immer wieder aufeinander beziehen.

Im Laufe des Abends durchlebt der Zuschauer gemeinsam mit den Figuren des Stückes die gesamte Riege der Emotionen: Das Stück wechselt temporeich zwischen Spaß, Wut, Entsetzen, Spannung...

31. Juli 2010

Kommen wir noch rein? - Offene Probe "Othello" (Schaubühne)

„Fünf können noch rein“ sagt die Dame am Bühneneingang der Schaubühne. Es ist kurz nach sieben und wir warten seit einer guten halben Stunde auf den Einlass. Die offene Durchlaufprobe von Othello (Regie: Thomas Ostermeier) wurde per Newsletter und auf Facebook angekündigt. Es hieß dort, man solle sich einfach um 19 Uhr am Bühneneingang einfinden und brauche auch keine Karte. Mit so vielen Leuten hatte die Schaubühne offensichtlich nicht gerechnet. Gut, dass wir so früh hier waren, denken wir noch als wir in der Schlange stehen. Hinter uns stellen sich immer mehr Menschen an. Jetzt stehen wir vor der Tür und können erst mal nicht rein, weil sich von der Seite einige reindrängeln wollen, die auf Sonderbehandlung hoffen. Während ein Mitarbeiter der Schaubühne über zwei Drittel der Wartenden nach Hause schickt, gehen ein, zwei, drei, vier, fünf Leute an uns vorbei hinein. Dreharbeiten unterbrochen, extra aus Cottbus angereist, Freund eines Schauspielers, das sind die Gründe, mit denen sie sich Einlass verschaffen. Das darf nicht wahr sein! Werden wir jetzt so kurz vorm Ziel weggeschickt? Zum Glück wurden eben in der Schaubühne die Plätze noch mal durchgezählt und wir sowie ca. zehn weitere dürfen dann noch rein.

Theater erzeugt bei mir ja sowieso immer ein Hochgefühl, aber wenn man zu den „Auserwählten“ einer solchen Veranstaltung gehört, ist das Kribbeln gleich noch mal so schön. Ostermeier macht eine kurze Ankündigung, erklärt den Zuschauern in der ersten Reihe, dass sie nass gespritzt werden könnten. Die haben sich das wohl schon gedacht, denn die Bühne ist ein riesiges Wasserbassin. Die Probe läuft ohne Unterbrechung durch, nur an wenigen Stellen gibt es kleine, kaum merkliche Fehler oder Versprecher. Irgendwann vergisst man, dass man eigentlich in einer Probe sitzt. Erst beim Schlussapplaus fällt das wieder auf, weil sich die Schauspieler nicht verbeugen, sondern einfach die Bühne verlassen als das Licht wieder angeht. Im Theater ist man eben abergläubisch. Vor der Premiere darf man sich nicht verbeugen. Ich finde diesen Aberglauben sympathisch.

Ich bin mir sicher, die Othello-Premiere wird ein Erfolg. Die Inszenierung ist an keiner Stelle ermüdend, die Schauspieler – so kennt man es von der Schaubühne – spielen sich die Seele aus dem Leib. Das Wasser – nein, kein abgedroschenes Theatermittel – wird perfekt eingesetzt. Und ich hatte mal wieder ein Aha-Erlebnis, weil mir der Text von Othello selten so verständlich war. Iago bzw. der Schauspieler Stefan Stern überragt alle. Wenn man ihn nicht hassen müsste, weil er einer der gemeinsten Intriganten in der Welt des Theaters ist, könnte man ihn glatt bewundern.

26. März 2010

Shakespeares Sonette revisited


Diese Woche war ich noch mal in Shakespeares Sonetten im BE (Wilson/Wainwright). Und ich fand es wieder toll - fast noch besser als beim ersten mal. Denn dieses mal konnte ich mich auf und über die Szenen freuen, die ich schon kannte. Am liebsten hätte ich mitgesungen. Was besonders schön war: Von den 10 Personen, die mit mir da waren, waren 9 ebenso begeistert. Geteilte Freude ist ja bekanntlich doppelte Freude!

Ich hoffe, dass es eine CD vom Stück geben wird und überlege noch mal reinzugehen. Vielleicht mit Freunden, die mich in Berlin besuchen. Dieses Stück muss einfach jeder gesehen haben!

16. Oktober 2009

Für Männeraug und Frauenherz verwirrend: Shakespeares Sonette (BE)


"Kunst muss man nicht verstehen, Kunst muss wirken!" Diesen Satz sagte Jutta Ferbers (Dramaturgin) im Rahmen der Einführung zu Shakespeares Sonetten am Berliner Ensemble. Und dann fügte sie noch hinzu: "Hauptsache Sie nehmen etwas mit, das sie ihr Leben lang begleiten wird." Richtig, das ist das Wichtigste im Theater, in der Kunst und überhaupt. Und ich habe ganz viel mitgenommen: wunderbares Theater, wunderschöne Musik, herausragende schauspielerische und gesangliche Leistungen,...

Die Sonette in der Inszenierung von Robert Wilson mit der Musik von Rufus Wainwright sind einfach etwas für Herz und Seele!
Wilson verzaubert die Zuschauer mit Bildern aus einer irrealen Welt und lässt seine Schauspieler - alle Frauen werden von Männern, alle Männer von Frauen gespielt - diese Welt wie Zauberwesen durchwandern. Zur Stimmung tragen neben der Musik vor allem das Licht und die Farben sowie die fantastischen Kostüme bei.

Besonders erwähnenswert: Christopher Nell als "Eve", der die Interpretation des Sonett 66 so beeindrucken hoch singt, dass das Publikum ihn dafür mit Zwischenapplaus belohnt. Ein weiterer Höhepunkt des Abends ist das Sonett 20, gesungen von Sabin Tambrea als "Lady" und in einer weiteren Szene von der Diseuse Georgette Dee.

Zum ersten mal ist etwas von den Sonetten, die zwar Bestandteil meines Studiums waren, die ich aber bis dato irgendwie nie richtig verstanden habe, auch bei mir hängen geblieben! Und ja, bei Wilsons Shakespeare Sonetten geht es nicht darum, alles zu verstehen, sondern darum, das zuzulassen, was uns hier geboten wird und als schönes Erlebnis mit nach Hause zu nehmen.

Foto: Lesley Leslie-Spinks