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3. Juni 2018

TheaterRückBlick Mai 2018: Revisited

Bekannte Stücke im Mai. Und doch war hier einiges neu.


3.-7. 05. 2018 Reise nach Lyon / Professor Bernhardi (Freunde der Schaubühne e.V.)

Programmheft "Professor Bernhardi" in Lyon


Mit den Freunden der Schaubühne waren wir in Lyon. Die Schaubühne war mit "Professor Bernhardi" zu einem Gastspiel ins Celestins Theatre de Lyon eingeladen. Neben einem Mittagessen mit dem Team und den Schauspieler*innen, durften wir die Stadt kennenlernen. Highlight: Natürlich der Besuch des Stücks.

Celestins Theatre de Lyon


17. 05. 2018 The Encounter von Complicité/Simon McBurney (Schaubühne)
Nach dem Roman "Amazon Beaming" von Petru Popescu

Im April 2015 hatte Simon McBurney im Rahmen des FIND sein Work in Progress "Amazon Beaming" vorgestellt. Unter dem Titel "The Encounter" wurde die Performance nun als Gastspiel an der Schaubühne gezeigt. Was ist real? Was ist Erfindung? Keine*r weiß, wann das Spiel beginnt und wann der Schauspieler improvisiert mit dem Publikum kommuniziert. Mithilfe von Kopfhörern, die Teil einer neuartigen Audiotechnologie sind, wird eine Klangwelt als Reise für die Zuschauer*innen/Zuhörer*innen erschaffen.


29. 05. 2018 der die mann von Herbert Fritsch nach Texten von Konrad Bayer (Schaubühne)

Mit der Spielzeit 2017/18 wurde der die mann von Herbert Fritsch, das auch zum Theatertreffen 2016 eingeladen wurde, von der Volksbühne an die Schaubühne übernommen. Damals habe ich das Stück mit Steffi E. gesehen, die darüber auf TheaterBlick geschrieben hat.

Im September ist es noch mehrmals zu sehen, Tickets gibt es hier.

Florian Anderer, Annika Meier, Axel Wandtke, Ruth Rosenfeld (Foto: Thomas Aurin)


Regie und Bühne: Herbert Fritsch   
Kostüme: Victoria Behr   
Musikalische Leitung: Ingo Günther   

Mit: Florian Anderer, Jan Bluthardt, Werner Eng, Annika Meier, Ruth Rosenfeld, Axel Wandtke, Hubert Wild   
dasderdiemannorchester: Ingo Günther, Michael Rowalska, Taiko Saito, Fabrizio Tentoni

21. November 2016

TheaterBlick unterwegs... "Er spricht gut Deutsch" - Othello (Staatsschauspiel Dresden)


Um den Blick mal wieder auf die Spielpläne anderer Theater auch außerhalb von Berlin zu richten, bin ich nach Dresden gefahren. Bekannt ist das Theater u.a. für seine Bürgerbühne, die gerade in den letzten Monaten immer auch einen Gegenpol zu den sogenannten "besorgten Bürger*innen" gebildet hat.

Ich habe mich aber für ein Stück entschieden, das im großen Haus am 29. Oktober 2016 Premiere hatte: Othello (Regie: Thorleifur Örn Arnarsson).

Staatsschauspiel Dresden (Foto: Maren Vergiels)


Ich weiß nicht, wie oft ich Othello schon gesehen habe, erinnern kann ich mich an eine Inszenierung des Schauspiel Bonn (das muss in den 90ern gewesen sein) und die Ostermeier-Inszenierung in 2010 an der Berliner Schaubühne (mit Sebastian Nakajew als Othello, Stefan Stern als Jago und Eva Meckbach als Desdemona).

Der Theaterabend beginnt quasi mit einem Vorspiel, einem Video-Projekt, das Teil der Inszenierung ist. Auf einer großen Leinwand über dem Eingang des Theaters sieht man wie Bürger*innen aus Dresden und Schauspieler*innen des Hauses abwechselnd Texte in verschiedenen Sprachen aus  "Die Fremden" sprechen.

Video-Projekt "Die Fremden" (Foto: Krafft Angerer)

Diesen Text schrieb Shakespeare etwa zeitgleich zur Entstehung von Othello, er ist Teil eines Theaterstücks, das von verschiedenen Autoren verfasst wurde. In Shakespeares Szene spricht Thomas Morus zu den Bürger*innen Londons, um einen gewalttätigen Aufstand gegen die Fremden und Flüchtlinge aus Flandern und Frankreich zu verhindern. Der Bezug zu aktuellen Geschehnissen ist beeindruckend.

Auf der Fahrt nach Dresden habe ich in Carolin Emckes gerade erschienenen Buch "Gegen den Hass" das Kapitel über Clausnitz (Hass und Missachtung Teil 1: Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit) gelesen. Die Texte dieser Mahnrede erscheinen wie ein Echo:

"Würd’s euch gefallen, wenn ihr dort auf ein Volk träft, so barbarisch, dass es wild ausbricht in Gewalt und Hass, euch keinen Platz gönnt auf der weiten Welt [...]"

"Was dächtet ihr, wenn man mit euch so umging? So geht’s den Fremden, und so berghoch ragt eure Inhumanität.“

(aus: William Shakespeare: Die Fremden, übersetzt von Frank Günther)

Vor der Vorstellung haben die Theaterbesucher*innen die Möglichkeit, Teil des Projekts zu werden und sich beim Vortragen eines Satzes aus dem Shakespeare-Text filmen zu lassen. Ich mache mit.

Zur Inszenierung:
Zu Beginn tritt der Othello-Darsteller Ahmad Mesgarha noch bei Saallicht auf. Er erzählt, dass er bereits seit der Wende an diesem Haus Schauspieler ist und eines seiner ersten Stücke ein Kafka-Abend war. In der Kritik habe damals in Klammer hinter seinem Namen gestanden: Er spricht gut Deutsch. Mesgarha ist in Deutschland geboren, in Berlin aufgewachsen, sein Vater ist Iraner. Im Iran habe er nie gelebt. Für die Othello-Inszenierung sei er der einzige, für den keine Maske vorgesehen sei, er tritt ohne Schminke auf. Seine Maske sei sein Name.

Ahmad Masgarha als Othello und Daniel Sträßer als Jago (Foto: Krafft Angerer)

Einige der anderen Schauspieler*innen sind weiß geschminkt und tragen sehr schrille Kostüme (Sunneva Ása Weishappel) mit Anleihen an Barock, Punk und Hip-Hop. Mesgarha trägt hingegen relativ schlichte Kleidung: Ein Anzug bzw. Stiefel und eine Unformjacke.

Paula Skorupa als Bianca und Alexander Angletta als Cassio (Foto:Krafft Angerer)

Othello ist ein gelassener Mann, den Beleidigungen nicht aus der Fassung bringen. Es muss etwas anderes her, um ihn zu brechen. Die durch die Intrigen Jagos erzeugte Eifersucht macht ihn schließlich zu jenem Monster, das die anderen in ihm immer sehen wollen.

Leider geht im Laufe des Stückes die angekündigte Thematik - man erwartet nach dem ersten Auftritt, dass im Folgenden die Thematik des Fremdenhasses bzw. die Mechanismen, die Hass entstehen lassen, stärker beleuchtet werden - etwas verloren. Das Othello-Thema der Eifersucht tritt in den Vordergrund. Jago (Daniel Sträßer - toller Schauspieler, den ich mir merken muss) ist der Star des Abends und die Figur des Othello wird, abgesehen vom Schluss, irgendwie etwas zur Nebenfigur.

Daniel Sträßer als Jago und Ahmad Mesgarha als Othello (Foto: Krafft Angerer)

Und das obwohl Ahmad Mesgarha toll spielt - er erinnert mich in manchen Posen übrigens an Ingo Hülsmann (das mag aber auch daran liegen, dass die Berliner Schaubühne mit ihren Schauspieler*innen, die ich so gut kenne, für mich natürlich immer über-präsent ist und ich mich nicht davon frei machen kann, Vergleiche zu ziehen).

Desdemona (Katharina Lütten) hat nach einem schwachen Beginn starke Momente und steigert sich auch im Laufe des Abends immer weiter. Großartig ist ihr Wutausbruch, bei dem Stühle und andere Teile der Kulisse fliegen. Es ist nachvollziehbar, wie ihre Emotionen hochkochen als Othello ihr ihre Treue nicht glauben will. Ihr gesamter aufgestauter und zunächst zurückgehaltener Ärger entlädt sich in dieser Szene. Vielleicht ist die Figur vom Regisseur auch so angelegt worden, dass sie im Verlauf der Handlung stärker wird - keine duldene Desdemona.

Ahmad Mesgarha als Othello und Katharina Lütten als Desdemona (Foto: Krafft Angerer)


Noch ein Wort zum Bühnenbild (Julia Hansen): Die weiße Bühne wird immer weiter mit Requisiten, Sand und schließlich Graffitis auf der Wand gefüllt. Zum Schluss wird die bunt besprühte Wand mit Farbrollen komplett schwarz überstrichen. Und ich muss noch mal eine Parallel zur Schaubühne ziehen: In Thomas Ostermeiers Volksfeind wird die schwarze Wand immer wieder mit Kreide beschrieben und schließlich weiß überstrichen.

Auch noch erwähnenswert: Der beeindruckende Rap von Thomas Schumacher.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich habe den Abend sehr genossen und die Fahrt nach Dresden hat sich auf jeden Fall gelohnt. Dank der guten Schauspieler*innen, dank der Kostüme und des Bühnenbildes und auch dank der guten Idee, das aktuelle Thema der Fremdenfeindlichkeit als Aufhänger zu nehmen inkl. des Video-Projekts, ist es eine (trotz der beschriebenen Schwächen) gelungene Inszenierung. Unbedingt anschauen!

Für mich war das mit Sicherheit nicht der letzte Theaterabend in Dresden.

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Othello: Ahmad Mesgarha
Jago, Othellos Fähnrich: Daniel Sträßer
Desdemona: Katharina Lütten
Cassio, Othellos Leutnant: Alexander Angeletta
Emilia, Jagos Frau: Lucie Emons
Bianca, Cassios Geliebte: Paula Skorupa
Rodrigo, ein junger Herr aus Venedig: Simon Käser
Brabantio, Senator, Desdemonas Vater: Lars Jung
Der Doge von Venedig: Thomas Schumacher

Regie: Thorleifur Örn Arnarsson
Bühne: Julia Hansen
Kostüm: Sunneva Ása Weishappel
Musik: Arnbjörg María Danielsen
Video: Wanja Saatkamp

Spieldauer: ca. 2 Stunden 40 Minuten (eine Pause)

Nächste Vorstellungen:
25.11.2016   
01.12.2016   
13.12.2016   
21.12.2016   
26.01.2017

Tickets können online hier gekauft werden.

Weitere Infos zum Stück auf der Seite des Staatsschauspiel Dresden.


31. August 2016

Review Göteborg Tanz- und Theaterfestival (19.-22. August 2016)

Ganz Göteborg feiert eine Party. So fühlte es sich zumindest die vier Tage an, in denen S. und ich zum Tanz- und Theaterfestival in der Stadt waren. Der Grund: Ein weiteres Kulturfestival fand gleichzeitig statt, sodass überall und von morgens bis in die Nacht gefeiert wurde. Musiker und Bands, Umzüge, Kinderbespaßung, kostenloser Eintritt in Museen....

Das Programmheft des "Dans o Teater Festival" in Göteborg (Foto: Maren Vergiels)

Aber zurück zum Göteborg Tanz- und Theaterfestival, wegen dem wir gekommen waren. Neben diversen eingeladenen Theaterproduktionen und zeitgenössischem Tanz sowie Street Dance gab es Performance, Zirkus und Kino. Wir hatten uns für zwei Filme entschieden sowie eine Tanzperformance. Unser Highlight war natürlich die Schaubühnen-Inszenierung „The Forbidden Zone“ von Katie Mitchell. Die hatten wir beide noch nicht gesehen. Kleine Randbemerkung: Irgendwie scheine ich auf Schweden gebucht zu sein, was K.M. angeht, denn ihr „Fräulein Julie“ (2010) habe ich das erste mal in Stockholm vor vier Jahren gesehen.

Wie bei Mitchells „Julie“ und der Inszenierung des feminsitischen Textes „Die gelbe Tapete“ (2013) entsteht bei „The Forbidden Zone“ auf der Bühne live ein Film, indem von verschiedenen Kameraleuten die Szenen auf der Bühne gefilmt und direkt auf eine Leinwand übertragen werden.

Jenny König als Claire Haber (Foto: Stephen Cummiskey)
Bei Mitchell wird die Handlung wie immer aus der Sicht von Frauen erzählt. 1915 - die Chemikern Clara Immerwahr (Ruht Marie Kröger) rebelliert gegen die Pläne ihres Mannes Fritz Haber (Felix Römer), Giftgas als Waffe im Krieg einzusetzen. Clara nimmt sich aus Protest schließlich das Leben. Zur gleichen Zeit - eine Krankenschwester (Cathlen Gawlich) verliebt sich in einen Soldaten, der an den Folgen eines Giftgas-Einsatzes stirbt. Das Vorbild dieser Figur ist die Amerikanerin Mary Borden, die ein Feldlazarett an der Westfront unterhielt und ihre Erfahrungen später in dem Prosatext »The Forbidden Zone« festhielt. 1949 - Claire Haber (Jenny König), die Enkelin von Clara, arbeitet in einem Chemielabor, um ein Gegengift gegen Phosgen-Gas zu finden. Als die Forschungen eingestellt werden, nimmt Claire sich das Leben. Der Text von Mary Borden wird mit Zitaten von Hannah Arendt, Simone de Beauvoir, Emma Goldman und Virginia Woolf gegen den Krieg zu einer szenischen Collage verwoben. - Das schwedische Publikum war begeistert.

Cathlen Gawlich als Wissenschaftlerin (Foto: Gianmarco Bresadola)

Im Anschluss treffen wir die Schauspieler/innen auf dem Festivalgelände auf ein Glas Wein – schön, die bekannten Gesichter in ungewohntem Umfeld zu sehen!

Im Rahmen des Festivals wurden diverse Filme gezeigt, die Bezug auf Theater, Performance und Tanz nehmen. Wir sahen „Monsieur Chocolat“, die wahre Geschichte des ersten schwarzen Clowns (Omar Sy, bekannt aus „Ziemlich beste Freunde“), der um 1900 das französische Publikum begeisterte und der schließlich im Theater „Othello“ spielte. Sein Partner George Foottit wird von Charlie Chaplins Enkel James Thiérrée gespielt, ein bekannter Zirkusartist, der u.a. auch auf dem Festival zu sehen war. Und natürlich meint man den berühmten Großvater in dem Schauspieler zu erkennen.

Der zweite Film: „Martha & Niki“ - eine Dokumentarfilm über zwei schwedische Tänzerinnen, die 2010 als erste Frauen die Weltmeisterschaft im Hip Hop gewannen. Im Film werden die beiden jungen Frauen in den folgenden fünf Jahren begleitet.

Niki Tsappos, eine der beiden Tänzerinnen, durften wir schließlich sogar noch live auf der Bühne erleben. Sie war eines der Jury-Mitglieder bei „Twisted Feet“, der Street Dance und Contemporary Dance Show des Festivals und tanzte im Anschluss an den Wettbewerb ein Solo.

Wir nehmen wahnsinnig viele Eindrücke mit nach Hause und halten Göteborg in bester Erinnerung!

29. März 2016

Hoffnung in Dosen? - Gastbeitrag von Steffi Eisenschenk über das 34. Fadjr International Theater Festival in Teheran

Theater unter den Augen des Wächterstaats

Iran, Januar 2016. Das ist der Anfang einer Geschichte, deren Ursprung ganz weit hinten liegt. Oder ganz vorne. Kommt auf die Sichtweise der Verhältnisse an. Ich weiß nicht genau, wann es anfing, doch es begann mit diesem Satz: „Es ist keine Kunst, die Welt zu erobern; wenn du kannst, erobre ein Herz!“ Diesen lautbaren Talisman von Saadi hat mir Goethe angehängt. Diese Idee einer Auswanderung in ein anderes Herz, dessen Rhythmus ich spüre. So baut die Kunst ihre Brücken über die Poesie. Durch Gedanken reisen, durch Texte, Bilder, Bewegung und Musik. In Filmen, auf Bühnen, im Leben, wo alles zusammen spielt. Dort begegnen sich Menschen mit ihren Sinnen und durch Geschichten. Und ich glaube, Johann Wolfgang kam über Hafiz zu Saadi, dem persischen Dichter. Goethe, ein Handelsreisender zwischen den Kulturen. Mit „Hidschra“ als Reisender im „Wechseltausch“ fremder Lebensformen - dem Orient. Heutzutage scheint das schwierig für Europa, wo es doch für den Einzelnen mit Kultur leicht sein kann. Doch das ist eine lange Kette von verwirrenden Verstrickungen.

Über den Dächern von Teheran (Foto: Stefanie Eisenschenk)

Einblick
2016 in Deutschland, das Jahr war erst ein paar Wochen alt und drohte schon in ideologischem Verortungsgebrüll zu versinken. Gruselig fühlte sich das an, denn ein verwirrter Prozentsatz war so laut. Genau jetzt die Gegenbewegung anzutreten war Zufall. Raus aus Deutschland, rein in ein „unsicheres Herkunftsland“. Eine Reise in den Iran. In eine islamische Republik! Ein rotes Tuch für die Angstprediger Deutschlands. Einwurf, sicherheitshalber: Eine Iranexpertin bin ich nicht, nach sechzehn Tagen habe ich nur Fragmente erfasst. Und natürlich war alles anders als erwartet, obwohl ich nicht ganz unvorbereitet war. Beeinflusst war ich von Jafar Panahis' "Taxi Teheran" und "Der Kreis" sowie "A Separation" von Asghar Farhadi und "A Girl Walks Alone Home At Night" von Ana Lily Amirpour und dem gesamten Rest meines Lebens.

Parallelen

Es hat mich deshalb nicht überrascht, dass im Iran nicht nur Ahmadinejads wohnen oder nur Mullahs bei den 80 Millionen Einwohnern. Jedoch verhüllen sich viel mehr Frauen mit dem schwarzen, langen Gewand, dem Tschador, als ich dachte. Die erste Begegnung im Flughafen Teheran: wir saßen zusammen auf der Toilette. Alle in unseren Kopftüchern und rauchten. Ungeahnte Parallelen. Sie sind vorhanden, denn auch Nonnen tragen Kopftuch. Nur haben die katholischen Damen die Wahl - schwarz und auch weiß. Unsere Nonnen wohnen allerdings in Klöstern und gehen nicht in die Moscheen, leben aber ebenfalls nach religiösen Regeln. Freiwillig. Das Aufzwingen von Religion vom Staatswegen ist für mich allerdings eine sehr ungesunde Vermischung. Welche religiösen Regeln jetzt richtiger oder wichtiger sind und ob überhaupt Glaubensregeln oder einfach Menschenrechte das Zusammenleben möglich machen, diese Antwort sollte jeder Demokrat den Menschen selbst überlassen. Dies gehört zu den Grundrechten einer demokratischen Einstellung.

Da die Gegenwart ihre Wurzeln immer auch ganz woanders hat, erfordert es einen historischen Blick. Wer nur über die aktuellen Vorschriften der Bekleidung oder die herrschende Zensur im Iran spricht, ohne die Entwicklungsgeschichte des politischen Systems der islamischen Republik und deren Machtstrukturen zu betrachten, der bleibt nur an der Oberfläche hängen.

„Das ist im Grunde nur die Warze, nicht die Krankheit.“ (Thomas Brasch im Gespräch mit Günter Grass.

Symbole (Foto: Stefanie Eisenschenk)


Es ist kein Zufall, dass ich sehr oft bei dieser Reise an Thomas Brasch, Barbara Köppers oder Irmtrauth Morgner denken muss. Eine Spiegelung von Geschichten, gespalten durch die Zeit. Kunst in der DDR. Überhaupt, Kunst unter dem Einfluss von Zensur, Kunst unter dem Hakenkreuz - das Zeichen werde ich in einem alten Tempel aus der persischen Zeit neben einem Davidstern in den Mauern sehen. Der Tempel mit dem „Hakenkreuz“ Symbol ist lange vor dessen Missbrauch erbaut worden. Das Symbol wurde genauso entfremdet und benutzt von den Nazis, wie der Begriff „Arier“. Der Dokumentarfilm „Die Arierer“ hat in 2014 endlich das Lügenwerk der begrifflichen Rassenideologie präzise offen gelegt. Arier – geklaut aus dem alten Persien. Dass ein Arier ein Mensch ist - wie du und ich - hat König Darius vor 2500 Jahren in Stein gemeißelt. Tragischerweise wurde der Begriff von den Nazis für perfide Propaganda-Strategie benutzt und mit ausgedachten Attributen zu einem Pseuydoideal zusammengebastelt. Für mich blitzte hier immer wieder die Gegenwart aus Deutschland durch - wo Personen der AfD und anderer Parteien begonnen haben öffentlich zu irrlichtern. Die Sprache wird für politische Propaganda missbraucht, um ängstliche Mitläufer zu gewinnen. Eine verlogene Instrumentalisierung der Flüchtlinge für herrschaftliche, politische Zwecke. Die Fluchtursachen sind komplex und es erfordert ein Hinterfragen seiner eigenen Selbstherrlichkeit - weil es doch tatsächlich um ein verdecktes Spiel der Beherrschung geht (S. 118-120, Moderne und Ambivalenz, Zygmund Bauman). Womit ich wieder bei Hamlet bin.

Hamlet im Spannungsfeld des Wächterstaats

34. Fadjr International Theater Festival in Teheran (Fotos: Stefanie Eisenschenk)

Zum 34. Fadjr International Theatre Festival nach Teheran fuhr ich, weil ich als Freundeskreismitglied der Schaubühne versuche, mindestens ein Gastspiel pro Jahr zu begleiten. In "Hamlet" wird regelmäßig der König ermordet, betrogen und gelogen. Am Schluss sind fast alle tot. Shakespeares Schurkenstück in Teheran - mit diesem Hintergrund der Geschichte der Diktatoren: vom Schah von Persien, der Revolution 1979 des Ajatollah Khomeini, sowie der blutigen Unterdrückung von 2009, wo die Demonstrationen gegen die Wiederwahl Ahmadinejads brutal niedergeschlagen wurden - dies unter den Augen des obersten, religiösen Imans? Der gleiche Iman Ali Khamenei, der auch im Theatersaal hängt. Über Hamlets Handeln gewissermaßen, in Mitten der vielen Verstrickungen. Kaum eine Vorstellung konnte besser sein. Für mich war es eine Annäherung über eine doppelte Flucht - mit Umweg über die Spaltungsfigur "Hamlet", dem Fremdblick und der Zensur - es war ein ganz anderer Nährboden, auf welchen diese Wörter fielen:

„Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage“

Wie aber inszenierte Thomas Ostermeier (Schaubühne) Hamlet unter den Augen des Wächterstaats? Mit Probelauf vor dem Zensor? Wo eine institutionalisierte Religion im Deckmantel und Dienst der Machterhaltung wirkt? Ahmadinejad ist weg, der neue Ministerpräsident Ruhani scheint für Erneuerung und einer Öffnung Irans zur Welt zu stehen. Dem Iran wird jetzt verheißungsvoll „Aufbruch“ zugeschrieben, denn seit Januar herrscht Atomfrieden mit den USA und auch das Handelsembargo gibt es seit kurzem nicht mehr. Die Systematik in der islamischen Republik ist jedoch genau die Gleiche geblieben: der oberste Geistliche, der Iman entscheidet, wer ins Parlament darf und wer nicht. Wer immer also im Parlament sitzt, ist durch die Struktur des Wächterstaats gegangen und damit automatisch ein Teil des Systems. Wie die Herrschaftsideologie die Menschen formt ist ungewiss. Fakt ist, immer noch finden erschreckend viele Hinrichtungen statt. Es gibt keine Meinungsfreiheit, die Frauenrechte sind weit entfernt von Gleichberechtigung, die Revolutionswächter achten auf „Teufelsfrisuren“ oder ob das Kopftuch getragen wird. Kunst ist der willkürlichen Zensur unterworfen. Gerade wo Unterdrückung herrscht, hat Kunst oft ein stärkeres Gewicht, ein wirkliches Anliegen. Kunst, trotz Zensur, aber ohne sich dem Regime anzudienen? Das sind Widersprüche, die schwierig auszuhalten sind, aber es ist nicht unmöglich. Es braucht Willen dazu, Mut und Ausdauer.

Iranischer Magazin-Beitrag zur Schaubühne (Foto: Stefanie Eisenschenk)


Eine andere Ophelia - eingerahmt von den Mullahs
Es war verwirrend, wie anders Shakespeares Dichtung (Jenny König als Ophelia zum Gastspiel in Teheran) im Iran wirkte. Diese Verschiebung des Blickwinkels an diesem Ort, mit diesem Stück hat mich berührt. Die Verwicklungen und das Fallen des Claudius (Urs Jucker) und Polonius (Robert Beyer) am Anfang sah ich in Teheran mit ganz anderen Augen. Zwar auch unter dem Regenschlauch, auch im Dreck der Torfbühne, aber trotzdem empfand ich viele Szenen und Texte viel sinnbildlicher, viel deutlicher und viel intensiver als in Berlin.

„Das Schauspiel sei die Schlinge,
In die den König sein Gewissen bringe.“


Vieles war greifbarer. Ich steckte selbst ungewohnt in diesem Umhang der erzwungenen Verhüllung und den vielen Verboten für Frauen. Ophelia (Jenny König) im rosa Kopftuch, von Hamlet mit Dreck beworfen und mit Torf zugedeckt auf dem Grab – Unsichtbarkeit ist fast wie ein kleiner Tod. Diese Veränderung der Inszenierung wirkt sinnbildlich stark - in Berlin wälzen sich die beiden körperlich umschlungen im Dreck. Um den Vorgaben zu entsprechend jegliche Konturen des Körpers zu entfernen, saß ich mit Poncho im Theater; „ich passte mich an, blieb aber fremd“ (vgl. S. 31 „Ist das ein Leben“ von Insa Wilke über Thomas Brasch). Die schlimmste Einschränkung im Iran ist aber, dass dort niemand offen sagen darf, was er wirklich denkt. Angst macht gefügig. Damit merkte ich auf der eigenen Haut - hier steht etwas auf dem Spiel, es geht hier um etwas. In Berlin, inmitten einer satten und sogenannten „freien“ Wohlstandsgesellschaft ist vieles einfach so egal, so banal. Was in Berlin in der Vielzahl der Möglichkeiten untergeht, ist in Teheran hoch brisant. Und Ostermeier hat über Lars Eidinger als Hamlet geschickt Verweise an unterschiedliche Adressaten eingebaut.

Die Atmosphäre im Theatersaal war dem entsprechend erwartungsvoll, fast schon flirrend in der Vahdat Hall. Es war allen klar, dass die Inszenierung aus Berlin durch den Zensurfilter des Wächterstaates musste, aber trotzdem wurde viel erwartet. Es waren sehr viele Leute, die das Stück sehen wollten. So viele, dass sogar das Eingangstor gestürmt wurde. Ich konnte mich gerade noch so reinquetschen. Die Vorschrift, dass Männer und Frauen sich nicht berühren dürfen in der Öffentlichkeit, hatten in dieser Situation wirklich alle Beteiligten verdrängt. Und so haben wir am Eingang das gemacht, was auf der Bühne selbst nicht gezeigt werden durfte - körperlichen Vollkontakt. 

Kunst als Probe
Die Kunst der Künstler wurde auf die Probe gestellt. Nicht nur von den Zuschauern, im Iran auch durch die Zensur. Eine doppelte Herausforderung sozusagen. Eine verhüllte Kunst der Störung. Und trotzdem ein Probelauf zum Verhalten?

HAMLET in Teheran

„Schändlichkeiten, Herr, denn der satirische Schuft da sagt, dass alte Männer graue Bärte haben und ein Kassengestell tragen…“


Bei diesem Dialog blickt Hamlet nach oben, wo rechts und links die beiden Imane hängen - wie in allen öffentlichen Gebäuden, Ajatollah Khomeini und der aktuelle Machthaber Ali Khamenei. Beide mit langen, grauen Bärten. Khamenei trägt auch eine Brille. Diese Anspielung verstand ich sofort, denn Polonius (Robert Beyer) trug im Iran kein Kassengestell. Die Übertitel der Übersetzung in Farsi konnte ich allerdings nicht lesen. Trotz Zensor und unter den Augen des iranischen Kulturministers folgten weitere kleine Anspielungen, die teils in die deutschen Dialoge eingeflochten oder einfach bei passender Gelegenheit kurz in Englisch eingeworfen wurden. Shakespeare hat in Hamlet eine kurze Theaterszene eingebaut, ein Theater im Theater sozusagen. Hamlet ist darin als Frau verkleidet, in Berlin lässt Ostermeier Hamlet in Damen-Dessous eine Frau spielen, im Iran trägt er stattdessen - ich glaube ein schwarzes Nonnenkostüm. Oder einen Tschador? Ich konnte das noch nie auseinanderhalten. Der verschleierte Hamlet sagte jedenfalls „Don’t touch“ zu seinem Schauspielkollege Sebastian Schwarz, der scheinbar zu nah kam. Damit spielte der verschleierte Hamlet auf die Verbote der Berührung in der Öffentlichkeit zwischen Frau und Mann an. Der Schaubühnen-Hamlet in Teheran wurde so um eine weitere Ebene ergänzt, die nur über Anspielungen und Querverweise funktionierte. Die Iranerinnen und Iraner lachten über diese Anspielung, weil sie diese Beschränkungen im Alltag des öffentlichen Lebens allzu gut kennen. Hamlet war damit ein Komplize der Zuschauer und hat sie gleichzeitig auf den Seziertisch gelegt.

Die Kunst sich zu verhalten.

Im direkten Kontakt zum Publikum fragt Hamlet auf Englisch „Hat Hamlet Laertes etwas angetan?“ Es folgte ein Dialog, der das Dilemma auf den Punkt brachte. Hamlet stellte seine Frage ungefähr an 1000 Leute. Nur ein Zuschauer gab ein Handzeichen, das ist nicht selten auch so in Berlin der Fall. Alle anderen enthielten sich. Anfangs. Jetzt trat der Schauspieler Lars Eidinger heraus aus seiner Rolle des Hamlet und sprach einen Herrn aus der ersten Reihen direkt an. Einen, der sich nicht beteiligt hatte. „What’s your opinion?“ Der Zuschauer druckste herum, vom Publikum kamen Zwischenrufe „we don’t  know it, we are confused“. Der Mann fragte dann Lars Eidinger, was seine Meinung wäre. (Ich klappe dabei innerlich zusammen). Eidinger antwortete, er sei nur der Schauspieler, der einem Skript folgt. Aber er, als Zuschauer, er müsste doch eine Meinung haben und nicht nur dort auf seinem Stuhl sitzen. Das ist im Iran eine andere Aufforderung als in Deutschland. Wo jedoch ist eine solche Meinungsübung besser möglich als im Theater? Beziehungsweise sich beispielhaft zu verhalten?

In diesem Moment trat etwas ans Licht, Eidinger zog ein Problem blank - er wirkte tatsächlich verzweifelt, stand da, mit seinem künstlichen Wanst im Haweiihemd und für mich stand hier jemand, der „Wahrsprechen“ forderte. Vehement. Was in einer Diktatur allerdings lebensbedrohlich sein kann. Wie gesagt - Angst macht gefügig. Es gibt im Leben nicht auf alles eine Antwort, aber in dieser Situation ging es um ein Erkennen, ein Wissen, das alle im gleichen Raum zur gleichen Zeit als Theaterstück miterlebt hatten. Und trotzdem schien es schwierig zu entscheiden, was passiert war. Das Publikum im Iran, wie in Berlin beobachtete, aber verstand nicht, was es gesehen hatte. Was war richtig? Was war falsch? Seine Meinung zu vertreten, sich zu verhalten - und das öffentlich - erfordert immer Mut. Eine Meinung zu vertreten bietet immer Angriffsfläche, genau das jedoch gilt es auszuhalten. Ja, Hamlet hat Polonius erschossen. Versehentlich zwar, aber tot ist er trotzdem. Ophelia hat sich seinetwegen umgebracht. Alle im Raum haben das gesehen, aber einordnen war schwierig. Denn Shakespeare schaffte Verwirrung, ein Gedankenchaos, immer wieder ein Meister seines Fachs. Endlich kam die Erlösung von einer Frauenstimme „but he killed his father“ und dann noch eine weitere, zarte Frauenstimme „and he made Ophelia doing suicide.“ Laertes (Franz Hartwig) hat also zwei ihm nahestehende Menschen verloren. In dieser Menge und genau in diesem Moment hatte ich das Gefühl von einem Augenblick -  es klingt so groß -  doch es fühlte sich an wie - Wahrheit. Dieser Moment wurde für mich „zum Erscheinungsort ihrer eigenen Diskursgegenwart, einer Gegenwart, die sie als Ereignis befragt“. Wie das Foucault in einer seiner letzten Reden sagte „Über den Mut zum Wahrsprechen im politischen Diskurs. Die Regierung des Selbst und der anderen.“

So hatte ich Hamlet noch nicht erlebt. Es ging mehreren so, aber nicht allen. Manche fanden das Nachfragen von Hamlet (Lars Eidinger) zu vehement. Meine Meinung ist, warum sollte die Machtstruktur, die durchaus auch auf der Bühne gilt, nur zwischen Schauspielern und Zuschauern, nicht ebenfalls aufgebrochen werden? Geht es nicht genau darum?

Schaubühnen Ensemble im begeisterten Schlussapplaus des iranischen Publikums (Foto: Amir Safar Saghafi)

Gleichbehandlung und Gerechtigkeit
Hamlet in Teheran war kein Wegducken im politischen System des Mullah-Regimes, das im religiösen Deckmäntelchen agiert. Die Unterdrückung und die sozialen Missstände im Iran sind offensichtlich. Reich und arm klaffen auseinander, wie in so vielen anderen Ländern. ¼ der Bevölkerung Irans genießen Sonderstatus durch Vorzüge des Regimes, diese Personen wiederum stützen überhaupt das ganze Konstrukt. Interessen erzeugen soziale Positionen, das sind gemachte Strukturen, das gilt nicht nur für den Iran. Die Frage ist nur, welche Interessen herrschen?  Es bedeutete für mich, durch den Umweg der Distanz im Iran, auf die eigenen Situation in Deutschland zu blicken. Das zwar eine Demokratie ist und ein Rechtsstaat, dennoch frage ich mich, welche Interessen herrschen. In Deutschland ist das alles ein Jammern auf hohem Niveau, dennoch sind soziale Ungleichheiten nicht selten eine ungesunde Entwicklung, die es den rechten Lagern wohl leichter macht, Anhänger zu finden. Das wird aktuell nicht nur in Deutschland deutlich. Jeder selbstherrliche Blick, den der Westen oft für sich beansprucht, verleugnet die eigenen Zwänge oder Fehlentwicklungen.

„Wahrsprechen“ und auch die Art und Weise, die Wahrheit zu sagen: Der Sprecher bringt sich dabei selbst in Gefahr, nimmt dieses Risiko aber rückhaltlos in Kauf. Foucault spricht in diesem Zusammenhang auch von der „Dramatik des wahren Diskurses“.

Anruf der Poesie
Es ist eine Lücke in dieser Republik.
Es ist eine Fuge in einem Kopf.
Es ist eine Fuge in einer Frau.
Es ist eine Fuge in der Musik von Bach.
Und es ist eine Fuge in dieser Geschichte.
Und nur wenn diese Fuge da ist, durch die man so schielen kann wie in eine Lücke von dem verbotenen Zimmer oder so.
Und hinter all dem noch etwas sieht, was möglich ist in einer Welt oder in einer Gesellschaft, die man für so festgemauert hält. Aber auch in einer Mauer hat der Maurer irgendwo gepfuscht und da wo wer pfuscht, siehst du plötzlich durch und dahinter sitzen Indianer und die Alternative ist nicht mehr einsam oder zweisam, sondern noch etwas anderes.
(von Thomas Brasch, aus dem Buch von Insa Wilke "Ist das ein Leben”)

Junge Frauen im Iran (Foto: Stefanie Eisenschenk)

Es sind wieder viele erste Anzeichen von Hoffnung für Veränderung, kleine Lücken, die den Widerstand überwinden lassen. Kleine Ritzen von Hoffnung. Die einen Anfang machen. Einige Pärchen im Teheran sah ich, die hielten sich einfach an der Hand und gingen demonstrativ durch die Stadt. Eine weitere, stille Revolution soll seit längeren im Gange sein - Bildung. Die Väter schicken ihre Töchter auf die Universitäten. 60% der Studierenden sind Frauen. Die Forderung nach Veränderung kommt von der Bevölkerung selbst, besonders aus der jüngeren Gesellschaft. Die modernen Leute in Teheran leben zwei Leben, eines für das Staatsregime und ein zweites, privates, hinter verschlossenen Türen. Der Wunsch, ein Leben zu führen, ist stark.

Wie das aussieht haben westliche Zaungäste nicht zu bestimmen, allerdings bringt das Kennenlernen und der Austausch vieles auf eine andere Ebene. In einen Prozess des Miteinanders. Was hoffentlich mehr ist, als der Genuss eines süßen Koffeingetränks in roter Dose. Wie das aussehen könnte, hat viele Gesichter und liegt im Handeln und Begegnen jedes Einzelnen. Sonst sitzen wir im Niemandsland mit Gespenstern (vgl. Außerhalb des Spiels v. Thomas Brasch). Beim Abflug in Teheran sprach mich eine sehr kleine, alte Frau an. Komplett im Tschador verhüllt, ich verstand kein Wort. Sie holte unter ihrem Umhang ein Gebäck heraus und drückte es mir mit ihren beiden Händen sehr innig in meine Hand. Alle waren wir Handlungsreisende im Wechseltausch. Es gab mehrere solch verwirrender Offenherzigkeiten im Iran. Ohne ein Verhältnis zu sich und ohne Umgang mit der Welt findet sich Nichts. Wie das Zusammen aussieht, hängt an jedem Wort und an jeder Geste, die zeigt, ob wir versuchen miteinander zu leben. Es können sehr viele kleine Lichtblicke sein.

„Oft nennt die Welt im eitlen Trug, den Weisen dumm, den Narren klug.“ (Saadi)

Dieser Text erscheint ebenfalls am 29. März 2016 auf derFreitag.

6. Oktober 2014

London Calling, Friedrich-Luft-Preis und neue Ensemblebilder (Rückblick September 2014)

04.09.2014 - PREMIERE Leonce und Lena (Georg Büchner, Regie: Patrick Wengenroth, Schaubühne)
...inszenierte Langeweile - irgendwie lustig, streckenweise aber auch sehr langatmig...Wengenroths ganz eigener Humor und seine typischen Gesangseinlagen zünden wie immer, das Stück selber ist jedoch nur stellenweise mitreißend...

07.09.2014 - Veranstaltung der Freunde der Schaubühne: Brunch zum Spielzeitbeginn an der Schaubühne (siehe mein Bericht für die Freunde der Schaubühne)

07.09.2014    Never Forever (Falk Richter, Voraufführung, Schaubühne)

15.09.2014   PREMIERE Das Kalkwerk (Thomas Bernhard, Regie: Philipp Preuss, Schaubühne)
...Bernhard großartig in Felix Römers Monolog..

19.09.2014    For the Disconnected Child (Verleihung Friedrich-Luft-Preis, Schaubühne)
....Lucy Frickes Laudatio fast so bewegend wie das Stück und auf den Punkt mein Empfinden beschrieben... 

20.09.2014    Kampagnenvorstellung Ensemblebilder (Fotografen Mahler, Schaubühne)
...wunderbare Bilder, bei denen die Frauen im Ensemble in jedem Fall  die Männer übertreffen...

21.09.2014    Archivübergabe Schaubühne an die Akademie der Künste   

24.-28.09.2014    Londonreise (siehe mein Bericht für die Freunde der Schaubühne)

1. August 2012

Freunde der Schaubühne auf Reisen in Stockholm

Bitte Regensachen einpacken!
Stockholm / 6° Grad / Regen. Und was für ein Regen… Die schwedische Hauptstadt wird auch das „Venedig des Nordens“ genannt und ist also eine Stadt mit viel Wasser. Dieses Wasser kommt am ersten Tag der Freundeskreis-Reise von oben, von unten, von der Seite. Unser „Reiseleiter“ Christian hatte uns vorab gewarnt, passende Kleidung und Schirm einzupacken. Dieses Wetter – das nicht typisch für die Saison ist und uns ausgerechnet während unseres 5-tägigen Aufenthalts ereilen sollte – wurde quasi zu unserem ständigen Begleiter. Regenschirmleichen säumten unseren Weg, wo auch immer wir waren. Wir nahmen’s zunächst mit Groll, im Laufe des Aufenthalts mit Humor und im Rückblick als unvergesslich mit unserer Reise verbundenes Erlebnis.


Regenschirm-Leichen: Das Wetter in Stockholm forderte seine „Opfer“

5 Tage voll Kunst, Kultur und als Höhepunkt „Julie“
Unsere kleine aber feine Runde der Freunde (14 Personen) war in diesem Jahr in die schwedische Hauptstadt gereist, um Kultur zu erleben, gemeinsam die Stadt zu erkunden und als Höhepunkt der 5-tägigen Reise das Ingmar Bergmann Festival zu besuchen. Hier wurde die Schaubühnen-Produktion von „Fräulein Julie“ gezeigt.


Dramaten:  Die Schweden sind sehr stolz auf ihre Schauspieler

 Im Dramaten (kurz für Kungliga Dramatiska Teatern, das schwedische Nationaltheater), in dem das Festival stattfand erhielten wir am ersten Tag eine Führung hinter die Kulissen und wurden herzlich von der Festivalleitung begrüßt. Die Empfehlung für die Gestaltung des Abends: Ein Besuch der Poduktion „Jag blev slagen klockan fjorton och fyrtiofem“. Die Autorin Éléonore Mercier hat für diese Koproduktion mit verschiedenen internationalen Theatern (darunter auch drei Häuser aus Deutschland - das DT, das Düsseldorfer Schauspielhaus und das Schauspiel Frankfurt) 1653 Sätze aus Telefonaten einer Telefon-Hotline für häusliche Gewalt zusammengestellt. Die beteiligten Theater konnten aus diesen Sätzen für ihre Performance frei wählen und dazu eigene Szenen entwickeln, die in einer zweistündigen Inszenierung gezeigt wurde. Bei einem solch bewegenden Thema fiel die Diskussion unter den Freunden im Anschluss an das Stück entsprechend kontrovers aus.


Schloss Drottningholm: Die grauen Wolken verdarben uns auch hier nicht die Freude

Besuche und Führungen durch diverse Museen (Modernes Museum, Schloss Drottningholm, Vasamuseum) gehörten wie immer zum Programm der Freundeskreisreise, ebenso ein Besuch der Barockoper „Jason & Medea“ im Schlosstheater. Da die Geschmäcker und Erwartungen bekanntlich verschieden sind, wurde das Kulturprogramm mal mit mehr (die äußerst charmante, kompetente und informative Führung durch Drottningholm) mal mit weniger Begeisterung aufgenommen (die leider sehr schlecht vorbereitete und etwas lustlose Dame im Modern Museet konnten den Kunstkennern unter uns nicht wirklich Neues bieten).

Die Schaubühnen-Julie begeistert das schwedische Publikum

Und dann gab’s natürlich noch „unsere Julie“! Gemeinsam mit zahlreichen schwedischen Theaterfans sahen wir Katie Mitchells Inszenierung im Annex, einer Außenspielstädte des Festivals. Die Schaubühnen-Julie, die ohnehin eine Herausforderung für Jule Böwe, Tilman Strauß, Cathlen Gawlich, Luise Wolfram und das gesamte Team darstellt, musste aufgrund der räumlichen Verhältnisse vor Ort noch einmal neu arrangiert werden – eine zusätzliche Schwierigkeit für die Schauspieler, die diese aber mit Bravour meisterten. Entsprechend begeistert war das schwedische Publikum. Bei der anschließenden Premierenfeier im Dramaten gemeinsam mit dem Schaubühnen-Team war die Stimmung zu Recht euphorisch.

Wohin geht es nächstes Jahr?
Am Abreisetag war uns der Wettergott dann zwischendurch doch noch einmal hold und endlich konnten wir einen Eindruck davon bekommen, wie bezaubernd Stockholm im Sommer ist. Auch Dank Christian Clement, der die Reise wie immer hervorragend organisiert hat, war unser Stockholm-Aufenthalt ein tolles Erlebnis für den Freundeskreis. Christian wird in wenigen Wochen nach New York gehen und die nächste Reise nicht mehr für uns gestalten können. Ob die amerikanische Cent-Münze, die wir auf dem letzten Spaziergang durch die Stadt finden, ein Zeichen für unser nächstes Reiseziel sein soll, überlasse ich jedem selbst.

Fotos: Elmar Engels

13. Oktober 2011

Freunde der Schaubühne: Venedig (1)

Ich erlaube mir, von unserer Reise nicht chronologisch zu berichten und beginne mit dem eigentlichen Grund und damit gleichzeitig mit dem Höhepunkt unseres Aufenthalts in Venedig: Die Verleihung des Goldenen Löwen an Thomas Ostermeier am Montag, 10.10.2011 im Ca’ Giustinian im Rahmen der Biennale Teatro 2011. Während der gleichen Zeremonie erhielt Stefan Kaegi (bzw. das Rimini Protokoll) den Silbernen Löwen als Auszeichnung für ein vielversprechendes Theaterprojekt. Wäre es nach Ostermeier gegangen, hätte das Rimini-Protokoll ebenso den Goldenen Löwen bekommen, wie er in seiner Dankesrede betont.

Wie kann man eine solche Preisverleihung noch toppen? Klar – mit Theater! Weil ich den Hamlet der Schaubühne (ja, mein Lieblingsstück und von der Schaubühne sowieso!) das letzte mal vor drei Jahren gesehen habe, habe ich mich den ganzen Tag auf die Vorstellung – die Italien-Premiere – gefreut. Die Betreiber des Teatro Goldoni haben es dann auch noch extra spannend gemacht, indem sie statt wie geplant um 20 Uhr einfach ein halbe Stunde später angefangen haben. Sicherlich auch für die Schauspieler, die ja schon vor Beginn des Stückes auf der Bühne sind, keine tolle Situation. Schuld waren Ungereimtheiten bei der Sitzplatzverteilung. Aber so richtig hat uns das zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht mehr gewundert – hatten wir doch die letzten Tage gelernt, dass die Italiener Absprachen manchmal nicht so verbindlich nehmen bzw. Missverständnisse ganz normal sind. Schließlich hatten alle irgendeinen Platz, sogar die, die ohne Karte am Theater ankamen (wie schön!), allerdings nicht immer den allerbesten (nicht so schön!). Wenn man gefühlte 500 Meter entfernt von der Bühne sitzt, die man nur komplett sieht, wenn man aufsteht, ist man froh, wenn man das Stück schon mal gesehen hat. Es ist halt immer besser, wenn man die Gesichter der Schauspieler sehen kann. Aber: Im Rückblick ist das alles nur noch halb so schlimm und das Stück entschädigt für alle Unannehmlichkeiten. Lars Eidinger hat extra für das Venezianische Publikum ein paar Italien spezifische Besonderheiten eingebaut („Mamma Mia!“) und ansonsten freut man sich einfach über die für den Schaubühnen-Hamlet typischen Elemente: Deichkind, New Balls, usw. Und natürlich die tollen, tollen Schauspieler! Wir habens genossen und das italienische Publikum auch.


Der Rest ist ein spätes Abendessen gemeinsam mit dem Schaubühnen-Team im Paradiso Perduto. Für den Weg zurück zum Hotel lassen wir uns viel Zeit, fahren drei Stationen Vaporetto mit einigen Schauspielern. An der letzten Brücke wollen wir eigentlich noch nicht, dass der Tag und damit unsere Venedig-Reise zu Ende ist. Daher bleiben wir hier einfach noch eine halbe Stunde stehen und werfen Münzen in den Kanal, damit wir wieder kommen können.