Posts mit dem Label Jule Böwe werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Jule Böwe werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

6. November 2016

Rückblick September und Oktober 2016: Spielzeitbeginn, Premieren, Tanz und Diskussionen

Die theaterfreie Zeit im Sommer war dieses Jahr wegen meines Besuchs des Göteborg Theaterfestivals im August zum Glück erträglich. Wie immer startete ich die Spielzeit mit dem Tanz im August und dem alljährlichen Brunch der Freunde der Schaubühne.


SEPTEMBER

04.09.16 Tanz im August: Until our Hearts stop von Meg Stuart/Damaged Goods (Volksbühne)
Die sechs Performer*innen bringen nicht nur sich selbst sondern auch das Publikum an die Grenze des Zumutbaren. In der Performance werden physische Grenzen ausgelotet. Meg Stuarts Performance ist eine Produktion an den Münchner Kammerspielen.


08.09.16 PREMIERE Empire von Milo Rau (Schaubühne)

Rami Khalaf, Maia Morgenstern, Akillas Karazissis in EMPIRE (Foto: Marc Stephan)

Mit Empire schließt Milo Rau seine Europa-Trilogie, eine dreijährige Auseinandersetzung mit Mythos und Realität Europas, ab.  Schauspieler*innen aus Griechenland, Syrien und Rumänien erzählen von künstlerischer und wahrer Tragik, von Folter, Flucht, Trauer, Tod und Wiedergeburt.

------------------------------------------------------------

Eine Produktion des IIPM – International Institute of Political Murder. In Koproduktion mit dem Zürcher Theater Spektakel, der Schaubühne am Lehniner Platz Berlin und dem Steirischen Herbst Graz. Gefördert vom Regierender Bürgermeister von Berlin – Senatskanzlei – Kulturelle Angelegenheiten, Hauptstadtkulturfonds Berlin, Pro Helvetia und Migros-Kulturprozent. Mit freundlicher Unterstützung: Kulturförderung Kanton St. Gallen.

Konzept, Text und Regie: Milo Rau   
Musik: Eleni Karaindrou
Bühne und Kostüme: Anton Lukas   
Video: Marc Stephan   
Dramaturgie und Recherche: Stefan Bläske, Mirjam Knapp   
Sounddesign: Jens Baudisch
Technik: Aymrik Pech
Produktionsleitung: Mascha Euchner-Martinez, Eva-Karen Tittmann

Text und Performance: Ramo Ali, Akillas Karazissis, Rami Khalaf, Maia Morgenstern

Dauer: ca. 120 Minuten

Weitere Infos und Trailer zum Stück auf der Seite der Schaubühne.

Essay zum Stück in Pearson's Preview: Empire on and off-stage: A Conversation with Milo Rau


18.09.16 Brunch der Freunde der Schaubühne
An unserem Brunch am Wahltag in Berlin wurde über den Spielplan 2016/17 gesprochen, der selbstverständlich von den aktuellen politischen Ereignissen geprägt sein wird.


24.09.16 re-re-re-visited thisisitgirl von Patrick Wengenroth (Schaubühne)
Stücke, wie dieses sind auch beim vierten mal noch so gut wie beim ersten mal. Für alle Feminist*innen und auch alle anderen: Hingehen!


28.09.16 PREMIERE Schatten (Eurydike sagt) von Elfriede Jelinek/Katie Mitchell (Schaubühne)

Jule Böwe in Schatten / Eurydike sagt (Foto: Gianmarco Bresadola)

Katie Mitchell hat bereits mehrmals an der Schaubühne inszeniert und fast immer geht es in ihren Stücken um Weiblichkeit aus einer feminsitischen Sicht. Mit Elfriedee Jelineks Text zelebriert sie durch die Entsteheung eines Live-Films auf der Bühne Eurydikes unfreiwillige Reise aus dem Reich der Schatten zurück in die patriarchale Zivilisation.
------------------------------------------------------------------

Regie: Katie Mitchell   
Mitarbeit Regie: Lily McLeish   
Bildregie: Chloë Thomson
Bühne: Alex Eales   
Kostüme: Sussie Juhlin-Wallen   
Videodesign: Ingi Bekk
Mitarbeit Videodesign: Ellie Thompson   
Sounddesign: Melanie Wilson, Mike Winship   
Licht: Anthony Doran
Dramaturgie: Nils Haarmann   
Skript: Alice Birch   

Mit: Jule Böwe, Stephanie Eidt, Renato Schuch, Maik Solbach
Kamera: Nadja Krüger/Stefan Kessissoglou, Christin Wilke, Marcel Kieslich
Boom Operator: Simon Peter

Dauer: ca. 75 Minuten

Weitere Infos und Trailer auf der Seite der Schaubühne.

Essay zum Stück in Pearson's Preview: Weder Theater, noch Kino: Katie Mitchells dritte Kunstform in »Schatten«


OKTOBER
    
16.10.16 Streitraum: Kosmopolitismus und Menschenrechte (Schaubühne)
Carolin Emcke diskutierte mit ihrer Doktomutter Seyla Benhabib.
Einen Mitschnitt der Veranstaltung gibt es hier.


16.10.16 Podiumsdiskussion „Warum spielen“ (Schaubühne)
Am Abend des selben Tages gab es eine weitere Podiumsdikussion. Max und ich haben dazu diesen Beitrag verfasst.


26.10.16 Buchvorstellung: Carolin Emcke "Gegen des Hass" (Schaubühne)
Die mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnete Autorin las aus und sprach über ihr Buch mit René Aguigah (Deutschlandradio Kultur). In "Gegen des Hass" versucht sie zu erklären, wie es zu den extremen Formen der Feindlichkeit gegen Geflüchtete, Rassismus, Homophobie, religiösem und nationalistischem Fanatismus und Demokratiefeindlichkeit kommt und appelliert an ihre Leser*innen dem Hass zu widersprechen. Ein Lob des Vielstimmigen, des "Unreinen". Ein Denkanstoß und eine Argumentationshilfe für alle, die eine humanistische Haltung und offene Gesellschaft wollen.


31.10.16 re-visited Never Forever von Falk Richter (Schaubühne)
Nun habe ich auch dieses Stück von Falk Richter noch einmal gesehen. Regine Zimmermann ist eine tolle Besetzung für die weibliche Hauptrolle und jede Gelegenheit Tilmann Strauß zu sehen, der ja nicht mehr im Ensemble ist, ist lohnenswert. Berührend: Ilse Ritter!

Ilse Ritter in NEVER FOREVER (Foto: Arno Declair)


14. Dezember 2015

Blumen, Kleider, High Heels: Premiere "Ophelias Zimmer" von Katie Mitchell (Schaubühne)

Jenny König als Ophelia (Foto: Gianmarco Bresadola)

Eine ganz und gar beklemmende Inszenierung ist "Ophelias Zimmer" von Katie Mitchell. Die Dunkelheit, die Musik, die Geräusche drohend, quälende Monotonie. Zunächst strengen mich die ständigen Wiederholungen an und nerven sogar ein bisschen, aber dann wird mir die Figur dort auf der Bühne immer näher. Freilich ist Ophelia (Jenny König) hier das Opfer, so hat Shakespeare die Figur ja angelegt. Viele hatten etwas anderes erwartet von der Feministin Mitchell - so äußern sich die Freund/innen und Bekannten, die ich im Theater nach der Premiere spreche: Vielleicht eine Frau, die sich in ihrem Zimmer irgendwie versucht zu wehren gegen die Männer, gegen die Bevormundung, gegen die unangenehmen Liebes- und Lustbekundungen von Hamlet, gegen ihre Rolle, die ihr auch von der Mutter (Stimme aus dem Off von Jule Böwe) vorgeschrieben wird. Das tut sie in "Ophelias Zimmer" nicht. Sie bleibt und wird eingesperrt, gefangen in den immer gleichen Handlungen und im sich ständig wiederholenden Tagesablauf (Tee trinken, sticken, lesen, kurz mal an die frische Luft - was Frau halt so darf), mit Pillen vollgestopft. Verabreicht werden die Medikamente von einem "Bewacher" (Ulrich Hoppe), der nicht mal handgreiflich werden muss, damit sie diese schluckt, es reicht der Tonfall, der Befehl.

Liebesbekundungen von Hamlet auf Kassette (Foto: Gianmarco Bresadola

Trotzdem oder gerade deswegen ist das Stück großartig. Natürlich nicht, weil man mit Ophelia resignieren möchte. Sondern weil man sich bei allem eigenen feministischen Getue hin und wieder vor Augen führen lassen muss, dass nicht der bloße Wille reicht, sondern oft auch die Umstände Selbstbestimmtsein verhindern. Man möchte Ophelia/Jenny König trösten, wenn sie weinend auf ihrem Stuhl sitzt während Hamlet (Renato Schuch) seinen Affentanz aufführt (ein Anspielung auf Lars Eidinger als Hamlet in der Ostermeier-Inszenierung?). Die über ein Dutzend Kleider, die sie im Stück übereinander anzieht, erzeugen Assoziationen: Schutzpanzer, aber auch Zwangsjacke, der aufgedunsene Körper, der bald schon im Wasser treiben wird. Im übrigen werden ihr auch diverse Kleider vom Dienstmädchen angezogen (!), dazu High Heels (männliche Wunschvorstellung von Weiblichkeit), einmal sogar in rot, und immer wieder Blumen ("Blumen sind für Tote"). Die zweite Frau im Stück als Verbündete der Männer. Interessanterweise gespielt von Iris Becher, die in Patrick Wengenroths "thisisitgirl" eine ganz andere Frauenrolle verkörpert.

Sie weint, er tanzt (Foto: Gianmarco Bresadola)

Die Beschreibung der fünf Phasen des Ertrinkens, dazu das von Wasser geflutete Zimmer am Ende des Stückes, Bedrohung von allen Seiten, der Mädchenkram - die Blumen und Schuhe - treiben im Wasser vor sich hin. Und doch ertrinkt Ophelia nicht einfach, sondern sie nimmt sich - quasi als einzige selbstbestimmte Handlung - das Leben, indem sie sich die Kehle aufschneidet. Da fühlt man sich natürlich sofort an "Fräulein Julie" erinnert, eine andere großartige Inszenierung von Katie Mitchell (wobei Julie noch auf Jeans Empfehlung handelt).

Bedrohung Wasser (Foto: Gianmarco Bresadola)

Jenny König, eine Schauspielerin, die immer wieder von Neuem überzeugt, leistet hier Großartiges. Und natürlich stellt sich die Frage, inwiefern die Zuschauer/innen ihre Ophelia in Ostermeiers Hamlet-Inszenierung nun mit anderen Augen sehen und ob sich das Gesamtbild dieser Rolle verändern wird.

Für mich eine der besten Inszenierungen in dieser Spielzeit bisher!
-----------------------------------------------------------------------

Koproduktion mit dem Royal Court Theatre London.

Text: Alice Birch  
Regie: Katie Mitchell  
Bühne und Kostüme: Chloe Lamford  
Sounddesign: Max Pappenheim
Dramaturgie: Nils Haarmann  
Lichtdesign: Fabiana Piccioli
Mitarbeit Regie: Lily McLeish

Mit: Iris Becher, Ulrich Hoppe, Jenny König, Renato Schuch  

Die Texte von Ophelias Mutter wurden eingesprochen von: Jule Böwe  

Statisten: Oliver Herbst / Mario Kutz

Dauer: ca. 120 Minuten

Weitere Infos Zum Stück & Probentrailer mit Erläuterungen von Katie Mitchell auf der Seite der Schaubühne.

Leseempfehlung: Der Text "Das 'poetischste' aller Themen" von Elisabeth Bronfen über die "schöne" Frauenleiche und die Misogynie E.A. Poes, der in seinem Essay "The Philosophy of Composition" die sterbende Frau ästhetisiert  (im Programmheft zu "Ophelias Zimmer").

Gunda Bartels vom Tagesspiegel hat Jenny König zu ihrer Rolle in "Ophelias Zimmer" und der als Gertrud/Ophelia in Thomas Ostermeiers Hamlet-Inszenierung interviewt - Die Schauspielerin Jenny König: Die Untergeherin (tagesspiegel.de am 8.12.2015)

Max Penthollow schrieb mir bereits vor ein paar Tagen.

3. Dezember 2015

Max Penthollow schreibt mir // Kapitel 10: Schmerzliche Einschnitte ("Fräulein Julie" an der Schaubühne)

Max Penthollow schreibt mir...

Liebe Maren,

mehr zu Fräulein Julie:

Fräulein Julie von August Strindberg 1888 – Schaubühne – Regie: Katie Mitchell – Premiere am 25. September 2010

1. Der Inhalt:
Mittsommernacht in Schweden 1888, Küche im Gutshaus, Fest der Sommersonnenwende. Fräulein Julie (25), Tochter der Herrschaften, verführt den mit Köchin Kristin (35) verlobten Diener Jean (30), den sie schon seit ihrer Kindheit anhimmelt.

Nach der Mittsommer-Liebes-Nacht sieht Julie ihre Ehre verloren und nimmt sich mit Jeans Rasiermesser das Leben.

 2. Bühne und Kostüme sind im Stil der damaligen Zeit. Die Darsteller/innen spielen das Stück in stark verkürzter Form. Auf der Bühne wird synchron zum Spiel vom Spiel ein Film gemacht, der synchron zum Spiel auf der Projektions-Leinwand über der Bühne zu sehen ist. Links vorn auf der Bühne ein Tisch für Nahaufnahmen, rechts vorn auf der Bühne ein Tisch mit ca. fünf Mikrofonen für die Geräusche.

Zwei Geräuschemacherinnen, zwei Kameramänner. Schauspieler/innen und Kameraleute bedienen fünf Videokameras. 400 Filmschnitte (Go's), zwei Beamer – just in case.

Luise Wolfram als Julie vor der Kamera (Foto: Thomas Aurin)

Es gibt viel Bewegung, Laufen und Rennen, das Ganze ist eine ausgeklügelte Choreografie für ein Ballett der Darsteller/innen und Kameraleute auf der Bühne für das Schauspiel und für die zeitgenaue Bedienung der Stative, Kabel, Kameras, Tonlabor. Alle arbeiten in präzisem Zeittakt.

3. Cellomusik live mit Ensemble-Begleitung vom Tonträger und aus schallgedämpften Tonkabinen eingesprochene Lyrik von Inger Christensen aus Dänemark und warmes hellgelbes Licht, das von draußen durch die Fenster hereinfällt.

4. Der Strindberg-Text
ist stark gekürzt, Motive und Leitmotive sind immer präsent und wesentliches Merkmal der Inszenierung und des Stücks: das Wasser, die Spiegel, das Blut, das Feuer, die Kräuter, die Blumen, die Wanduhr, das Rasiermesser, das Licht, die Gestaltung der Bühne, die Kostüme, die Cellomusik, die eingesprochene Lyrik aus den Kabinen („die Aprikosenbäume, die vierzehn Kristallgitter, die sieben kristallinischen Systeme, Zedern, Zypressen, Cerebellum“, „das unbenutzte Bett des Schlaflosen“ und so weiter).

 5. Einige Requisiten der Geräuschemacherinnen
sind: Zündhölzer, Feuer, Wasser, Gläser, Fläschen mit Verschlusskorken, Vogelfedern, Stoff, unter dem Tisch Kies, Gras-Äquivalent, verschiedenartige Schuhe, ca. fünf Mikrofone über und unter dem Tisch.

Cathlen Gawlich, Jule Böwe, Tilman Strauß u.a.: Text & Geräusche (Foto: Thomas Aurin)

6. Und jetzt kommt das Beispiel: Jean zündet in der Küche seine Zigarre mit einem großen Zündholz an: dieses Anzünden des Zündholzes ist zeitgleich vierfach zu sehen für die Theaterbesucher/innen in vier unterschiedlichen Szenen: 1. direkt: in der Küche (Jean zündet ein Zündholz an), 2. direkt: links am Tisch für Großaufnahmen (Darstellerin zündet ein Zündholz an, Live-Großaufnahme), 3. direkt: rechts am Tisch für das Geräusch des aufflammenden Zündholzes (Geräuschemacherin zündet ein Zündholz an, Live-Tonaufnahme) und schließlich 4. im Film auf der Projektionswand die Live-Großaufnahme des Anzündens vom Tisch auf der Bühne links und die Live-Tonaufnahme des eben entfachten und auflodernden Zündholzes vom Tisch auf der Bühne rechts. Für die Szene werden also zeitgleich drei Zündhölzer angezündet und vier sind zu sehen! Das hat schon was!

7. Wenn das kleine braune Fläschchen mit dem Kräuter-Elixir beim Entkorken Plop macht, gibt es im Saal leises Lachen.

8. Die Aufführung
dauerte zuletzt (Oktober 2013) etwa 75 Minuten, ganz früher bis 85 und 90 Minuten.

Am 16. Oktober 2013 war die 75. Vorstellung (laut Schaubühnen-Programm).

9. Bei dem ganzen synchrontechnisch und choreografisch ausgeklügelten und teilweise ballettartigen Spiel mit Stativen, Kabeln und Kameras habe ich ich besonders die kleinen nicht geplanten Besonderheiten geliebt, wenn etwas nicht ganz perfekt war, wenn z.B. ungeplant plötzlich ein Kontrollmonitor im Bild (Film) auftaucht oder wenn unbeabsichtigt Julies kleiner Zeisig Serine im Live-Film bereits zerteilt auf dem Schneidebrett in der Küche in zwei Stücken zu sehen ist, schon kurz bevor (!) Jean im Stück (nur im Film/Bild zu sehen!) den kleinen Vogel mit dem Küchenmesser mit einem lauten Messerschlag mit einem Hieb in zwei Stücke schneidet. Oder wenn die langen Kamerakabel auf der Bühne entwirrt werden müssen und das Entwirren der Kabel etwas länger dauert.

Mir haben das emsige Treiben und das gelegentlich eilige Laufen und Rennen auf der Bühne immer sehr gut gefallen. Besonders gern habe ich den Geräuschemacherinnen bei Ihrer Arbeit zugesehen.

Das Intro finde ich ganz toll!

10. Das Spannende und das besonders Faszinierende an Katie Mitchell‘s Inszenierung besteht für mich in einer aufregenden Balance zwischen dem Spiel auf der Bühne und dem synchron dazu gemachten und synchron dazu gezeigten Spiel des Live-Films vom Spiel auf der Bühne.

Die Cellomusik auf der Bühne, die eingesprochene dänische Lyrik und das eigenwillig fallende goldgelbe Licht der sonnigen Mittsommernacht geben dem Stück aus meiner Sicht eine besondere und eigenartige unwirkliche Stimmung.

11. Die Schaubühne ist für Gastspiele von Katie Mitchells Inszenierung von „Fräulein Julie“ viel und weit gereist:

Gastspiele der Schaubühne mit „Fräulein Julie“ (Quelle: www.schaubuehne.de):
Paris (März 2012)
Athen (Juni 2012)
Stockholm (Juni 2012)
Avignon (Juli 2012)
Zagreb (September 2012)
Moskau (Dezember 2012)
Paris (März 2013)
London (April/Mai 2013)
Rennes (November 2013)
Reims (Dezember 2013)
Tianjin (April 2014)
Beijing (April/Mai 2014)
São Paulo (März 2015)
Almada (Juli 2015)

 12. In den vergangenen vier Jahren habe ich Katie Mitchells „Fräulein Julie“ an der Schaubühne genau 20 mal gesehen.

Ich möchte „Fräulein Julie“ dort sehr gerne noch ein paar mal sehen!

Sehr, sehr gerne!

Allerliebst

Max
-----------------------------------------------------------

Autor: August Strindberg
Regie: Katie Mitchell, Leo Warner
Bühne und Kostüme: Alex Eales
Licht: Philip Gladwell
Sounddesign: Gareth Fry, Adrienne Quartly
Musik: Paul Clark
Dramaturgie: Maja Zade

Kristin: Jule Böwe
Jean: Tilman Strauß
Julie: Luise Wolfram
Kristin Double: Cathlen Gawlich
Kristin Hände: Lisa Guth, Luise Wolfram
Kamera: Andreas Hartmann / Stefan Kessissoglou, Krzysztof Honowski
Geräusche: Maria Aschauer, Lisa Guth
Weitere Kameraaufnahmen, Geräusche und Stimmen aus dem Off: Ensemble
Violoncello: Chloe Miller / Gabriella Strümpel

Dauer: ca. 75 Minuten

Infos und Trailer auf der Seite der Schaubühne.

Mein Bericht aus Stockholm 2012 zu „Fräulein Julie“ hier.

13. Januar 2014

Wengenroths Autorenklub: Ausgabe 1 - Lilian Hellman (Schaubühne)

In seinem neuen Salon-Format stellt Regisseur Patrick Wengenroth Autoren aktueller Inszenierungen an der Schaubühne vor. In der ersten Ausgabe betrachtete Wengenroth gemeinsam mit Schauspielern, Dramaturg Florian Borchmeyer und Theaterkritiker Thomas Irmer das Werk und Leben von Lilian Hellman. Für die musikalische Untermalung sorgte Matze Kloppe, der regelmäßig in Wengenroths Inszenierungen mit auf der Bühne steht. "Die kleinen Füchse" hat am 18. Januar 2014 Premiere an der Schaubühne (Regie: Thomas Ostermeier).

Es wurde aus Texten von Hellmann gelesen, gespielt, improvisiert, gesungen - besonders beeindruckend Eva Meckbachs zurückgenommene Version von Simon & Garfunkels "America" - und diskutiert. Es ging um Alkohol - ebenso wie viele ihrer männlichen Kollegen (z.B. Hemingway) war Hellman Alkoholikerin -, Rauchen und "unamerikanische Umtrieb" - die politische linke Aktivistin Lilian Hellmann und ihr Lebensgefährte Dashiel Hammett gerieten in den 50ern ins Visier Senator Mc Carthys.

Wie wir das von Wengenroth kennen wurde mit Ironie und Spaß nicht gespart. Ein gut gelauntes Publikum verließ nach drei Stunden den Theatersaal, um bei Wein und Bier das Wochenende einzuläuten.

Im März und April sollen weitere Ausgaben mit Brecht (Herr Puntila und sein Knecht Matti unter der Regie von Friederike Heller hat am 11. März 2014 Premiere) und Bolaño ("2666" unter der Regie von Àlex Rigola hat am 3. April 2014 Premiere) folgen.

Die taz schreibt über der Abend: "Die Grandezza des Rauschs"

9. Mai 2013

"That's the way the potatoe mashes" - The Black Rider an der Schaubühne

Ich habe „The Black Rider“ vom genialen Trio Waits/Wilson/Burroughs bereits vor 16 Jahren im Schauspiel Bonn  gesehen und nun die Inszenierung an der Schaubühne von Friedrike Heller schon zum zweiten mal. Das Stück verliert nicht an Attraktivität noch an Aktualität.

Musikalische Verstärkung holt sich Heller, die zum wiederholten Male an der Berliner Schaubühne inszeniert hat, mal wieder durch die Band „Kante“.

Jule Böwe, Ulrich Hoppe, Tilmann Strauß, Franz Hartwig, Sebastian Nakajew und die Band Kante (Foto: Thomas Aurin)




























Mein Herz gehört bei Hellers Black Rider definitiv Jule Böwe. Die kann zwar nicht so toll englisch, was man beim Singen schon sehr hört, aber das ist vollkommen egal. Denn irgendwie passt es wunderbar. Meinetwegen könnte sie irgendeinen Sprachkauderwelsch singen – es wäre trotzdem anziehend. (Zugegeben: Ich kenne die Texte der Songs in- und auswendig, was sicher ein Vorteil ist.)  Dabei bin ich eigentlich gar kein ausgesprochener Jule-Böwe-Fan, aber hier hält sie das ganze Stück zusammen. Heller fasst in ihrer Figur, die dauerbetrunken über die Bühne torkelt, mehrere Rollen (Mutter, Onkel) zusammen, was dem Stück in meinen Augen gut tut.


Jule Böwe (Fotos. Thomas Aurin)

Ein Phänomen ist auch Franz Hartwig als Wilhelm, der eine unglaubliche Kondition beweist und obendrein so süß ist, dass man sich keine bessere Besetzung aus dem Schaubühnen-Ensemble vorstellen kann. Ergänzt wird er hervorragend durch Lucy Wirth, die relativ  neu an der Schaubühne ist, aber sofort überzeugt. Tilmann Strauß als wunderbar schmieriger Stelzfuß, Ulrich Hoppe und Sebastian Nakajew sorgen für weitere Lacher und einen entspannt amüsanten Abend.

Lucy Wirth und Franz Hartwig (Foto: Thomas Aurin)
Heller hat die dem Stück imanente Waffen- und Drogenthematik versucht herauszustellen. Zusätzlich hat sie Originaltexte von William Burroughs eingebaut. Diesen kann man die Geschehnisse rund um den Tod seiner Frau entnehmen kann, die er erschossen hat, als er die Apfelszene aus Wilhelm Tell nachspielen wollte. Aber davon abgesehen, handelt es sich einfach um eine Inszenierung, bei der man nicht jedem Quatsch eine tieferen Bedeutung beimessen muss, und wenn man sich darauf einmal eingelassen hat, macht es vor allem eins: Spaß!

Weitere Infos zur Black-Rider Inszenierung an der Schaubühne hier. 

1. August 2012

Freunde der Schaubühne auf Reisen in Stockholm

Bitte Regensachen einpacken!
Stockholm / 6° Grad / Regen. Und was für ein Regen… Die schwedische Hauptstadt wird auch das „Venedig des Nordens“ genannt und ist also eine Stadt mit viel Wasser. Dieses Wasser kommt am ersten Tag der Freundeskreis-Reise von oben, von unten, von der Seite. Unser „Reiseleiter“ Christian hatte uns vorab gewarnt, passende Kleidung und Schirm einzupacken. Dieses Wetter – das nicht typisch für die Saison ist und uns ausgerechnet während unseres 5-tägigen Aufenthalts ereilen sollte – wurde quasi zu unserem ständigen Begleiter. Regenschirmleichen säumten unseren Weg, wo auch immer wir waren. Wir nahmen’s zunächst mit Groll, im Laufe des Aufenthalts mit Humor und im Rückblick als unvergesslich mit unserer Reise verbundenes Erlebnis.


Regenschirm-Leichen: Das Wetter in Stockholm forderte seine „Opfer“

5 Tage voll Kunst, Kultur und als Höhepunkt „Julie“
Unsere kleine aber feine Runde der Freunde (14 Personen) war in diesem Jahr in die schwedische Hauptstadt gereist, um Kultur zu erleben, gemeinsam die Stadt zu erkunden und als Höhepunkt der 5-tägigen Reise das Ingmar Bergmann Festival zu besuchen. Hier wurde die Schaubühnen-Produktion von „Fräulein Julie“ gezeigt.


Dramaten:  Die Schweden sind sehr stolz auf ihre Schauspieler

 Im Dramaten (kurz für Kungliga Dramatiska Teatern, das schwedische Nationaltheater), in dem das Festival stattfand erhielten wir am ersten Tag eine Führung hinter die Kulissen und wurden herzlich von der Festivalleitung begrüßt. Die Empfehlung für die Gestaltung des Abends: Ein Besuch der Poduktion „Jag blev slagen klockan fjorton och fyrtiofem“. Die Autorin Éléonore Mercier hat für diese Koproduktion mit verschiedenen internationalen Theatern (darunter auch drei Häuser aus Deutschland - das DT, das Düsseldorfer Schauspielhaus und das Schauspiel Frankfurt) 1653 Sätze aus Telefonaten einer Telefon-Hotline für häusliche Gewalt zusammengestellt. Die beteiligten Theater konnten aus diesen Sätzen für ihre Performance frei wählen und dazu eigene Szenen entwickeln, die in einer zweistündigen Inszenierung gezeigt wurde. Bei einem solch bewegenden Thema fiel die Diskussion unter den Freunden im Anschluss an das Stück entsprechend kontrovers aus.


Schloss Drottningholm: Die grauen Wolken verdarben uns auch hier nicht die Freude

Besuche und Führungen durch diverse Museen (Modernes Museum, Schloss Drottningholm, Vasamuseum) gehörten wie immer zum Programm der Freundeskreisreise, ebenso ein Besuch der Barockoper „Jason & Medea“ im Schlosstheater. Da die Geschmäcker und Erwartungen bekanntlich verschieden sind, wurde das Kulturprogramm mal mit mehr (die äußerst charmante, kompetente und informative Führung durch Drottningholm) mal mit weniger Begeisterung aufgenommen (die leider sehr schlecht vorbereitete und etwas lustlose Dame im Modern Museet konnten den Kunstkennern unter uns nicht wirklich Neues bieten).

Die Schaubühnen-Julie begeistert das schwedische Publikum

Und dann gab’s natürlich noch „unsere Julie“! Gemeinsam mit zahlreichen schwedischen Theaterfans sahen wir Katie Mitchells Inszenierung im Annex, einer Außenspielstädte des Festivals. Die Schaubühnen-Julie, die ohnehin eine Herausforderung für Jule Böwe, Tilman Strauß, Cathlen Gawlich, Luise Wolfram und das gesamte Team darstellt, musste aufgrund der räumlichen Verhältnisse vor Ort noch einmal neu arrangiert werden – eine zusätzliche Schwierigkeit für die Schauspieler, die diese aber mit Bravour meisterten. Entsprechend begeistert war das schwedische Publikum. Bei der anschließenden Premierenfeier im Dramaten gemeinsam mit dem Schaubühnen-Team war die Stimmung zu Recht euphorisch.

Wohin geht es nächstes Jahr?
Am Abreisetag war uns der Wettergott dann zwischendurch doch noch einmal hold und endlich konnten wir einen Eindruck davon bekommen, wie bezaubernd Stockholm im Sommer ist. Auch Dank Christian Clement, der die Reise wie immer hervorragend organisiert hat, war unser Stockholm-Aufenthalt ein tolles Erlebnis für den Freundeskreis. Christian wird in wenigen Wochen nach New York gehen und die nächste Reise nicht mehr für uns gestalten können. Ob die amerikanische Cent-Münze, die wir auf dem letzten Spaziergang durch die Stadt finden, ein Zeichen für unser nächstes Reiseziel sein soll, überlasse ich jedem selbst.

Fotos: Elmar Engels

9. März 2012

Ich vermisse: Galerie der Toten bei „Galaxy" von BLITZ auf dem F.I.N.D. 2012

"Ich bin River Phoenix. Ich starb am 31. Oktober 1993 an einer Mischung aus Drogen und Alkohol. Ich vermisse meine Geschwister, Johnny Depp und die Red Hot Chili Peppers.“ – „Ich bin eine Kassette. Ich starb vor einigen Jahren. Ich wurde getötet von der CD, der Minidisc, der MP3, der MP4. Wie konnte das passieren.“ So und so ähnlich lauten die Mini-Monologe in Galaxy: Eva Meckbach, Jule Böwe, Bernardo Arias Porras, Judith Engel, Christoph Gawenda und Thomas Bading von der Schaubühne sowie Christos Passalis von BLITZ aus Athen stellen in einer dreistündigen Performance Tote und Totgesagtes vor. Sie schreiben Namen und Begriffe mit Edding auf Zettel und erläutern Namen, Todesdatum, Bedeutung und Zusammenhänge.


Historische Persönlichkeiten, Ideale, Epochen, Kunstformen der letzten Jahrhunderte werden, ebenso wie tote Menschen, Tiere und Erfahrungen aus dem persönlichen Schatz der Schauspieler (Christoph Gawendas Bruder, Bernardo Arias Porras Schnurrbart, der Hund von Judith Engels Oma oder Eva Meckbach mit 18) beschrieben. Tänze (Breakdance, Steptanz uva.) werden genauso wie Liedgut (Pioniergesänge und Hymnen) in die Gegenwart geholt. Rollen, die die Darsteller einmal gespielt haben (Evas Meckbach spricht z.B. über Desdemona, die sie in Othello an der Schaubühne gespielt hat) werden in die Performance integriert, Menschen, von deren Ableben man aus dem Medien erfahren hat und theaterspezifische Anekdoten (das von den Kritikern immer wieder monierte schlechte (sic!) Sprechen der Schauspieler oder unkonkrete Regieanweisungen). Sowieso findet die Auseinandersetzung mit der Schaubühne (die „alte Schaubühne“ unter Peter Stein) oder dem künstlerischen Leiter (Erinnerung an die Baracke des DT unter der Leitung von Thomas Ostermeier, die Jule Böwe, Jens Hilje, Thomas Bading u.a. vermisst) Beachtung. Für Schaubühnen-Kenner wird sogar die von der Kritik geschmähte Edward II-Inszenierung thematisiert (die die Schauspieler, die das Stück gerne spielen, vermisst).

Die Performance ist offen, d.h. die Zuschauer können jederzeit den Raum verlassen und wieder zurückkehren. Aber da das alles ganz schön süchtig macht und man immer noch den nächsten und das nächste sehen will, möchte man nichts als hier bleiben. Der Zuschauer schwankt ständig zwischen Lachen-Müssen und Weinen-Wollen, zwischen Erinnern, Entsetzen und Erstaunen und wird mit einer Achterbahnfahrt der Gefühle sowie echten Herausforderung für das eigene historische Wissen konfrontiert. Einen besonderen Reiz macht auch die Überlagerung der Kurzmonologe aus, wenn die Schauspieler ihre Texte satzweise im Wechsel sprechen und dadurch unvermutete Bezüge entstehen (Freud/Depression). Oder wenn offensichtliche Bezüge eine andere Richtung nehmen: Auf Steve Jobs folgt konsequenterweise Apple, bei dem es sich jedoch nicht um die Software, sondern um einen verstorbenen Hundwelpen handelt.

Galaxy ist zunächst nur auf dem F.I.N.D. 2012 zu sehen. Bleibt zu hoffen, dass diese Performance in das Programm der Schaubühne übernommen wird.

Trailer Galaxy von BLITZ.

Foto: Schaubühne