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10. Juli 2019

Revolution mit Mediation: Über eine "Volksfeind"-Vorstellung an der Schaubühne

Dafür gehe ich ins Theater. Und deswegen kann ich mir ein Stück wie Ein Volksfeind auch zum 5., 6. oder 7. mal ansehen.

Bei einer der letzten Vorstellung der Spielzeit 2018/19 nahm die Diskussion, die nach Stockmanns (Christoph Gawenda) Rede auf der Bürger*innenversammlung folgt, eine besondere Wendung.  Nach einigen Wortmeldungen und der üblichen Kritik am Verhalten des Stadtrats und des Zeitungsverlegers meldete sich eine Dame und schlug vor, die Diskussion moderiert weiterzuführen. David Ruland in der Rolle es Verlegers Aslaksen merkte an, dass er dies ja versuche. Die Dame gab daraufhin zu bedenken, dass er aufgrund seiner persönlichen Interessen nicht die richtige Person dafür sei. Sie folgte der Einladung, auf die Bühne zu kommen und das Gespräch zu führen. Sie stellte sich als Mediatorin vor und leitete eine Situation ein, in der beide Parteien, die Möglichkeit hatten, ihre Punkte ruhig und ohne Unterbrechungen darzulegen. Wären wir nicht mitten in einem Stück sondern einer realen Situation gewesen, wäre das die ideale Situation gewesen, um mit einer geführten Diskussion durch eine neutrale Person verschiedene Aspekte des Problems zu beleuchten. Es wäre sicherlich spannend gewesen, zu beobachten, in welche Richtung das Gespräch läuft. Doch da das Stück weitergehen musste – wir befanden uns halt doch „nur“ im Theater – wurde die Dame nach wenigen Minuten von der Bühne geleitet. Dennoch zeigt sich hier, insbesondere bei einer Inszenierung wie der „Volksfeind“ , was Theater möglich macht. Kein Abend ist gleich, über die Handlung und Konflikte denkt vermutlich niemand aus dem Publikum das selben und je nach Tagesgeschehen sowie aktueller politischer Situation, kann man die von den Schauspieler*innen gesprochenen Texte unterschiedlich bewerten.

Deswegen bleibt Theater für mich immer spannend und ich empfehle jedem*jeder, sich eine Inszenierung mehr als einmal anzusehen.

Christoph Gawenda als Dr. Stockmann (Foto: Arno Declair)

5. Juni 2017

Rückblick April & Mai 2017: Künstler*innen treffen und verabschieden


APRIL
26.04.17 Diskussionsveranstaltung zur Wahl in Frankreich (Schaubühne)

Entscheidung in Frankreich. Vor der zweiten Runde der französischen Präsidentschaftswahlen diskutierten in Berlin lebende französische Journalist*innen (Daniel Cohn-Bendit, Pascale Hugues, Hélène Kohl und Elise Graton). Es moderierten Andreas Fanizadeh und Tania Martini (taz-Kulturredaktion).

Es ging nicht nur um Trends, Ergebnisse, Einschätzungen zur Wahl in Frankreich sondern auch darum, wie sich das Ergebnis auf die Demokratie in Europa, die Zusammenarbeit über Grenzen hinaus, die freie Presse und die soziale Gerechtigkeit auswirken könnte sowie um eine Bewertung des Abschneidens der französischen Rechten.

Eine Koproduktion von taz.die tageszeitung und Schaubühne Berlin.


28.04.17 Freunde treffen Künstler: Christoph Gawenda (Freunde der Schaubühne)

Die Freunde und Freundinnen der Schaubühne trafen sich mit dem Ensemblemitglieder Christoph Gawenda, um mit ihm über seine schauspielerische Laufbahn zu sprechen und Einblicke in seine Arbeit an der Schaubühne zu bekommen. Christoph hatte sich zwischen Auslandsgastspielen, Vorstellungen und Fotoshooting Zeit für den Freundeskreis genommen hat.

Ein Fotobericht hierzu ist auf der Seite der Freunde der Schaubühne zu finden.

Christoph Gawenda in "Angst essen Deutschland auf" von Patrick Wengenroth
    hier mit Jule Böwe und Lucy Wirth (Foto: Heiko Schäfer)


MAI      
10.05.2017 Angélica - Una tragedia (Schaubühne)

Dokumentarfilm über Angélica Liddell von Manuel Fernández-Valdés

Hätte ich diesen Dokumentarfilm über Angélica Liddell gesehen, bevor ich ihr aktuelles Stück "Toter Hund in der Chemischen Reinigung: Die Starken" gesehen habe, hätte ich dieses vermutlich anders wahrgenommen. Manuel Fernández-Valdés hat die spanische Schauspielerin, Regisseurin und Performerin Angélica Liddell bei den Proben zu "Todo el cielo sobre la tierra (El síndrome de Wendy)" im Frühjahr 2013 begleitet. Liddell nutzt dabei Elemente aus Peter Pan, verknüpft diese mit der realen Geschichte des norwegischen Massenmörders Anders Behring Breivik und lässt chinesische Walzertänzer*innen sowie einen deutschen Philosophistudenten auftreten. Außerdem rechnet sie in einem Monolg mit ihren Geschlechtsgenossinen ab. Gezeigt wird eine Künstlerin, die sich gemeinsam mit einem chinesischen Schauspieler zu "House of the rising sun" in Trance tanzt, die sich mit dem deutschen Schauspieler einen Kampf um einen deutschen Satz liefert, die einen Monolog wie eine Rasende spricht, die von ihren Schauspieler*innen fordert bis an viele Grenzen zu gehen. Außerdem liefert sie - im Film in Schriftform eingeblendet - Einblicke in ihr Inneleben. Angélica Liddell verbindet ihr Privatleben mit ihrer Kunst, drückt Ängste und Wut aus. Oft erinnert sie mich an Marina Abramovic. Manchmal meint man zu verstehen, was in ihr vorgeht. Manchmal ist man ratlos, was sie ausdrücken möchte. Faszinierend und berührend ist diese Persönlichkeit. - Sollte ich "Toter Hund" noch mal eine Chance geben? - Durch eine eigentlich unbedeutende Auseinandersetzung musste F.-V. seine Filmarbeiten und damit die Probenbegleitung unterbrechen. Auch hier zeigt sich die Eigensinnigkeit von Liddell. Erst kurz vor der Premiere versöhnten sich die beiden wieder und er durfte - wenn auch mit Einschränkungen - weiter filmen.


18.05.17 Ausstellungseröffnung: Enjoy the Journey - Fotos von Robert Beyer (Schaubühne)

In der ehemaligen Universum Lounge neben dem Kassenfoyer
vom 19. Mai bis 25. Juni 2017
Täglich von 11 bis 20 Uhr geöffnet
Eintritt frei

Aus der Ausstellung "Enjoy the Journey":
Lars Eidinger, Gastspiel »Richard III.«, Avignon 2015
(Foto: Robert Beyer)


Robert Beyer, Ensemblemitglied seit 1999, hat über zehn Jahre seine Kolleg*innen sowie das Leben vor und hinter der Bühne auf Gastspielreisen der Schaubühne dokumentiert, Portraits, die zwischen Privatheit und Selbstdarstellung changieren. Auch Bilder der Architektur der besuchten Städte sind zu sehen.

Gezeigt wird eine Auswahl von 60 Bildern, darunter Aufnahmen der Gastspielreisen nach Sydney (2010), Jerusalem (2011) und Ramallah (2012).

Alle Fotografien, die in der Ausstellung zu sehen sind, werden im Original (in einer Auflage von 5 Stück) verkauft:
22 x 14,5 cm, ohne Rahmen: 40 Euro
22 x 14,5 cm, mit Rahmen: 50 Euro
45 x 30 cm, ohne Rahmen: 70 Euro
45 x 30 cm, mit Rahmen: 100 Euro
74 x 79 cm, ohne Rahmen: 150 Euro
74 x 79 cm, mit Rahmen: 200 Euro

Wer ein Bild kaufen möchte, kann sich unter presse@schaubuehne.de an Maria Hartmann wenden.


19.05.17 revisited thisisitgirl von Patrick Wengenroth (Schaubühne)

Zum 5ten mal habe ich diese Inszenierung gesehen. Hier mein Bericht.
 

26.05.17 Faust (Volksbühne)
Die letzte große (und vor allem großartige) Inszenierung von Frank Castorf! Wunderbare sieben Stunden mit allen Volksbühnen-Lieblingen: Alexander Scheer, Sophie Rois, Martin Wuttke, Lilith Stangenberg, Marc Hosemann, Valery Tscheplanowa, Sir Henry uva.

"Das Männliche ist das Vergängliche."- Und weil wir alle wissen, dass dieser Abend einer der letzten mit diesem Ensemble und einer Volksbühne in dieser Art und Form ist, schwanken wir zwischen Euphorie und Wehmut. Diese sieben Stunden waren nie langweilig, sondern eine große Freude. Die Schauspieler*innen haben zum (fast) letzten mal auf dieser Bühne gezeigt, was die Volksbühne ist und nach dem Ende dieser Spielzeit vielleicht nie mehr sein wird.

Danke und auf Wiedersehen!

Mit: Martin Wuttke (Faust), Marc Hosemann (Mephistopheles), Valery Tscheplanowa (Margarete und Helena), Alexander Scheer (Lord Byron und Anaxagoras), Sophie Rois (Die Hexe), Lars Rudolph (Doktor Wagner), Lilith Stangenberg (Meerkatze Satin), Hanna Hilsdorf (Homunculus), Daniel Zillmann (Monsieur Bordenave, directeur du Théâtre des Variétés), Thelma Buabeng (Phorkyade), Frank Büttner (Valentin), Angela Guerreiro (Papa Legba und Baucis), Abdoul Kader Traoré (Baron Samedi & Monsieur Rap rencontrent Aimé Césaire) und Sir Henry (Der Leiermann)

Regie: Frank Castorf
Bühne: Aleksandar Denic
Kostüme: Adriana Braga
Licht: Lothar Baumgarte
Kamera: Andreas Deinert, Mathias Klütz
Videoschnitt: Jens Crull, Maryvonne Riedelsheimer
Musik/Ton: Tobias Gringel, Christopher von Nathusius
Tonangel: Dario Brinkmann, Lorenz Fischer, William Minke, Cemile Sahin
Dramaturgie: Sebastian Kaiser

8. Januar 2016

Max Penthollow schreibt mir // Kapitel 12: Royal Richard ("Richard III" an der Schaubühne)

Max Penthollow schreibt mir...

Liebe Maren,

hier ist mein Text zu Richard III:

Richard III – Shakespeare – Schaubühne  – Übersetzung: Marius von Mayenburg – Regie: Thomas Ostermeier – Premiere am 7. Februar 2015

Richard, Herzog von Gloster (Gloucester), praktizierender Psychopath, muss seine Macht weiter festigen und erweitern und König von England werden.

Richard muss König werden (Fotos: Arno Declair)

Dafür muss er potentielle Widersacher und auch seine Getreuen als mögliche Rivalen ermorden oder ermorden lassen und geriert sich dabei auch gerne als Gutmensch („Wenn ich deinen Ehemann getötet habe, dann doch nur aus tiefster Liebe zu Dir, um dir dann selbst ein liebender Ehemann sein zu können!“).

Richard ist finster drauf!

Die Frauen wickelt er um den Finger, sie sind ihm zugetan und sind ihm verfallen. Für Erhalt und Vermehrung seiner Macht lässt er auch ihre Kinder töten, was soll er denn auch machen?!

Warum verfallen die Frauen Richard? (Foto: Arno Declair)

Auch Richards Getreue und Ausführende seiner Auftragsmorde wirken mit am Erhalt des Macht-Systems und sind Richard bis zum Schluss loyal ergeben, bis sie - unberechenbar  wann – selbst in Ungnade fallen und eliminiert werden - müssen. Was bleibt dem Richard denn auch übrig?!

Dann sind alle weg, Richard ist jetzt Richard III, König von England, allein und einsam, und hat nur noch Feinde, die ihn bedrohen. Zutiefst finster!

Die Show fängt fulminant an, geht schwungvoll weiter und wird dann kontinuierlich mit zunehmender-Dezimierung (sic) der beteiligten Figuren immer langsamer bis hin zum Vollbild des finalen Stillstands.

Shakespeare weiß wie’s geht, Ostermeier auch:
Allerfeinste Inszenierung, beste Besetzung, hingebungsvolles Ensemble-Spiel, großartige Kostüme(!), exquisite Live-Musik! Erste Inszenierung im neuen Globe-Theater der Schaubühne, mehrere Etagen auf der Bühne und im Zuschauerraum, toll!

Das "Globe" in der Schaubühne (Foto: Arno Declair)

Voilà!

Very good theatre!

Allerliebst

Max
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Regie: Thomas Ostermeier   
Bühne: Jan Pappelbaum   
Kostüme: Florence von Gerkan
Mitarbeit Kostüme: Ralf Tristan Scezsny
Musik: Nils Ostendorf   
Video: Sébastien Dupouey   
Dramaturgie: Florian Borchmeyer   
Licht: Erich Schneider   
Puppenbau: Ingo Mewes, Karin Tiefensee
Puppentraining: Susanne Claus, Dorothee Metz
Kampfchoreographie: René Lay   

Richard III: Lars Eidinger   
Buckingham: Moritz Gottwald   
Elizabeth: Eva Meckbach   
Lady Anne: Jenny König   
Hastings, Brakenbury, Ratcliff: Sebastian Schwarz   
Catesby, Margaret, Erster Mörder: Robert Beyer   
Edward, Bürgermeister, Zweiter Mörder: Thomas Bading   
Clarence, Dorset, Stanley, Prinz v. Wales (als Puppe): Christoph Gawenda   
Rivers, York (als Puppe): Laurenz Laufenberg   
Schlagzeuger: Thomas Witte   

Dauer: ca. 150 Minuten

Richard III ist im in Saal C eingerichteten elisabethanischen Theater der Schaubühne ("Globe") zu sehen.

Pearson's Preview zum Stück hier.

Weitere Infos und Trailer auf der Seite der Schaubühne.

23. Februar 2014

Gute Menschen: „Atmen“ von Duncan Macmillan (Regie: Katie Mitchell) an der Schaubühne

Über 75 Minuten sitzen sie (Lucy Wirth und Christoph Gawenda) auf Rädern und treten in die Pedale, um den Strom zu erzeugen, der für die Halogenlampen an den beiden Podien benötigt wird (108,75 Wattstunden Energie für den Abend). Das Atmen fällt schwerer nach einer guten Stunde auf den Rädern. Das Paar versichert sich immer wieder „Wir sind gute Menschen.“ Und dazu gehört neben dem Mülltrennen, der Lektüre gehaltvoller Bücher und dem Kauf von Fairtrade-Kaffee auch die körperliche Fitness.

Ein Baby? Kann man ein Kind in eine Welt setzen deren Bevölkerung explodiert, in der Ressourcen knapp werden, deren Zukunft ungewiss ist? Den CO2 Fußabdruck eines Menschenlebens auszugleichen ist praktisch unmöglich. Drohend hängt ein digitaler Zähler über der Bühne: Über 7 Milliarden Menschen und es werden jede Sekunde 2,6 mehr. Der Zähler tickt unerbittlich immer weiter. Wer diesen Effekt einmal erleben will, kann z.B. hier klicken.





Kinderkriegen in einer solchen Welt: Ein Thema das vermutliche viele Paar umtreibt. Die Gespräche, die das Paar führt, sind soetwas wie Blaupausen typischer Paar-Diskussionen, die Selbstgespräche der Spiegel vieler Zweifel und Ängste, die man als nicht mehr ganz junger Mensch in sich trägt. Das Paar – gebildet, dem Jugendlichenalter entwachsen und in einer Großstadt lebend – wird schließlich schwanger, verliert das Kind, trennt sich, wird nach einem Wiedertreffen erneut schwanger und bekommt schließlich das Kind, von dem sie nie sicher waren, ob sie es wollen. Die Zeitsprünge zwischen den einzelnen Episoden in Duncan Macmillans Text werden immer kürzer. Nach einem „Routineeingriff“ hört er auf zu treten. Das Licht an seinem Podium geht in Sekunden aus. Dieser Effekt geht nahe. Im Publikum sind Laute der Erschütterung zu hören. Sie bleibt zurück, doch auch das Licht ihres Podium erlischt nur wenige Minuten später. Das 75minütige Surren der Räder verstummt. Zwei Menschenleben sind beendet.



Katie Mitchells Regie-Einfall: Der gesamte Strom, der für den Abend benötigt wird, wird durch die Schauspieler und vier weitere Radfahrer, die auf Standrädern sitzen erzeugt. Die Podien und weiteren Bühnenaufbauten sind aus Recyclingmaterialen gefertigt oder stammen aus dem Schaubühnenfundus. Somit wurden keine neuen Materialien verwendet.


Fazit: Eine beeindruckende Inszenierung über Beziehungen, Zukunft, Entscheidungen und reale Probleme in unserer Welt mit einigen einfachen, aber sehr wirkungsvollen Effekten.


Weitere Information zu "Amen".

Fotos: Stephen Cummiskey

13. Januar 2014

Wengenroths Autorenklub: Ausgabe 1 - Lilian Hellman (Schaubühne)

In seinem neuen Salon-Format stellt Regisseur Patrick Wengenroth Autoren aktueller Inszenierungen an der Schaubühne vor. In der ersten Ausgabe betrachtete Wengenroth gemeinsam mit Schauspielern, Dramaturg Florian Borchmeyer und Theaterkritiker Thomas Irmer das Werk und Leben von Lilian Hellman. Für die musikalische Untermalung sorgte Matze Kloppe, der regelmäßig in Wengenroths Inszenierungen mit auf der Bühne steht. "Die kleinen Füchse" hat am 18. Januar 2014 Premiere an der Schaubühne (Regie: Thomas Ostermeier).

Es wurde aus Texten von Hellmann gelesen, gespielt, improvisiert, gesungen - besonders beeindruckend Eva Meckbachs zurückgenommene Version von Simon & Garfunkels "America" - und diskutiert. Es ging um Alkohol - ebenso wie viele ihrer männlichen Kollegen (z.B. Hemingway) war Hellman Alkoholikerin -, Rauchen und "unamerikanische Umtrieb" - die politische linke Aktivistin Lilian Hellmann und ihr Lebensgefährte Dashiel Hammett gerieten in den 50ern ins Visier Senator Mc Carthys.

Wie wir das von Wengenroth kennen wurde mit Ironie und Spaß nicht gespart. Ein gut gelauntes Publikum verließ nach drei Stunden den Theatersaal, um bei Wein und Bier das Wochenende einzuläuten.

Im März und April sollen weitere Ausgaben mit Brecht (Herr Puntila und sein Knecht Matti unter der Regie von Friederike Heller hat am 11. März 2014 Premiere) und Bolaño ("2666" unter der Regie von Àlex Rigola hat am 3. April 2014 Premiere) folgen.

Die taz schreibt über der Abend: "Die Grandezza des Rauschs"

10. September 2012

Zum Wohle der Gesellschaft? - Ein Volksfeind (Schaubühne)

Als der Badearzt Thomas Stockmann (Stefan Stern) entdeckt, dass das Heilwasser seines Heimatorts vergiftet ist – die Zuleitungsrohre führen durch ein durch Fabriken verseuchtes Gebiet -, will er im Interesse der Allgemeinheit die Öffentlichkeit aufklären. Helfen soll ihm die Presse (die Journalisten Hovstadt / Christoph Gawenda  und Billing / Moritz Gottwald sowie der Verleger Aslaksen / David Ruland), die ihm zunächst Unterstützung zusagt.

Stadtrat Peter Stockmann (Ingo Hülsmann) - Foto: Arno Declair
Stockmann fordert seinen Bruder Peter, Stadtrat des Badeortes auf, die nötigen Maßnahmen vorzunehmen. Dieser weist ihn jedoch eindringlich auf die Folgen hin: Hohe Kosten und Imageschädigung für den Kurort – die wirtschaftliche Entwicklung sei damit auf Jahre gefährdet. Ein Gegengutachten soll beweisen, dass sich Stockmann bei seinen Untersuchungen geirrt hat.

Und plötzlich beginnen auch die Unterstützer zu schwanken, wobei weniger die Zweifel an Stockmanns Untersuchung oder die Angst um Folgen für die Gesellschaft eine Rolle spielen. Man befürchtet vielmehr die Gefährdung der eigenen Karriere und Finanzierung der Zeitung (Ausbleiben der Anzeigenschaltung durch Konzerne).

Auf einer Volksversammlung spricht Stockmann und will die Bürger auf seine Seite zwingen. Dabei geht es ihm nicht mehr um das vergiftete Wasser, er prangert die Gesellschaft und ihre Politiker als Ganzes an. Der selbsternannte Wohltäter Stockmann wird zum Volksfeind, seine Familie ausgegrenzt, seine Frau (Eva Meckbach) und er verlieren ihre Anstellungen.

Die Handlung nimmt eine weitere Wendung als sein Schwiegervater Morten Kiil (Thomas Bading) die nun fallenden Aktien des Bades billig aufkauft. Sowohl sein Bruder als auch Hovstadt und Aslaksen sind nun der Meinung, dass Stockmanns Enthüllungen dazu dienten die Aktien zu senken, um diese aufkaufen zu können. Sein Bruder bezichtigt ihn des Betrugs, die Zeitung erhofft sich finanzielle Unterstützung und verspricht, sich wieder auf Stockmanns Seite zu stellen.

Ibsens Drama bewegt sich auf einem schmalen Grat: Stockmann, der zu Beginn als Aufklärer auftritt und dem das Wohlergehen der Bevölkerung das wichtigste Anliegen scheint, entwickelt sich durch zunehmenden Widerstand zum Fanatiker. In seiner Rede auf der Volksversammlung stellt er die Frage:  Kann eine Mehrheit (in Stockmanns Worten: die Dummen) die richtigen Entscheidungen treffen? Oder soll nicht besser eine wissende Minderheit darüber entscheiden, was gut für eine Gesellschaft ist. Er fordert sie Auslöschung der verlogenen/verseuchten Gesellschaft.

Stockmann (Stefan Stern) auf der Volksversammlung - Foto: Arno Declair
Thomas Ostermeiers lässt in seiner Inszenierung des Volksfeind an der Schaubühne Stockmann aus einem Pamphlet des „Unsichtbaren Komitees“ zitieren: "Der kommende Aufstand", entstanden  nach den Aufständen in den französischen Banlieues im Jahr 2005. Im Text wird zum Widerstand gegen den Konsum aufgerufen. Außerdem wird das Publikum zur Volksversammlung und aufgefordert mitzudiskutieren, wie nun weiter verfahren werden soll. Und es ist durchaus unentschlossen als der Stadtrat und Aslaksen fragen, wer denn nun der Meinung Stockmanns sei und wer nicht. Bei der Premiere auf dem Theaterfestival in Avignon im Juli soll heftig diskutiert worden sein. Bei der Berliner Premiere sind die Zuschauer eher zurückhaltend. Den Forderungen des fanatischen Stockmanns kann man ja eigentlich nicht zustimmen. Aber ist es nicht Unrecht, dass aus rein wirtschaftlichen Interessen die Wahrheit vertuscht werden soll? Die Mehrheit des Publikums entzieht sich der Diskussion und überlässt die Entscheidung den Protagonisten auf der Bühne.

Bei Ostermeier sind Stockmann, Hovstadt und Co. eine Gruppe von Freunden, die dem Studentenalter gerade entwachsen scheinen und sich noch nicht recht entscheiden können, ob ihnen Ideale wichtiger sind als die eigene Karriere und damit die Existenzsicherung. Zu Beginn proben sie als Band und singen David Bowies „Changes“ („Don’t want to be a richer man / just turn and face the strain“). Als jeder seinen persönlichen Interessen folgt, werden sie zu Gegnern, die sich mit Farbbeuteln bewerfen.

"Changes" (Moritz Gottwald, Stefan Stern, Eva Meckbach, Christoph Gawenda) - Foto: Arno Declair
Im Programmheft zum Stück wird eine Bildungselite beschrieben, die „einen Lebensstil […] entwickeln, der es ihnen ermöglichte, einerseits wohlhabend und erfolgreich zu sein, andererseits aber auch rebellisch und unorthodox zu bleiben.“ Die sogenannten Bobos (David Brooks: Die Bobos. Der Lebensstil der neuen Elite).

Stefan Stern als nervöser Badearzt Stockmann, der seine Emotionen kaum im Griff hat und für die Erreichung seiner Ziele gerne über dieselben hinausschießt und Ingo Hülsmann als arroganter, aalglatter Stadtrat, die Tatsachen zu verkehren und die Situation zu nutzen weiß, dass ihm andere schnell nachfolgen, sind bemerkenswert. Hülsmann, der gerade erst vom Deutschen Theater an die Schaubühne gewechselt ist, hat die Zuschauer mit dieser Rolle sofort für sich eingenommen.

Ehepaar Stockmann (Eva Meckbach, Stefan Stern) - Foto: Arno Declair
Auch großartig: Thomas Bading als Unternehmenschef Morton Kiil im schlecht sitzenden Anzug und Barbour-Jacke mit Schäferhund an der kurzen Leine.

Wie immer bei Ostermeiers Inszenierungen ist auch das Bühnenbild von Jan Pappelbaum perfekt für das Stück: Es kommt mit wenig Ausstattung aus, die Szenerie wird durch Zeichnungen und Schriftzüge geschaffen, die mit Kreide an die mit Tafelfarbe gestrichenen Wände gemalt werden.

17. Juni 2012

FC Energie Schaubühne gewinnt Fußballmeisterschaft der Berliner Bühnen

Spannender hätte es der FC Energie Schaubühne nicht machen können. Im Finale der 6. Fußballmeisterschaft der Berliner Theater lagen Eidinger, Gawenda & Co. gegen die Spieler des Deutschen Theaters zunächst immer wieder hinten, auf die Ausgleichstreffer reagierte der Gegner jedes mal mit einem Gegentor. Nur wenige Minuten vor Ende des Spiels konnte sich die Elf (OK, auf der Bühne der Volksbühne durften nur jeweils drei Feldspieler ran, in der 14köpfigen Mannschaft konnte aber dank fliegendem Wechsel jeder mal an den Ball) mit einem Tor absetzen und erneut den Pokal in Empfang nehmen. Trainer Thomas Thieme konnte mehr als stolz auf seine Jungs sein.

Sorgen hätte man sich allerdings gar nicht machen brauchen, da die Jungs der Schaubühne, die auch im Viertel- und Halbfinale zunächst jeweils mit einem Tor hinten lagen, immer die Nerven behielten und jedes Mal überlegen gewannen. Mit Spielausgängen wie 5:1 oder 4:0 in den Gruppenspielen wurden die Fans des Theaters geradezu verwöhnt.

Ein paar Dinge müssen an dieser Stelle unbedingt noch erwähnt werden:

1. Die musikalische Untermalung von Sir Henry sorgte während des Turniers für großer Erheiterung: Egal, ob Nirvana, Bach oder Toto – der Volksbühnen-Musiker jagte gnadenlos alles durch seine Orgel, was das Repertoire des Sporthymnen so zu bieten hat.

2. Die Banden des Spielfelds wurden eigens von Jonathan Meese beschriftet. Ein bißchen Kunst am Spielfeldrand kann ja nie schaden.

3. Mit ihren hellgelben Shirts hatte die Mannschaft der Schaubühne auch modisch die Nase vorn -  das klassische Blau, Schwarz und Rot der anderen Theater konnte da nicht mithalten.

4. Thomas Ostermeier war sich nicht zu schade, seiner Mannschaft während des gesamten Turniers am Spielfeldrand den Rücken zu stärken. Vielleicht hat diese moralische Unterstützung auch dazu beigetragen, dass der FC Energie Schaubühne so souverän gewinnen konnte.

9. März 2012

Ich vermisse: Galerie der Toten bei „Galaxy" von BLITZ auf dem F.I.N.D. 2012

"Ich bin River Phoenix. Ich starb am 31. Oktober 1993 an einer Mischung aus Drogen und Alkohol. Ich vermisse meine Geschwister, Johnny Depp und die Red Hot Chili Peppers.“ – „Ich bin eine Kassette. Ich starb vor einigen Jahren. Ich wurde getötet von der CD, der Minidisc, der MP3, der MP4. Wie konnte das passieren.“ So und so ähnlich lauten die Mini-Monologe in Galaxy: Eva Meckbach, Jule Böwe, Bernardo Arias Porras, Judith Engel, Christoph Gawenda und Thomas Bading von der Schaubühne sowie Christos Passalis von BLITZ aus Athen stellen in einer dreistündigen Performance Tote und Totgesagtes vor. Sie schreiben Namen und Begriffe mit Edding auf Zettel und erläutern Namen, Todesdatum, Bedeutung und Zusammenhänge.


Historische Persönlichkeiten, Ideale, Epochen, Kunstformen der letzten Jahrhunderte werden, ebenso wie tote Menschen, Tiere und Erfahrungen aus dem persönlichen Schatz der Schauspieler (Christoph Gawendas Bruder, Bernardo Arias Porras Schnurrbart, der Hund von Judith Engels Oma oder Eva Meckbach mit 18) beschrieben. Tänze (Breakdance, Steptanz uva.) werden genauso wie Liedgut (Pioniergesänge und Hymnen) in die Gegenwart geholt. Rollen, die die Darsteller einmal gespielt haben (Evas Meckbach spricht z.B. über Desdemona, die sie in Othello an der Schaubühne gespielt hat) werden in die Performance integriert, Menschen, von deren Ableben man aus dem Medien erfahren hat und theaterspezifische Anekdoten (das von den Kritikern immer wieder monierte schlechte (sic!) Sprechen der Schauspieler oder unkonkrete Regieanweisungen). Sowieso findet die Auseinandersetzung mit der Schaubühne (die „alte Schaubühne“ unter Peter Stein) oder dem künstlerischen Leiter (Erinnerung an die Baracke des DT unter der Leitung von Thomas Ostermeier, die Jule Böwe, Jens Hilje, Thomas Bading u.a. vermisst) Beachtung. Für Schaubühnen-Kenner wird sogar die von der Kritik geschmähte Edward II-Inszenierung thematisiert (die die Schauspieler, die das Stück gerne spielen, vermisst).

Die Performance ist offen, d.h. die Zuschauer können jederzeit den Raum verlassen und wieder zurückkehren. Aber da das alles ganz schön süchtig macht und man immer noch den nächsten und das nächste sehen will, möchte man nichts als hier bleiben. Der Zuschauer schwankt ständig zwischen Lachen-Müssen und Weinen-Wollen, zwischen Erinnern, Entsetzen und Erstaunen und wird mit einer Achterbahnfahrt der Gefühle sowie echten Herausforderung für das eigene historische Wissen konfrontiert. Einen besonderen Reiz macht auch die Überlagerung der Kurzmonologe aus, wenn die Schauspieler ihre Texte satzweise im Wechsel sprechen und dadurch unvermutete Bezüge entstehen (Freud/Depression). Oder wenn offensichtliche Bezüge eine andere Richtung nehmen: Auf Steve Jobs folgt konsequenterweise Apple, bei dem es sich jedoch nicht um die Software, sondern um einen verstorbenen Hundwelpen handelt.

Galaxy ist zunächst nur auf dem F.I.N.D. 2012 zu sehen. Bleibt zu hoffen, dass diese Performance in das Programm der Schaubühne übernommen wird.

Trailer Galaxy von BLITZ.

Foto: Schaubühne