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11. Mai 2016

Rückblick Januar bis April 2016: Autorenklub, Streitraum, Poetry Slam, Karneval, Hommage und ((re-)re-)re-visited Stücke

Schon sind wieder vier Monate seit dem letzten Rückblick vergangen. Viel hat sich angesammelt an Erfahrungen und Erlebnissen. Ich habe 21 Stücke gesehen, 2 Autorenklubs von Wengenroth besucht und an 8 weiteren Theater-Veranstaltungen teilgenommen. Der April war natürlich vom FIND geprägt - dazu hatte ich bereits ausführlich berichtet. Auch Max Penthollow hat mir wieder geschrieben, seine Berichte habe ich im Text verlinkt.


JANUAR

08.01. Probedurchlauf Die Mutter von Bertolt Brecht (Schaubühne)
Studierende der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" zeigen zusammen mit Urusla Werner als Mutter einen Theaterklassiker "aus einer Zeit, in der die Utopie einer herrschaftsfreien Gesellschaft noch möglich schien" und blicken "auf eine Gegenwart, die Revolution und Veränderung immer nötiger hat". Wie immer führt Peter Kleinert Regie. Die Musik kommt von Hanns Eisler, die musikalische Leitung hat Mark Scheibe. Wir vom Freundeskreis dürfen diesen Probedurchlauf sehen, bevor die Student/innen vor dem "richtigen" Publikum spielen können.

Ursula Werner als "Die Mutter" mit Celina Rongen, Felix Witzlau (Foto: Gianmarco Bresadola)


16.01. PREMIERE Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs von Milo Rau (Schaubühne)
Eine großartige Ursina Lardi in einem bedrückenden wie beeindruckenden Stück über den Völkermord in Ruanda, die Grenzen des Humanismus und Mitleids. Der Text entstand als eine Art Zusammenschnitt von Interviews mit NGO-Mitarbeiter/innen und Kriegsopfern sowie eigenen Erfahrungen der Schauspielerin und des Regisseurs.

Ursina Lardi als Entwicklungshelferin in "Mitleid" (Foto: Daniel Seiffert)

18.01. Freunde der Schaubühne // Freunde feiern: Neujahrsempfang bei Friedrich Barner 
Bericht im Archiv des Freundeskreises

22.01. re-visited Stück Plastik (Schaubühne)
Hatte ich beim letzten mal erwähnt, wie gut das Stück im "Globe" funktioniert? Ohne diesen Bühnen- und Zuschauerraum wäre das Stück nicht das, was es ist. Und dass, obwohl es sich um ein zeitgenössisches Stück handelt.

Perfekt im Globe: "Stück Plastik" mit Robert Beyer, Jenny König, Sebastian Schwarz, Marie Burchard (Foto: Arno Declair)


28.01. Wengenroths Autorenklub: Stefan Zweig (Schaubühne)
Viele Flaschen Blauer Zweigelt. Eine Flasche Veronal. Gesang. Eine Bowie-Hommage von Eva Meckbach. Laurenz Laufenberg eingehüllt in einen Teppich. Ulrich Hoppe sterbend auf dem Sofa. Wengenroth as always: great. Texte über Europa. Stefan Zweig!


FEBRUAR
 
01.02. Brasch/Eidinger/Kranz (Schaubühne)
Bericht von Max Penthollow und mir "Eine Verbeugung vor Thomas Brasch"

02.02. re-re-visited thisisitgirl (Schaubühne)
Dieses Stück muss bitte noch lange gespielt und von vielen gesehen werden. Hier noch mal der Link zu meinem Bericht von der Premiere.

Männer und Feminismus: Ulrich Hoppe und Laurenz Laufenberg in "thisisitgirl" (Foto: Gianmarco Bresadola)


12.02. Freunde der Schaubühne // Freunde treffen Künstler: "Nehmense 'n andern" - Ein Abend mit Ulrich Hoppe
...aber zum Glück haben wir ihn doch eingeladen! Bericht im Archiv des Freundeskreises

14.02. PREMIERE Borgen (Schaubühne)
Bericht von Max Penthollow "Brillanter Trash"

Fernsehen im Theater: Sebastian Rudolph in "Borgen" (Foto: Arno Declair)
 
19.02. Filmreihe Luc Bondy: Wintermärchen (Schaubühne)
Zum Andenken an Luc Bondy wurden in der Schaubühne Aufzeichungen verschiedener Bondy-Inszenierungen gezeigt. Eine Hommage an einen großen (Schaubühnen-)Regisseur.

28.02. Jewgeni Onegin (Komische Oper)
Eine seltene Ausnahme: Ich bin mal in der Oper. Und ich genieße es. Tolles Bühnenbild. Tolle Sänger sowieso. Eine Inszenierung von Barrie Kosky.


MÄRZ   

01.03. re-visited Die kleinen Füchse (Schaubühne)
Beim zweiten mal hat mir das Stück besser gefallen und ich habe die Qualität der Inszenierung erkannt. Max Penthollow schrieb darüber. Urisana Lardi als Birdie Hubbard - fantastisch!


Frauen gegen das Boys-Network: Ursina Lardi als Birdie in "Die kleinen Füchse" (Foto: Arno Declair)

11.03. re-re-re-visited Tartuffe (Schaubühne)
Ja, es ist immer noch gut. Nein, es ist auch beim vierten mal nicht langweilig.
Max schrieb darüber. Und: Ich auch.

Cathlen Gawlich als Dorine und Franz Hartwig als Damis in "Tartuffe" (Foto: Katrin Ribbe)


20.03. Carnival Al Ladjin - Karneval der Geflüchteten
My Right Is Your Right! und die Berliner Bühnen veranstalteten anlässlich des Globalen Aktionstags gegen Rassismus eine Demo und hatten folgende Forderungen:
Für ein Recht auf Bewegungsfreiheit
Für ein Recht auf Bildung
Für ein Recht auf Arbeit
Für ein Leben in Würde
Für ein Recht auf Mitgestaltung, Teilhabe und Teilnahme
Für die Abschaffung der Residenzpflicht
Gegen antimuslimischen Rassismus
Gegen Abschiebungen

Für ein Recht auf Mitgestaltung: Carnival Al Ladjin (Foto: Stefanie Eisenschenk)


24.03. Poetry Slam – Dead or Alive (Schaubühne)
Die Lebenden, vier Poetry Slamer (Lisa Eckhart, Frank Klötgen, Julian Heun, Toby Hoffmann) treten mit ihren selbst geschriebenen Texten gegen die Toten, vier bereits verstorbene Dichter, an. Die Dichter werden dargestellt von Iris Becher (Mascha Kaléko), Ulrich Hoppe (Konrad Bayer), Bernardo Arias Porras (Pumuckl) und Jenny König (Pablo Neruda). Besonders viel Spaß (sic!) hatte das Publikum mit Pumuckl, der von Bernardo Arias Porras als das interpretiert wurde, was er eigentlich ist: Ein Punk und Anarchist. Im Finale versuchen die Dichter mit Goethes "Prometheus" zu punkten und treten im Boxer-Outfit an - trotz Pumuckls beeindruckender Rezitation des Gedichts gewinnen (natürlich!) die Slamer.


APRIL
        
03.04. Streitraum: Antisemitismus in Europa (Schaubühne)
Carolin Emcke im Gespräch mit Daniel Cohn-Bendit, Agnes Heller und Stefanie Schüler-Springorum: Wie lässt sich Antisemitismus in Europa begegnen? Was sind die Ursprünge - welche Milieus und Motive bedingen Antisemitismus? Welche Rolle spielt der Nahost-Konflikt?

Über das FIND 2016 habe ich ausführlich berichtet.
Hier meine Reviews Teil 1, Teil 2 und Teil 3

21.04. Nora (Deutsches Theater)
Armin Petras hat das Stück von Ibsen für das DT überarbeitet: Nora und ihr Mann leben in einer bunten poppigen Welt. Sie sprechen eine - in dieser Inszenierung künstlich überzeichnete - Hippster-Sprache. In welchem gesellschaftlichen Konstrukt sollen sie leben?

25.04. Wengenroths Autorenklub: Friedrich Schiller (Schaubühne)
In der elften Ausgabe wird Schiller von Goethe (Performer Johannes Dullin) Konkurrenz gemacht. Außerdem gibt's Apfelkorn und verfaulte Äpfel auf der Bühne (jaja, Schiller - Tell - der Apfel). Und Ulrich Hoppe darf einen Text aus den Räubern als Ente sprechen (im Andenken an seine Ausbildungszeit bei einem "sehr berühmten Pantomime-Lehrer"). Iris Becher, Jule Böwe, Tilman Strauß und Mark Waschke konzentrieren sich auf Johanna, die Räuber und Goetz von Berlechingen. Tilman Strauß singt außerdem ein Abschiedslied, denn er wird das Ensemble (leider!) verlassen. Rührend!

26.04. Hamletmaschine (Deutsches Theater)
Vor neun Jahren hat Dimiter Gotscheff Heiner Müllers Hamletmaschine inszeniert und selbst darin gespielt. Zu einem Gastspiel in Havanna konnte er im Herbst 2013 nicht mehr mitreisen, trug aber dafür Sorge, dass eine Version gezeigt werden konnte, die seine Passagen per Video einspielte. Aus Anlass von Gotscheffs 73. Geburtstag ist diese Variante seiner legendären Inszenierung nun noch einmal am Deutschen Theater zu sehen. Im Zuschauerraum sind viele traurige und weinende Menschen - es ist eine Veranstaltung im Gedenken an eine großen Regisseur. Meinen Bezug zu diesem Theaterbesuch hatte ich im Zusammenhang mit dem FIND und der Milo Rau Inszenierung "The Dark Ages" bereits erwähnt - Valery Tscheplanowa erzählte.

29. März 2016

Hoffnung in Dosen? - Gastbeitrag von Steffi Eisenschenk über das 34. Fadjr International Theater Festival in Teheran

Theater unter den Augen des Wächterstaats

Iran, Januar 2016. Das ist der Anfang einer Geschichte, deren Ursprung ganz weit hinten liegt. Oder ganz vorne. Kommt auf die Sichtweise der Verhältnisse an. Ich weiß nicht genau, wann es anfing, doch es begann mit diesem Satz: „Es ist keine Kunst, die Welt zu erobern; wenn du kannst, erobre ein Herz!“ Diesen lautbaren Talisman von Saadi hat mir Goethe angehängt. Diese Idee einer Auswanderung in ein anderes Herz, dessen Rhythmus ich spüre. So baut die Kunst ihre Brücken über die Poesie. Durch Gedanken reisen, durch Texte, Bilder, Bewegung und Musik. In Filmen, auf Bühnen, im Leben, wo alles zusammen spielt. Dort begegnen sich Menschen mit ihren Sinnen und durch Geschichten. Und ich glaube, Johann Wolfgang kam über Hafiz zu Saadi, dem persischen Dichter. Goethe, ein Handelsreisender zwischen den Kulturen. Mit „Hidschra“ als Reisender im „Wechseltausch“ fremder Lebensformen - dem Orient. Heutzutage scheint das schwierig für Europa, wo es doch für den Einzelnen mit Kultur leicht sein kann. Doch das ist eine lange Kette von verwirrenden Verstrickungen.

Über den Dächern von Teheran (Foto: Stefanie Eisenschenk)

Einblick
2016 in Deutschland, das Jahr war erst ein paar Wochen alt und drohte schon in ideologischem Verortungsgebrüll zu versinken. Gruselig fühlte sich das an, denn ein verwirrter Prozentsatz war so laut. Genau jetzt die Gegenbewegung anzutreten war Zufall. Raus aus Deutschland, rein in ein „unsicheres Herkunftsland“. Eine Reise in den Iran. In eine islamische Republik! Ein rotes Tuch für die Angstprediger Deutschlands. Einwurf, sicherheitshalber: Eine Iranexpertin bin ich nicht, nach sechzehn Tagen habe ich nur Fragmente erfasst. Und natürlich war alles anders als erwartet, obwohl ich nicht ganz unvorbereitet war. Beeinflusst war ich von Jafar Panahis' "Taxi Teheran" und "Der Kreis" sowie "A Separation" von Asghar Farhadi und "A Girl Walks Alone Home At Night" von Ana Lily Amirpour und dem gesamten Rest meines Lebens.

Parallelen

Es hat mich deshalb nicht überrascht, dass im Iran nicht nur Ahmadinejads wohnen oder nur Mullahs bei den 80 Millionen Einwohnern. Jedoch verhüllen sich viel mehr Frauen mit dem schwarzen, langen Gewand, dem Tschador, als ich dachte. Die erste Begegnung im Flughafen Teheran: wir saßen zusammen auf der Toilette. Alle in unseren Kopftüchern und rauchten. Ungeahnte Parallelen. Sie sind vorhanden, denn auch Nonnen tragen Kopftuch. Nur haben die katholischen Damen die Wahl - schwarz und auch weiß. Unsere Nonnen wohnen allerdings in Klöstern und gehen nicht in die Moscheen, leben aber ebenfalls nach religiösen Regeln. Freiwillig. Das Aufzwingen von Religion vom Staatswegen ist für mich allerdings eine sehr ungesunde Vermischung. Welche religiösen Regeln jetzt richtiger oder wichtiger sind und ob überhaupt Glaubensregeln oder einfach Menschenrechte das Zusammenleben möglich machen, diese Antwort sollte jeder Demokrat den Menschen selbst überlassen. Dies gehört zu den Grundrechten einer demokratischen Einstellung.

Da die Gegenwart ihre Wurzeln immer auch ganz woanders hat, erfordert es einen historischen Blick. Wer nur über die aktuellen Vorschriften der Bekleidung oder die herrschende Zensur im Iran spricht, ohne die Entwicklungsgeschichte des politischen Systems der islamischen Republik und deren Machtstrukturen zu betrachten, der bleibt nur an der Oberfläche hängen.

„Das ist im Grunde nur die Warze, nicht die Krankheit.“ (Thomas Brasch im Gespräch mit Günter Grass.

Symbole (Foto: Stefanie Eisenschenk)


Es ist kein Zufall, dass ich sehr oft bei dieser Reise an Thomas Brasch, Barbara Köppers oder Irmtrauth Morgner denken muss. Eine Spiegelung von Geschichten, gespalten durch die Zeit. Kunst in der DDR. Überhaupt, Kunst unter dem Einfluss von Zensur, Kunst unter dem Hakenkreuz - das Zeichen werde ich in einem alten Tempel aus der persischen Zeit neben einem Davidstern in den Mauern sehen. Der Tempel mit dem „Hakenkreuz“ Symbol ist lange vor dessen Missbrauch erbaut worden. Das Symbol wurde genauso entfremdet und benutzt von den Nazis, wie der Begriff „Arier“. Der Dokumentarfilm „Die Arierer“ hat in 2014 endlich das Lügenwerk der begrifflichen Rassenideologie präzise offen gelegt. Arier – geklaut aus dem alten Persien. Dass ein Arier ein Mensch ist - wie du und ich - hat König Darius vor 2500 Jahren in Stein gemeißelt. Tragischerweise wurde der Begriff von den Nazis für perfide Propaganda-Strategie benutzt und mit ausgedachten Attributen zu einem Pseuydoideal zusammengebastelt. Für mich blitzte hier immer wieder die Gegenwart aus Deutschland durch - wo Personen der AfD und anderer Parteien begonnen haben öffentlich zu irrlichtern. Die Sprache wird für politische Propaganda missbraucht, um ängstliche Mitläufer zu gewinnen. Eine verlogene Instrumentalisierung der Flüchtlinge für herrschaftliche, politische Zwecke. Die Fluchtursachen sind komplex und es erfordert ein Hinterfragen seiner eigenen Selbstherrlichkeit - weil es doch tatsächlich um ein verdecktes Spiel der Beherrschung geht (S. 118-120, Moderne und Ambivalenz, Zygmund Bauman). Womit ich wieder bei Hamlet bin.

Hamlet im Spannungsfeld des Wächterstaats

34. Fadjr International Theater Festival in Teheran (Fotos: Stefanie Eisenschenk)

Zum 34. Fadjr International Theatre Festival nach Teheran fuhr ich, weil ich als Freundeskreismitglied der Schaubühne versuche, mindestens ein Gastspiel pro Jahr zu begleiten. In "Hamlet" wird regelmäßig der König ermordet, betrogen und gelogen. Am Schluss sind fast alle tot. Shakespeares Schurkenstück in Teheran - mit diesem Hintergrund der Geschichte der Diktatoren: vom Schah von Persien, der Revolution 1979 des Ajatollah Khomeini, sowie der blutigen Unterdrückung von 2009, wo die Demonstrationen gegen die Wiederwahl Ahmadinejads brutal niedergeschlagen wurden - dies unter den Augen des obersten, religiösen Imans? Der gleiche Iman Ali Khamenei, der auch im Theatersaal hängt. Über Hamlets Handeln gewissermaßen, in Mitten der vielen Verstrickungen. Kaum eine Vorstellung konnte besser sein. Für mich war es eine Annäherung über eine doppelte Flucht - mit Umweg über die Spaltungsfigur "Hamlet", dem Fremdblick und der Zensur - es war ein ganz anderer Nährboden, auf welchen diese Wörter fielen:

„Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage“

Wie aber inszenierte Thomas Ostermeier (Schaubühne) Hamlet unter den Augen des Wächterstaats? Mit Probelauf vor dem Zensor? Wo eine institutionalisierte Religion im Deckmantel und Dienst der Machterhaltung wirkt? Ahmadinejad ist weg, der neue Ministerpräsident Ruhani scheint für Erneuerung und einer Öffnung Irans zur Welt zu stehen. Dem Iran wird jetzt verheißungsvoll „Aufbruch“ zugeschrieben, denn seit Januar herrscht Atomfrieden mit den USA und auch das Handelsembargo gibt es seit kurzem nicht mehr. Die Systematik in der islamischen Republik ist jedoch genau die Gleiche geblieben: der oberste Geistliche, der Iman entscheidet, wer ins Parlament darf und wer nicht. Wer immer also im Parlament sitzt, ist durch die Struktur des Wächterstaats gegangen und damit automatisch ein Teil des Systems. Wie die Herrschaftsideologie die Menschen formt ist ungewiss. Fakt ist, immer noch finden erschreckend viele Hinrichtungen statt. Es gibt keine Meinungsfreiheit, die Frauenrechte sind weit entfernt von Gleichberechtigung, die Revolutionswächter achten auf „Teufelsfrisuren“ oder ob das Kopftuch getragen wird. Kunst ist der willkürlichen Zensur unterworfen. Gerade wo Unterdrückung herrscht, hat Kunst oft ein stärkeres Gewicht, ein wirkliches Anliegen. Kunst, trotz Zensur, aber ohne sich dem Regime anzudienen? Das sind Widersprüche, die schwierig auszuhalten sind, aber es ist nicht unmöglich. Es braucht Willen dazu, Mut und Ausdauer.

Iranischer Magazin-Beitrag zur Schaubühne (Foto: Stefanie Eisenschenk)


Eine andere Ophelia - eingerahmt von den Mullahs
Es war verwirrend, wie anders Shakespeares Dichtung (Jenny König als Ophelia zum Gastspiel in Teheran) im Iran wirkte. Diese Verschiebung des Blickwinkels an diesem Ort, mit diesem Stück hat mich berührt. Die Verwicklungen und das Fallen des Claudius (Urs Jucker) und Polonius (Robert Beyer) am Anfang sah ich in Teheran mit ganz anderen Augen. Zwar auch unter dem Regenschlauch, auch im Dreck der Torfbühne, aber trotzdem empfand ich viele Szenen und Texte viel sinnbildlicher, viel deutlicher und viel intensiver als in Berlin.

„Das Schauspiel sei die Schlinge,
In die den König sein Gewissen bringe.“


Vieles war greifbarer. Ich steckte selbst ungewohnt in diesem Umhang der erzwungenen Verhüllung und den vielen Verboten für Frauen. Ophelia (Jenny König) im rosa Kopftuch, von Hamlet mit Dreck beworfen und mit Torf zugedeckt auf dem Grab – Unsichtbarkeit ist fast wie ein kleiner Tod. Diese Veränderung der Inszenierung wirkt sinnbildlich stark - in Berlin wälzen sich die beiden körperlich umschlungen im Dreck. Um den Vorgaben zu entsprechend jegliche Konturen des Körpers zu entfernen, saß ich mit Poncho im Theater; „ich passte mich an, blieb aber fremd“ (vgl. S. 31 „Ist das ein Leben“ von Insa Wilke über Thomas Brasch). Die schlimmste Einschränkung im Iran ist aber, dass dort niemand offen sagen darf, was er wirklich denkt. Angst macht gefügig. Damit merkte ich auf der eigenen Haut - hier steht etwas auf dem Spiel, es geht hier um etwas. In Berlin, inmitten einer satten und sogenannten „freien“ Wohlstandsgesellschaft ist vieles einfach so egal, so banal. Was in Berlin in der Vielzahl der Möglichkeiten untergeht, ist in Teheran hoch brisant. Und Ostermeier hat über Lars Eidinger als Hamlet geschickt Verweise an unterschiedliche Adressaten eingebaut.

Die Atmosphäre im Theatersaal war dem entsprechend erwartungsvoll, fast schon flirrend in der Vahdat Hall. Es war allen klar, dass die Inszenierung aus Berlin durch den Zensurfilter des Wächterstaates musste, aber trotzdem wurde viel erwartet. Es waren sehr viele Leute, die das Stück sehen wollten. So viele, dass sogar das Eingangstor gestürmt wurde. Ich konnte mich gerade noch so reinquetschen. Die Vorschrift, dass Männer und Frauen sich nicht berühren dürfen in der Öffentlichkeit, hatten in dieser Situation wirklich alle Beteiligten verdrängt. Und so haben wir am Eingang das gemacht, was auf der Bühne selbst nicht gezeigt werden durfte - körperlichen Vollkontakt. 

Kunst als Probe
Die Kunst der Künstler wurde auf die Probe gestellt. Nicht nur von den Zuschauern, im Iran auch durch die Zensur. Eine doppelte Herausforderung sozusagen. Eine verhüllte Kunst der Störung. Und trotzdem ein Probelauf zum Verhalten?

HAMLET in Teheran

„Schändlichkeiten, Herr, denn der satirische Schuft da sagt, dass alte Männer graue Bärte haben und ein Kassengestell tragen…“


Bei diesem Dialog blickt Hamlet nach oben, wo rechts und links die beiden Imane hängen - wie in allen öffentlichen Gebäuden, Ajatollah Khomeini und der aktuelle Machthaber Ali Khamenei. Beide mit langen, grauen Bärten. Khamenei trägt auch eine Brille. Diese Anspielung verstand ich sofort, denn Polonius (Robert Beyer) trug im Iran kein Kassengestell. Die Übertitel der Übersetzung in Farsi konnte ich allerdings nicht lesen. Trotz Zensor und unter den Augen des iranischen Kulturministers folgten weitere kleine Anspielungen, die teils in die deutschen Dialoge eingeflochten oder einfach bei passender Gelegenheit kurz in Englisch eingeworfen wurden. Shakespeare hat in Hamlet eine kurze Theaterszene eingebaut, ein Theater im Theater sozusagen. Hamlet ist darin als Frau verkleidet, in Berlin lässt Ostermeier Hamlet in Damen-Dessous eine Frau spielen, im Iran trägt er stattdessen - ich glaube ein schwarzes Nonnenkostüm. Oder einen Tschador? Ich konnte das noch nie auseinanderhalten. Der verschleierte Hamlet sagte jedenfalls „Don’t touch“ zu seinem Schauspielkollege Sebastian Schwarz, der scheinbar zu nah kam. Damit spielte der verschleierte Hamlet auf die Verbote der Berührung in der Öffentlichkeit zwischen Frau und Mann an. Der Schaubühnen-Hamlet in Teheran wurde so um eine weitere Ebene ergänzt, die nur über Anspielungen und Querverweise funktionierte. Die Iranerinnen und Iraner lachten über diese Anspielung, weil sie diese Beschränkungen im Alltag des öffentlichen Lebens allzu gut kennen. Hamlet war damit ein Komplize der Zuschauer und hat sie gleichzeitig auf den Seziertisch gelegt.

Die Kunst sich zu verhalten.

Im direkten Kontakt zum Publikum fragt Hamlet auf Englisch „Hat Hamlet Laertes etwas angetan?“ Es folgte ein Dialog, der das Dilemma auf den Punkt brachte. Hamlet stellte seine Frage ungefähr an 1000 Leute. Nur ein Zuschauer gab ein Handzeichen, das ist nicht selten auch so in Berlin der Fall. Alle anderen enthielten sich. Anfangs. Jetzt trat der Schauspieler Lars Eidinger heraus aus seiner Rolle des Hamlet und sprach einen Herrn aus der ersten Reihen direkt an. Einen, der sich nicht beteiligt hatte. „What’s your opinion?“ Der Zuschauer druckste herum, vom Publikum kamen Zwischenrufe „we don’t  know it, we are confused“. Der Mann fragte dann Lars Eidinger, was seine Meinung wäre. (Ich klappe dabei innerlich zusammen). Eidinger antwortete, er sei nur der Schauspieler, der einem Skript folgt. Aber er, als Zuschauer, er müsste doch eine Meinung haben und nicht nur dort auf seinem Stuhl sitzen. Das ist im Iran eine andere Aufforderung als in Deutschland. Wo jedoch ist eine solche Meinungsübung besser möglich als im Theater? Beziehungsweise sich beispielhaft zu verhalten?

In diesem Moment trat etwas ans Licht, Eidinger zog ein Problem blank - er wirkte tatsächlich verzweifelt, stand da, mit seinem künstlichen Wanst im Haweiihemd und für mich stand hier jemand, der „Wahrsprechen“ forderte. Vehement. Was in einer Diktatur allerdings lebensbedrohlich sein kann. Wie gesagt - Angst macht gefügig. Es gibt im Leben nicht auf alles eine Antwort, aber in dieser Situation ging es um ein Erkennen, ein Wissen, das alle im gleichen Raum zur gleichen Zeit als Theaterstück miterlebt hatten. Und trotzdem schien es schwierig zu entscheiden, was passiert war. Das Publikum im Iran, wie in Berlin beobachtete, aber verstand nicht, was es gesehen hatte. Was war richtig? Was war falsch? Seine Meinung zu vertreten, sich zu verhalten - und das öffentlich - erfordert immer Mut. Eine Meinung zu vertreten bietet immer Angriffsfläche, genau das jedoch gilt es auszuhalten. Ja, Hamlet hat Polonius erschossen. Versehentlich zwar, aber tot ist er trotzdem. Ophelia hat sich seinetwegen umgebracht. Alle im Raum haben das gesehen, aber einordnen war schwierig. Denn Shakespeare schaffte Verwirrung, ein Gedankenchaos, immer wieder ein Meister seines Fachs. Endlich kam die Erlösung von einer Frauenstimme „but he killed his father“ und dann noch eine weitere, zarte Frauenstimme „and he made Ophelia doing suicide.“ Laertes (Franz Hartwig) hat also zwei ihm nahestehende Menschen verloren. In dieser Menge und genau in diesem Moment hatte ich das Gefühl von einem Augenblick -  es klingt so groß -  doch es fühlte sich an wie - Wahrheit. Dieser Moment wurde für mich „zum Erscheinungsort ihrer eigenen Diskursgegenwart, einer Gegenwart, die sie als Ereignis befragt“. Wie das Foucault in einer seiner letzten Reden sagte „Über den Mut zum Wahrsprechen im politischen Diskurs. Die Regierung des Selbst und der anderen.“

So hatte ich Hamlet noch nicht erlebt. Es ging mehreren so, aber nicht allen. Manche fanden das Nachfragen von Hamlet (Lars Eidinger) zu vehement. Meine Meinung ist, warum sollte die Machtstruktur, die durchaus auch auf der Bühne gilt, nur zwischen Schauspielern und Zuschauern, nicht ebenfalls aufgebrochen werden? Geht es nicht genau darum?

Schaubühnen Ensemble im begeisterten Schlussapplaus des iranischen Publikums (Foto: Amir Safar Saghafi)

Gleichbehandlung und Gerechtigkeit
Hamlet in Teheran war kein Wegducken im politischen System des Mullah-Regimes, das im religiösen Deckmäntelchen agiert. Die Unterdrückung und die sozialen Missstände im Iran sind offensichtlich. Reich und arm klaffen auseinander, wie in so vielen anderen Ländern. ¼ der Bevölkerung Irans genießen Sonderstatus durch Vorzüge des Regimes, diese Personen wiederum stützen überhaupt das ganze Konstrukt. Interessen erzeugen soziale Positionen, das sind gemachte Strukturen, das gilt nicht nur für den Iran. Die Frage ist nur, welche Interessen herrschen?  Es bedeutete für mich, durch den Umweg der Distanz im Iran, auf die eigenen Situation in Deutschland zu blicken. Das zwar eine Demokratie ist und ein Rechtsstaat, dennoch frage ich mich, welche Interessen herrschen. In Deutschland ist das alles ein Jammern auf hohem Niveau, dennoch sind soziale Ungleichheiten nicht selten eine ungesunde Entwicklung, die es den rechten Lagern wohl leichter macht, Anhänger zu finden. Das wird aktuell nicht nur in Deutschland deutlich. Jeder selbstherrliche Blick, den der Westen oft für sich beansprucht, verleugnet die eigenen Zwänge oder Fehlentwicklungen.

„Wahrsprechen“ und auch die Art und Weise, die Wahrheit zu sagen: Der Sprecher bringt sich dabei selbst in Gefahr, nimmt dieses Risiko aber rückhaltlos in Kauf. Foucault spricht in diesem Zusammenhang auch von der „Dramatik des wahren Diskurses“.

Anruf der Poesie
Es ist eine Lücke in dieser Republik.
Es ist eine Fuge in einem Kopf.
Es ist eine Fuge in einer Frau.
Es ist eine Fuge in der Musik von Bach.
Und es ist eine Fuge in dieser Geschichte.
Und nur wenn diese Fuge da ist, durch die man so schielen kann wie in eine Lücke von dem verbotenen Zimmer oder so.
Und hinter all dem noch etwas sieht, was möglich ist in einer Welt oder in einer Gesellschaft, die man für so festgemauert hält. Aber auch in einer Mauer hat der Maurer irgendwo gepfuscht und da wo wer pfuscht, siehst du plötzlich durch und dahinter sitzen Indianer und die Alternative ist nicht mehr einsam oder zweisam, sondern noch etwas anderes.
(von Thomas Brasch, aus dem Buch von Insa Wilke "Ist das ein Leben”)

Junge Frauen im Iran (Foto: Stefanie Eisenschenk)

Es sind wieder viele erste Anzeichen von Hoffnung für Veränderung, kleine Lücken, die den Widerstand überwinden lassen. Kleine Ritzen von Hoffnung. Die einen Anfang machen. Einige Pärchen im Teheran sah ich, die hielten sich einfach an der Hand und gingen demonstrativ durch die Stadt. Eine weitere, stille Revolution soll seit längeren im Gange sein - Bildung. Die Väter schicken ihre Töchter auf die Universitäten. 60% der Studierenden sind Frauen. Die Forderung nach Veränderung kommt von der Bevölkerung selbst, besonders aus der jüngeren Gesellschaft. Die modernen Leute in Teheran leben zwei Leben, eines für das Staatsregime und ein zweites, privates, hinter verschlossenen Türen. Der Wunsch, ein Leben zu führen, ist stark.

Wie das aussieht haben westliche Zaungäste nicht zu bestimmen, allerdings bringt das Kennenlernen und der Austausch vieles auf eine andere Ebene. In einen Prozess des Miteinanders. Was hoffentlich mehr ist, als der Genuss eines süßen Koffeingetränks in roter Dose. Wie das aussehen könnte, hat viele Gesichter und liegt im Handeln und Begegnen jedes Einzelnen. Sonst sitzen wir im Niemandsland mit Gespenstern (vgl. Außerhalb des Spiels v. Thomas Brasch). Beim Abflug in Teheran sprach mich eine sehr kleine, alte Frau an. Komplett im Tschador verhüllt, ich verstand kein Wort. Sie holte unter ihrem Umhang ein Gebäck heraus und drückte es mir mit ihren beiden Händen sehr innig in meine Hand. Alle waren wir Handlungsreisende im Wechseltausch. Es gab mehrere solch verwirrender Offenherzigkeiten im Iran. Ohne ein Verhältnis zu sich und ohne Umgang mit der Welt findet sich Nichts. Wie das Zusammen aussieht, hängt an jedem Wort und an jeder Geste, die zeigt, ob wir versuchen miteinander zu leben. Es können sehr viele kleine Lichtblicke sein.

„Oft nennt die Welt im eitlen Trug, den Weisen dumm, den Narren klug.“ (Saadi)

Dieser Text erscheint ebenfalls am 29. März 2016 auf derFreitag.

5. Februar 2016

Max Penthollow scheibt mir // Kapitel 13: Die Siegerin ("Die kleinen Füchse" an der Schaubühne)

 Max Penthollow schreibt mir...

 Liebe Maren,

„Die kleinen Füchse“ an der Schaubühne habe ich nun schon einige Male gesehen. Gestern war ich wieder da:

Zieh fest die Zügel an!

Nina Hoss als Regina (Foto: Arno Declair)

Zwei Brüder wollen in ein höchst profitables Geschäft kommen, brauchen dafür die Mitwirkung ihrer Schwester und setzen ihre Schwester unter Druck.

Das Blatt wendet sich aber und die Schwester manövriert ihre Brüder ins Aus und ist schließlich die Siegerin: Sie fässt die Zügel an!

„Die kleinen Füchse – The Little Foxes“ ist ein Bühnen-Krimi von 1939 aus USA, von Lillian Hellman, spielt um 1900 in einer kleinen Stadt in den Südstaaten, im Haus der Familie Giddens. Es geht um Familie und Geld. Tiefe Abgründe!

Der Titel stammt aus der Bibel, aus dem Hohelied Salomos, einer Sammlung von  Liebesliedern aus dem Alten Testament: „Fangt uns die Füchse, die kleinen Füchse! Sie verwüsten die Weinberge, unsre blühenden Reben.“ (Quelle: Programmheft der Schaubühne zum Stück).

Familie... Nina Hoss, Andreas Schröders, Iris Becher, Mark Waschke, Jenny König (Foto: Arno Declair)

Lillian Hellman (1905–1984) ist eine bedeutende US-amerikanische Dramatikerin des 20. Jahrhunderts, so wie Tennessee Williams, Arthur Miller, Thornton Wilder, Eugene O’Neill, Edward Albee. In dieser Aufstellung ist sie die einzige Frau.

„The Little Foxes“ wurde am Mittwoch, 15. Februar 1939 am Broadway in einer Produktion des National Theatre in New York City uraufgeführt (Quelle: Six Plays by Lillian Hellman, Vintage Books Edition, A Division of Random House, New York, 1979, Reprint of the 1960 edition,   published by Modern Library New York, S. 149).

Die Inszenierung war sehr erfolgreich mit mehr als 400 Aufführungen und anschließender Tournee durch die USA.

Trivia: National Theatre in Manhattan, (heute: Nederlander Theatre), 208 West 41st Street, New York, NY10036, ganz nah am Broadway und am Times Square, eröffnet am 1. September 1921, zwischenzeitlich (ab 1959): Billy Rose Theatre, seit 1980: Nederlander Theatre, mit aktuell 1.232 Sitzplätzen (Homepage Nederlander Theatre).

In Deutschland gab es bisher eine einzige Inszenierung der „Kleinen Füchse“ 1956 am Deutschen Theater Berlin, dann erst wieder jetzt 2014, 58 Jahre später, an der Schaubühne Berlin (Thomas Ostermeier, persönliche Mitteilung, Dienstag 03. Dezember 2013, 19 Uhr, Schaubühne, Einführungsveranstaltung zum Stück für die Freunde der Schaubühne mit Thomas Ostermeier, Florian Borchmeyer und Jan Pappelbaum).

Der Stoff ist zeitlos und das Stück hier nur geringfügig verändert und an unsere heutige Lebenswelt angepasst. Die Fassung der Schaubühne ist neu und aktuell.

Es ist wie bei Shakespeare: der Stoff ist trivial und boulevardesk, die Geschichte mitreißend.

Ich kann nur staunen, mit welch luxuriöser Fülle von Ideen und mit welcher Souveränität, Übersicht und Präzision die Inszenierung gemacht ist und mit welcher Liebe und Begeisterung die Darsteller/innen die Figuren und das ganze Stück zum Glühen und zum Strahlen bringen! Es gibt auch wunderbare kleine aber edelste improvisatorische Elemente! Allerfeinst!

Hier käme nun noch als „Special“ meine kurze Beschreibung einer kleinen, stillen und andachtsvollen aber höchst spektakulären Szene im Stück, bei der alle (die Männer auf der Bühne und das ganze Publikum) von einem besonderen Vorkommnis erfahren. Aber: ich will auch die Spannung erhalten und nichts verraten! Deshalb lasse ich diesen Textabschnitt weg und es bleibt geheim!

Mystery and suspense! Ein Thriller! Mehr als ein Thriller!

Ich empfehle: hingehen!

Berlin - New York! Es ist ganz einfach!

Liebste Grüße

Max
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Von: Lillian Hellman   
Regie: Thomas Ostermeier   
Bühne: Jan Pappelbaum   
Kostüme: Dagmar Fabisch   
Musik: Malte Beckenbach   
Dramaturgie: Florian Borchmeyer   
Licht: Urs Schönebaum   

Birdie Hubbard: Ursina Lardi   
Oscar Hubbard: David Ruland   
Leo Hubbard: Moritz Gottwald   
Regina Giddens: Nina Hoss   
William Marshall: Andreas Schröders   
Ben Hubbard: Mark Waschke   
Alexandra Giddens: Iris Becher   
Horace Giddens: Thomas Bading   
Addie: Jenny König   

Dauer: ca. 135 Minuten (keine Pause)

Weitere Infos und Trailer der Schaubühne hier.

8. Januar 2016

Max Penthollow schreibt mir // Kapitel 12: Royal Richard ("Richard III" an der Schaubühne)

Max Penthollow schreibt mir...

Liebe Maren,

hier ist mein Text zu Richard III:

Richard III – Shakespeare – Schaubühne  – Übersetzung: Marius von Mayenburg – Regie: Thomas Ostermeier – Premiere am 7. Februar 2015

Richard, Herzog von Gloster (Gloucester), praktizierender Psychopath, muss seine Macht weiter festigen und erweitern und König von England werden.

Richard muss König werden (Fotos: Arno Declair)

Dafür muss er potentielle Widersacher und auch seine Getreuen als mögliche Rivalen ermorden oder ermorden lassen und geriert sich dabei auch gerne als Gutmensch („Wenn ich deinen Ehemann getötet habe, dann doch nur aus tiefster Liebe zu Dir, um dir dann selbst ein liebender Ehemann sein zu können!“).

Richard ist finster drauf!

Die Frauen wickelt er um den Finger, sie sind ihm zugetan und sind ihm verfallen. Für Erhalt und Vermehrung seiner Macht lässt er auch ihre Kinder töten, was soll er denn auch machen?!

Warum verfallen die Frauen Richard? (Foto: Arno Declair)

Auch Richards Getreue und Ausführende seiner Auftragsmorde wirken mit am Erhalt des Macht-Systems und sind Richard bis zum Schluss loyal ergeben, bis sie - unberechenbar  wann – selbst in Ungnade fallen und eliminiert werden - müssen. Was bleibt dem Richard denn auch übrig?!

Dann sind alle weg, Richard ist jetzt Richard III, König von England, allein und einsam, und hat nur noch Feinde, die ihn bedrohen. Zutiefst finster!

Die Show fängt fulminant an, geht schwungvoll weiter und wird dann kontinuierlich mit zunehmender-Dezimierung (sic) der beteiligten Figuren immer langsamer bis hin zum Vollbild des finalen Stillstands.

Shakespeare weiß wie’s geht, Ostermeier auch:
Allerfeinste Inszenierung, beste Besetzung, hingebungsvolles Ensemble-Spiel, großartige Kostüme(!), exquisite Live-Musik! Erste Inszenierung im neuen Globe-Theater der Schaubühne, mehrere Etagen auf der Bühne und im Zuschauerraum, toll!

Das "Globe" in der Schaubühne (Foto: Arno Declair)

Voilà!

Very good theatre!

Allerliebst

Max
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Regie: Thomas Ostermeier   
Bühne: Jan Pappelbaum   
Kostüme: Florence von Gerkan
Mitarbeit Kostüme: Ralf Tristan Scezsny
Musik: Nils Ostendorf   
Video: Sébastien Dupouey   
Dramaturgie: Florian Borchmeyer   
Licht: Erich Schneider   
Puppenbau: Ingo Mewes, Karin Tiefensee
Puppentraining: Susanne Claus, Dorothee Metz
Kampfchoreographie: René Lay   

Richard III: Lars Eidinger   
Buckingham: Moritz Gottwald   
Elizabeth: Eva Meckbach   
Lady Anne: Jenny König   
Hastings, Brakenbury, Ratcliff: Sebastian Schwarz   
Catesby, Margaret, Erster Mörder: Robert Beyer   
Edward, Bürgermeister, Zweiter Mörder: Thomas Bading   
Clarence, Dorset, Stanley, Prinz v. Wales (als Puppe): Christoph Gawenda   
Rivers, York (als Puppe): Laurenz Laufenberg   
Schlagzeuger: Thomas Witte   

Dauer: ca. 150 Minuten

Richard III ist im in Saal C eingerichteten elisabethanischen Theater der Schaubühne ("Globe") zu sehen.

Pearson's Preview zum Stück hier.

Weitere Infos und Trailer auf der Seite der Schaubühne.

30. Dezember 2015

Rückblick September bis Dezember 2015: Das Theater greift aktuelle Themen auf

Die erste Hälfte der Spielzeit 2015/16 hat uns viele große und kleine Highlights sowie einige Stücke, die ich wieder und wieder sehen möchte, geboten. Über einige Premieren an der Schaubühne habe ich geschrieben. Viele Eindrücke hat Max mit seinen Texten beigesteuert, dem ich an dieser Stelle herzlich für seine Beiträge danke. So ist auf meinem Blog wieder etwas mehr passiert in den letzten Wochen. Besonderen Spaß hat der Blogbeitrag gemacht, den ich mit Max gemeinsam nach dem Besuch von Interrobang geschrieben habe. Ich freue mich auf weitere tolle Theater-Erlebnisse mit Max genauso wie auf seine Blogbeiträge.


Einige Themen haben die Spielzeit bisher besonders geprägt und spiegeln gleichzeitig aktuelle und brisante gesellschaftliche Themen wider: Angst und Fremdenfeindlichkeit ebenso wie Flucht spielten und spielen eine zentrale Rolle. An Falk Richters FEAR kam in den letzten Wochen kaum jemand vorbei. Nicht nur die Drohungen gegen den Regisseur und die Schaubühne, sondern auch der Gerichtsprozess um die Inszenierung, bei der es um die Zensur von Kunst ging, wurden von vielen Medien besprochen (z.B. Peter Laudenbach in der SZ vom 15.12.2015 "Recht auf Angst").

Daneben schreibt die Schaubühne das Thema Feminismus in dieser Spielzeit mit zwei Inszenierungen (thisisitgirl von Patrick Wengenroth und istgleich von der Werkstattgruppe der Schaubühne) groß. Zusätzlich wurde das Thema in Heinz Budes "Streit ums Politische" diskutiert.

Das zentrale Motiv in Ungeduld des Herzens von Simon McBurney nach dem Roman von Stefan Zweig wird titelgebend auch Anfang des kommenden Jahres eine Rolle spielen, in Milo Raus Stück Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs (Premiere am 16. Januar 2016 an der Schaubühne).


Laurenz Laufenberg und Christoph Gawenda als Hofmiller in "Ungeduld des Herzens" (Foto: Gianmarco Bresadola)

Hier mein Rückblick auf die Monate September bis Dezember 2015.

SEPTEMBER

07.09. Ghosts von Constanza Macras (Schaubühne)
Ein schöner Start nach der Sommerpause - hier zum Nachlesen.

16.09. PREMIERE thisisitgirl von Patrick Wengenroth (Schaubühne)
Ein Stück über Frauen und Frauenfragen... Feminismus: eines der dominierenden Themen an der Schaubühne zur Zeit - hier mein Artikel zur Premiere.

 

OKTOBER

02.10. PREMIERE Westberlin von Rainald Grebe (Schaubühne)
Es beginnt mit einer Abhandlung über die "beste" Berliner Currywurst, die es dann auch in einem Wagen vor dem Theater zu kaufen gibt. Es folgt ein bunter, amüsanter Ritt durch die Geschichte West-Berlins von 1949 bis 1989. Ein Revue vieler Berliner Typen und Promis sowie typische Eigenarten, die es so nur in Berlin gegeben hat. Damals wie heute gilt: Wer wo hingeht und welche Bars, Clubs und Veranstaltungen man besucht, ist wichtig. Bei der Schreibweise im Titel handelt es sich übrigens um die in Ost-Berlin gebräuchliche.

Marie Burchard und Evelyn Gundlach in "Westberlin" (Foto: Gianmarco Bresadola)


16.10. Freunde der Schaubühne: Freunde treffen Künstler - Ein Abend mit der Schauspielerin Jenny König
Jenny folgte gerne unserer Einladung und erzählte uns aus ihrem Leben als Schauspielerin (Infos zu JK hier). Wir hörten ihr gerne zu. Ein Bericht dazu auf der Seite der Freunde der Schaubühne.

25.10. PREMIERE FEAR von Falk Richter (Schaubühne)
Mit dieser Inszenierung ging es bis vors Gericht. Zwei der im Stück erwähnten Personen wollten Zensur üben - bisher zum Glück ohne Erfolg. Mein Bericht zur Premiere hier und eine kurze Zusammenfassungen der Ereignisse, nachdem der Schaubühne und Regisseur Falk Richter massiv gedroht wurde.

26.10. Streit ums Politische: Antikapitalismus »Queer Trans Pop PoC Xeno? Postkapitalistischer Feminismus« (Schaubühne)
Der Soziologe Heinz Bude und Sonja Eismann, Herausgeberin des Missy-Magazins, sprachen darüber, welche Verläufe die Begriffsgeschichte des Feminismus in den letzten Jahren genommen hat, wo aktuell die spannendsten Auseinandersetzungen stattfinden und wo heute noch radikal emanzipatorische Potentiale angesiedelt sein könnten. Infos über weitere Veranstaltungen der Reihe hier.

27.10. Freunde der Schaubühne: Freunde diskutieren - Ein Abend mit Bernd Stegemann
Die Nachfolgeregelung für die Volksbühne durch den Kultursenator Müller und seinen Staatssekretär Tim Renner hat die theaterinteressierte Öffentlichkeit überrascht und eine heftige Debatte in Gang gesetzt und die Frage nach der Form des Theaters aufgeworfen. Mit dem Dramaturgen Bernd Stegemann diskutierte ein interessierter Kreis über das Ensembletheater versus Kuratoriumstheater.

30.10. To like or not to like von Interrobang (Sophiensäle)
Der Text, den Max und ich gemeinsam über den Abend verfasst haben, findet sich hier.


NOVEMBER       

02.11. Der geteilte Himmel von Armin Petras nach Motiven der Erzählung von Christa Wolff (Schaubühne)
Liebesgeschichte vor dem Hintergrund der Gründungsjahre der DDR mit Jule Böwe, Tilmann Strauß und Kay Bartholomäus Schulze. Die Schauspieler/innen agieren auf einer Art Laufsteg, der den Bühnenraum teilt, die Zuschauer sitzen auf beiden Seiten der Bühne. Viele Szenen werden im Off gespielt und dabei auf eine Leinwand in den Zuschauerraum übertragen. Mehr zum Stück hier.

Jule Böwe in "Der geteilte Himmel" (Foto: Dorothea Tuch)


08.11. thisisitgirl (Schaubühne) re-visited
Auch beim zweiten mal: Tolles Stück!

16.11. Jugend. Erinnerung 1945/2015 vom Jungen DT (Deutsches Theater)
Jugendliche aus Deutschland, Polen und Russland reisen nach Krakau, Wolgograd und Berlin. Sie wollen wissen, was Jugendliche vor 70 Jahren dort erlebt haben. Im Stück des Jungen DT geht es um neue Rituale des Gedenkens. Die 18 Jugendlichen spielen, tanzen, singen und nehmen Bezug auf aktuelle Geschehnisse wie den Krieg in Syrien. Infos zum Stück hier.

22.11. Hamlet - 250. Vorstellung (Schaubühne)
Insgesamt fünf mal habe ich die Inszenierung bereits gesehen, allerdings das erste mal mit Jenny König als Ophelia/Gertrud. Auch diesmal und natürlich für das Jubiläumspublikum hielt Lars Eidinger wieder einige improvisierte Situationen bereit. Ungeplant ist das Loch im Bühnenboden, das während der Vorstellung repariert werden musste. Dass das augerechnet beim Hamlet passierte, war natürlich fast schon eine Steilvorlage für LE. Besonders ist mir diesmal Urs Jucker aufgefallen, der die Rolle des Claudius spielt. Großartiger Schauspieler! Das habe ich auch schon in meinem Beitrag über Tartuffe befunden. Ansonsten war der Abend für mich natürlich auch eine "Vorbereitung" auf Ophelias Zimmer von Katie Mitchell, die sich damit auseinandersetzte, was geschieht, wenn Ophelia (Jenny König) nicht auf der Bühne ist. Ein Beitrag über die 250. Vorstellung von Hamlet von Gastbloggerin Anna folgt in Kürze.


DEZEMBER    
       
06.12. Streitraum Extra: Lesung zum Thema Flucht (Schaubühne)
Schauspieler/innen, Autor/innen und der Künstlerische Leiter der Schaubühne lasen im Rahmen dieser Benefizveranstaltung eigene und fremde Texte, um Geld für PRO ASYL und professionellen Rechtsschutz für Flüchtlinge zu sammeln. Mein Bericht dazu hier.

08.12. PREMIERE Ophelias Zimmer von Katie Mitchell (Schaubühne)
Bendruckendes und gleichzeitig beklemmendes Kunstwerk der britischen Regisseurin Katie Mitchell mit Jenny König als Ophelia. Ich habe meine Eindrücke hier geschildert und Max schreibt hier

13.12. istgleich von der Werkstattgruppe der Schaubühne
Ebenfalls mit dem Thema Feminismus hat sich die Werkstattgruppe der Schaubühne unter der Leitung von Philipp Rost auseinandergesetzt. Ein Spiel mit Konstruktionen, Erfahrungen und Gedanken. Infos zum Stück gibt's hier.

Die Werkstattgruppe der Schaubühne mit "istgleich" (Foto: Silke Briel)

19.12. Voraufführung Ungeduld des Herzens von Simon McBurney nach dem Roman von Stefan Zweig (Schaubühne)
Einer der Höhepunkte der bisherigen Spielzeit. Der britische Schauspieler, Regisseur und Mitbegründer von Complicite entwickelte eine Bühnenfassung von Stefan Zweigs einzigem Roman über die Frage, was wahres Mitleid ist. Dafür arbeitete er das erste mal mit einem deutschen Schauspiel-Ensemble und nutzte Klang und Video. Die Schauspieler/innen sprechen ihre Texte in Mikrophone, wechseln dabei die Rollen und erzeugen ein großes, eindrucksvolles Gesamtkunstwerk. Ich werde dazu noch einen Beitrag verfassen. Infos zum Stück gibt es hier.
Weitere Termine für das Stück:
14.01.2016
15.01.2016
16.01.2016
17.01.2016
11.02.2016
12.02.2016
13.02.2016
14.02.2016

Einen guten Start ins Theaterjahr 2016!

14. Dezember 2015

Blumen, Kleider, High Heels: Premiere "Ophelias Zimmer" von Katie Mitchell (Schaubühne)

Jenny König als Ophelia (Foto: Gianmarco Bresadola)

Eine ganz und gar beklemmende Inszenierung ist "Ophelias Zimmer" von Katie Mitchell. Die Dunkelheit, die Musik, die Geräusche drohend, quälende Monotonie. Zunächst strengen mich die ständigen Wiederholungen an und nerven sogar ein bisschen, aber dann wird mir die Figur dort auf der Bühne immer näher. Freilich ist Ophelia (Jenny König) hier das Opfer, so hat Shakespeare die Figur ja angelegt. Viele hatten etwas anderes erwartet von der Feministin Mitchell - so äußern sich die Freund/innen und Bekannten, die ich im Theater nach der Premiere spreche: Vielleicht eine Frau, die sich in ihrem Zimmer irgendwie versucht zu wehren gegen die Männer, gegen die Bevormundung, gegen die unangenehmen Liebes- und Lustbekundungen von Hamlet, gegen ihre Rolle, die ihr auch von der Mutter (Stimme aus dem Off von Jule Böwe) vorgeschrieben wird. Das tut sie in "Ophelias Zimmer" nicht. Sie bleibt und wird eingesperrt, gefangen in den immer gleichen Handlungen und im sich ständig wiederholenden Tagesablauf (Tee trinken, sticken, lesen, kurz mal an die frische Luft - was Frau halt so darf), mit Pillen vollgestopft. Verabreicht werden die Medikamente von einem "Bewacher" (Ulrich Hoppe), der nicht mal handgreiflich werden muss, damit sie diese schluckt, es reicht der Tonfall, der Befehl.

Liebesbekundungen von Hamlet auf Kassette (Foto: Gianmarco Bresadola

Trotzdem oder gerade deswegen ist das Stück großartig. Natürlich nicht, weil man mit Ophelia resignieren möchte. Sondern weil man sich bei allem eigenen feministischen Getue hin und wieder vor Augen führen lassen muss, dass nicht der bloße Wille reicht, sondern oft auch die Umstände Selbstbestimmtsein verhindern. Man möchte Ophelia/Jenny König trösten, wenn sie weinend auf ihrem Stuhl sitzt während Hamlet (Renato Schuch) seinen Affentanz aufführt (ein Anspielung auf Lars Eidinger als Hamlet in der Ostermeier-Inszenierung?). Die über ein Dutzend Kleider, die sie im Stück übereinander anzieht, erzeugen Assoziationen: Schutzpanzer, aber auch Zwangsjacke, der aufgedunsene Körper, der bald schon im Wasser treiben wird. Im übrigen werden ihr auch diverse Kleider vom Dienstmädchen angezogen (!), dazu High Heels (männliche Wunschvorstellung von Weiblichkeit), einmal sogar in rot, und immer wieder Blumen ("Blumen sind für Tote"). Die zweite Frau im Stück als Verbündete der Männer. Interessanterweise gespielt von Iris Becher, die in Patrick Wengenroths "thisisitgirl" eine ganz andere Frauenrolle verkörpert.

Sie weint, er tanzt (Foto: Gianmarco Bresadola)

Die Beschreibung der fünf Phasen des Ertrinkens, dazu das von Wasser geflutete Zimmer am Ende des Stückes, Bedrohung von allen Seiten, der Mädchenkram - die Blumen und Schuhe - treiben im Wasser vor sich hin. Und doch ertrinkt Ophelia nicht einfach, sondern sie nimmt sich - quasi als einzige selbstbestimmte Handlung - das Leben, indem sie sich die Kehle aufschneidet. Da fühlt man sich natürlich sofort an "Fräulein Julie" erinnert, eine andere großartige Inszenierung von Katie Mitchell (wobei Julie noch auf Jeans Empfehlung handelt).

Bedrohung Wasser (Foto: Gianmarco Bresadola)

Jenny König, eine Schauspielerin, die immer wieder von Neuem überzeugt, leistet hier Großartiges. Und natürlich stellt sich die Frage, inwiefern die Zuschauer/innen ihre Ophelia in Ostermeiers Hamlet-Inszenierung nun mit anderen Augen sehen und ob sich das Gesamtbild dieser Rolle verändern wird.

Für mich eine der besten Inszenierungen in dieser Spielzeit bisher!
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Koproduktion mit dem Royal Court Theatre London.

Text: Alice Birch  
Regie: Katie Mitchell  
Bühne und Kostüme: Chloe Lamford  
Sounddesign: Max Pappenheim
Dramaturgie: Nils Haarmann  
Lichtdesign: Fabiana Piccioli
Mitarbeit Regie: Lily McLeish

Mit: Iris Becher, Ulrich Hoppe, Jenny König, Renato Schuch  

Die Texte von Ophelias Mutter wurden eingesprochen von: Jule Böwe  

Statisten: Oliver Herbst / Mario Kutz

Dauer: ca. 120 Minuten

Weitere Infos Zum Stück & Probentrailer mit Erläuterungen von Katie Mitchell auf der Seite der Schaubühne.

Leseempfehlung: Der Text "Das 'poetischste' aller Themen" von Elisabeth Bronfen über die "schöne" Frauenleiche und die Misogynie E.A. Poes, der in seinem Essay "The Philosophy of Composition" die sterbende Frau ästhetisiert  (im Programmheft zu "Ophelias Zimmer").

Gunda Bartels vom Tagesspiegel hat Jenny König zu ihrer Rolle in "Ophelias Zimmer" und der als Gertrud/Ophelia in Thomas Ostermeiers Hamlet-Inszenierung interviewt - Die Schauspielerin Jenny König: Die Untergeherin (tagesspiegel.de am 8.12.2015)

Max Penthollow schrieb mir bereits vor ein paar Tagen.

11. Dezember 2015

Max Penthollow schreibt mir // Kapitel 11: Tod im Wasser ("Ophelias Zimmer" an der Schaubühne)

Max Penthollow schreibt mir...

Liebe Maren,

am 08.12.2015 (Premiere) und 09.12.2015 war ich in der Schaubühne in „Ophelias Zimmer“. Ich fand’s toll! „Ophelias Zimmer“  - Shakespeares „Hamlet“ aus Ophelias Sicht

Hier ist mein Bericht: 

„Ophelias Zimmer“ – Alice Birch – Regie: Katie Mitchell – Schaubühne – Premiere am 8. Dezember 2015, 20:00 Uhr

Der Schlüssel zu „Ophelias Zimmer“ ist bei Shakespeares „Hamlet“.

Was macht Ophelia in ihrem Zimmer? (Foto: Gianmarco Bresadola)

1. Hamlet
Hamlet, Kronprinz von Dänemark, hat jede Menge Schwierigkeiten mit seiner königlichen Familie und mit der Familie seiner Freundin Ophelia, sucht Zuflucht im Wahnsinn und steht schwere Zeiten und Krisen durch. Am Ende des Stücks sind alle Vertreter der beiden Familien tot, einschließlich Hamlet und Ophelia. Hamlets Frage ist: Sein oder nicht sein?!

2. Ophelia
Ophelia ist Hamlets Freundin. Sie ist die Tochter des Hofangestellten Polonius und die kleine Schwester von Laertes. Aus Polonius‘ Sicht wird Ophelia von Hamlet nur ausgenutzt und macht ihn selbst, Polonius, „zum Idioten“. Vater Polonius verbietet Ophelia jeglichen Umgang mit Hamlet.

„Ophelias Zimmer“ macht einen Perspektivwechsel und betrachtet die Dinge aus Ophelias Sicht während einer Theater-Aufführung von „Hamlet“. Der zeitliche Ablauf von „Ophelias Zimmer“ bezieht sich von Anfang bis Ende minutiös auf „Hamlet“.


Ophelia unterliegt (Foto: Gianmarco Bresadola)
Ophelia wird bevormundet, unterdrückt, ihre bescheidenen Wünsche werden abgelehnt, ihr Vater Polonius verbietet ihr nach draußen zu gehen (Dienstmädchen: „heute nicht!“). Ophelia ist in ihrem Zimmer und hat praktisch keine Kontakte nach draußen, Hamlets Briefe schickt sie entsprechend der Anweisung von ihrem Vater Polonius zurück. Sie bekommt immer wieder Blumen ins Zimmer.

Ophelia ist Verliererin, Benachteiligte, Unterlegene, Opfer. Sie hat kaum etwas eigenes, und was sie hat (z.B. Hamlets Briefe), das wird ihr weggenommen, andere Menschen dringen rücksichtslos in ihr Zimmer und in ihr Leben ein. Ophelia wird wahnsinnig. Ophelia ist allen egal. Sie arbeitet an einer Stickerei mit dem Text: „Leben ist    “.

Einmal kommt Hamlet Ophelia in ihrem Zimmer besuchen, er fasst sie hart an und schreit sie an (8. Szene (bzw. 3. Akt, 1. Szene) in „Hamlet“) und führt in ihrem Zimmer einen autistischen Tanz zu rhythmusstarker Disco-Musik auf: Love Will Tear Us Apart (Joy Division). Ophelia sitzt und weint.

Besuch von Hamlet (Foto: Gianmarco Bresadola)


In fortschreitender Vereinsamung und in zunehmendem Wahnsinn vollzieht Ophelia in ihrem kleinen Zimmer immer dieselben Rituale von Bewegungsmustern. Sie sagt: „ich will Laertes sehen! Ich will Hamlet sehen! – Kommt jemand?“

Niemand kommt. Ophelia stirbt schließlich im Wasser. 

3. Ophelias Tod
Ophelias Wahnsinn und ihr Tod durch Ertrinken sind (jedenfalls für mich) ein zentrales Motiv oder das zentrale Motiv der Ophelia in „Hamlet“:

Die Königin, Hamlets Mutter, berichtet Laertes, dass Ophelia von einem Weidenbaum am Bach gestürzt sei, als sie einen ihrer selbst geflochtenen Blumenkränze im Astwerk des Baumes aufhängen wollte. Dabei brach ein „neidischer kleiner Zweig“ und ihre Unkrauttrophäen und sie selbst fielen in das weinende Gewässer. Es dauerte nicht lange, bis ihre Gewänder, schwer von dem, was sie getrunken hatten, das arme Geschöpf hinabzogen in den schlammigen Tod (18.Szene (bzw. 4.Akt, 7.Szene)).

Zwei Clowns, Ophelias Totengräber, rätseln am frisch ausgehobenen Grab (19.Szene (bzw. 5.Akt,1.Szene) darüber, ob Ophelias Tod durch Ertrinken ein Unfall war oder ob Ophelia wohl Selbstmord begangen hat, indem sie sich absichtlich ins Wasser gestürzt hat. Auf diese Frage gibt es bei „Hamlet“ keine Antwort.

In Katie Mitchells „Ophelias Zimmer“ nimmt sich Ophelia konsequenterweise und für uns eineindeutig selbst das Leben – hier mithilfe einer großen Schneiderschere.

4. Das Stück
Das Stück „Ophelias Zimmer“ dreht sich formal in Gänze um Shakespeares Motiv von Ophelias Ertrinken in der Textpassage in „Hamlet“ (18. Szene): Ophelia, die Blumen, das Wasser, die schweren Gewänder. So sind für mich die Blumen und auch die vielen Kleider (über 15 Stück), die Ophelia während der Aufführung – alle übereinander - anzieht und in denen sie sich zum Schluss gar nicht mehr richtig bewegen kann, während des gesamten Stücks Leitmotive von Ophelias „schlammigem Tod im weinenden Gewässer“.

Warum Ophelia immer wieder Blumen bekommt, die sie dann immer wieder in einen Abfallkorb steckt, und warum sie immer wieder und immer mehr Kleider anzieht, darüber kann man rätseln und interpretieren! Aber aus meiner Sicht ist es so: die Blumen und die Kleider müssen zum Schluss vorhanden sein, weil sie als Motive in dem zentralen Bild der ertrinkenden Ophelia (genau entsprechend Shakespeares Text) gebraucht werden! Und woher die Blumen kommen und warum sonst noch die vielen Kleider und was das sonst alles für eine Bedeutung hat, ist aus meiner Sicht gar nicht wichtig. Zum Schluss müssen sie alle da sein! Für das „Motif central“!

5. Mein Resümee
Die zeitgenaue Aufführung von „Hamlet“ aus Ophelias Sicht in Ophelias Zimmer fand ich atemberaubend! Gewaltiges Bühnenbild!

Jenny König ist Ophelia – in „Ophelias Zimmer“ und auch in der „Hamlet“-Inszenierung der Schaubühne (Regie: Thomas Ostermeier). Einzigartig und allerfeinst!

Katie Mitchells Spiel mit den Motiven und mit dem Motiv Zeit finde ich magisch.

Ich hatte es so erwartet und war primär schon gleich zweimal da!

Ich finde: grandioses Konzept, großartige Regie, beste Besetzung, großartige schauspielerische Leistung aller Darsteller/innen, tolle Bühne im Globe-Theater, bester Ton, feinste Musik und ausgeklügeltes Licht, alle Wechsel im sekundengenauen Takt eines Chronometers!

By the book!

Splendid!

Allerliebst

Max
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Koproduktion mit dem Royal Court Theatre London.

Text: Alice Birch   
Regie: Katie Mitchell   
Bühne und Kostüme: Chloe Lamford   
Sounddesign: Max Pappenheim
Dramaturgie: Nils Haarmann   
Lichtdesign: Fabiana Piccioli
Mitarbeit Regie: Lily McLeish

Mit: Iris Becher, Ulrich Hoppe, Jenny König, Renato Schuch   

Die Texte von Ophelias Mutter wurden eingesprochen von: Jule Böwe   

Statisten: Oliver Herbst / Mario Kutz

Dauer: ca. 120 Minuten

Weitere Infos zum Stück auf der Seite der Schaubühne.

Gunda Bartels vom Tagesspiegel hat Jenny König zu ihrer Rolle in "Ophelias Zimmer" und der als Gertrud/Ophelia in Thomas Ostermeiers Hamlet-Inszenierung interviewt.

7. September 2015

Max Penthollow schreibt mir // Kapitel 3: Unser großes kleines Leben (Gedanken zu "Stück Plastik" an der Schaubühne)

Max Penthollow schreibt mir...

Liebe Maren,

hier ist mein Text zu „Stück Plastik“ von Marius von Mayenburg:

Stück Plastik – von Marius von Mayenburg -  Schaubühne Berlin – Premiere am 25. April 2015

Gestresste junge Familie aus Kunsthistorikerin, Arzt und pubertierendem Jungen bekommt Rettung in der Not von empathischer singender junger Haushaltshilfe und Putzkraft Jessica. Jessica wird irgendwie Bestandteil des Familien-Systems, irgendwie aber auch doch nicht so ganz richtig.

Konzeptkünstler und Arbeitgeber der Ehefrau, Serge, findet Jessica hübsch und cool, spannt sie den jungen Leuten aus und will sie als Putzfrau als Bestandteil seines Kunst-Installations-Projekts einsetzen.

Wunderbare Videoarbeit, teilweise vom Mobiltelefon aus, allerfeinste Globe-Theater-Bühne. Haushaltshilfe Jessica (Jenny König) singt wunderschön, und zwar nicht an der Rampe, sondern irgendwo während sie putzt und arbeitet oder duscht (aus dem Off backstage), sie singt alles und immer live.

Besondere Perle des Dramaturgischen: eine ganz kleine beiläufige Andeutung aus der ersten Hälfte des Stücks kommt als Motiv schließlich wieder und besiegelt den Schluss in einem finalen Furioso.

Liebevolle Zitate, Querverweise und Hommagen an Luis Bunuel und Alfred Hitchcock.

Marius von Mayenburg at his very best!

Er sagt etwa (im Publikumsgespräch auf der Bühne nach der Aufführung am 8. Juni 2015) „wenn man Stücke schreibt, die dann andere Leute inszenieren sollen, dann ist das wie so eine Art Bewerbung.“

So hat er es nun selbst in die Hand genommen und sein eigenes Stück Plastik als Regisseur in Szene gesetzt.

Marius von Mayenburg erweist sich aus meiner Sicht wieder und einmal mehr als Meister des Savoir Faire nach Inszenierungen wie z.B. seiner eigenen Stücke „Perplex“ und „Märtyrer“ oder Shakespeares „Viel Lärm um Nichts“ und nach seinen fabelhaften Shakespeare-Übersetzungen (z.B. „Hamlet“, „Othello“, „Maß für Maß“, „Viel Lärm um Nichts“, „Richard III“).

Wunderbares Stück, tolle Inszenierung und Regie, beste Besetzung, wunderbares Spiel der Darsteller/innen, lustvolle Songs, große Show.

Die Essenz, das eigentliche Thema: unser großes und kleines Leben.

Stück Plastik reflektiert das, was die Menschen da eben machen auf der Bühne. Es ist unser Leben, unsere Zeit, unsere kleine Welt. Die Menschen auf der Bühne, das sind wir, und das, was sie machen ist das, was wir machen. Komödie, auch ein bisschen traurig und nachdenklich. Wir dürfen richtig lachen. Wir lachen über uns selbst.

Allerfeinst!

Liebe Grüße

Max

Jenny König als Jessica mit Marie Burchard, Sebastian Schwarz, Robert Beyer (Foto: Arno Declair)

Infos zur Inszenierung auf der Seite der Schaubühne.

Pearsons's Preview zum Stück hier.

Mein (Marens) Bericht dazu hier. 

Regie: Marius von Mayenburg  
Bühne und Kostüme: Nina Wetzel  
Musik: Matthias Grübel  
Video: Sébastien Dupouey  
Dramaturgie: Maja Zade  
Licht: Erich Schneider  

Ulrike: Marie Burchard  
Michael: Robert Beyer  
Vincent: Laurenz Laufenberg  
Serge Haulupa: Sebastian Schwarz  
Jessica Schmitt: Jenny König

Premiere im Rahmen des F.I.N.D. 2015