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25. Juni 2017

Welches Jahr haben wir gerade? von Afsane Ehsandar / Autorentheatertage 2017 (Deutsches Theater) - Gastbeitrag von Steffi Eisenschenk


Entkommen, doch der Zeit entglitten?

„Heute morgen bin ich durchgedreht. Ich habe mein Bestes versucht.“

Wie so eine bizarre Zwiespältigkeit sitzt und steht die Hauptfigur, gespielt von zwei Schauspielerinnen, auf dem Grund eines Schwimmbeckens. Ein dünnes Licht beleuchtet das verhüllte Leben am Boden. Das Leben. Ein Fluss? Ein Meer? Oder ein eingegrenztes Becken? Wer aber setzt den Rahmen? Die Spielregeln? Die Leben einer Frau, mit mehreren Ichs. Die Stimmen aus der Vergangenheit übernimmt ein Kassettenrekorder. Ihr Geist beobachtet sich selbst aus allen Ecken oder kommentiert vom Beckenrand aus. Die Ketten der Erinnerungen, die Fluchterlebnisse - sie hängen in schweren Schatten in die Gegenwart hinein. Die grausamen Erlebnisse der Flucht zerstören jeden Versuch, einen klaren Gedanken zu fassen. Geradlinig ist gar nichts. Verunsicherung und eine unterschwellige Bedrohung hängen in der Luft. Immer wieder funkt die Stimme aus dem Kassettenrekorder dazwischen – eine Störung. Eine verzerrte Wahrnehmung. Das hier? Was jetzt? Die Vergangenheit, die Gegenwart, die Zukunft? Der Schock - ein mieser Anker, der einen zu Boden zieht, besucht einen immer wieder. Was war, was ist? Diese Vorstellung von Veränderung. Ist das nicht die Nahrung von Mut? Oder ist es eher die Hoffnung?

„Ich war mit dem Kopf in den Wolken“

sagt die Schauspielerin. Die Erinnerungen, die Alpträumen, die festkleben im Gehirn und die Gegenwart beeinflussen, in die Zukunft greifen. Und doch scheint der Wille stark gewesen zu sein, die Dinge nicht mehr aushalten zu wollen. Eine andere Idee zu haben. Vom Leben. Von der Zukunft. Von der Zukunft als schöner Traum vom blauen Himmel. Die Gedanken sind längst geflohen, nur der Körper ist noch gefangen. Eingemauert, eingegrenzt, eingesperrt. Überall sucht sie nach den Verboten. Privat. Members Only. Verzweifelt versucht sie es zu richten, ihr Leben. Als ob die Risse zu kitten wären wie so ein kaputter Schlauch. Endlich die Dinge zum Laufen zu bringen. Die Löcher stopfen. Wieder fest im Sattel zu sitzen, das Leben in den Griff bekommen. Und nicht in der Leere zu hängen, nicht auf der Stelle treten, sich abstrampeln, aber nicht vorwärtskommen. Dieses Leben, diese zwei Leben zu leben, das verlangt viel. Das Öffentliche und das Private. Diese Parallelen des gleichzeitigen Ichs. Was im Herkunftsland (Iran) der Autorin notwendig ist für viele: zwei Leben zu leben in diesem repressiven Wächterstaat. Gerade als Frau. Man muss Kopftuch tragen, Fahrrad fahren ist verboten, Sport treiben ist nur in speziellen Frauenparks erlaubt, um nur einige zu nennen. Aber die beiden Ichs sind geflohen. Das neue Leben fordert neue Dinge. Die alte Ordnung gilt nicht mehr, die neue ist noch nicht gefunden. Werden es drei oder vier Ichs werden? Diese Sehnsucht nach einem Leben.

Das Theaterstück, ein Dialog mit sich selbst und der Dialog mit ihm. Oder ein Verhör? Ein Mann. Ein Partner? Einer, der im Gefängnis sitzt? Ein Vater? Mehrere Männer. Beamte, Polizisten. Vergewaltiger. So genau weiß man das nicht, wann wer spricht. Die Erinnerungen durchkreuzen das Jetzt. Ungenau. Gestaltlos. Diffus. Diese Subtilität braucht keine Handgreiflichkeiten. Beängstigend sitzt die Angst im Raum zwischen den Worten. Ort, Zeit und Umstände sind unbekannt. Doch die Schlagstöcke der weißen Kälte sind immer noch da. Ein Schlagstock mit Uniform, der Nacktheit befiehlt. Im Kopf ist das nicht so einfach zu löschen, da stapeln sich die Erlebnisse. Die zwei Stimmen der beiden Ichs fallen in Chorgesänge, die Ichs kurz vereint. In einigen Momenten singt auch die männliche Stimme mit. Die Stimmen starten unterschiedlich, drehen sich und kommen wieder zusammen, um einen gemeinsamen Rhythmus zu finden. Gemeinsam, getrennt zusammen.





Die Träume des Ichs sind schon längst hinausgeklettert und sitzen am Beckenrand. Eine Selbstbeobachtung. Mitleidig, weil der Körper hängt noch fest. Sitzt, bewegungslos. Der Körper folgt den Gedanken nicht so leicht. Der muss viel mehr aushalten und überwinden. Aber welchen Weg soll sie gehen? „Gehe nie da lang, wo alle gehen.“ warnt die männliche Stimme. „Die Polizei folgt immer den Menschenmengen.“ Immer noch bedrohlich, das Leben. Und auch, wenn der Körper die Flucht überlebt hat, mit allen Hindernissen der Vertreibung. Und auch, wenn sie allein in diesem neuen Land steht - in diesem neuen Leben, wo alles so fremd ist und die Ichs nach Halt suchen - will sie dazugehören, zu ihrer erträumten Zukunft. Dazugehören. Unbedingt dazugehören. Die beiden Ichs zusammen zum neuen Ich? Versuche, die immer wieder durchkreuzt werden, weil immer wieder andere Regeln gelten. Hier und dort, andere Spielregeln. Es muss der Maßstab gewechselt werden, was eine Orientierung erschwert.

„Neu anfangen. Sich blond machen. Sich blond färben. Alles neu.“


Afsane Ehsandar zeigt die Spaltung der Identität, die Einflüsse und die Transformation. Die Verwirrung, das Trauma der Hauptfigur ist spürbar, die sich im Titel ausdrückt: Welches Jahr haben wir gerade?

„Ein Drama über die Unmöglichkeit, Unaussprechliches auszusprechen. Gegen den Anspruch, es immer ganz genau wissen zu wollen. Gerade in der Verweigerung wird das Schreckliche spürbar.“ (Aus der Jurybegründung der Autorentheatertage 2017)

Afsane Ehsandar, geboren 1981 in Teheran, Iran. Sie ist als Autorin und Lektorin tätig. Sie lebt seit drei Jahren in Berlin und schreibt seither auf Deutsch. Ihre Stücke drehen sich häufig um Fragen von Identität, Gewalt und Sexualität.

(Gastbeitrag von Steffi Eisenschenk)

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Regie: Mélanie Huber
Bühne / Kostüme: Marie Luce Theis
Komposition: Martin von Almen
Arrangements der Liedtexte: Stephan Teuwissen

Uraufführung am 23. Juni 2017
Koproduktion mit dem Schauspielhaus Zürich
  
Besetzung:
Sarah Gailer, Sarah Hostettler, Nicolas Rosat, Isabelle Menke (Stimme)


Weitere Infos zu den Autorentheatertagen 2017 und zum Stück hier.

15. Dezember 2016

This is not a….. theatre critique: "Richard III." (Schaubühne) - Gastbeitrag von Anna R.

Männlich, verbittert, kriminell, häßlich sucht….und ich komme extra aus Bonn angereist, um genau diesem Mann meine Aufmerksamkeit zu schenken. Eine Binsenweisheit, dass mensch immer das woanders sucht, was er zu Hause nicht hat.

Also gut, ich reise nicht nur an, um mich dieser Ungestalt feilzubieten und dem eigenen Voyeurismus zu fröhnen. Es ist noch viel abgründiger: Meine liebste lange Freundin Maren, sorgt ca. einmal im Jahr dafür, dass wir unsere Abgründe bei mode,- gesundheits- und politbewusstem Essen, Trinken und Handeln updaten. Durch sie ist es mir möglich wenigsten EINEN Haken hinter die Liste der „Must-Haves“ der deutschen Theaterinszenierungen zu machen. In diesem Jahr getoppt dadurch, dass wir nicht nur die gleichen Blousons in der gleichen Boutique erwerben sondern diese tatsächlich auch zusammen zu Aufführung in die Schaubühne tragen. Auch wir spielen ein Schauspiel. Manchmal trinken wir aber auch einfach mal nur Kaffee miteinander.

Aber genug des kleinbürgerlichen Wahnsinns, Richard III. on stage. Was sage ich? Im Globe. Die Welt in der Welt. Und ich bin mittendrin. Im Dreck, gespickt mit goldenem Konfetti, im Sumpf aus Familien,- und Machtkampf auf allen Ebenen, von höchster Stelle abgesegnet.

Konfetti-Rausch - Das Schaubühnen-Ensemble (Foto: Arno Declair)

Es scheint nur ein Schritt zu sein, um selbst an diesem Spiel mitzumischen. Erschreckend banal. Wenn da nicht der gerade erlebte Wahlsieg eines Donald Trumps wäre. Oder ist auch das einfach banal? Bekomme ich vielleicht einfach nicht mit, dass ich in meinem Mikrokosmos wechselweise die Rolle von jedem einzelnen dieser Familienmitglieder und Bediensteten einnehme?

Lars Eidinger als Richard III. (Foto: Arno Declair)

Kein Vorhang, eher ein Abhang. Das Licht geht aus. Es gibt keinen Applaus. „Warum denken die Leute in letzter Zeit hier immer, das Stück geht noch weiter…?“ so oder so ähnlich beschwert sich Hamlet…äh…Richard. Lars. Bevor es ihn dann doch gibt, den Applaus. Jeden und jede Einzelne möchte ich umarmen und beklatschen, von diesem geilen Schaubühnenfamilienteamwahnsinn.

Kein Abgang (Foto: Arno Declair)

Und bekomme sogar noch Autogramme: Von Laurenz, Jenny, Robert und Moritz. Und ein artiges Dankeschön, dafür, dass ich extra aus Bonn angereist bin. „For there is nothing either good or bad. But thinking makes it so.“ DankeMarendankeSchauspieldankeLeben.

Widmung von Lars Eidinger im Richard-Programmheft (Foto: Anna R.)
Widmung von Lars Eidinger (Foto: Anna R.)
Unterschriften des Schaubühnen-Ensembles (Foto: Anna R.)


6. September 2016

Die Quadratur des Hamsterrads: "de
rdiemann" von Herbert Fritsch nach Texten von Konrad Bayer (Volksbühne) - Gastbeitrag von Steffi Eisenschenk

Zum 100. Jahrestag des Dadaismus machte Herbert Fritsch die Showbühne der Volksbühne mit Konrad Bayers Texten zum quietschbunten Hamsterrad. Von Tristesse und Depression kaum eine Spur, meist krachend komisch. Wobei das Dauergrinsen der Schauspieler*innen durchaus eine hilflose Verzweiflung widerspiegelt - das Gefangensein im Anzug der Sprache.

„Wie Bayer vorführt, bewegt sich die so entstandene 'Welt' in einem geschlossenen Kreis. Klassifikation und Etikettierung der 'Wirklichkeit' reduzieren das Erkennen darauf, einen Gegenstand "mit seinem rechten Namen zu bezeichnen"(Essay über Konrad Beyer und die „zerschneidung des ganzen“)

Wie sie staksen, wie sie reden! Diese So-Tun-Also-Ob-Sätze zwischen Rhythmus und Reimgesäusel - umwerfend sinnlos die Suche nach einem Zusammenhang. Und doch orchestriert und parodiert Fritsch das konventionelle Getue auf der Bühne in unglaublicher Stringenz für Lacher und Überspitzungskomik. In knallbunten “plastic is fantastic” Kostümen stolzieren die sieben Schauspieler*innen als Gaga-Gang zwischen Showtreppe und überdimensioniertem Megafon. Floskel- und Nonsenskonversation, bis einem die Tränen über die Wagen laufen vor Lachen. Dann mit Beatles Pilzköpfen in mausgrauen Einheitsanzügen, die Abschied nehmen. Einer fehlt, die Lücke wird betrauert, man zerfließt in ein Knäuel des gemeinsamen Selbstmitleids. Ein grotesker Trauer-Behavorismus, was über den Klangrhythmus der Sprache, den Orgelanschlag und Gestik funktioniert.

Überhaupt: die Musik. Rinks und lechts arbeiten die Musikinstrumente mit den Musiker*innen. Sie geben den Performer*innen Halt in der Mitte der Bühne. Das Klangbett als Gerüst für die singenden und sprechende Schauspieler*innen, die man nur bewundern kann, dass jedes Wort und jede Gestik scheinbar zusammenhaltlos zum Quatsch wird. Und wie sie zwischen und mit den Mikroständern kämpfend herumzappeln im Gesprächsfetzengeplapper, im Erwarten der erhofften Wiedergabe des Unsinns im Umgang miteinander. Das Wort genommen, das Wort gegeben. Gleichzeitig verbindet und trennt die Sprache. Eine Drehscheibe zwischen Kollektiv und Alleinsein, denn plötzlich singt ein Mikrostar tieftraurig “Niemand hilft mir”. Wo man sich vorher noch gemeinsam einsam berauscht vom Applaus auf der Showtreppe produzierte, um dann verängstigt aus dem Rampenlicht zu fliehen vor der Öffentlichkeit. Doch es gibt kein Entrinnen vor den voyeuristischen Massen. Und dann kommt Karl. „der ganze Karl hat sich da versammelt“. Erst einer, dann sieben Karls. Vereint im Gleichklang “a a a a a a a” was einem wie Kindersprache durch die Nase weht, bis das o unterbricht und der Chor “ a a a a a o a a” tönt.

Wie spielerisch Fritsch damit die ästhetische Form des Dadaismus auf die Ebene der Gesellschaft, dem sozialgesellschaftlichen Diskus von Kollektiv und Individualismus hebt - überraschend, wie die extreme Form der Sinnentleerung von mir trotzdem auf politisch - gesellschaftlich assoziiert wird: zwischen Wortwiederholung und Wortabnutzung, von Facebook-Newsfeed-Fetzen zu Selbstbehauptungen sowie Vereinheitlichung und Gleichschaltung, händeringend kontrastiert durch Individualismus. Knallige Fröhlichkeit in pink, rot, blau und gelb. Bis Fritsch die Grimassenlächler auf dem Rücken liegend zappeln lässt und der Zuschauer sieht als Schattenwurf einen Totentanz der Mistkäfer, im blauen Licht. Dieses Bild ist sein eigener Himmel. Da-Da-Dagewesene.


Die Inszenierung war zum 53. Theatertreffen 2016 in Berlin eingeladen, außerdem ging der 3sat-Preis 2016 an Herbert Fritsch für sein “Intensivstation Theater”, so die Jury.

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Regie & Bühne: Herbert Fritsch
Kostüme: Victoria Behr
Licht: Torsten König
Musikalische Leitung: Ingo Günther

Mit: Florian Anderer, Jan Bluthardt, Werner Eng, Annika Meier, Ruth Rosenfeld, Axel Wandtke, Hubert Wild, Ingo Günther (dasderdiemannorchester), Michael Rowalska (dasderdiemannorchester), Taiko Saito (dasderdiemannorchester) und Fabrizio Tentoni (dasderdiemannorchester)

Spieldauer: 1 Stunde 45 Minuten

Am 26.10.2016 das nächste mal an der Volksbühne zu sehen - Tickets & weitere Infos.

19. Juli 2016

Theaterferien - aber nicht ganz ohne Theater

Theaterferien! Was die Mitarbeiter/innen der Berliner Theater herbeigesehnt haben - schließlich gibt es auch ein Leben jenseits des Theaterbetriebs -, ist für uns Zuschauer/innen eine Zeit, in der wir auf unsere Lieblingsbeschäftigung verzichten müssen. Es lohnt sich allerdings, bis Ende August/Anfang September, bevor die Stadtheater wieder in die neue Spielzeit starten, einmal die Programme der diversen Off-Theater und kleinen Bühnen zu studieren. Außerdem besteht natürlich die Möglichkeit Festivals im Ausland zu besuchen. Ich plane einen Trip zum "Dans o Theater Festival" in Göteborg und werde natürlich davon berichten. Außerdem möchte ich das ein oder andere Theater-relevante Thema aufgreifen und darüber schreiben. Zudem wurden mir von meinen Gastblogger/innen weitere Beiträge zugesagt.

29. März 2016

Hoffnung in Dosen? - Gastbeitrag von Steffi Eisenschenk über das 34. Fadjr International Theater Festival in Teheran

Theater unter den Augen des Wächterstaats

Iran, Januar 2016. Das ist der Anfang einer Geschichte, deren Ursprung ganz weit hinten liegt. Oder ganz vorne. Kommt auf die Sichtweise der Verhältnisse an. Ich weiß nicht genau, wann es anfing, doch es begann mit diesem Satz: „Es ist keine Kunst, die Welt zu erobern; wenn du kannst, erobre ein Herz!“ Diesen lautbaren Talisman von Saadi hat mir Goethe angehängt. Diese Idee einer Auswanderung in ein anderes Herz, dessen Rhythmus ich spüre. So baut die Kunst ihre Brücken über die Poesie. Durch Gedanken reisen, durch Texte, Bilder, Bewegung und Musik. In Filmen, auf Bühnen, im Leben, wo alles zusammen spielt. Dort begegnen sich Menschen mit ihren Sinnen und durch Geschichten. Und ich glaube, Johann Wolfgang kam über Hafiz zu Saadi, dem persischen Dichter. Goethe, ein Handelsreisender zwischen den Kulturen. Mit „Hidschra“ als Reisender im „Wechseltausch“ fremder Lebensformen - dem Orient. Heutzutage scheint das schwierig für Europa, wo es doch für den Einzelnen mit Kultur leicht sein kann. Doch das ist eine lange Kette von verwirrenden Verstrickungen.

Über den Dächern von Teheran (Foto: Stefanie Eisenschenk)

Einblick
2016 in Deutschland, das Jahr war erst ein paar Wochen alt und drohte schon in ideologischem Verortungsgebrüll zu versinken. Gruselig fühlte sich das an, denn ein verwirrter Prozentsatz war so laut. Genau jetzt die Gegenbewegung anzutreten war Zufall. Raus aus Deutschland, rein in ein „unsicheres Herkunftsland“. Eine Reise in den Iran. In eine islamische Republik! Ein rotes Tuch für die Angstprediger Deutschlands. Einwurf, sicherheitshalber: Eine Iranexpertin bin ich nicht, nach sechzehn Tagen habe ich nur Fragmente erfasst. Und natürlich war alles anders als erwartet, obwohl ich nicht ganz unvorbereitet war. Beeinflusst war ich von Jafar Panahis' "Taxi Teheran" und "Der Kreis" sowie "A Separation" von Asghar Farhadi und "A Girl Walks Alone Home At Night" von Ana Lily Amirpour und dem gesamten Rest meines Lebens.

Parallelen

Es hat mich deshalb nicht überrascht, dass im Iran nicht nur Ahmadinejads wohnen oder nur Mullahs bei den 80 Millionen Einwohnern. Jedoch verhüllen sich viel mehr Frauen mit dem schwarzen, langen Gewand, dem Tschador, als ich dachte. Die erste Begegnung im Flughafen Teheran: wir saßen zusammen auf der Toilette. Alle in unseren Kopftüchern und rauchten. Ungeahnte Parallelen. Sie sind vorhanden, denn auch Nonnen tragen Kopftuch. Nur haben die katholischen Damen die Wahl - schwarz und auch weiß. Unsere Nonnen wohnen allerdings in Klöstern und gehen nicht in die Moscheen, leben aber ebenfalls nach religiösen Regeln. Freiwillig. Das Aufzwingen von Religion vom Staatswegen ist für mich allerdings eine sehr ungesunde Vermischung. Welche religiösen Regeln jetzt richtiger oder wichtiger sind und ob überhaupt Glaubensregeln oder einfach Menschenrechte das Zusammenleben möglich machen, diese Antwort sollte jeder Demokrat den Menschen selbst überlassen. Dies gehört zu den Grundrechten einer demokratischen Einstellung.

Da die Gegenwart ihre Wurzeln immer auch ganz woanders hat, erfordert es einen historischen Blick. Wer nur über die aktuellen Vorschriften der Bekleidung oder die herrschende Zensur im Iran spricht, ohne die Entwicklungsgeschichte des politischen Systems der islamischen Republik und deren Machtstrukturen zu betrachten, der bleibt nur an der Oberfläche hängen.

„Das ist im Grunde nur die Warze, nicht die Krankheit.“ (Thomas Brasch im Gespräch mit Günter Grass.

Symbole (Foto: Stefanie Eisenschenk)


Es ist kein Zufall, dass ich sehr oft bei dieser Reise an Thomas Brasch, Barbara Köppers oder Irmtrauth Morgner denken muss. Eine Spiegelung von Geschichten, gespalten durch die Zeit. Kunst in der DDR. Überhaupt, Kunst unter dem Einfluss von Zensur, Kunst unter dem Hakenkreuz - das Zeichen werde ich in einem alten Tempel aus der persischen Zeit neben einem Davidstern in den Mauern sehen. Der Tempel mit dem „Hakenkreuz“ Symbol ist lange vor dessen Missbrauch erbaut worden. Das Symbol wurde genauso entfremdet und benutzt von den Nazis, wie der Begriff „Arier“. Der Dokumentarfilm „Die Arierer“ hat in 2014 endlich das Lügenwerk der begrifflichen Rassenideologie präzise offen gelegt. Arier – geklaut aus dem alten Persien. Dass ein Arier ein Mensch ist - wie du und ich - hat König Darius vor 2500 Jahren in Stein gemeißelt. Tragischerweise wurde der Begriff von den Nazis für perfide Propaganda-Strategie benutzt und mit ausgedachten Attributen zu einem Pseuydoideal zusammengebastelt. Für mich blitzte hier immer wieder die Gegenwart aus Deutschland durch - wo Personen der AfD und anderer Parteien begonnen haben öffentlich zu irrlichtern. Die Sprache wird für politische Propaganda missbraucht, um ängstliche Mitläufer zu gewinnen. Eine verlogene Instrumentalisierung der Flüchtlinge für herrschaftliche, politische Zwecke. Die Fluchtursachen sind komplex und es erfordert ein Hinterfragen seiner eigenen Selbstherrlichkeit - weil es doch tatsächlich um ein verdecktes Spiel der Beherrschung geht (S. 118-120, Moderne und Ambivalenz, Zygmund Bauman). Womit ich wieder bei Hamlet bin.

Hamlet im Spannungsfeld des Wächterstaats

34. Fadjr International Theater Festival in Teheran (Fotos: Stefanie Eisenschenk)

Zum 34. Fadjr International Theatre Festival nach Teheran fuhr ich, weil ich als Freundeskreismitglied der Schaubühne versuche, mindestens ein Gastspiel pro Jahr zu begleiten. In "Hamlet" wird regelmäßig der König ermordet, betrogen und gelogen. Am Schluss sind fast alle tot. Shakespeares Schurkenstück in Teheran - mit diesem Hintergrund der Geschichte der Diktatoren: vom Schah von Persien, der Revolution 1979 des Ajatollah Khomeini, sowie der blutigen Unterdrückung von 2009, wo die Demonstrationen gegen die Wiederwahl Ahmadinejads brutal niedergeschlagen wurden - dies unter den Augen des obersten, religiösen Imans? Der gleiche Iman Ali Khamenei, der auch im Theatersaal hängt. Über Hamlets Handeln gewissermaßen, in Mitten der vielen Verstrickungen. Kaum eine Vorstellung konnte besser sein. Für mich war es eine Annäherung über eine doppelte Flucht - mit Umweg über die Spaltungsfigur "Hamlet", dem Fremdblick und der Zensur - es war ein ganz anderer Nährboden, auf welchen diese Wörter fielen:

„Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage“

Wie aber inszenierte Thomas Ostermeier (Schaubühne) Hamlet unter den Augen des Wächterstaats? Mit Probelauf vor dem Zensor? Wo eine institutionalisierte Religion im Deckmantel und Dienst der Machterhaltung wirkt? Ahmadinejad ist weg, der neue Ministerpräsident Ruhani scheint für Erneuerung und einer Öffnung Irans zur Welt zu stehen. Dem Iran wird jetzt verheißungsvoll „Aufbruch“ zugeschrieben, denn seit Januar herrscht Atomfrieden mit den USA und auch das Handelsembargo gibt es seit kurzem nicht mehr. Die Systematik in der islamischen Republik ist jedoch genau die Gleiche geblieben: der oberste Geistliche, der Iman entscheidet, wer ins Parlament darf und wer nicht. Wer immer also im Parlament sitzt, ist durch die Struktur des Wächterstaats gegangen und damit automatisch ein Teil des Systems. Wie die Herrschaftsideologie die Menschen formt ist ungewiss. Fakt ist, immer noch finden erschreckend viele Hinrichtungen statt. Es gibt keine Meinungsfreiheit, die Frauenrechte sind weit entfernt von Gleichberechtigung, die Revolutionswächter achten auf „Teufelsfrisuren“ oder ob das Kopftuch getragen wird. Kunst ist der willkürlichen Zensur unterworfen. Gerade wo Unterdrückung herrscht, hat Kunst oft ein stärkeres Gewicht, ein wirkliches Anliegen. Kunst, trotz Zensur, aber ohne sich dem Regime anzudienen? Das sind Widersprüche, die schwierig auszuhalten sind, aber es ist nicht unmöglich. Es braucht Willen dazu, Mut und Ausdauer.

Iranischer Magazin-Beitrag zur Schaubühne (Foto: Stefanie Eisenschenk)


Eine andere Ophelia - eingerahmt von den Mullahs
Es war verwirrend, wie anders Shakespeares Dichtung (Jenny König als Ophelia zum Gastspiel in Teheran) im Iran wirkte. Diese Verschiebung des Blickwinkels an diesem Ort, mit diesem Stück hat mich berührt. Die Verwicklungen und das Fallen des Claudius (Urs Jucker) und Polonius (Robert Beyer) am Anfang sah ich in Teheran mit ganz anderen Augen. Zwar auch unter dem Regenschlauch, auch im Dreck der Torfbühne, aber trotzdem empfand ich viele Szenen und Texte viel sinnbildlicher, viel deutlicher und viel intensiver als in Berlin.

„Das Schauspiel sei die Schlinge,
In die den König sein Gewissen bringe.“


Vieles war greifbarer. Ich steckte selbst ungewohnt in diesem Umhang der erzwungenen Verhüllung und den vielen Verboten für Frauen. Ophelia (Jenny König) im rosa Kopftuch, von Hamlet mit Dreck beworfen und mit Torf zugedeckt auf dem Grab – Unsichtbarkeit ist fast wie ein kleiner Tod. Diese Veränderung der Inszenierung wirkt sinnbildlich stark - in Berlin wälzen sich die beiden körperlich umschlungen im Dreck. Um den Vorgaben zu entsprechend jegliche Konturen des Körpers zu entfernen, saß ich mit Poncho im Theater; „ich passte mich an, blieb aber fremd“ (vgl. S. 31 „Ist das ein Leben“ von Insa Wilke über Thomas Brasch). Die schlimmste Einschränkung im Iran ist aber, dass dort niemand offen sagen darf, was er wirklich denkt. Angst macht gefügig. Damit merkte ich auf der eigenen Haut - hier steht etwas auf dem Spiel, es geht hier um etwas. In Berlin, inmitten einer satten und sogenannten „freien“ Wohlstandsgesellschaft ist vieles einfach so egal, so banal. Was in Berlin in der Vielzahl der Möglichkeiten untergeht, ist in Teheran hoch brisant. Und Ostermeier hat über Lars Eidinger als Hamlet geschickt Verweise an unterschiedliche Adressaten eingebaut.

Die Atmosphäre im Theatersaal war dem entsprechend erwartungsvoll, fast schon flirrend in der Vahdat Hall. Es war allen klar, dass die Inszenierung aus Berlin durch den Zensurfilter des Wächterstaates musste, aber trotzdem wurde viel erwartet. Es waren sehr viele Leute, die das Stück sehen wollten. So viele, dass sogar das Eingangstor gestürmt wurde. Ich konnte mich gerade noch so reinquetschen. Die Vorschrift, dass Männer und Frauen sich nicht berühren dürfen in der Öffentlichkeit, hatten in dieser Situation wirklich alle Beteiligten verdrängt. Und so haben wir am Eingang das gemacht, was auf der Bühne selbst nicht gezeigt werden durfte - körperlichen Vollkontakt. 

Kunst als Probe
Die Kunst der Künstler wurde auf die Probe gestellt. Nicht nur von den Zuschauern, im Iran auch durch die Zensur. Eine doppelte Herausforderung sozusagen. Eine verhüllte Kunst der Störung. Und trotzdem ein Probelauf zum Verhalten?

HAMLET in Teheran

„Schändlichkeiten, Herr, denn der satirische Schuft da sagt, dass alte Männer graue Bärte haben und ein Kassengestell tragen…“


Bei diesem Dialog blickt Hamlet nach oben, wo rechts und links die beiden Imane hängen - wie in allen öffentlichen Gebäuden, Ajatollah Khomeini und der aktuelle Machthaber Ali Khamenei. Beide mit langen, grauen Bärten. Khamenei trägt auch eine Brille. Diese Anspielung verstand ich sofort, denn Polonius (Robert Beyer) trug im Iran kein Kassengestell. Die Übertitel der Übersetzung in Farsi konnte ich allerdings nicht lesen. Trotz Zensor und unter den Augen des iranischen Kulturministers folgten weitere kleine Anspielungen, die teils in die deutschen Dialoge eingeflochten oder einfach bei passender Gelegenheit kurz in Englisch eingeworfen wurden. Shakespeare hat in Hamlet eine kurze Theaterszene eingebaut, ein Theater im Theater sozusagen. Hamlet ist darin als Frau verkleidet, in Berlin lässt Ostermeier Hamlet in Damen-Dessous eine Frau spielen, im Iran trägt er stattdessen - ich glaube ein schwarzes Nonnenkostüm. Oder einen Tschador? Ich konnte das noch nie auseinanderhalten. Der verschleierte Hamlet sagte jedenfalls „Don’t touch“ zu seinem Schauspielkollege Sebastian Schwarz, der scheinbar zu nah kam. Damit spielte der verschleierte Hamlet auf die Verbote der Berührung in der Öffentlichkeit zwischen Frau und Mann an. Der Schaubühnen-Hamlet in Teheran wurde so um eine weitere Ebene ergänzt, die nur über Anspielungen und Querverweise funktionierte. Die Iranerinnen und Iraner lachten über diese Anspielung, weil sie diese Beschränkungen im Alltag des öffentlichen Lebens allzu gut kennen. Hamlet war damit ein Komplize der Zuschauer und hat sie gleichzeitig auf den Seziertisch gelegt.

Die Kunst sich zu verhalten.

Im direkten Kontakt zum Publikum fragt Hamlet auf Englisch „Hat Hamlet Laertes etwas angetan?“ Es folgte ein Dialog, der das Dilemma auf den Punkt brachte. Hamlet stellte seine Frage ungefähr an 1000 Leute. Nur ein Zuschauer gab ein Handzeichen, das ist nicht selten auch so in Berlin der Fall. Alle anderen enthielten sich. Anfangs. Jetzt trat der Schauspieler Lars Eidinger heraus aus seiner Rolle des Hamlet und sprach einen Herrn aus der ersten Reihen direkt an. Einen, der sich nicht beteiligt hatte. „What’s your opinion?“ Der Zuschauer druckste herum, vom Publikum kamen Zwischenrufe „we don’t  know it, we are confused“. Der Mann fragte dann Lars Eidinger, was seine Meinung wäre. (Ich klappe dabei innerlich zusammen). Eidinger antwortete, er sei nur der Schauspieler, der einem Skript folgt. Aber er, als Zuschauer, er müsste doch eine Meinung haben und nicht nur dort auf seinem Stuhl sitzen. Das ist im Iran eine andere Aufforderung als in Deutschland. Wo jedoch ist eine solche Meinungsübung besser möglich als im Theater? Beziehungsweise sich beispielhaft zu verhalten?

In diesem Moment trat etwas ans Licht, Eidinger zog ein Problem blank - er wirkte tatsächlich verzweifelt, stand da, mit seinem künstlichen Wanst im Haweiihemd und für mich stand hier jemand, der „Wahrsprechen“ forderte. Vehement. Was in einer Diktatur allerdings lebensbedrohlich sein kann. Wie gesagt - Angst macht gefügig. Es gibt im Leben nicht auf alles eine Antwort, aber in dieser Situation ging es um ein Erkennen, ein Wissen, das alle im gleichen Raum zur gleichen Zeit als Theaterstück miterlebt hatten. Und trotzdem schien es schwierig zu entscheiden, was passiert war. Das Publikum im Iran, wie in Berlin beobachtete, aber verstand nicht, was es gesehen hatte. Was war richtig? Was war falsch? Seine Meinung zu vertreten, sich zu verhalten - und das öffentlich - erfordert immer Mut. Eine Meinung zu vertreten bietet immer Angriffsfläche, genau das jedoch gilt es auszuhalten. Ja, Hamlet hat Polonius erschossen. Versehentlich zwar, aber tot ist er trotzdem. Ophelia hat sich seinetwegen umgebracht. Alle im Raum haben das gesehen, aber einordnen war schwierig. Denn Shakespeare schaffte Verwirrung, ein Gedankenchaos, immer wieder ein Meister seines Fachs. Endlich kam die Erlösung von einer Frauenstimme „but he killed his father“ und dann noch eine weitere, zarte Frauenstimme „and he made Ophelia doing suicide.“ Laertes (Franz Hartwig) hat also zwei ihm nahestehende Menschen verloren. In dieser Menge und genau in diesem Moment hatte ich das Gefühl von einem Augenblick -  es klingt so groß -  doch es fühlte sich an wie - Wahrheit. Dieser Moment wurde für mich „zum Erscheinungsort ihrer eigenen Diskursgegenwart, einer Gegenwart, die sie als Ereignis befragt“. Wie das Foucault in einer seiner letzten Reden sagte „Über den Mut zum Wahrsprechen im politischen Diskurs. Die Regierung des Selbst und der anderen.“

So hatte ich Hamlet noch nicht erlebt. Es ging mehreren so, aber nicht allen. Manche fanden das Nachfragen von Hamlet (Lars Eidinger) zu vehement. Meine Meinung ist, warum sollte die Machtstruktur, die durchaus auch auf der Bühne gilt, nur zwischen Schauspielern und Zuschauern, nicht ebenfalls aufgebrochen werden? Geht es nicht genau darum?

Schaubühnen Ensemble im begeisterten Schlussapplaus des iranischen Publikums (Foto: Amir Safar Saghafi)

Gleichbehandlung und Gerechtigkeit
Hamlet in Teheran war kein Wegducken im politischen System des Mullah-Regimes, das im religiösen Deckmäntelchen agiert. Die Unterdrückung und die sozialen Missstände im Iran sind offensichtlich. Reich und arm klaffen auseinander, wie in so vielen anderen Ländern. ¼ der Bevölkerung Irans genießen Sonderstatus durch Vorzüge des Regimes, diese Personen wiederum stützen überhaupt das ganze Konstrukt. Interessen erzeugen soziale Positionen, das sind gemachte Strukturen, das gilt nicht nur für den Iran. Die Frage ist nur, welche Interessen herrschen?  Es bedeutete für mich, durch den Umweg der Distanz im Iran, auf die eigenen Situation in Deutschland zu blicken. Das zwar eine Demokratie ist und ein Rechtsstaat, dennoch frage ich mich, welche Interessen herrschen. In Deutschland ist das alles ein Jammern auf hohem Niveau, dennoch sind soziale Ungleichheiten nicht selten eine ungesunde Entwicklung, die es den rechten Lagern wohl leichter macht, Anhänger zu finden. Das wird aktuell nicht nur in Deutschland deutlich. Jeder selbstherrliche Blick, den der Westen oft für sich beansprucht, verleugnet die eigenen Zwänge oder Fehlentwicklungen.

„Wahrsprechen“ und auch die Art und Weise, die Wahrheit zu sagen: Der Sprecher bringt sich dabei selbst in Gefahr, nimmt dieses Risiko aber rückhaltlos in Kauf. Foucault spricht in diesem Zusammenhang auch von der „Dramatik des wahren Diskurses“.

Anruf der Poesie
Es ist eine Lücke in dieser Republik.
Es ist eine Fuge in einem Kopf.
Es ist eine Fuge in einer Frau.
Es ist eine Fuge in der Musik von Bach.
Und es ist eine Fuge in dieser Geschichte.
Und nur wenn diese Fuge da ist, durch die man so schielen kann wie in eine Lücke von dem verbotenen Zimmer oder so.
Und hinter all dem noch etwas sieht, was möglich ist in einer Welt oder in einer Gesellschaft, die man für so festgemauert hält. Aber auch in einer Mauer hat der Maurer irgendwo gepfuscht und da wo wer pfuscht, siehst du plötzlich durch und dahinter sitzen Indianer und die Alternative ist nicht mehr einsam oder zweisam, sondern noch etwas anderes.
(von Thomas Brasch, aus dem Buch von Insa Wilke "Ist das ein Leben”)

Junge Frauen im Iran (Foto: Stefanie Eisenschenk)

Es sind wieder viele erste Anzeichen von Hoffnung für Veränderung, kleine Lücken, die den Widerstand überwinden lassen. Kleine Ritzen von Hoffnung. Die einen Anfang machen. Einige Pärchen im Teheran sah ich, die hielten sich einfach an der Hand und gingen demonstrativ durch die Stadt. Eine weitere, stille Revolution soll seit längeren im Gange sein - Bildung. Die Väter schicken ihre Töchter auf die Universitäten. 60% der Studierenden sind Frauen. Die Forderung nach Veränderung kommt von der Bevölkerung selbst, besonders aus der jüngeren Gesellschaft. Die modernen Leute in Teheran leben zwei Leben, eines für das Staatsregime und ein zweites, privates, hinter verschlossenen Türen. Der Wunsch, ein Leben zu führen, ist stark.

Wie das aussieht haben westliche Zaungäste nicht zu bestimmen, allerdings bringt das Kennenlernen und der Austausch vieles auf eine andere Ebene. In einen Prozess des Miteinanders. Was hoffentlich mehr ist, als der Genuss eines süßen Koffeingetränks in roter Dose. Wie das aussehen könnte, hat viele Gesichter und liegt im Handeln und Begegnen jedes Einzelnen. Sonst sitzen wir im Niemandsland mit Gespenstern (vgl. Außerhalb des Spiels v. Thomas Brasch). Beim Abflug in Teheran sprach mich eine sehr kleine, alte Frau an. Komplett im Tschador verhüllt, ich verstand kein Wort. Sie holte unter ihrem Umhang ein Gebäck heraus und drückte es mir mit ihren beiden Händen sehr innig in meine Hand. Alle waren wir Handlungsreisende im Wechseltausch. Es gab mehrere solch verwirrender Offenherzigkeiten im Iran. Ohne ein Verhältnis zu sich und ohne Umgang mit der Welt findet sich Nichts. Wie das Zusammen aussieht, hängt an jedem Wort und an jeder Geste, die zeigt, ob wir versuchen miteinander zu leben. Es können sehr viele kleine Lichtblicke sein.

„Oft nennt die Welt im eitlen Trug, den Weisen dumm, den Narren klug.“ (Saadi)

Dieser Text erscheint ebenfalls am 29. März 2016 auf derFreitag.

30. Dezember 2015

Rückblick September bis Dezember 2015: Das Theater greift aktuelle Themen auf

Die erste Hälfte der Spielzeit 2015/16 hat uns viele große und kleine Highlights sowie einige Stücke, die ich wieder und wieder sehen möchte, geboten. Über einige Premieren an der Schaubühne habe ich geschrieben. Viele Eindrücke hat Max mit seinen Texten beigesteuert, dem ich an dieser Stelle herzlich für seine Beiträge danke. So ist auf meinem Blog wieder etwas mehr passiert in den letzten Wochen. Besonderen Spaß hat der Blogbeitrag gemacht, den ich mit Max gemeinsam nach dem Besuch von Interrobang geschrieben habe. Ich freue mich auf weitere tolle Theater-Erlebnisse mit Max genauso wie auf seine Blogbeiträge.


Einige Themen haben die Spielzeit bisher besonders geprägt und spiegeln gleichzeitig aktuelle und brisante gesellschaftliche Themen wider: Angst und Fremdenfeindlichkeit ebenso wie Flucht spielten und spielen eine zentrale Rolle. An Falk Richters FEAR kam in den letzten Wochen kaum jemand vorbei. Nicht nur die Drohungen gegen den Regisseur und die Schaubühne, sondern auch der Gerichtsprozess um die Inszenierung, bei der es um die Zensur von Kunst ging, wurden von vielen Medien besprochen (z.B. Peter Laudenbach in der SZ vom 15.12.2015 "Recht auf Angst").

Daneben schreibt die Schaubühne das Thema Feminismus in dieser Spielzeit mit zwei Inszenierungen (thisisitgirl von Patrick Wengenroth und istgleich von der Werkstattgruppe der Schaubühne) groß. Zusätzlich wurde das Thema in Heinz Budes "Streit ums Politische" diskutiert.

Das zentrale Motiv in Ungeduld des Herzens von Simon McBurney nach dem Roman von Stefan Zweig wird titelgebend auch Anfang des kommenden Jahres eine Rolle spielen, in Milo Raus Stück Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs (Premiere am 16. Januar 2016 an der Schaubühne).


Laurenz Laufenberg und Christoph Gawenda als Hofmiller in "Ungeduld des Herzens" (Foto: Gianmarco Bresadola)

Hier mein Rückblick auf die Monate September bis Dezember 2015.

SEPTEMBER

07.09. Ghosts von Constanza Macras (Schaubühne)
Ein schöner Start nach der Sommerpause - hier zum Nachlesen.

16.09. PREMIERE thisisitgirl von Patrick Wengenroth (Schaubühne)
Ein Stück über Frauen und Frauenfragen... Feminismus: eines der dominierenden Themen an der Schaubühne zur Zeit - hier mein Artikel zur Premiere.

 

OKTOBER

02.10. PREMIERE Westberlin von Rainald Grebe (Schaubühne)
Es beginnt mit einer Abhandlung über die "beste" Berliner Currywurst, die es dann auch in einem Wagen vor dem Theater zu kaufen gibt. Es folgt ein bunter, amüsanter Ritt durch die Geschichte West-Berlins von 1949 bis 1989. Ein Revue vieler Berliner Typen und Promis sowie typische Eigenarten, die es so nur in Berlin gegeben hat. Damals wie heute gilt: Wer wo hingeht und welche Bars, Clubs und Veranstaltungen man besucht, ist wichtig. Bei der Schreibweise im Titel handelt es sich übrigens um die in Ost-Berlin gebräuchliche.

Marie Burchard und Evelyn Gundlach in "Westberlin" (Foto: Gianmarco Bresadola)


16.10. Freunde der Schaubühne: Freunde treffen Künstler - Ein Abend mit der Schauspielerin Jenny König
Jenny folgte gerne unserer Einladung und erzählte uns aus ihrem Leben als Schauspielerin (Infos zu JK hier). Wir hörten ihr gerne zu. Ein Bericht dazu auf der Seite der Freunde der Schaubühne.

25.10. PREMIERE FEAR von Falk Richter (Schaubühne)
Mit dieser Inszenierung ging es bis vors Gericht. Zwei der im Stück erwähnten Personen wollten Zensur üben - bisher zum Glück ohne Erfolg. Mein Bericht zur Premiere hier und eine kurze Zusammenfassungen der Ereignisse, nachdem der Schaubühne und Regisseur Falk Richter massiv gedroht wurde.

26.10. Streit ums Politische: Antikapitalismus »Queer Trans Pop PoC Xeno? Postkapitalistischer Feminismus« (Schaubühne)
Der Soziologe Heinz Bude und Sonja Eismann, Herausgeberin des Missy-Magazins, sprachen darüber, welche Verläufe die Begriffsgeschichte des Feminismus in den letzten Jahren genommen hat, wo aktuell die spannendsten Auseinandersetzungen stattfinden und wo heute noch radikal emanzipatorische Potentiale angesiedelt sein könnten. Infos über weitere Veranstaltungen der Reihe hier.

27.10. Freunde der Schaubühne: Freunde diskutieren - Ein Abend mit Bernd Stegemann
Die Nachfolgeregelung für die Volksbühne durch den Kultursenator Müller und seinen Staatssekretär Tim Renner hat die theaterinteressierte Öffentlichkeit überrascht und eine heftige Debatte in Gang gesetzt und die Frage nach der Form des Theaters aufgeworfen. Mit dem Dramaturgen Bernd Stegemann diskutierte ein interessierter Kreis über das Ensembletheater versus Kuratoriumstheater.

30.10. To like or not to like von Interrobang (Sophiensäle)
Der Text, den Max und ich gemeinsam über den Abend verfasst haben, findet sich hier.


NOVEMBER       

02.11. Der geteilte Himmel von Armin Petras nach Motiven der Erzählung von Christa Wolff (Schaubühne)
Liebesgeschichte vor dem Hintergrund der Gründungsjahre der DDR mit Jule Böwe, Tilmann Strauß und Kay Bartholomäus Schulze. Die Schauspieler/innen agieren auf einer Art Laufsteg, der den Bühnenraum teilt, die Zuschauer sitzen auf beiden Seiten der Bühne. Viele Szenen werden im Off gespielt und dabei auf eine Leinwand in den Zuschauerraum übertragen. Mehr zum Stück hier.

Jule Böwe in "Der geteilte Himmel" (Foto: Dorothea Tuch)


08.11. thisisitgirl (Schaubühne) re-visited
Auch beim zweiten mal: Tolles Stück!

16.11. Jugend. Erinnerung 1945/2015 vom Jungen DT (Deutsches Theater)
Jugendliche aus Deutschland, Polen und Russland reisen nach Krakau, Wolgograd und Berlin. Sie wollen wissen, was Jugendliche vor 70 Jahren dort erlebt haben. Im Stück des Jungen DT geht es um neue Rituale des Gedenkens. Die 18 Jugendlichen spielen, tanzen, singen und nehmen Bezug auf aktuelle Geschehnisse wie den Krieg in Syrien. Infos zum Stück hier.

22.11. Hamlet - 250. Vorstellung (Schaubühne)
Insgesamt fünf mal habe ich die Inszenierung bereits gesehen, allerdings das erste mal mit Jenny König als Ophelia/Gertrud. Auch diesmal und natürlich für das Jubiläumspublikum hielt Lars Eidinger wieder einige improvisierte Situationen bereit. Ungeplant ist das Loch im Bühnenboden, das während der Vorstellung repariert werden musste. Dass das augerechnet beim Hamlet passierte, war natürlich fast schon eine Steilvorlage für LE. Besonders ist mir diesmal Urs Jucker aufgefallen, der die Rolle des Claudius spielt. Großartiger Schauspieler! Das habe ich auch schon in meinem Beitrag über Tartuffe befunden. Ansonsten war der Abend für mich natürlich auch eine "Vorbereitung" auf Ophelias Zimmer von Katie Mitchell, die sich damit auseinandersetzte, was geschieht, wenn Ophelia (Jenny König) nicht auf der Bühne ist. Ein Beitrag über die 250. Vorstellung von Hamlet von Gastbloggerin Anna folgt in Kürze.


DEZEMBER    
       
06.12. Streitraum Extra: Lesung zum Thema Flucht (Schaubühne)
Schauspieler/innen, Autor/innen und der Künstlerische Leiter der Schaubühne lasen im Rahmen dieser Benefizveranstaltung eigene und fremde Texte, um Geld für PRO ASYL und professionellen Rechtsschutz für Flüchtlinge zu sammeln. Mein Bericht dazu hier.

08.12. PREMIERE Ophelias Zimmer von Katie Mitchell (Schaubühne)
Bendruckendes und gleichzeitig beklemmendes Kunstwerk der britischen Regisseurin Katie Mitchell mit Jenny König als Ophelia. Ich habe meine Eindrücke hier geschildert und Max schreibt hier

13.12. istgleich von der Werkstattgruppe der Schaubühne
Ebenfalls mit dem Thema Feminismus hat sich die Werkstattgruppe der Schaubühne unter der Leitung von Philipp Rost auseinandergesetzt. Ein Spiel mit Konstruktionen, Erfahrungen und Gedanken. Infos zum Stück gibt's hier.

Die Werkstattgruppe der Schaubühne mit "istgleich" (Foto: Silke Briel)

19.12. Voraufführung Ungeduld des Herzens von Simon McBurney nach dem Roman von Stefan Zweig (Schaubühne)
Einer der Höhepunkte der bisherigen Spielzeit. Der britische Schauspieler, Regisseur und Mitbegründer von Complicite entwickelte eine Bühnenfassung von Stefan Zweigs einzigem Roman über die Frage, was wahres Mitleid ist. Dafür arbeitete er das erste mal mit einem deutschen Schauspiel-Ensemble und nutzte Klang und Video. Die Schauspieler/innen sprechen ihre Texte in Mikrophone, wechseln dabei die Rollen und erzeugen ein großes, eindrucksvolles Gesamtkunstwerk. Ich werde dazu noch einen Beitrag verfassen. Infos zum Stück gibt es hier.
Weitere Termine für das Stück:
14.01.2016
15.01.2016
16.01.2016
17.01.2016
11.02.2016
12.02.2016
13.02.2016
14.02.2016

Einen guten Start ins Theaterjahr 2016!

12. Mai 2015

Liv Ullmann und Katie Mitchell: Fräulein Julie revisited (Max Penthollow schreibt mir)

Max Penthollow schreibt mir... Gedanken zum Film "Fräulein Julie" von Liv Ullmann

Schauspieler/innen: Jessica Chastain, Colin Farrell, Samantha Morton, Nora McMenamy
Drehbuch: Liv Ullmann, Irland/Norwegen 2014 nach August Strindberg
Englischsprachige Originalfassung mit deutschen Untertitel

Ein Kammerspiel. Drei Hauptdarsteller, eine weitere vierte Rolle: Fräulein Julie als junges Mädchen am Anfang des Films, kurzer Auftritt.

Ort der Handlung: Irland 1890, Mittsommernacht.

Viel Strindberg-Originaltext, Filmdauer etwas über zwei Stunden, vielleicht ein bisschen lang, wie auch immer.

Sehr schöne Leistungen der Schauspieler bzw. Schauspielerinnen. Nach meiner gründlichen Vorbereitung auf das Stück durch meine zahlreichen (!)  Schaubühnenbesuche bei „Fräulein Julie“(!) fand ich den Film sehr schön, Strindberg revisited.

Das Besondere an dem Film für mich – deswegen schreibe ich diesen Text – sind Ähnlichkeiten und Parallelen zu der Inszenierung von Katie Mitchell an der Schaubühne mit dem live gemachten und gezeigten Film.

Nach meiner Auffassung des Ganzen sind diese Ähnlichkeiten Zitate und Querverweise und Hommagen an die Inszenierung von Katie Mitchell (Premiere am 25.09.2010). Vielleicht sind ja auch beide Inszenierungen von einer gleichen Quelle einer Darstellung inspiriert, aber wohl eher nicht. Das fand ich jedenfalls besonders faszinierend!

Die Ähnlichkeiten, die ich gesehen habe, sind in bestimmten Leitmotiven, in einzelnen Aspekten von Regie und Drehbuch und Ausstattung.

Leitmotive: Wasser, Regen mit Gewitter, Blut, das das Wasser rot färbt (am Schluss), dann das Feuer im Küchenofen und in den Petroleumlampen, die immer wieder mal angezündet werden, geraucht wird hier nicht (politisch korrekt: im Film von 2014 darf natürlich auch nicht geraucht werden oder wird eben nicht geraucht, so habe ich es jedenfalls gesehen). Dann die Verwendung von Blumenblüten am Anfang und am Schluss des Films, auch der Einsatz der Cello-Musik (hier mit Klavier).

Dann: das Szenenbild mit dem getöteten Vogel auf dem „Hauklotz“ in der Küche gleicht im Film weitgehend dem Szenenbild in der Schaubühnen-Inszenierung.

Auch den Schluss finde ich sehr ähnlich in beiden Inszenierungen (bei Strindberg geht Fräulein Julie nur zur Tür hinaus, mit dem Rasiermesser, aber der Strindberg-Text lässt keinen Zweifel darüber, was sie dann tun wird). Das Wasser wird vom Blut rot gefärbt, in der Schaubühne auf dem Küchentisch, im Film in einem Bach.

Diese Dinge fand ich alle sehr spannend in dem Film und das war es genau, was ich sehen wollte, und ich habe im Wesentlichen alles bekommen, was ich wollte. Das finde ich richtig toll!

Tilmann Strauß und Jule Böwe in Katie Mitchells Schaubühnen-Inszenierung von "Fräulein Julie" (Foto: Stephen Cummiskey)
Insgesamt ist mir Katie Mitchells Schaubühnen-Inszenierung von „Fräulein Julie“ näher als der Film, sie ist kürzer, für mich lebendiger, der Geschlechterkampf und die Abgründe in den Beziehungen sind verkürzt und mehr konzentriert und stilisiert und gemildert durch die eingefügte dänische Lyrik, die mir immer und immer wieder sehr gut gefällt. („die Orangenbäume, die Aprikosenbäume, die vierzehn Kristallgitter, die sieben kristallinischen Systeme, Zypressen, Cerebellum“, „das unbenutzte Bett des Schlaflosen“ und so weiter).

Trivia: Etwa in der Mitte des Films erzählt Fräulein Julie John von ihrer Mutter und öffnet bei dieser Gelegenheit ein kleines Medaillon mit einem Foto (schwarzweiß) von ihrer Mutter. Man sieht das Foto nur in zwei kurzen Einstellungen. Ich habe niemanden erkannt, aber ich dachte, es ist ein besonderer Moment in einem Film für einen kurzen Auftritt der abgebildeten Person und habe dann im Nachhinein erwartet, dass es vielleicht Liv Ullmann gewesen sein könnte. Aber dann kam das Bild nicht mehr und auf meine Frage habe ich also bisher keine Antwort.

Ich denke an Alfred Hitchcock und seine kurzen Auftritte in seinen Filmen. In „Dial „M“ for Murder“ („Bei Anruf Mord“) von 1954 ist Alfred Hitchcock z.B. auf einem Foto in einer Herrenrunde an einem Tisch sitzend zu sehen.

Der Film „Fräulein Julie“ läuft seit 22.01.2015 in mehreren kleinen Kinos (Programmkinos) in Berlin, deutsch oder englisch OmU (Central, Moviemento u.a.).

Für Theater-, „Fräulein Julie“- und Katie Mitchell-Fans wie mich aus meiner Sicht ganz spannend und höchst zu empfehlen!

Wer ist die Frau (Fräulein Julies Mutter) auf dem Schwarzweißfoto in dem Medaillon? Liv Ullmann? Im Abspann ist ziemlich am Schluss zu lesen: „in memory Asa Allen“). 

28. Januar 2014

Erde fressen und Heulen - Gastbeitrag von Antje Asmus über die 200ste Vorstellung von "Hamlet" an der Schaubühne




Erde fressen und Heulen. Verraten sein. Zutiefst gekränkt. Die Welt ist schlecht, die Menschen falsch und Rache (k)eine Option. Dazwischen Spielen. Theater machen. Großartig. HAMLET. Melancholiker und Dramaturg. Zum 200. Schaubühne Berlin. Eidinger, die Spielmaschine.

„Und Schleudern wüsten Schicksals stumm zu dulden, Oder das Schwert zu ziehn gegen ein Meer der Plagen, Und im Anrennen enden: sterben ... – schlafen“ (III Akt, 1. Szene)

Das Gefängnis Welt öffnet bis zum Schluss des Abends nicht seine Tür. Nicht zugunsten von großem Slapstick, nicht zugunsten mächtiger (Video)Bilder oder der ins Mark gehenden Musik, nicht zugunsten scheinbaren Selbstmitleids und nicht zugunsten der zur Schau gestellten Künstlichkeit.

Text und seine Personen sind reduziert, Schlüsselsätze sind wiederholend markiert. Das macht den Abend zugänglich(er). Wir hören Hamlet/Eidinger sagen: „Geht mal ab, ich will hier einen M_o_n_o_l_o_g stemmen“ oder „Mach mal das Licht aus.“ Mit dem Publikum wird die Schuld(fähigkeits)frage erörtert. Wir sehen also, dass hier gespielt wird, dass Hamlet/Eidinger doppelt inszenieren. Wer werden auch auf das Beste unterhalten.




Und dennoch fühlen wir: Erde fressen müssen auf des Königs Grab. Wir verzweifeln mit Ophelia, Laertes und Hamlet. Wohlgefallen löst die traurige Passivität zwischen Wille und Ziel nicht ab. Da hilft auch das Schreien, Wüten und Töten nicht. Es gibt kein Ziel in Hamlet. Nur Sehnsucht. Vielleicht nicht leicht.


Weitere Infos zur Inszenierung auf der Seite der Schaubühne.

Fotos: Arno Declair


26. April 2011

Kein Blick hinter die Maske: "Im Dickicht der Städte" (BE) - Gastblog


Mit TheaterBlick Gastbloggerin Anna habe ich "Im Dickicht der Städte" (Inszenierung: Katharina Thalbach) im BE besucht. Ihre Eindrücke zum Stück beschreibt sie wie folgt:

Ein mir völlig unbekanntes Brechtstück, das ich gefühlsmässig zwischen NYC, Bukarest und Kolumbien ansiedeln würde - ohne auch nur eins davon zu kennen. Es vereint alle Abgründe dieser Welt und schmilzt alles zusammen in einen dicken Klumpen Ziel- und Sinnlosigkeit, die täglich vor der Tür lauert. Dabei haben die Schauspieler aber so entrückend und - eben maskiert - gespielt, dass kaum eine Identifikationsmöglichkeit bestand, auch wenn eigentlich alle menschlichen Eigenschaften und Abgründe gleichzeitig bedrohlich nahe waren. Eine Mischung aus bekannten, vielleicht auch verdrängten Gefühlen, dem Geschmack von mittelmäßigem Magazinjounalismus, den man sich voyeuristisch reinzieht und der irgendwie kleben bleibt und alltäglichem realistischem Wahnsinn. Und weil niemand da so wirklich durchblickt, klopft man einfach mal bei jemandem an, der meint noch Ideale zu haben, um ihn über einer vermeintlichen Ziellinie zu brechen. So schnell kann das gehen....

Ich möchte dem noch folgendes hinzufügen:
Möglicherweise werde ich zukünftig bei dem Wort "Absinth" sofort an ein flirrendes grün-gelbes Licht denken müssen. Dieser Effekt wurde in der Inszenierung eingesetzt, um den "Genuss" ebenjenes Getränks zu visualisieren.

Foto: Barbara Braun