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15. November 2018

Falscher richtiger Ehemann: Champignol wider Willen (Schaubühne)

Ein großer Fritsch-Abend in jeder Hinsicht. Und mal wieder eine richtig schöne Komödie an der Schaubühne. Das Ensemble (die alte Frisch-Truppe erweitert durch langjährige Ensemblemitglieder und Schauspielstudent*innen der UDK) kann hier zeigen was es in Sachen Komödie drauf hat. Fritsch nimmt sich diesmal ein Stück von Georges Feydeau vor, ein Autor des Vaudeville - geradezu eine Steilvorlage für Fritsch.

Das Timing ist perfekt. Gesang und Choereographie in typischer Fritsch-Manier. Allen voran Bastian Reiber als Saint-Florimon und Florian Anderer als Champignol turnen, springen, zappel über die große Bühne, dass das Publikum vor Freude jauchzt. Szenenapplaus gibt’s schon nach den ersten drei Minuten.

Und man fragt sich: Warum ist eigentlich bisher noch niemand auf die Idee gekommen, Robert Beyer in einem Fritsch-Stück zu besetzen? Das passt einfach perfekt.

Carol Schuler und Robert Beyer (Foto: Thomas Aurin)

Optisch ist alles (konsequent bis hin zum Programmheft) in Camouflage gehalten, Bühne und Kostüme in zig Varianten des Tarnlooks in allen möglichen Farbkombinationen.

Die Verballhornung des Militärs ein großer Spaß. Eine Verwechslungskomödie so gut und satt, wie man sie im Boulevardtheater nicht finden wird. Denn Klischees werden hier nicht platt ausgespielt, sondern zu großer Kunstfertigkeit gemacht.

Ursina Lardi als Angele und Ensemble (Foto: Thomas Aurin)


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Regie und Bühne: Herbert Fritsch   
Kostüme: Victoria Behr   
Musikalische Leitung: Ingo Günther   

Saint-Florimond: Bastian Reiber   
Champignol: Florian Anderer   
Angèle, seine Frau: Ursina Lardi   
Camel, ihr Onkel: Werner Eng   
Mauricette, seine Tochter: Fine Sendel*
Singleton, deren Mann: Damir Avdic   
Camaret, Capitaine: Axel Wandtke   
Adrienne, seine Tochter: Iris Becher   
Célestin, sein Neffe: Bernardo Arias Porras   
Charlotte, Dienstmädchen bei Champignol: Carol Schuler   
Joseph, Diener bei Champignol / Jérôme, Diener bei Rivolet: Robert Beyer   

Fourrageot, Commandant: Stefan Staudinger   
Ledoux, Adjudant: Robert Beyer   
Belouette, Sergent: Vito Sack*
Grosbon, Caporal: Carol Schuler   
Deneuve, Reservist: Bernardo Arias Porras   
Delon, Reservist: Nina Bruns*
Prinz von Valance, Reservist: Maximilian Diehle*
Depardieu, Reservist: Robert Knorr*
Schneider, Reservist: Teresa Annina Korfmacher*
Bardot, Reservist: Sarah Schmidt*
Ein Gendarm: Stefan Staudinger   

Musiker_innen: Ingo Günther, Taiko Saito, Fabrizio Tentoni   

In Kooperation mit der Universität der Künste Berlin (UdK).

* Studierende der UdK

Essay zum Stück in Pearson's Preview: Champignol in Farbe – oder: Komödie wider Willen

3. Juni 2018

TheaterRückBlick Mai 2018: Revisited

Bekannte Stücke im Mai. Und doch war hier einiges neu.


3.-7. 05. 2018 Reise nach Lyon / Professor Bernhardi (Freunde der Schaubühne e.V.)

Programmheft "Professor Bernhardi" in Lyon


Mit den Freunden der Schaubühne waren wir in Lyon. Die Schaubühne war mit "Professor Bernhardi" zu einem Gastspiel ins Celestins Theatre de Lyon eingeladen. Neben einem Mittagessen mit dem Team und den Schauspieler*innen, durften wir die Stadt kennenlernen. Highlight: Natürlich der Besuch des Stücks.

Celestins Theatre de Lyon


17. 05. 2018 The Encounter von Complicité/Simon McBurney (Schaubühne)
Nach dem Roman "Amazon Beaming" von Petru Popescu

Im April 2015 hatte Simon McBurney im Rahmen des FIND sein Work in Progress "Amazon Beaming" vorgestellt. Unter dem Titel "The Encounter" wurde die Performance nun als Gastspiel an der Schaubühne gezeigt. Was ist real? Was ist Erfindung? Keine*r weiß, wann das Spiel beginnt und wann der Schauspieler improvisiert mit dem Publikum kommuniziert. Mithilfe von Kopfhörern, die Teil einer neuartigen Audiotechnologie sind, wird eine Klangwelt als Reise für die Zuschauer*innen/Zuhörer*innen erschaffen.


29. 05. 2018 der die mann von Herbert Fritsch nach Texten von Konrad Bayer (Schaubühne)

Mit der Spielzeit 2017/18 wurde der die mann von Herbert Fritsch, das auch zum Theatertreffen 2016 eingeladen wurde, von der Volksbühne an die Schaubühne übernommen. Damals habe ich das Stück mit Steffi E. gesehen, die darüber auf TheaterBlick geschrieben hat.

Im September ist es noch mehrmals zu sehen, Tickets gibt es hier.

Florian Anderer, Annika Meier, Axel Wandtke, Ruth Rosenfeld (Foto: Thomas Aurin)


Regie und Bühne: Herbert Fritsch   
Kostüme: Victoria Behr   
Musikalische Leitung: Ingo Günther   

Mit: Florian Anderer, Jan Bluthardt, Werner Eng, Annika Meier, Ruth Rosenfeld, Axel Wandtke, Hubert Wild   
dasderdiemannorchester: Ingo Günther, Michael Rowalska, Taiko Saito, Fabrizio Tentoni

2. April 2018

TheaterRückBlick März 2018: Kinder

Kinder kann man schon früh fürs Theater begeistern. Ansonstens gabs viel für diejenigen, die Akrobatisches lieben.

18.03.18 Kinder des Paradieses (Berliner Ensemble)
Nach dem Film "Les Enfants du paradis" ("Die Kinder des Olymp") von Jacques Prévert und Marcel Carné.

Die Entstehungsgeschichte des Films, der während des Zweiten Weltkriegs gedreht wurde, ist von Schwierigkeiten geprägt. Juden und Mitglieder des Resistance, die am Film mitwirken, wurden von der Gestapo beobachtet. Nach Ende des Kriegs wurden die "Kinder des Paradiese" 1945 gezeigt. Wegen einer Liebesaffäre mit einem deutschen Offizier war die Hauptdarstellerin Arletty jdoch inhaftiert. Im Stück rekapituliert sie ihre Liebesaffären zum Pantomimen Baptiste Deburau, zum Dichter und Mörder Lacenaire, zum Schauspieler Frédérick Lemaître. Schutz erhielt sie vom begüterten Grafen de Montray. Die Akrobat*innen gestalten die Atmosphäre des Inszenierung. Ilse Ritter als Arletty gibt den Rahmen des Stücks.

Kathrin Wehlisch als Garance
Peter Moltzen als Baptiste Deburau
Ilse Ritter als Arletty
Felix Rech als Frédérick Lemaître
Antonia Bill als Nathalie
Tilo Nest als Lacenaire
Sascha Nathan als Theaterdirektor
Martin Rentzsch als Jericho / Graf de Montray
Mitja Ley als Avril
Biliana Votuchkova als Gräfin

Akrobatik: Marula Bröckerhoff, Kristina Francisco, Lukas Flint, Marvin Kuster, Mitja Ley, Karlo Janke, Marc Unruh

Regie/Bearbeitung: Ola Mafaalani
Musik: Eef van Breen
Bühne: André Joosten
Kostüme: Johanna Trudzinski
Choreografie: Maria Marta Colusi
Licht: Ulrich Eh
Dramaturgie/Bearbeitung: Alexandra Althoff
Musik: Eef van Breen (Blechblasmusik, Sänger, Komponist), Biliana Voutchkova (Violine), Antonis Anissegos (Tasteninstrumente)


24.03.18 PREMIERE Null von Herbert Fritsch (Schaubühne)

Wennn man eine weitere Klammer für die Stücke dieses Monats finden möchte, so ist vielleicht auch die Artistik. Dass Herbert Fritschs Schauspieler*innen das können, ist nicht neu. Die Fahrt auf dem Gabelstapler von Florian Anderer lässt einen dennoch die Luft anhalten.

Die Bühne so karg ausgestattet als hätte man vergessen, die Kulissen aufzubauen. Sie dürfen auf einer Null-Bühne auftreten.

Minutenlangen besprechen sie ihre geplante Choreographie. Probieren? Ja, aber erst muss noch was geklärt werden.

Die mechanische Riesenhand. Die "Hand Gottes"? Jedenfalls wünscht man sich beim Schlussapplaus diejenigen auf die Bühne, die sie gebaut haben,.

Das neue Fritsch-Stück macht Spaß, auch ohne, dass man alles verstehen muss (wie so oft bei ihm).

Schutz oder Bedrohung? Unter der Riesenhand: Jule Böwe, Bernardo Arias Porras, Ingo Günther, Florian Anderer, Carol Schuler, Bastian Reiber, Axel Wandtke, Ruth Rosenfeld (Foto: Thomas Aurin)

Im Kontrast zu früheren knallbunten Kostümen bei Fritsch, hier Pastelltöne (auch die Farbe ist irgendwie Null). Kostüme und Perücken werden nach der Pause getauscht und so treten sie als ihre eigenen Zwillinge auf. Jule Böwe trägt Ruth Rosenfelds blonden Pagenkopf und ihr blaues Kleidchen. Axel Wandtke bekommt Bastian Reibers Baskenmütze usw.

Regie und Bühne: Herbert Fritsch   
Kostüme: Bettina Helmi   
Musik: Ingo Günther   
Dramaturgie: Bettina Ehrlich   
Licht: Carsten Sander   

Mit: Florian Anderer, Bernardo Arias Porras, Jule Böwe, Werner Eng, Ingo Günther, Bastian Reiber, Ruth Rosenfeld, Carol Schuler, Axel Wandtke   


28.03.18 Emil und die Detektive (Atze Musiktheater)

Kindertheater mit meinem Patenkind! Wer seinen Kindern den Zauber des Theater nahe bringen möchte, sollte hier hingehen. Der Eintritt ist sehr erschwinglich.
Dazu gibt es einen gesonderten Beitrag. 

3. Oktober 2017

Rückblick September 2017: Spielzeitbeginn - Fritsch erstmals auf der Schaubühne - "Rückkehr nach Reims" jetzt auch in der deutschen Fassung

Die theaterfreie Zeit ist vorbei - die Spielzeit 2017/18 hat begonnen. Und hier kommt der erste Monatsrückblick.


08.09.2017 Gastspiel Acceso von Roberto Farías und Pablo Larraín (Schaubühne)

Dieses Ein-Mann-Stück von Roberto Farías und Pablo Larraín wurde im Rahmen des Festival Internationale Neue Dramatik (FIND) 2017 erstmals an der Schaubühne gezeigt. Aufgrund der großen Nachfrage lud die Schaubühne die Produktion aus Chile noch einmal für drei Vorstellungen ein. Beim zweiten mal war es nicht weniger berührend und nachhaltig beeindruckend.

Hier habe ich während des FIND 2017 darüber berichtet.

"Acceso" von Roberto Farías und Pablo Larraín, Regie: Pablo Larraín (Foto: Sergio Armstrong)


17.09.2017 Brunch der Freunde der Schaubühne e.V.

Mittlerweile können wir über 1.000 Mitglieder verzeichnen. Kein Wunder also, dass bei unserem diesjähringen Brunch zur Spielzeiteröffnung über 120 Freundinnen und Freunde anwesend waren. Wer Interesse an einer Mitgliedschaft hat, findet hier entsprechende Infos. Wir bieten neben Künstler*innen-Treffen auch Führungen hinter die Kulissen, Reisen und gemeinsame Feiern an. Mit unseren Mitteln fördern wir diverse Projekte der Schaubühne.


19.09.2017 PREMIERE Zeppelin von Herbert Fritsch frei nach Texten von Ödön von Horvàth  (Schaubühne)

Es ist soweit. Herbert Fritsch ist mit seinen Schauspieler*innen (Florian Anderer, Werner Eng, Bastian Reiber, Ruth Rosenfeld, Carol Schuler, Axel Wandtke) und dem Musiker Ingo Günther an der Schaubühne angekommen. Für seine erste Produktion holt er sich Jule Böwe und Alina Stiegler aus dem bisherigen Ensemble dazu. In Zeppelin bedient sich Fritsch diverser Texte von Horváth und mischt diese fröhlich durcheinander. Der Satz "Irgendwann werden sie das alles verstehen" ist fast schon Programm und natürlich auch sehr selbtreferenziell ironisch. Denn Fritsch geht es gar nicht darum, dass alles immer einen Sinn ergibt. Was zählt ist die Freude an den Worten, die von der Fritsch-Truppe gesprochen, gerufen, gesungen werden. Große Augen, Grimassen, turnerische Darbietung. Sie hängen, klammern und klettern im Zeppelin. Immer wieder der Balanceakt auf, in und unter dem Ding, das über der Bühne schwebt. Da zeigt sich wahre Körperbeherrschung und Können. Der Zeppelin ist dabei allerdings nur ein Gerüst bzw. das Skelett eines Luftschiffs und scheint mal leicht, mal schwer. Ein Gerippe, ein Käfig, Schutz und Bedrohung zugleich. Auch diese Produktion ist wie alle Stücke von Fritsch vor allem Augen- und Ohrenweide - Hauptsache die Zuschauer*innen haben Spaß. Einer der Höhepunkte: Am Ende stehen sie auf den Sprossen im Zeppelin, es pendelt gefühlte zehn Minuten aus. Geklatscht werden darf erst, wenn es still steht. Das muss man aushalten da unten im Zuschauerraum.

Balanceakt im Zeppelin: Florian Anderer, Ruth Rosenfeld, Bastian Reiber, Jule Böwe, Carol Schuler, Axel Wandtke, Alina Stiegler (Foto: Thomas Aurin)

Regie und Bühne: Herbert Fritsch   
Kostüme: Victoria Behr   
Musik: Ingo Günther   
Dramaturgie: Bettina Ehrlich   
Licht: Torsten König   

Mit: Florian Anderer, Jule Böwe, Werner Eng, Ingo Günther, Bastian Reiber, Ruth Rosenfeld, Carol Schuler, Alina Stiegler, Axel Wandtke 

Essay zum Stück in Pearson's Preview:  »Kein Piña Colada«. Herbert Fritsch, Volksbühnen-Vertriebene und ein riesiges Luftschiff


24.09. PREMIERE Rückkehr nach Reims nach Didier Eribon in einer Fassung der Schaubühne
Regie: Thomas Ostermeier

Nach der Uraufführung in englischer Sprache beim Manchester International Festival (MIF) im Juli - hier habe ich darüber berichtet - folgte nun die deutschsprachige Erstaufführung von "Rückkehr nach Reims" nach dem Buch von Didier Eribon. Die Premiere wurde extra auf den Sonntag der Bundestagswahl gelegt, um (wie Ostermeier in verschiedenen Interviews erklärte), sich damit auseinandersetzen zu müssen, warum es die SPD wieder nicht geschafft habe. Wie wir mittlerweile wissen, ist das Ergebnis für sie so schlecht wie nie ausgefallen. Dafür konnte die AfD erschreckend viele Wähler*innen gewinnen.

Die Rollen von Bush Moukarzel und Ali Gadema übernehmen in der deutschen Fassung Hans-Jochen Wagner und Renato Schuch. Für mich hat das Stück in meiner Muttersprache und durch die unterschiedliche Besetzung eine andere Stimmung erhalten. Insbesonder die Rolle des Regisseurs (Wagner) bekommt einen anderen Aspekt. Während Bush Moukarzel witziger oder ironischer wirkt, kommt H.-J. Wagner arroganter rüber. Nina Hoss' langer, ruhiger Bericht über das Leben ihres Vaters Willi Hoss wirkt auf mich in der deutschen Fassung weniger "angeheftet". Auch wenn Nina Hoss im ersten Teil des Stücks noch die Schauspielerin Katrin ist und erst im letzten Drittel sie selbst wird, ist sie für mich doch immer Nina Hoss. Und in H.-J. Wagner erkennte man Thomas Ostermeier zumindest optisch, denn er trägt Hose, Pullover und Reebok-Turnschuhe, die quasi zu Ostermeiers Signature Look gehören.

Nina Hoss als Katrin und Hans-Jochen Wagner als Regisseur diskutieren (Foto: Arno Declair)


Im November wird "Rückkehr nach Reims" / "Returning to Reims" auch fünf mal in der englischen Originalbesetzung gezeigt:
22. und 25.-28.11.2017 (hierfür sind noch Tickets erhältlich).

Regie: Thomas Ostermeier   
Bühne und Kostüme: Nina Wetzel   
Film: Sébastien Dupouey, Thomas Ostermeier   
Kamera: Markus Lenz, Sébastien Dupouey   
Ton: Peter Carstens
Musik: Nils Ostendorf   
Sounddesign: Jochen Jezussek
Dramaturgie: Florian Borchmeyer, Maja Zade   
Licht: Erich Schneider   

Mit: Nina Hoss   
Mit: Bush Moukarzel / Hans-Jochen Wagner   
Mit: Ali Gadema / Renato Schuch

6. September 2016

Die Quadratur des Hamsterrads: "de
rdiemann" von Herbert Fritsch nach Texten von Konrad Bayer (Volksbühne) - Gastbeitrag von Steffi Eisenschenk

Zum 100. Jahrestag des Dadaismus machte Herbert Fritsch die Showbühne der Volksbühne mit Konrad Bayers Texten zum quietschbunten Hamsterrad. Von Tristesse und Depression kaum eine Spur, meist krachend komisch. Wobei das Dauergrinsen der Schauspieler*innen durchaus eine hilflose Verzweiflung widerspiegelt - das Gefangensein im Anzug der Sprache.

„Wie Bayer vorführt, bewegt sich die so entstandene 'Welt' in einem geschlossenen Kreis. Klassifikation und Etikettierung der 'Wirklichkeit' reduzieren das Erkennen darauf, einen Gegenstand "mit seinem rechten Namen zu bezeichnen"(Essay über Konrad Beyer und die „zerschneidung des ganzen“)

Wie sie staksen, wie sie reden! Diese So-Tun-Also-Ob-Sätze zwischen Rhythmus und Reimgesäusel - umwerfend sinnlos die Suche nach einem Zusammenhang. Und doch orchestriert und parodiert Fritsch das konventionelle Getue auf der Bühne in unglaublicher Stringenz für Lacher und Überspitzungskomik. In knallbunten “plastic is fantastic” Kostümen stolzieren die sieben Schauspieler*innen als Gaga-Gang zwischen Showtreppe und überdimensioniertem Megafon. Floskel- und Nonsenskonversation, bis einem die Tränen über die Wagen laufen vor Lachen. Dann mit Beatles Pilzköpfen in mausgrauen Einheitsanzügen, die Abschied nehmen. Einer fehlt, die Lücke wird betrauert, man zerfließt in ein Knäuel des gemeinsamen Selbstmitleids. Ein grotesker Trauer-Behavorismus, was über den Klangrhythmus der Sprache, den Orgelanschlag und Gestik funktioniert.

Überhaupt: die Musik. Rinks und lechts arbeiten die Musikinstrumente mit den Musiker*innen. Sie geben den Performer*innen Halt in der Mitte der Bühne. Das Klangbett als Gerüst für die singenden und sprechende Schauspieler*innen, die man nur bewundern kann, dass jedes Wort und jede Gestik scheinbar zusammenhaltlos zum Quatsch wird. Und wie sie zwischen und mit den Mikroständern kämpfend herumzappeln im Gesprächsfetzengeplapper, im Erwarten der erhofften Wiedergabe des Unsinns im Umgang miteinander. Das Wort genommen, das Wort gegeben. Gleichzeitig verbindet und trennt die Sprache. Eine Drehscheibe zwischen Kollektiv und Alleinsein, denn plötzlich singt ein Mikrostar tieftraurig “Niemand hilft mir”. Wo man sich vorher noch gemeinsam einsam berauscht vom Applaus auf der Showtreppe produzierte, um dann verängstigt aus dem Rampenlicht zu fliehen vor der Öffentlichkeit. Doch es gibt kein Entrinnen vor den voyeuristischen Massen. Und dann kommt Karl. „der ganze Karl hat sich da versammelt“. Erst einer, dann sieben Karls. Vereint im Gleichklang “a a a a a a a” was einem wie Kindersprache durch die Nase weht, bis das o unterbricht und der Chor “ a a a a a o a a” tönt.

Wie spielerisch Fritsch damit die ästhetische Form des Dadaismus auf die Ebene der Gesellschaft, dem sozialgesellschaftlichen Diskus von Kollektiv und Individualismus hebt - überraschend, wie die extreme Form der Sinnentleerung von mir trotzdem auf politisch - gesellschaftlich assoziiert wird: zwischen Wortwiederholung und Wortabnutzung, von Facebook-Newsfeed-Fetzen zu Selbstbehauptungen sowie Vereinheitlichung und Gleichschaltung, händeringend kontrastiert durch Individualismus. Knallige Fröhlichkeit in pink, rot, blau und gelb. Bis Fritsch die Grimassenlächler auf dem Rücken liegend zappeln lässt und der Zuschauer sieht als Schattenwurf einen Totentanz der Mistkäfer, im blauen Licht. Dieses Bild ist sein eigener Himmel. Da-Da-Dagewesene.


Die Inszenierung war zum 53. Theatertreffen 2016 in Berlin eingeladen, außerdem ging der 3sat-Preis 2016 an Herbert Fritsch für sein “Intensivstation Theater”, so die Jury.

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Regie & Bühne: Herbert Fritsch
Kostüme: Victoria Behr
Licht: Torsten König
Musikalische Leitung: Ingo Günther

Mit: Florian Anderer, Jan Bluthardt, Werner Eng, Annika Meier, Ruth Rosenfeld, Axel Wandtke, Hubert Wild, Ingo Günther (dasderdiemannorchester), Michael Rowalska (dasderdiemannorchester), Taiko Saito (dasderdiemannorchester) und Fabrizio Tentoni (dasderdiemannorchester)

Spieldauer: 1 Stunde 45 Minuten

Am 26.10.2016 das nächste mal an der Volksbühne zu sehen - Tickets & weitere Infos.

23. Juni 2016

"Wir sehen die Zukunft der Volksbühne bedroht!" - Offener Brief der Volksbühnen-Mitarbeiter/innen

Aus aktuellem Anlass: Am 20.6.2016 richteten sich die Mitarbeiter/innen der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in einem offenen Brief an die Berliner Kulturpolitik. Ab 2017 wird Chris Dercon (bisher Leiter der Londoner Tate Modern) Intendant der Volksbühne, er hat umfangreiche Veränderungen für das Haus angekündigt. In dem Brief, der von 180 Schauspieler/innen, Regiseur/innen und weiteren Mitarbeiter/innen des Hauses unterzeichnet wurde, wird die Sorge um die Zukunft der Volksbühne und die Befürchtung vor einem massiven Stellenabbau ausgedrückt. Eine konzeptionelle Weiterentwicklung sei bei Dercon nicht zu erkennen.

Die Unterzeichner/innen kritisieren die Berliner Kulturpolitik:
"Im Namen einer vermeintlichen Internationalisierung und Vielfalt arbeitet sie intensiv an der Zerstörung von Originalität und Eigensinn, mit der die Volksbühne weltweit Anerkennung findet."

Der Brief endet mit der Bitte an den Senat das Konzept von Chris Dercon und der Programmdirektorin Marietta Piekenbrock zu überprüfen.

Der offene Brief der Volksbühne an  die Parteien im Abgeordneten Haus von Berlin und die Staatsministerin für Kultur und Medien, Frau Prof. Monika Grütters.

Eine Reaktion von Claus Peymann, Direktor des Berliner Ensembles, ließ natürlich nicht lange auf sich warten. Er schrieb seinerseits einen offenen Brief und schimpft darin erneut auf den Regierenden Bürgermeister von Berlin Michael Müller sowie den Kulturstaatssekretär Tim Renner, glaubt die Volksbühne wird zur "Eventbude" degradiert und fordert Müller auf "seinen Fehler einzusehen". Peymanns Brief birgt, wie zu erwarten, eine gewisse Komik - größtenteils sicherlich gewollt, teilweise bestimmt auch ungewollt, wenn er z.B. von dem "ganzen, anderen modischen Quatsch, von dem man hört und weiß" spricht.

Der offene Brief von Claus Peymann an den Regierenden Bürgermeister von Berlin Michael Müller.

Zur Debatte um die Führung der Volksbühne hat sich u.a. Herbert Fritsch, Regisseur an der Volksbühne, in einem Tagesspiegel-Interview geäußert.

Auch Jürgen Schitthelm, Gründer und bis 2012 Direktor der Berliner Schaubühne, sprach im rbb kulturradio dazu. Er kritisierte, dass Dercon bisher keine klaren Aussagen zum Programm gemacht hat, obwohl er den Kurator für seine Verdienste in der bildenden Kunst schätzt, und äußerte Verständnis für die Mitarbeiter/innen der Volksbühne.

12. April 2012

Ungezügelt lachen: „Die (s)panische Fliege“ von Herbert Fritsch an der Volksbühne

Was für ein Spaß! Dass „Die (s)panische Fliege“ von Herbert Fritsch zum Theatertreffen 2012 eingeladen wurde – Fritsch war schon im letzen Jahr mit zwei Inszenierungen vertreten – war klar.Die Handlung (Verwechslungen und Irreführung) ist bei dieser rasanten Komödie nicht so wichtig, denn die Inszenierung lebt von der Komik, dem Bühnenbild und vor allem den Schauspielern. Auf einem überdimensionalen Teppich fallen, torkeln und stolpern die Figuren in diesem Theaterwahnwitz umher. Gesteigert wird der Slapstick noch durch ein im Boden eingelassenen Trampolin, auf dem Schauspieler geradezu akrobatische Leistungen vollbringen. „[…] wie ein auf Speed gesetzter Robert-Wilson-Scherenschnitt“ schrieb der Nachtkritiker Wolfgang Behrens nach der Premiere. Und das trifft es ziemlich gut.
Bei einem Volksbühnenensemble - allen voran Wolfram Koch, aber auch Sophie Rois, ChrisTine Urspruch, Christoph Letkowski u.a. - das so ungezügelt agieren darf und das Fritsch wie wild geworden spielen lässt, darf auch das Publikum ungezügelt lachen. Lange ist es her, dass man so befreit und geradzu euphorisiert das Theater verlässt. Ein Spaß, den man sich auf jeden Fall ein zweites mal anschauen kann.


Fotos: Thomas Aurin