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15. Dezember 2016

This is not a….. theatre critique: "Richard III." (Schaubühne) - Gastbeitrag von Anna R.

Männlich, verbittert, kriminell, häßlich sucht….und ich komme extra aus Bonn angereist, um genau diesem Mann meine Aufmerksamkeit zu schenken. Eine Binsenweisheit, dass mensch immer das woanders sucht, was er zu Hause nicht hat.

Also gut, ich reise nicht nur an, um mich dieser Ungestalt feilzubieten und dem eigenen Voyeurismus zu fröhnen. Es ist noch viel abgründiger: Meine liebste lange Freundin Maren, sorgt ca. einmal im Jahr dafür, dass wir unsere Abgründe bei mode,- gesundheits- und politbewusstem Essen, Trinken und Handeln updaten. Durch sie ist es mir möglich wenigsten EINEN Haken hinter die Liste der „Must-Haves“ der deutschen Theaterinszenierungen zu machen. In diesem Jahr getoppt dadurch, dass wir nicht nur die gleichen Blousons in der gleichen Boutique erwerben sondern diese tatsächlich auch zusammen zu Aufführung in die Schaubühne tragen. Auch wir spielen ein Schauspiel. Manchmal trinken wir aber auch einfach mal nur Kaffee miteinander.

Aber genug des kleinbürgerlichen Wahnsinns, Richard III. on stage. Was sage ich? Im Globe. Die Welt in der Welt. Und ich bin mittendrin. Im Dreck, gespickt mit goldenem Konfetti, im Sumpf aus Familien,- und Machtkampf auf allen Ebenen, von höchster Stelle abgesegnet.

Konfetti-Rausch - Das Schaubühnen-Ensemble (Foto: Arno Declair)

Es scheint nur ein Schritt zu sein, um selbst an diesem Spiel mitzumischen. Erschreckend banal. Wenn da nicht der gerade erlebte Wahlsieg eines Donald Trumps wäre. Oder ist auch das einfach banal? Bekomme ich vielleicht einfach nicht mit, dass ich in meinem Mikrokosmos wechselweise die Rolle von jedem einzelnen dieser Familienmitglieder und Bediensteten einnehme?

Lars Eidinger als Richard III. (Foto: Arno Declair)

Kein Vorhang, eher ein Abhang. Das Licht geht aus. Es gibt keinen Applaus. „Warum denken die Leute in letzter Zeit hier immer, das Stück geht noch weiter…?“ so oder so ähnlich beschwert sich Hamlet…äh…Richard. Lars. Bevor es ihn dann doch gibt, den Applaus. Jeden und jede Einzelne möchte ich umarmen und beklatschen, von diesem geilen Schaubühnenfamilienteamwahnsinn.

Kein Abgang (Foto: Arno Declair)

Und bekomme sogar noch Autogramme: Von Laurenz, Jenny, Robert und Moritz. Und ein artiges Dankeschön, dafür, dass ich extra aus Bonn angereist bin. „For there is nothing either good or bad. But thinking makes it so.“ DankeMarendankeSchauspieldankeLeben.

Widmung von Lars Eidinger im Richard-Programmheft (Foto: Anna R.)
Widmung von Lars Eidinger (Foto: Anna R.)
Unterschriften des Schaubühnen-Ensembles (Foto: Anna R.)


29. März 2016

Hoffnung in Dosen? - Gastbeitrag von Steffi Eisenschenk über das 34. Fadjr International Theater Festival in Teheran

Theater unter den Augen des Wächterstaats

Iran, Januar 2016. Das ist der Anfang einer Geschichte, deren Ursprung ganz weit hinten liegt. Oder ganz vorne. Kommt auf die Sichtweise der Verhältnisse an. Ich weiß nicht genau, wann es anfing, doch es begann mit diesem Satz: „Es ist keine Kunst, die Welt zu erobern; wenn du kannst, erobre ein Herz!“ Diesen lautbaren Talisman von Saadi hat mir Goethe angehängt. Diese Idee einer Auswanderung in ein anderes Herz, dessen Rhythmus ich spüre. So baut die Kunst ihre Brücken über die Poesie. Durch Gedanken reisen, durch Texte, Bilder, Bewegung und Musik. In Filmen, auf Bühnen, im Leben, wo alles zusammen spielt. Dort begegnen sich Menschen mit ihren Sinnen und durch Geschichten. Und ich glaube, Johann Wolfgang kam über Hafiz zu Saadi, dem persischen Dichter. Goethe, ein Handelsreisender zwischen den Kulturen. Mit „Hidschra“ als Reisender im „Wechseltausch“ fremder Lebensformen - dem Orient. Heutzutage scheint das schwierig für Europa, wo es doch für den Einzelnen mit Kultur leicht sein kann. Doch das ist eine lange Kette von verwirrenden Verstrickungen.

Über den Dächern von Teheran (Foto: Stefanie Eisenschenk)

Einblick
2016 in Deutschland, das Jahr war erst ein paar Wochen alt und drohte schon in ideologischem Verortungsgebrüll zu versinken. Gruselig fühlte sich das an, denn ein verwirrter Prozentsatz war so laut. Genau jetzt die Gegenbewegung anzutreten war Zufall. Raus aus Deutschland, rein in ein „unsicheres Herkunftsland“. Eine Reise in den Iran. In eine islamische Republik! Ein rotes Tuch für die Angstprediger Deutschlands. Einwurf, sicherheitshalber: Eine Iranexpertin bin ich nicht, nach sechzehn Tagen habe ich nur Fragmente erfasst. Und natürlich war alles anders als erwartet, obwohl ich nicht ganz unvorbereitet war. Beeinflusst war ich von Jafar Panahis' "Taxi Teheran" und "Der Kreis" sowie "A Separation" von Asghar Farhadi und "A Girl Walks Alone Home At Night" von Ana Lily Amirpour und dem gesamten Rest meines Lebens.

Parallelen

Es hat mich deshalb nicht überrascht, dass im Iran nicht nur Ahmadinejads wohnen oder nur Mullahs bei den 80 Millionen Einwohnern. Jedoch verhüllen sich viel mehr Frauen mit dem schwarzen, langen Gewand, dem Tschador, als ich dachte. Die erste Begegnung im Flughafen Teheran: wir saßen zusammen auf der Toilette. Alle in unseren Kopftüchern und rauchten. Ungeahnte Parallelen. Sie sind vorhanden, denn auch Nonnen tragen Kopftuch. Nur haben die katholischen Damen die Wahl - schwarz und auch weiß. Unsere Nonnen wohnen allerdings in Klöstern und gehen nicht in die Moscheen, leben aber ebenfalls nach religiösen Regeln. Freiwillig. Das Aufzwingen von Religion vom Staatswegen ist für mich allerdings eine sehr ungesunde Vermischung. Welche religiösen Regeln jetzt richtiger oder wichtiger sind und ob überhaupt Glaubensregeln oder einfach Menschenrechte das Zusammenleben möglich machen, diese Antwort sollte jeder Demokrat den Menschen selbst überlassen. Dies gehört zu den Grundrechten einer demokratischen Einstellung.

Da die Gegenwart ihre Wurzeln immer auch ganz woanders hat, erfordert es einen historischen Blick. Wer nur über die aktuellen Vorschriften der Bekleidung oder die herrschende Zensur im Iran spricht, ohne die Entwicklungsgeschichte des politischen Systems der islamischen Republik und deren Machtstrukturen zu betrachten, der bleibt nur an der Oberfläche hängen.

„Das ist im Grunde nur die Warze, nicht die Krankheit.“ (Thomas Brasch im Gespräch mit Günter Grass.

Symbole (Foto: Stefanie Eisenschenk)


Es ist kein Zufall, dass ich sehr oft bei dieser Reise an Thomas Brasch, Barbara Köppers oder Irmtrauth Morgner denken muss. Eine Spiegelung von Geschichten, gespalten durch die Zeit. Kunst in der DDR. Überhaupt, Kunst unter dem Einfluss von Zensur, Kunst unter dem Hakenkreuz - das Zeichen werde ich in einem alten Tempel aus der persischen Zeit neben einem Davidstern in den Mauern sehen. Der Tempel mit dem „Hakenkreuz“ Symbol ist lange vor dessen Missbrauch erbaut worden. Das Symbol wurde genauso entfremdet und benutzt von den Nazis, wie der Begriff „Arier“. Der Dokumentarfilm „Die Arierer“ hat in 2014 endlich das Lügenwerk der begrifflichen Rassenideologie präzise offen gelegt. Arier – geklaut aus dem alten Persien. Dass ein Arier ein Mensch ist - wie du und ich - hat König Darius vor 2500 Jahren in Stein gemeißelt. Tragischerweise wurde der Begriff von den Nazis für perfide Propaganda-Strategie benutzt und mit ausgedachten Attributen zu einem Pseuydoideal zusammengebastelt. Für mich blitzte hier immer wieder die Gegenwart aus Deutschland durch - wo Personen der AfD und anderer Parteien begonnen haben öffentlich zu irrlichtern. Die Sprache wird für politische Propaganda missbraucht, um ängstliche Mitläufer zu gewinnen. Eine verlogene Instrumentalisierung der Flüchtlinge für herrschaftliche, politische Zwecke. Die Fluchtursachen sind komplex und es erfordert ein Hinterfragen seiner eigenen Selbstherrlichkeit - weil es doch tatsächlich um ein verdecktes Spiel der Beherrschung geht (S. 118-120, Moderne und Ambivalenz, Zygmund Bauman). Womit ich wieder bei Hamlet bin.

Hamlet im Spannungsfeld des Wächterstaats

34. Fadjr International Theater Festival in Teheran (Fotos: Stefanie Eisenschenk)

Zum 34. Fadjr International Theatre Festival nach Teheran fuhr ich, weil ich als Freundeskreismitglied der Schaubühne versuche, mindestens ein Gastspiel pro Jahr zu begleiten. In "Hamlet" wird regelmäßig der König ermordet, betrogen und gelogen. Am Schluss sind fast alle tot. Shakespeares Schurkenstück in Teheran - mit diesem Hintergrund der Geschichte der Diktatoren: vom Schah von Persien, der Revolution 1979 des Ajatollah Khomeini, sowie der blutigen Unterdrückung von 2009, wo die Demonstrationen gegen die Wiederwahl Ahmadinejads brutal niedergeschlagen wurden - dies unter den Augen des obersten, religiösen Imans? Der gleiche Iman Ali Khamenei, der auch im Theatersaal hängt. Über Hamlets Handeln gewissermaßen, in Mitten der vielen Verstrickungen. Kaum eine Vorstellung konnte besser sein. Für mich war es eine Annäherung über eine doppelte Flucht - mit Umweg über die Spaltungsfigur "Hamlet", dem Fremdblick und der Zensur - es war ein ganz anderer Nährboden, auf welchen diese Wörter fielen:

„Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage“

Wie aber inszenierte Thomas Ostermeier (Schaubühne) Hamlet unter den Augen des Wächterstaats? Mit Probelauf vor dem Zensor? Wo eine institutionalisierte Religion im Deckmantel und Dienst der Machterhaltung wirkt? Ahmadinejad ist weg, der neue Ministerpräsident Ruhani scheint für Erneuerung und einer Öffnung Irans zur Welt zu stehen. Dem Iran wird jetzt verheißungsvoll „Aufbruch“ zugeschrieben, denn seit Januar herrscht Atomfrieden mit den USA und auch das Handelsembargo gibt es seit kurzem nicht mehr. Die Systematik in der islamischen Republik ist jedoch genau die Gleiche geblieben: der oberste Geistliche, der Iman entscheidet, wer ins Parlament darf und wer nicht. Wer immer also im Parlament sitzt, ist durch die Struktur des Wächterstaats gegangen und damit automatisch ein Teil des Systems. Wie die Herrschaftsideologie die Menschen formt ist ungewiss. Fakt ist, immer noch finden erschreckend viele Hinrichtungen statt. Es gibt keine Meinungsfreiheit, die Frauenrechte sind weit entfernt von Gleichberechtigung, die Revolutionswächter achten auf „Teufelsfrisuren“ oder ob das Kopftuch getragen wird. Kunst ist der willkürlichen Zensur unterworfen. Gerade wo Unterdrückung herrscht, hat Kunst oft ein stärkeres Gewicht, ein wirkliches Anliegen. Kunst, trotz Zensur, aber ohne sich dem Regime anzudienen? Das sind Widersprüche, die schwierig auszuhalten sind, aber es ist nicht unmöglich. Es braucht Willen dazu, Mut und Ausdauer.

Iranischer Magazin-Beitrag zur Schaubühne (Foto: Stefanie Eisenschenk)


Eine andere Ophelia - eingerahmt von den Mullahs
Es war verwirrend, wie anders Shakespeares Dichtung (Jenny König als Ophelia zum Gastspiel in Teheran) im Iran wirkte. Diese Verschiebung des Blickwinkels an diesem Ort, mit diesem Stück hat mich berührt. Die Verwicklungen und das Fallen des Claudius (Urs Jucker) und Polonius (Robert Beyer) am Anfang sah ich in Teheran mit ganz anderen Augen. Zwar auch unter dem Regenschlauch, auch im Dreck der Torfbühne, aber trotzdem empfand ich viele Szenen und Texte viel sinnbildlicher, viel deutlicher und viel intensiver als in Berlin.

„Das Schauspiel sei die Schlinge,
In die den König sein Gewissen bringe.“


Vieles war greifbarer. Ich steckte selbst ungewohnt in diesem Umhang der erzwungenen Verhüllung und den vielen Verboten für Frauen. Ophelia (Jenny König) im rosa Kopftuch, von Hamlet mit Dreck beworfen und mit Torf zugedeckt auf dem Grab – Unsichtbarkeit ist fast wie ein kleiner Tod. Diese Veränderung der Inszenierung wirkt sinnbildlich stark - in Berlin wälzen sich die beiden körperlich umschlungen im Dreck. Um den Vorgaben zu entsprechend jegliche Konturen des Körpers zu entfernen, saß ich mit Poncho im Theater; „ich passte mich an, blieb aber fremd“ (vgl. S. 31 „Ist das ein Leben“ von Insa Wilke über Thomas Brasch). Die schlimmste Einschränkung im Iran ist aber, dass dort niemand offen sagen darf, was er wirklich denkt. Angst macht gefügig. Damit merkte ich auf der eigenen Haut - hier steht etwas auf dem Spiel, es geht hier um etwas. In Berlin, inmitten einer satten und sogenannten „freien“ Wohlstandsgesellschaft ist vieles einfach so egal, so banal. Was in Berlin in der Vielzahl der Möglichkeiten untergeht, ist in Teheran hoch brisant. Und Ostermeier hat über Lars Eidinger als Hamlet geschickt Verweise an unterschiedliche Adressaten eingebaut.

Die Atmosphäre im Theatersaal war dem entsprechend erwartungsvoll, fast schon flirrend in der Vahdat Hall. Es war allen klar, dass die Inszenierung aus Berlin durch den Zensurfilter des Wächterstaates musste, aber trotzdem wurde viel erwartet. Es waren sehr viele Leute, die das Stück sehen wollten. So viele, dass sogar das Eingangstor gestürmt wurde. Ich konnte mich gerade noch so reinquetschen. Die Vorschrift, dass Männer und Frauen sich nicht berühren dürfen in der Öffentlichkeit, hatten in dieser Situation wirklich alle Beteiligten verdrängt. Und so haben wir am Eingang das gemacht, was auf der Bühne selbst nicht gezeigt werden durfte - körperlichen Vollkontakt. 

Kunst als Probe
Die Kunst der Künstler wurde auf die Probe gestellt. Nicht nur von den Zuschauern, im Iran auch durch die Zensur. Eine doppelte Herausforderung sozusagen. Eine verhüllte Kunst der Störung. Und trotzdem ein Probelauf zum Verhalten?

HAMLET in Teheran

„Schändlichkeiten, Herr, denn der satirische Schuft da sagt, dass alte Männer graue Bärte haben und ein Kassengestell tragen…“


Bei diesem Dialog blickt Hamlet nach oben, wo rechts und links die beiden Imane hängen - wie in allen öffentlichen Gebäuden, Ajatollah Khomeini und der aktuelle Machthaber Ali Khamenei. Beide mit langen, grauen Bärten. Khamenei trägt auch eine Brille. Diese Anspielung verstand ich sofort, denn Polonius (Robert Beyer) trug im Iran kein Kassengestell. Die Übertitel der Übersetzung in Farsi konnte ich allerdings nicht lesen. Trotz Zensor und unter den Augen des iranischen Kulturministers folgten weitere kleine Anspielungen, die teils in die deutschen Dialoge eingeflochten oder einfach bei passender Gelegenheit kurz in Englisch eingeworfen wurden. Shakespeare hat in Hamlet eine kurze Theaterszene eingebaut, ein Theater im Theater sozusagen. Hamlet ist darin als Frau verkleidet, in Berlin lässt Ostermeier Hamlet in Damen-Dessous eine Frau spielen, im Iran trägt er stattdessen - ich glaube ein schwarzes Nonnenkostüm. Oder einen Tschador? Ich konnte das noch nie auseinanderhalten. Der verschleierte Hamlet sagte jedenfalls „Don’t touch“ zu seinem Schauspielkollege Sebastian Schwarz, der scheinbar zu nah kam. Damit spielte der verschleierte Hamlet auf die Verbote der Berührung in der Öffentlichkeit zwischen Frau und Mann an. Der Schaubühnen-Hamlet in Teheran wurde so um eine weitere Ebene ergänzt, die nur über Anspielungen und Querverweise funktionierte. Die Iranerinnen und Iraner lachten über diese Anspielung, weil sie diese Beschränkungen im Alltag des öffentlichen Lebens allzu gut kennen. Hamlet war damit ein Komplize der Zuschauer und hat sie gleichzeitig auf den Seziertisch gelegt.

Die Kunst sich zu verhalten.

Im direkten Kontakt zum Publikum fragt Hamlet auf Englisch „Hat Hamlet Laertes etwas angetan?“ Es folgte ein Dialog, der das Dilemma auf den Punkt brachte. Hamlet stellte seine Frage ungefähr an 1000 Leute. Nur ein Zuschauer gab ein Handzeichen, das ist nicht selten auch so in Berlin der Fall. Alle anderen enthielten sich. Anfangs. Jetzt trat der Schauspieler Lars Eidinger heraus aus seiner Rolle des Hamlet und sprach einen Herrn aus der ersten Reihen direkt an. Einen, der sich nicht beteiligt hatte. „What’s your opinion?“ Der Zuschauer druckste herum, vom Publikum kamen Zwischenrufe „we don’t  know it, we are confused“. Der Mann fragte dann Lars Eidinger, was seine Meinung wäre. (Ich klappe dabei innerlich zusammen). Eidinger antwortete, er sei nur der Schauspieler, der einem Skript folgt. Aber er, als Zuschauer, er müsste doch eine Meinung haben und nicht nur dort auf seinem Stuhl sitzen. Das ist im Iran eine andere Aufforderung als in Deutschland. Wo jedoch ist eine solche Meinungsübung besser möglich als im Theater? Beziehungsweise sich beispielhaft zu verhalten?

In diesem Moment trat etwas ans Licht, Eidinger zog ein Problem blank - er wirkte tatsächlich verzweifelt, stand da, mit seinem künstlichen Wanst im Haweiihemd und für mich stand hier jemand, der „Wahrsprechen“ forderte. Vehement. Was in einer Diktatur allerdings lebensbedrohlich sein kann. Wie gesagt - Angst macht gefügig. Es gibt im Leben nicht auf alles eine Antwort, aber in dieser Situation ging es um ein Erkennen, ein Wissen, das alle im gleichen Raum zur gleichen Zeit als Theaterstück miterlebt hatten. Und trotzdem schien es schwierig zu entscheiden, was passiert war. Das Publikum im Iran, wie in Berlin beobachtete, aber verstand nicht, was es gesehen hatte. Was war richtig? Was war falsch? Seine Meinung zu vertreten, sich zu verhalten - und das öffentlich - erfordert immer Mut. Eine Meinung zu vertreten bietet immer Angriffsfläche, genau das jedoch gilt es auszuhalten. Ja, Hamlet hat Polonius erschossen. Versehentlich zwar, aber tot ist er trotzdem. Ophelia hat sich seinetwegen umgebracht. Alle im Raum haben das gesehen, aber einordnen war schwierig. Denn Shakespeare schaffte Verwirrung, ein Gedankenchaos, immer wieder ein Meister seines Fachs. Endlich kam die Erlösung von einer Frauenstimme „but he killed his father“ und dann noch eine weitere, zarte Frauenstimme „and he made Ophelia doing suicide.“ Laertes (Franz Hartwig) hat also zwei ihm nahestehende Menschen verloren. In dieser Menge und genau in diesem Moment hatte ich das Gefühl von einem Augenblick -  es klingt so groß -  doch es fühlte sich an wie - Wahrheit. Dieser Moment wurde für mich „zum Erscheinungsort ihrer eigenen Diskursgegenwart, einer Gegenwart, die sie als Ereignis befragt“. Wie das Foucault in einer seiner letzten Reden sagte „Über den Mut zum Wahrsprechen im politischen Diskurs. Die Regierung des Selbst und der anderen.“

So hatte ich Hamlet noch nicht erlebt. Es ging mehreren so, aber nicht allen. Manche fanden das Nachfragen von Hamlet (Lars Eidinger) zu vehement. Meine Meinung ist, warum sollte die Machtstruktur, die durchaus auch auf der Bühne gilt, nur zwischen Schauspielern und Zuschauern, nicht ebenfalls aufgebrochen werden? Geht es nicht genau darum?

Schaubühnen Ensemble im begeisterten Schlussapplaus des iranischen Publikums (Foto: Amir Safar Saghafi)

Gleichbehandlung und Gerechtigkeit
Hamlet in Teheran war kein Wegducken im politischen System des Mullah-Regimes, das im religiösen Deckmäntelchen agiert. Die Unterdrückung und die sozialen Missstände im Iran sind offensichtlich. Reich und arm klaffen auseinander, wie in so vielen anderen Ländern. ¼ der Bevölkerung Irans genießen Sonderstatus durch Vorzüge des Regimes, diese Personen wiederum stützen überhaupt das ganze Konstrukt. Interessen erzeugen soziale Positionen, das sind gemachte Strukturen, das gilt nicht nur für den Iran. Die Frage ist nur, welche Interessen herrschen?  Es bedeutete für mich, durch den Umweg der Distanz im Iran, auf die eigenen Situation in Deutschland zu blicken. Das zwar eine Demokratie ist und ein Rechtsstaat, dennoch frage ich mich, welche Interessen herrschen. In Deutschland ist das alles ein Jammern auf hohem Niveau, dennoch sind soziale Ungleichheiten nicht selten eine ungesunde Entwicklung, die es den rechten Lagern wohl leichter macht, Anhänger zu finden. Das wird aktuell nicht nur in Deutschland deutlich. Jeder selbstherrliche Blick, den der Westen oft für sich beansprucht, verleugnet die eigenen Zwänge oder Fehlentwicklungen.

„Wahrsprechen“ und auch die Art und Weise, die Wahrheit zu sagen: Der Sprecher bringt sich dabei selbst in Gefahr, nimmt dieses Risiko aber rückhaltlos in Kauf. Foucault spricht in diesem Zusammenhang auch von der „Dramatik des wahren Diskurses“.

Anruf der Poesie
Es ist eine Lücke in dieser Republik.
Es ist eine Fuge in einem Kopf.
Es ist eine Fuge in einer Frau.
Es ist eine Fuge in der Musik von Bach.
Und es ist eine Fuge in dieser Geschichte.
Und nur wenn diese Fuge da ist, durch die man so schielen kann wie in eine Lücke von dem verbotenen Zimmer oder so.
Und hinter all dem noch etwas sieht, was möglich ist in einer Welt oder in einer Gesellschaft, die man für so festgemauert hält. Aber auch in einer Mauer hat der Maurer irgendwo gepfuscht und da wo wer pfuscht, siehst du plötzlich durch und dahinter sitzen Indianer und die Alternative ist nicht mehr einsam oder zweisam, sondern noch etwas anderes.
(von Thomas Brasch, aus dem Buch von Insa Wilke "Ist das ein Leben”)

Junge Frauen im Iran (Foto: Stefanie Eisenschenk)

Es sind wieder viele erste Anzeichen von Hoffnung für Veränderung, kleine Lücken, die den Widerstand überwinden lassen. Kleine Ritzen von Hoffnung. Die einen Anfang machen. Einige Pärchen im Teheran sah ich, die hielten sich einfach an der Hand und gingen demonstrativ durch die Stadt. Eine weitere, stille Revolution soll seit längeren im Gange sein - Bildung. Die Väter schicken ihre Töchter auf die Universitäten. 60% der Studierenden sind Frauen. Die Forderung nach Veränderung kommt von der Bevölkerung selbst, besonders aus der jüngeren Gesellschaft. Die modernen Leute in Teheran leben zwei Leben, eines für das Staatsregime und ein zweites, privates, hinter verschlossenen Türen. Der Wunsch, ein Leben zu führen, ist stark.

Wie das aussieht haben westliche Zaungäste nicht zu bestimmen, allerdings bringt das Kennenlernen und der Austausch vieles auf eine andere Ebene. In einen Prozess des Miteinanders. Was hoffentlich mehr ist, als der Genuss eines süßen Koffeingetränks in roter Dose. Wie das aussehen könnte, hat viele Gesichter und liegt im Handeln und Begegnen jedes Einzelnen. Sonst sitzen wir im Niemandsland mit Gespenstern (vgl. Außerhalb des Spiels v. Thomas Brasch). Beim Abflug in Teheran sprach mich eine sehr kleine, alte Frau an. Komplett im Tschador verhüllt, ich verstand kein Wort. Sie holte unter ihrem Umhang ein Gebäck heraus und drückte es mir mit ihren beiden Händen sehr innig in meine Hand. Alle waren wir Handlungsreisende im Wechseltausch. Es gab mehrere solch verwirrender Offenherzigkeiten im Iran. Ohne ein Verhältnis zu sich und ohne Umgang mit der Welt findet sich Nichts. Wie das Zusammen aussieht, hängt an jedem Wort und an jeder Geste, die zeigt, ob wir versuchen miteinander zu leben. Es können sehr viele kleine Lichtblicke sein.

„Oft nennt die Welt im eitlen Trug, den Weisen dumm, den Narren klug.“ (Saadi)

Dieser Text erscheint ebenfalls am 29. März 2016 auf derFreitag.

27. Februar 2016

Dauergast am Theater (Radiobericht)

Am 20.2.2016 strahlte Deutschlandradio Kultur ein Interview mit drei Theatergänger/innen, die ihre Lieblingsinszenierungen viele Male gesehen haben, aus.

Ein Ehepaar, das "Arturo Ui" (mit Martin Wuttke) am BE über 300 mal besucht hat und ein Schaubühnen-Freund, der "Hamlet" (mit Lars Eidinger) mehr als 35 mal gesehen hat.

Was bewegt Menschen dazu, bestimmte Inszenierungen immer und immer wieder zu sehen?

Das gibt es hier nachzuhören.

19. Februar 2016

Eine Verbeugung vor Thomas Brasch: Max und Maren in der Schaubühne bei Brasch/Eidinger/Kranz

„Das Unvereinbare in ein Gedicht“


Max und ich waren wieder zusammen im Theater...

„Das Unvereinbare in ein Gedicht“ – Gedichte von Thomas Brasch, mit Lars Eidinger und George Kranz


Schaubühne Berlin – Montag, 1. Februar 2016 20:00 Uhr bis 21:30 Uhr


Lars Eidinger (Foto: Heiko Schäfer)


MAX: Saal A der Schaubühne ist voll besetzt, der Abend schon seit langem ausverkauft. Der Bühnenhintergrund ist eine senkrecht frei im Raum angebrachte weiße rechteckige Plane, die sich am Boden der Bühne nach vorn als Bühnenboden fortsetzt. Das Licht ist karg, fahlweiß.

MAREN: Ich habe einen Freund mitgebracht, der Schlagzeuger ist. Er geht nicht so oft ins Theater wie Max und ich. Ich bin sehr gespannt, wie seine Sicht auf den Abend ist.


Links sitzt George Kranz am Schlagzeug. Rechts steht Lars Eidinger am Mikrofon mit hellblauem Hemd über der schwarzen Hose und mit schwarzer Strickmütze, er liest aus zwei Büchlein mit neongrünen und pinkfarbenen kleinen Reitern als Lesezeichen. Lars Eidinger liest Gedichte von Thomas Brasch, zwischen den Gedichten macht George Kranz jeweils kurze Schlagzeugsoli, symmetrisch und abgestimmt auf den Gedichtvortrag.

Mir fällt auf: Lars Eidinger legt keines der beiden Bücher aus der Hand, sondern hält beide die ganze Zeit über.

Eidinger und Kranz lassen Thomas Brasch und sein Werk auf der Bühne erstehen. Sie machen das Andenken an Thomas Brasch im Saal lebendig, als einen, der sucht und der mehr Fragen hat als er Antworten weiß.

Zunächst wirken die Schlagzeugsoli von George Kranz wie eine Zäsur, bevor Text und Schlagzeug ein Ganzes ergeben.

Irgendwann kommt Braschs Gedicht  „Ich liebe Dich“: „„Ich liebe Dich“ kann man / auf dreierlei Weise betonen. / Wie spricht man den Satz ohne Betonung?“ Lars Eidinger liest kurz das Gedicht, dann spielt George Kranz auf dem Schlagzeug und spricht dazu den Satz „Ich liebe Dich“ ohne Betonung und immer wieder. Dazu erscheint der Text als einzige Projektion an diesem Abend, die Wörter jeweils einzeln und in großen schwarzen Lettern auf dem weißen Grund der Plane: ICH / LIEBE / DICH. Der dramatische Höhepunkt.

Der dramatische Höhepunkt ist wie ein Verschmelzen aller Sinne – alles läuft zusammen: Das Gehörte, das Gesehene, das Gefühlte.

Am Schluss kommt eine Zugabe von seitlich, außerhalb der Bühne. Die eigentliche Bühne bleibt dabei leer und dort ist dann nur noch einer: Thomas Brasch.

Die Zuschauer/innen wenden die Köpfe von rechts nach links, von links nach rechts und müssen beides über den Raum der Bühne einfangen und vereinbaren.

George Kranz spielt souverän, mit allem was es gibt, mit Schlagzeug, Hocker, Händen und Stimme. Lars Eidinger ist in seiner Art der Performance zurückgenommen, bescheiden, distanziert, schlicht und schnörkellos. Lars Eidinger und George Kranz machen den Abend zu einer großen Verbeugung vor Thomas Brasch.

Lars Eidinger sagt später im Gespräch im Café, dass er vermutete, einige Zuschauer/innen würden George Kranz' Rhythmus-Einlagen, die mit der Stimme produziert werden, als befremdlich und vielleicht unangenehm empfinden und würden daher lachen müssen – so wie eine Übersprunghandlung. Ich empfinde es als eine Besonderheit dieses wunderbaren Abends.

Thomas Brasch ist die Hauptperson auf der Bühne, der Star des Abends.

Ich fand es groß!

Es hat mich beeindruckt!

Mein Schlagzeuger-Freund ist auch beeindruckt und hat viele Assoziationen, die er Lars Eidinger mitteilt. Ich freue mich, dass Menschen, die mir wichtig sind, etwas mitnehmen können. Ein wirklich toller Abend!

Max und Maren

8. Januar 2016

Max Penthollow schreibt mir // Kapitel 12: Royal Richard ("Richard III" an der Schaubühne)

Max Penthollow schreibt mir...

Liebe Maren,

hier ist mein Text zu Richard III:

Richard III – Shakespeare – Schaubühne  – Übersetzung: Marius von Mayenburg – Regie: Thomas Ostermeier – Premiere am 7. Februar 2015

Richard, Herzog von Gloster (Gloucester), praktizierender Psychopath, muss seine Macht weiter festigen und erweitern und König von England werden.

Richard muss König werden (Fotos: Arno Declair)

Dafür muss er potentielle Widersacher und auch seine Getreuen als mögliche Rivalen ermorden oder ermorden lassen und geriert sich dabei auch gerne als Gutmensch („Wenn ich deinen Ehemann getötet habe, dann doch nur aus tiefster Liebe zu Dir, um dir dann selbst ein liebender Ehemann sein zu können!“).

Richard ist finster drauf!

Die Frauen wickelt er um den Finger, sie sind ihm zugetan und sind ihm verfallen. Für Erhalt und Vermehrung seiner Macht lässt er auch ihre Kinder töten, was soll er denn auch machen?!

Warum verfallen die Frauen Richard? (Foto: Arno Declair)

Auch Richards Getreue und Ausführende seiner Auftragsmorde wirken mit am Erhalt des Macht-Systems und sind Richard bis zum Schluss loyal ergeben, bis sie - unberechenbar  wann – selbst in Ungnade fallen und eliminiert werden - müssen. Was bleibt dem Richard denn auch übrig?!

Dann sind alle weg, Richard ist jetzt Richard III, König von England, allein und einsam, und hat nur noch Feinde, die ihn bedrohen. Zutiefst finster!

Die Show fängt fulminant an, geht schwungvoll weiter und wird dann kontinuierlich mit zunehmender-Dezimierung (sic) der beteiligten Figuren immer langsamer bis hin zum Vollbild des finalen Stillstands.

Shakespeare weiß wie’s geht, Ostermeier auch:
Allerfeinste Inszenierung, beste Besetzung, hingebungsvolles Ensemble-Spiel, großartige Kostüme(!), exquisite Live-Musik! Erste Inszenierung im neuen Globe-Theater der Schaubühne, mehrere Etagen auf der Bühne und im Zuschauerraum, toll!

Das "Globe" in der Schaubühne (Foto: Arno Declair)

Voilà!

Very good theatre!

Allerliebst

Max
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Regie: Thomas Ostermeier   
Bühne: Jan Pappelbaum   
Kostüme: Florence von Gerkan
Mitarbeit Kostüme: Ralf Tristan Scezsny
Musik: Nils Ostendorf   
Video: Sébastien Dupouey   
Dramaturgie: Florian Borchmeyer   
Licht: Erich Schneider   
Puppenbau: Ingo Mewes, Karin Tiefensee
Puppentraining: Susanne Claus, Dorothee Metz
Kampfchoreographie: René Lay   

Richard III: Lars Eidinger   
Buckingham: Moritz Gottwald   
Elizabeth: Eva Meckbach   
Lady Anne: Jenny König   
Hastings, Brakenbury, Ratcliff: Sebastian Schwarz   
Catesby, Margaret, Erster Mörder: Robert Beyer   
Edward, Bürgermeister, Zweiter Mörder: Thomas Bading   
Clarence, Dorset, Stanley, Prinz v. Wales (als Puppe): Christoph Gawenda   
Rivers, York (als Puppe): Laurenz Laufenberg   
Schlagzeuger: Thomas Witte   

Dauer: ca. 150 Minuten

Richard III ist im in Saal C eingerichteten elisabethanischen Theater der Schaubühne ("Globe") zu sehen.

Pearson's Preview zum Stück hier.

Weitere Infos und Trailer auf der Seite der Schaubühne.

6. Dezember 2015

Streitraum Extra: Lesung zum Thema Flucht (Schaubühne)

Im Streitraum wurde heute nicht debattiert, sondern gelesen. Es ging um die Themen Flucht, Exil und Fremdsein. Carolin Emke, die Moderatorin des Streitraums, rief zu Beginn der Veranstaltung zum Spenden auf. Ich veröffentliche hier den Spendenaufruf von der Website der Schaubühne.

Spendenaufruf
Menschen auf der Flucht brauchen dringend Schutz und Hilfe in jeder Form, vor allem aber in rechtlichen Fragen. Doch professioneller Rechtsschutz ist für Geflüchtete nicht finanzierbar. Mit der Benefizveranstaltung »Streitraum Extra« unterstützt die Schaubühne deshalb die unabhängige Menschenrechtsorganisation PRO ASYL, die sich seit knapp 30 Jahren für die Rechte verfolgter Menschen einsetzt, sie in Asylverfahren begleitet und konkrete Einzelfallhilfe leistet.

Bitte unterstützen Sie diese Aktion mit einer Spende.

An der Kasse und im Foyer der Schaubühne finden Sie Spendenboxen.


Sie können Ihre Spende auch direkt an PRO ASYL überweisen: Spendenkonto-Nr.: 8047300 | Bank für Sozialwirtschaft Köln | BLZ: 370 205 00 | IBAN: DE62 3702 0500 0008 0473 00 | BIC: BFSWDE33XXX | Stichwort: Streitraum

Ein schöner, aber auch bewegender Mittag in der Schaubühne. Da die Nachfrage bei der Veranstaltung so groß war, entschloss sich die Schaubühne kurzfristig, die Lesung in einen weiteren Saal per Videoleinwand zu übertragen. Somit konnten noch mehr Menschen hören und sehen, was die Autor/innen, Schauspieler/innen, Musiker/innen, der künstlerische Leiter sowie die Moderatorin vortrugen.

Den Anfang der Lesung machte Nina Hoss. Mit fester, ruhiger, schöner Stimme las sie Gedichte von Ingeborg Bachmann. Nach Najem Wali, der aus seinem Buch "Bagdad. Erinnerungen an eine Weltstadt" las, kam Thomas Ostermeier. "Ein Fremder" von Edmond Jabès muss ich mir besorgen, denn der Text hat mich sehr beeindruckt, insbesondere die Stellen, in denen es um eine Erklärung von Rassismus geht. Katja Petroskskaja, die aus ihrem Text "Vielleicht Esther" las, erklärte mit einem Augenzwinkern, leider seien die Schriftsteller/innen dazu verdammt, ihre eigenen Texte zu lesen, während die Schauspieler/innen und Regisseure Kafka und Bachmannn vortragen dürften. Lars Eidinger trug - unterstützt vom Schlagzeugspiel von George Kranz - aus Kafkas "Vor dem Gesetz" vor. Durch die Schlagzeug-Untermalung wurde eine besondere Spannung und Stimmung erzeugt. Terézia Mora las Ausschnitte, aus ihrer Kolumne "Etwas mehr als 24 Stunden", die, wie sie erklärte, noch in Arbeit seien und in der sie die Geschehnisse seit dem Sommer 2015 verarbeiten wolle. Nach Eva Meckbach mit "Wir Flüchtlinge" von Hannah Arendt war Carolin Emke selbst dran. Sie las ihren Text "Kopf über Wasser". Der letzte Textvortrag kam von Ingo Schulze ("Unsere Heilige" aus "Orangen und Engel"). Den Abschluss bildete ein Klang- und Percussion-Ensemble um Liao Yiwu, der das Lied "Tarim" sang.

Infos zu den Autor/innen hier.

9. Oktober 2015

Max Penthollow schreibt mir // Kapitel 5 : Özzen Fözzen Tuzzi Muzzi – Walle Walle Bumm Bumm (Gedanken zu "Tartuffe" an der Schaubühne)

Max Penthollow schreibt mir...

Liebe Maren,

hier ist mein Text zu Tartuffe:


Tartuffe – Molière - Schaubühne – Regie: Michael Thalheimer - Premiere am 20. Dezember 2013


Der Inhalt

Der Hausherr Orgon ist so begeistert von dem besonders fromm und heilig erscheinenden Tartuffe, dass er ihm seine Tochter zur Frau geben und ihm sein Haus überschreiben will, damit Tartuffe für immer bei ihm und seiner Familie bleibt, „der gute Mann“!


Tartuffe macht sich an Orgons Ehefrau Elmire heran und vertreibt nach erfolgter Überschreibung des Hauses Orgon und seine ganze Familie aus dem Haus, fort, denn das Haus gehört ja jetzt ihm, Tartuffe.

Ein schlimmes Ende einer Komödie!


Fromm und heilig? Lars Eidinger als Tartuffe, Ingo Hülsmann als Orgon und Felix Römer als Madame Pernelle (Foto: Katrin Ribbe)

Die Historie: Molière, Tartuffe und Ludwig XIV

Molière musste sein Stück zweimal umschreiben (1664 bis 1669), die ersten beiden Fassungen wurden nach Premiere und Skandal verboten, erst die dritte Fassung kam auf die Bühne, protegiert vom König, Ludwig XIV, nur diese dritte Fassung soll noch erhalten sein.

Diese letzte Fassung hat ein Happy-End: Tartuffe ruft die Polizei, die erkennt in Tartuffe den lang gesuchten Betrüger und nimmt ihn fest, der König (!) in seiner großen Weisheit, Huld und Güte schafft Gerechtigkeit und löst den Vertrag über das Haus zugunsten von Orgon und seiner Familie. Alles wird endlich gut, die Familie kann im Haus wohnen bleiben, Tartuffe muss ins Gefängnis.

Ein schönes ausgleichendes glückliches Ende für gerechtigkeitsbewusste Genießer eines entspannenden und stimmungsgelösten Theaterabends zur Zeit Ludwigs XIV und zu allen Zeiten danach! 

Die Schaubühnen-Fassung

Sie ist die mutmaßlich ursprüngliche verbotene Version von Molières Stück: die Schaubühnen-Fassung lässt das Happy-End weg. Das Stück endet böse: die Familie muss aus ihrem Haus raus und fertig! 

Die tragenden Leit-Motive der Inszenierung:

Tongewaltige sakrale Musik im Orgel-Sound!

Dazu lautstark und wirkungssicher von Tartuffe (Lars Eidinger) deklamierte übermächtige alttestamentarische Bibelzitate über Gottes Segen und Fluch für Gehorsam und Ungehorsam, weitere eher verhaltene Bibelzitate am Schluss von der Zofe Dorine (Judith Engel / Cathlen Gawlich)!

Die Bühne als vertikaler quadratischer Kasten in Gold mit Stuhl und Wandkreuz, mitten in einem dunkelgrauen haushohen vertikalen Rad, mit diesem Rad rotierend!

Die handelnden Personen als bleiche Untote in zeitlosen Kostümen im Zombie-Look in bizarren Auftritten und Szenen!

„Özzen Fözzen Tuzzi Muzzi – Walle Walle Bumm Bumm!“

 Am Schluss tritt Zofe Dorine – ganz in Schwarz - an die Rampe und spricht mit leiser Stimme:

"Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen, bist fern meinem Schreien, den Worten meiner Klage? (…) Herr, es ist Zeit zu handeln; man hat dein Gesetz gebrochen."

Die "Untoten": Cathlen Gawlich als Zofe Dorine und Tilman Strauß als Valère (Foto: Katrin Ribbe)


Das Wesentliche ist für mich damit gesagt!

Ich fand’s wunderbar und fantastisch!

Meine Empfehlung:  nichts wie hin!


Liebe Grüße

Max
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Von: Molière   
Regie: Michael Thalheimer   
Bühne: Olaf Altmann   
Kostüme: Nehle Balkhausen   
Musik: Bert Wrede   
Dramaturgie: Bernd Stegemann   
Licht: Erich Schneider   

Orgon: Ingo Hülsmann   
Elmire: Regine Zimmermann   
Tartuffe: Lars Eidinger   
Dorine: Cathlen Gawlich   
Mariane: Luise Wolfram   
Damis: Franz Hartwig   
Valère: Tilman Strauß   
Cléante: Kay Bartholomäus Schulze   
Madame Pernelle: Felix Römer   
Monsieur Loyal: Urs Jucker   

Dauer: ca. 105 Minuten

Weitere Infos zum Stück auf der Seite der Schaubühne.

Mein (Marens Bericht) zum Stück hier.

12. Juni 2015

Rückblick Mai 2015: Geld, Macht, Körper...Beziehungen

Nun hatte ich im April durch das F.I.N.D. schon einen sehr intensiven Theatermonat,  aber der Mai übertrifft das tatsächlich noch mal. Insgesamt zehn mal war ich im Publikum der Schaubühne, Volksbühne, Sophiensäle, Berliner Feststpiele und des Deutschen Theaters. Dazu gabs eine Veranstaltung der Freunde der Schaubühne.

01.05.15 - Richard III (William Shakespeare // Regie: Thomas Ostermeier // Schaubühne)
Revisited! Im "Globe" habe ich Lars Eidinger als Richard III zum zweiten mal nach der Premiere gesehen. Wie erwartet, entwickelt er die Rolle weiter und improvisiert mehr. Was ich besonders am Globe mag, ist die familiäre Atmosphäre. Dadurch, dass man im Halbrund fast alle Zuschauer der unteren Ränge sehen kann, wird das Gefühl des gemeinsamen Erlebens eines Theaterabends verstärkt.

02.05.15 - I can be your hero baby (Performancegruppe Henrike Iglesias // Sophiensäle)
Textpassagen aus Germany's Next Topmodel werden Interviews mit Prostituierten gegenübergegestellt. Was damit ausgesagt werden soll, ist klar und keine neue Erkenntnis. Dazu kommen Zitate von bekannnten Feministinnen (Judith Butler, Laurie Penny u.a.). Auch das ist logisch und absehbar. Trotzdem macht der Abend in den Sophiensälen Freude und ich finde es erneut bedauerlich, dass hier die Stücke immer nur wenige Male gezeigt werden. Mit vielen Ideen und viel Mut der Darstellerinnen ist ein Stück entstanden, das hoffentlich noch viele (dann eben in anderen Städten) ansehen werden.

04.05.15 - Freunde treffen Künstler: Felix Römer (Freunde der Schaubühne)
Siehe Blogbeitrag vom 9.6.2015 zu dieser Veranstaltung!

05.05.15 - Von einem der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte (Oper von Dirk von Lowtzow und René Pollesch // Volksbühne)
Mit dem Stück hat der Titel nichts zu tun. Das Wortspiel ist aber trotzdem lustig. Dass Pollesch und von Lowtzow, die schon lange befreundet sind, nun endlich in einem gemeinsamen Stück zusammengefunden haben, ist eine Freude. Bei der Oper, die der Kopf von Tocotronic komponiert hat, handelt es sich um Pop, eingespielt vom Filmochester Babelsberg. Im Text ist viel vom typischen Pollesch-Diskurs zu finden. Auch bei den Schauspielern bekannte Gesichter: Martin Wuttke und Lilith Stangenberg (deren Singstimme übrigens viel angenehmer als die Sprechstimme ist). Dazu kommt ein Kinderchor, mit dem die Schauspielerin singen darf. Wer Tocotronic mag und Pollesch liebt, ist hier im richtigen Stück!

10.05.15 - Theaterpreisverleihung an Corinna Harfouch (tt15 // Berliner Festspiele)
Kolleg/innen erweisen Corinna Harfouch ihre Ehre: Mit Texten, Lieder und Reden. Besonders bewegend ist Meike Drostes Totenlied mit Akordeonbegleitung aus "Idomeneus", das sich C.H. gewünscht hat. Sie will damit an Jürgen Gosch erinnern. Corinna Harfouch beschließt nach dem üblichen Reden-Marathon der Theaterpreisverleihung, ihre Rede nicht zu halten. 

14.05.15    Vorpremiere Bella Figura (Yasmina Reza // Regie: Thomas Ostermeier // Schaubühne)
16.05.15    PREMIERE Bella Figura (Uraufführung)
Yasmina Reza hat das Stück den Schaubühnen Schauspieler/innen auf den Leib geschrieben. Schon lange bestand seitens der erfolgreichsten Dramatikerin der Gegenwart der Wunsch, eines ihrer Stücke von Thomas Ostermeier inszenieren zu lassen. Verwendet hat sie bekannte "Zutaten": Zwei Paare (Nina Hoss und Mark Waschke, Stephanie Eidt und Renato Schuch), die aufeinander treffen und die sich mit ihren Problemen immer weiter in Diskussionen verwickeln, so dass die Probleme zum Vorschein kommen. Die Fassaden aus schicken Designerklamotten im Yuppi-Restaurant bröckeln schnell. Dazu kommt die verschrobene Mutter des einen Mannes (großartig Lore Stefanek!). Erwähnenswert, weil perfekt ausgewählt: Die Kostüme von Florence von Gerkan.

22.05.15 - Wengenroths Autorenklub - Ausgabe Neun: Maxim Gorki (Schaubühne)
Mit Robert Beyer, Laurenz Laufenberg, Sebastian Schwarz. Musik: Matze Kloppe
Für mich der bisher beste Autorenklub. Diesmal findet er wieder im "Globe" statt und es gibt Wodka, der auch mal umgetreten und verschüttet wird. Es wird zwischendurch kräftig nachgeschenkt - allerdings teilweise auch Wasser (man weiß es erst beim Probieren) - da die Gläser schnell vom Publikum geleert werden. Ob Sebastian Schwarz (als Anton Tschechow) auch Wodka und wenn ja, wie viel getrunken hat, ist unklar. Bei einem Schauspieler weiß man halt nie so genau, ob's vielleicht gespielt ist. Laurenz Laufenberg tritt als Wolfgang Joop auf und hat, sich wie ich finde den Habitus des Designers ziemlich gut abgeschaut. Die große schlanke Erscheinung passt dazu. Alle drei Schauspieler spielen die erste Szene aus "Nachtasyl" mit dreimaliger Wiederholung und bauen dabei noch eine Spitze gegen Lars Eidinger ein (Was bleibt, wenn alle anderen Hamlet spielen? Schau, die Wolken von Sülz Maria!").
In der Spielzeitzeitung wird ein Resümee gezogen. Es ist u.a. zu lesen, dass neben 14 Ensemblemitgliedern und 13 Gästen, 54 Kostüme zu sehen waren, Texte aus 140 Büchern vorgetragen wurden, 5 Flaschen Whiskey, 4 Flaschen Korn, 2 Flaschen Mezcal, 1 Flasche Tequila, 250 Flaschen Bier und 10 Liter Rotwein von Darstellern und Publikum konsumiert wurden. Außerdem fielen 3 Menschen in Ohnmaht, davon 2 Zuschauer und 1 Gast... ("Das alles kann Theater, wenn es live und lebendig ist. Und die gute Nachricht zum Schluss - der Wahnsinn geht weiter!"). Ob das Format in der nächsten Spielzeit fortgesetzt wird, ist noch ungewiss. Wir hoffen!

23.05.15 - Fabian oder Der Gang vor die Hunde (Erich Kästner // Regie: Peter Kleinert // Schaubühne)
Studierende der Ernst Busch Hochsschule für Schauspielkunst im 3. Jahr treten in jeder Spielzeit im Studio der Schaubühne mit einem Stück auf. In der Dramatisierung von Erich Kästners Roman "Fabian" wird das gezeigt, was viele Jugendliche in Berlin auch heute erleben: Das hecktische Suchen nach Spaß um jeden Preis - ohne Orientierung, rasend schnell und unaufhaltsam. Vor allem Hauptdarsteller Timocin Ziegler spielt überzeugend und mitreißend. Erneut ein eindrucksvoller Abend der Ernst-Busch-Schauspielschüler.

26.05.15 - Complexity of Belonging (Falk Richter & Anouk van Dijk // Gastspiel aus Melbourne// Schaubühne)
Zum fünften mal haben Richter und van Dijk (mittlerweile Intendantin der Chunky Move Company Melbourne) gemeinsam ein Stück erarbeitet. "Complexity of Belonging" hatte in diesem Jahr beim Melbourne Festival Premiere. Wieder treffen persönliche Geschichten auf politische und soziale Themen: Die titelgebende Zughörigkeit und die Frage nach der Identität bzw. Herkunft spielt bei den austratralischen Schauspielern und Tänzern eine große Rolle. Wie immer bei Falk Richter geht es aber auch um Beziehungen, Gender und Sexualität sowie Partnerschaft und deren Scheitern. Belonging wird zu longing. Vernetzung und soziale Medien fehlen ebensowenig. Das Theater von Falk Richter ist einmalig - bezeichnend u.a. die Nutzung des gesamten Bühnenraums und die langen, schnellen Monolge, die er seine Schauspieler sprechen lässt (besonders bemerkenswert der Schlussmonolog einer Schauspielerin, die 176 Eingenschaften aufzählt, die ein Mann haben muss). Mal wieder ein beeindruckender, bewegender Abend!

30.05.15 - Das Himbeerreich (Andres Veiel // Deutsches Theater)
Die Welt der Banker. Für sein Stück hat Andres Veiel mehr als 20 führende Banker interviewt und ist in seiner Recherche den Verbindungslinien zwischen den persönlichen Motiven und den gesellschaftlichen Strukturen im Finanzwesen gefolgt. Jeder der Protagonisten erzählt seine persönliche Geschichte, in der Erfolg und Scheitern oft dicht beieinander liegen. Die einzige Frau unter den Erzählenden bringt noch einen zusätzlichen Faktor mit ein: Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die für Frauen ohnehin schwieriger ist. Nach 60 Vorstellungen wurde "Das Himbeerreich" am 30. Mai 2015 abgespielt.
Andres Veiel ist für seine Dokumentationen (u.a. "Die Spielwütigen" über vier Schauspielschüler/innen der Ernst Busch Hochschule für Schauspielkunst) und Dokumentarstücke bekannt. Für sein Stück "Der Kick", das die Ermordung eines 16jährigen Jungen durch Neonazis thematisiert, nutzte Veiel 1.500 Seiten Gesprächsprotokoll, die er mit Jugendlichen im brandenburgischen Dorf Potzlow führte. 

22. Februar 2015

Spielen. Warten. Blenden. (Rückblick Januar 2015)

02.01.15 - Die Ehe der Maria Braun (nach einer Vorlage von Rainer Werner Fassbinder // Regie: Thomas Ostermeier // Schaubühne)
Die Produktion ist eine Übernahme aus den Münchner Kammerspielen und wurde mit Schauspieler/innen der Schaubühne neu besetzt. Ursina Lardi ist (nicht nur) als Maria Braun toll. 

18.01.15 - Tartuffe (Molière // Regie: Michael Thalheimer // Schaubühne)
Tartuffe zum Dritten: Wieder gut. Noch besser sogar! Die Vorfreude auf die Schlussszene mit Urs Jucker als Monsieur Loyal, die Anleihen an Louis de Funès hat, wird belohnt. Faszination des sich drehenden goldenen Bühnenbild-Kastens. Eva Meckbach als Elmire statt Regine Zimmermann ganz anders, gut -  sie ist viel sinnlicher und nicht so kantig. Obwohl Lars Eidingers Tartuffe die Figur mit der großen Anziehungskraft im Stück ist, bleibt der Blick immer wieder an Ingo Hülsmann (Orgon) hängen, der fanatisch sein Idol anbetet und dabei sogar seine Kinder verstoßen will.

31.01.15 - Warten auf Godot (Samuel Becket // Regie: Ivan Pantelev // Deutsches Theater)
Die Inszenierung wurde zum Theatertreffen 2015 eingeladen. Zu recht. Geplant war die Inszenierung mit Dimiter Gottscheff - dazu kam es nicht mehr, da der Regisseur 2013 starb. Sei Freund Ivan Pantelev übernahm mit Schauspielern der Gottscheff-Familie: Samuel Finzi und Wolfram Koch. Warten. Auf was? Und warum? Wie vertreibt man sich die Zeit, wenn man nichts anzufangen weiß. Tanzen. Spielen. Gedichte aufsagen ("Ein Hund kam in die Küche und stahl dem Koch ein Ei." Nette Anspielung auf den Spielpartner.) Das bewährte Duo Finzi und Koch - können nicht ohneeinander. Im Stück auch nicht miteinander, kommen nicht voneinanderlos, wie eingesperrt in einem Raum. Der Trichter in der Mitte des Bühnenbildes nimmt alles auf, spukt alles aus, was im Stück eingesetzt wird.

6. Mai 2014

Mezcal, Parallelwelt und eine Papierwand (Rückblick April 2014)

Der April stand im Zeichen des F.I.N.D., das jährlich an der Schaubühne stattfindet.
In diesem Jahr gab es erstmals einen englischsprachigen Blog zum Festival. Auf www.find-blog.de hat der kanadische Autor, Historiker und Berlin-Experte Dr. Joseph Pearson (www.needleberlin.com) zu jedem der im Rahmen von F.I.N.D. präsentierten Stücke einen Blogeintrag verfasst – mit Interviews, Portraits der Regisseure und Autoren sowie Hintergrundinformationen zu den Inszenierungen.

Folgende Veranstaltungen habe ich besucht:

04.04.2014    Wengenroths Autorenclub: Roberto Bolano
...entweder man mag Patrick Wengenroths Auftritte oder nicht - ich liebe sie. Wie immer gabs Alkohol fürs Publikum (Tequlia und Mezcal "Da ist der Wurm drin" -über sowas kann man nur bei Wengenroth lachen). Wie immer gabs Musik, Texte, Quatsch und Nachdenkliches. Außerdem: Ein Sarg auf der Bühne, ein Koffer voller Bücher aus Wengenroths Bibliothek und Kay Bartholomäus-Schulze mit Totenmaske und der typisch kehlig-geriebenen Stimme.)

05.04.2014    Dokumentarfilm: Art/Violence
...im Gedenken an den palästinensischen Theatermacher Juliano Mer-Khamis, der vor drei Jahren vor seinem Theater in Dschenin erschossen wurde. Mer-Khamis war 2008 beim F.I.N.D. zu Gast. In seinem Freedom Theater bot er Jugendlichen eine Perspektive und die Möglichkeit traumatische Erlebnisse zu verarbeiten. Anschließend: Gespräch mit dem Regisseur Udi Aloni moderiert von Thomas Ostermeier; Konzert von DAM, die die Musik zum Film lieferten. Fazit: Ein bewegender Abend!

11.04.2014    MEAT 
...Parallelwelt! Im Studio der Schaubühne zeigte der schwedische Theatermacher Thomas Bo Nilsson (ehemals Teil der Performancegruppe SIGNA) eine 240 Stunden lang begehbare, großangelegte Installation, in der die Zuschauer Räume und Figuren erleben, die von Luka Magnotta, dem kanadischen Pornodarsteller und mutmaßlichen Kannibalen und Mörder, inspiriert sind.

»MEAT« Gregor Biermann, Dennis Kwasny
Foto: Matt Lambert
  12.04.2014    Tratando de hacer una obra que cambie el mundo, anschließend Autistic Disco mit Lars Eidinger
...Action auf der Bühne und hervorragend choreographierte Showeinlagen. Tausende von Papierseiten und Zeitungsausschnitten schmücken die Wand des Saal C und mittendrin, das Konterfei des künstlerischen Leiters der Schaubühne. Das chilenische Teatro La Re-sentida setzen sich mit den  Möglichkeiten des politischen Theaters auseinander.

»Tratando de hacer una obra que cambie el mundo«
Foto: La Re-sentida

13.04.2014    Dieses Grab ist mir zu klein
...Mina Salehpour, FAUST-Preisträgerin 2013 für die beste Regie im Kinder- und Jugendtheater, inszeniert das Stück der serbischen Autorin Biljana Srbljanović über Jugendliche, die das Attentat auf Franz Ferdinand verüben und so den Ersten Weltkrieg verursachen.

Außerdem habe ich zum zweiten mal "Tartuffe" an der Schaubühne gesehen (18.04.2014). Über dieses Stück, das mir nun fast noch besser gefiel als bei der Premiere, habe ich im  Dezember des letzten Jahres berichtet.

28. Januar 2014

Erde fressen und Heulen - Gastbeitrag von Antje Asmus über die 200ste Vorstellung von "Hamlet" an der Schaubühne




Erde fressen und Heulen. Verraten sein. Zutiefst gekränkt. Die Welt ist schlecht, die Menschen falsch und Rache (k)eine Option. Dazwischen Spielen. Theater machen. Großartig. HAMLET. Melancholiker und Dramaturg. Zum 200. Schaubühne Berlin. Eidinger, die Spielmaschine.

„Und Schleudern wüsten Schicksals stumm zu dulden, Oder das Schwert zu ziehn gegen ein Meer der Plagen, Und im Anrennen enden: sterben ... – schlafen“ (III Akt, 1. Szene)

Das Gefängnis Welt öffnet bis zum Schluss des Abends nicht seine Tür. Nicht zugunsten von großem Slapstick, nicht zugunsten mächtiger (Video)Bilder oder der ins Mark gehenden Musik, nicht zugunsten scheinbaren Selbstmitleids und nicht zugunsten der zur Schau gestellten Künstlichkeit.

Text und seine Personen sind reduziert, Schlüsselsätze sind wiederholend markiert. Das macht den Abend zugänglich(er). Wir hören Hamlet/Eidinger sagen: „Geht mal ab, ich will hier einen M_o_n_o_l_o_g stemmen“ oder „Mach mal das Licht aus.“ Mit dem Publikum wird die Schuld(fähigkeits)frage erörtert. Wir sehen also, dass hier gespielt wird, dass Hamlet/Eidinger doppelt inszenieren. Wer werden auch auf das Beste unterhalten.




Und dennoch fühlen wir: Erde fressen müssen auf des Königs Grab. Wir verzweifeln mit Ophelia, Laertes und Hamlet. Wohlgefallen löst die traurige Passivität zwischen Wille und Ziel nicht ab. Da hilft auch das Schreien, Wüten und Töten nicht. Es gibt kein Ziel in Hamlet. Nur Sehnsucht. Vielleicht nicht leicht.


Weitere Infos zur Inszenierung auf der Seite der Schaubühne.

Fotos: Arno Declair


22. Dezember 2013

Familie im goldenen Hamsterrad: „Tartuffe“ von Moliére an der Schaubühne

Michael Thalheimer inszeniert zum zweiten mal an der Berliner Schaubühne. Sein "Tartuffe" wurde mit Spannung erwartet, denn zuvor erfuhr so gut wie niemand etwas über seine Inszenierung. Selbst am Haus wusste man wenig.



Lieblingsszenen:
1. Der Auftritt von Urs Jucker als Monsieur Loyal gehört jetzt zu meinen Top 3 der lustigsten Theatermoment; selten hab ich jemanden so viel aus so einem kurzen Auftritt herausholen sehen. 
2. Damis (Franz Hartwig) versucht, seinem Vater die Wahrheit über Tartuffe zu sagen: Hin- und hergerissen zwischen Mitleid und Verachtung für den pummeligen, linkischen, Butterkeks mampfenden Jungen.
3. Tartuffe treibt die Familie durch das Hamsterrad des Bühnenbilds.



Bühne: Olaf Altmann, ein goldener Kasten, der sich im Laufe des Stückes zunächst zur Seite neigt und sich schließlich vertikal um seine Achse dreht. An der Wand ein Kruzifix. Der Ledersessel, als einziges Möbelstück, hängt somit an der Wand und der Decke. Es entstehen tolle Bilder, wie etwa wenn Mariane (Luise Wolfram) auf der Ecke des Kastens steht und sich das blaue Kleid wie ein Fächer entfaltet.



Herausragender Schauspieler: Tolle Ensembleleistung! Geradezu akrobatisches Können, wird den Schauspielern in der rotierenden schmalen Bühne abverlangt.
Orgon: Ingo Hülsmann
Elmire: Regine Zimmermann
Tartuffe: Lars Eidinger
Dorine: Judith Engel
Mariane: Luise Wolfram
Damis: Franz Hartwig
Valère: Tilman Strauß
Cléante Kay: Bartholomäus Schulze
Madame Pernelle: Felix Römer
Monsieur Loyal: Urs Jucker

Regie: Michael Thalheimer

Kritiken: Nachtkritik, Spiegel online, Tagesspiegel online, Zeit online, Welt online

Infos und Termine auf der Website der Schaubühne.

Fotos: Katrin Ribbe

17. Juni 2012

FC Energie Schaubühne gewinnt Fußballmeisterschaft der Berliner Bühnen

Spannender hätte es der FC Energie Schaubühne nicht machen können. Im Finale der 6. Fußballmeisterschaft der Berliner Theater lagen Eidinger, Gawenda & Co. gegen die Spieler des Deutschen Theaters zunächst immer wieder hinten, auf die Ausgleichstreffer reagierte der Gegner jedes mal mit einem Gegentor. Nur wenige Minuten vor Ende des Spiels konnte sich die Elf (OK, auf der Bühne der Volksbühne durften nur jeweils drei Feldspieler ran, in der 14köpfigen Mannschaft konnte aber dank fliegendem Wechsel jeder mal an den Ball) mit einem Tor absetzen und erneut den Pokal in Empfang nehmen. Trainer Thomas Thieme konnte mehr als stolz auf seine Jungs sein.

Sorgen hätte man sich allerdings gar nicht machen brauchen, da die Jungs der Schaubühne, die auch im Viertel- und Halbfinale zunächst jeweils mit einem Tor hinten lagen, immer die Nerven behielten und jedes Mal überlegen gewannen. Mit Spielausgängen wie 5:1 oder 4:0 in den Gruppenspielen wurden die Fans des Theaters geradezu verwöhnt.

Ein paar Dinge müssen an dieser Stelle unbedingt noch erwähnt werden:

1. Die musikalische Untermalung von Sir Henry sorgte während des Turniers für großer Erheiterung: Egal, ob Nirvana, Bach oder Toto – der Volksbühnen-Musiker jagte gnadenlos alles durch seine Orgel, was das Repertoire des Sporthymnen so zu bieten hat.

2. Die Banden des Spielfelds wurden eigens von Jonathan Meese beschriftet. Ein bißchen Kunst am Spielfeldrand kann ja nie schaden.

3. Mit ihren hellgelben Shirts hatte die Mannschaft der Schaubühne auch modisch die Nase vorn -  das klassische Blau, Schwarz und Rot der anderen Theater konnte da nicht mithalten.

4. Thomas Ostermeier war sich nicht zu schade, seiner Mannschaft während des gesamten Turniers am Spielfeldrand den Rücken zu stärken. Vielleicht hat diese moralische Unterstützung auch dazu beigetragen, dass der FC Energie Schaubühne so souverän gewinnen konnte.

13. Oktober 2011

Freunde der Schaubühne: Venedig (1)

Ich erlaube mir, von unserer Reise nicht chronologisch zu berichten und beginne mit dem eigentlichen Grund und damit gleichzeitig mit dem Höhepunkt unseres Aufenthalts in Venedig: Die Verleihung des Goldenen Löwen an Thomas Ostermeier am Montag, 10.10.2011 im Ca’ Giustinian im Rahmen der Biennale Teatro 2011. Während der gleichen Zeremonie erhielt Stefan Kaegi (bzw. das Rimini Protokoll) den Silbernen Löwen als Auszeichnung für ein vielversprechendes Theaterprojekt. Wäre es nach Ostermeier gegangen, hätte das Rimini-Protokoll ebenso den Goldenen Löwen bekommen, wie er in seiner Dankesrede betont.

Wie kann man eine solche Preisverleihung noch toppen? Klar – mit Theater! Weil ich den Hamlet der Schaubühne (ja, mein Lieblingsstück und von der Schaubühne sowieso!) das letzte mal vor drei Jahren gesehen habe, habe ich mich den ganzen Tag auf die Vorstellung – die Italien-Premiere – gefreut. Die Betreiber des Teatro Goldoni haben es dann auch noch extra spannend gemacht, indem sie statt wie geplant um 20 Uhr einfach ein halbe Stunde später angefangen haben. Sicherlich auch für die Schauspieler, die ja schon vor Beginn des Stückes auf der Bühne sind, keine tolle Situation. Schuld waren Ungereimtheiten bei der Sitzplatzverteilung. Aber so richtig hat uns das zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht mehr gewundert – hatten wir doch die letzten Tage gelernt, dass die Italiener Absprachen manchmal nicht so verbindlich nehmen bzw. Missverständnisse ganz normal sind. Schließlich hatten alle irgendeinen Platz, sogar die, die ohne Karte am Theater ankamen (wie schön!), allerdings nicht immer den allerbesten (nicht so schön!). Wenn man gefühlte 500 Meter entfernt von der Bühne sitzt, die man nur komplett sieht, wenn man aufsteht, ist man froh, wenn man das Stück schon mal gesehen hat. Es ist halt immer besser, wenn man die Gesichter der Schauspieler sehen kann. Aber: Im Rückblick ist das alles nur noch halb so schlimm und das Stück entschädigt für alle Unannehmlichkeiten. Lars Eidinger hat extra für das Venezianische Publikum ein paar Italien spezifische Besonderheiten eingebaut („Mamma Mia!“) und ansonsten freut man sich einfach über die für den Schaubühnen-Hamlet typischen Elemente: Deichkind, New Balls, usw. Und natürlich die tollen, tollen Schauspieler! Wir habens genossen und das italienische Publikum auch.


Der Rest ist ein spätes Abendessen gemeinsam mit dem Schaubühnen-Team im Paradiso Perduto. Für den Weg zurück zum Hotel lassen wir uns viel Zeit, fahren drei Stationen Vaporetto mit einigen Schauspielern. An der letzten Brücke wollen wir eigentlich noch nicht, dass der Tag und damit unsere Venedig-Reise zu Ende ist. Daher bleiben wir hier einfach noch eine halbe Stunde stehen und werfen Münzen in den Kanal, damit wir wieder kommen können.

15. Juni 2011

Freunde der Schaubühne: Einführung in "Maß für Maß"

Thomas Ostermeier (Regie), Marius von Mayenburg (Übersetzung) und Jan Pappelbaum (Bühne) gaben uns einen Einblick in die Arbeit an der Inszenierung „Maß für Maß“, die im September Premiere an der Schaubühne haben wird. Nachdem Ostermeier uns eine Einführung in die Handlung des Stückes gegeben hatte, erläuterte er die Wahl der Schauspieler/innen, u.a. Gert Voss, Lars Eidinger und Stefan Stern. Für die Wahl der weiblichen Hauptdarstellerin hat Ostermeier sich über 50 junge Schauspielerinnen angesehen und vorsprechen lassen. Er entschied sich für Jenny König, die Ensemblemitglied am Nationaltheater Mannheim ist. Die Problematik bei sehr jungen Schauspielerinnen, die gerade von der Schauspielschule kommen, sei, dass sie in klassischen Stücken, in denen es die Frauenfiguren in einer Männerwelt oft schwer haben, sich zu behaupten, versuchen, massiv gegen dieses Rollenbild anzuspielen. Dies führe häufig dazu, dass das Stück dann nicht mehr funktioniere, erklären Ostermeier und von Mayenburg. Ich kann die jungen Schauspielerinnen gut verstehen. Ich kann aber auch Ostermeier verstehen, der nach einer weiblichen Darstellerin gesucht hat, die die Ansprüche an die Rolle erfüllt und wie er sagt, dabei trotzdem ihre Würde behält. Ich bin gespannt, ob es funktioniert.

Genauso wie schon bei „Hamlet“ und „Othello“ hat Marius von Mayenburg auch dieses Shakespearestück neu übersetzt – und dabei natürlich eine bestimmte Lesart des Stückes wählen müssen. Wer sich die Mühe macht Shakespeares Stücke im Original zu lesen, weiß, dass von Mayenburg sicherlich keine leichte Aufgabe hatte, als er sich Satz für Satz durch Shakespeares Doppel- bzw. Mehrdeutigkeiten arbeiten musste. Bei den Schaubühnen-Inszenierungen von „Hamlet“ und „Othello“ hatte ich mehrere Aha-Erlebnisse, die mir im Studium oder bei anderen Inszenierungen leider oft verwehrt blieben, und ich habe beide Male das Theater mit dem Gefühl verlassen, neue Facetten des Stückes gesehen zu haben. Das stimmt mich zuversichtlich, dass mir der Zugang zu „Maß für Maß“, das ich bisher noch nicht von der Bühne kenne, leicht fallen wird.

Das Modell des Bühnenraums, der von Jan Pappelbaum komplett in Gold ausgestattet wurde, hat eine museale Anmutung, besonders im Modell für Salzburg (hier hat das Stück bereits im August Premiere). Ich versuche, mir vorzustellen, wie das später „in echt“ wirken wird und bin mir sicher, dass es ganz anders wird als wir es uns jetzt vorstellen können. Ich mag Inszenierungen, die mit wenig Requisiten und wenig Ausstattung auskommen, weil dann alles über die Schauspieler bzw. den Text funktionieren muss. Daher bin ich froh, dass Ostermeier und Pappelbaum ankündigen, dass sie diese für die „Maß für Maß“ Inszenierung bewusst reduzieren. Das sei bei Shakespeare übrigens auch so gewesen, erklärt Ostermeier.

Ich freue mich auf September, wenn das Stück an der Schaubühne läuft – und lasse mich gerne überraschen, ob dann alles so sein wird, wie ich es mir jetzt ausmale.

22. August 2010

Die Besten auf der Bühne

In Berlin laufen einem ständig Schauspieler/innen über den Weg, die man von einer der vielen Bühnen kennt. Jedes mal, wenn ich ein bekanntes Gesicht sehe, freue ich mich so, als würde ich einen alten Bekannten treffen. Wenn ein/e Schauspieler/in, die/den ich besonders mag, neben mir im Café sitzt oder hinter mir an der Kasse steht, überlege ich immer, ob ich mal „Hallo!“ sage und „Ich fand dich in dem-und-dem Stück besonders gut.“

Wenn mich jemand fragt, welchen Schauspieler oder welche Schauspielerin ich am liebsten mag, fällt es mir gar nicht so leicht, eine Antwort zu geben. Es gibt so viele Theaterschauspieler/innen, die ich aus unterschiedlichen Gründen toll finde. Trotzdem habe ich hier eine Liste, meiner Top-3 Schauspieler und Schauspielerinnen erstellt.

SCHAUSPIELER


Martin Wuttke (Berliner Ensemble) – Mein All-time-favourite allein schon wegen Arturo Ui (Berliner Ensemble) - und das seit 15 (!) Jahren. Auch seine eigenen Inszenierungen am BE sind brillant, vor allem „Pffft oder der letzte Tango“. Schade, dass er an die Burg gewechselt und daher nur noch selten in Berlin zu sehen ist.

Lars Eidinger
(Schaubühne) – „Hamlet“ ist mein Lieblingsstück von Shakespeare. Dementsprechend bin ich anspruchsvoll, wenn es um die Besetzung und die Inszenierung des Stückes geht. Seit zwei Jahren ist Lars Eidinger mein neuer Lieblings-Hamlet, denn er hat der Figur noch ein paar neue Facetten gegeben. Schwer zu glauben, dass das noch zu toppen ist. Bewundernswert an Eidinger ist vor allem seine bedingungslose Hingabe an jede Rolle.

Ulrich Matthes
(Deutsches Theater) – Wenn man Matthes auf der Bühne sieht, hat man nie das Gefühl, dass da ein Schauspieler steht. Matthes “unterspielt“ all seine Rollen so, dass das Handwerk des Schauspiels quasi zum verschwinden kommt. Man nimmt ihm einfach jede Figur 100prozentig ab.

SCHAUSPIELERINNEN

Carmen-Maja Antoni
(Berliner Ensemble) – Wenn man in ein Stück mit Carmen-Maja Antoni geht, kann man eigentlich nichts falsch machen. Egal, wie gut oder schlecht die Inszenierung ist, sie rettet immer den Abend. Sie hat ein unzweifelhaft komisches Talent. Außerdem hat sie mal bei einem Publikumsgespräch, als ein Zuschauer von der „Pflicht ins Theater zu gehen“ sprach, geantwortet: „Aber was für eine schöne Pflicht!“... Jawohl!

Meike Droste
(Deutsches Theater) – Sie ist so uneitel und echt auf der Bühne, dass man ihr jede Rolle abkauft. Oft strahlt sie eine gewisse Melancholie aus, die ihre Darstellung umso glaubhafter macht. Es gibt keinen Grund, Meike Droste nicht zu mögen. Sie braucht keine übertriebene Show, denn sie hat eine unglaubliche Aura.

Sophie Rois (Volksbühne) - Die Intensität des Spiels von Sophie Rois ist so stark, dass sie eigentlich niemanden kalt lassen kann. Deswegen zieht sie das Publikum bei jedem Auftritt scheinbar mühelos in ihren Bann. Dies zusammen mit ihrem bezaubernden österreichischen Akzent, macht sie für mich zu einer Lichtgestalt auf der Bühne.

Besonders erwähnen möchte ich außerdem:
Stefan Kurt, Samuel Finzi, Traute Hoess, Stefan Stern, Dejan Bucin, Jürgen Holtz, Alexander Scheer, Michael Maertens, Alexander Khuon, Michael Schweighöfer, Götz Schubert, Josef Bierbichler, Sabin Tambrea, Christopher Nell…

26. April 2009

1. Lange Nacht der Opern und Theater

Wie plant man die Lange Nacht der Opern und Theater? Vor diese Frage sah ich mich gestellt als meine theaterinteressierten Freunde mich baten, doch eine Route für uns auszuarbeiten. Da es sich bei dieser Veranstaltung um eine Premiere handelte, konnte ich nicht mit Erfahrungswerten aufwarten. Recht machen kann man es sowieso nicht jedem - also stellte ich die Route ganz einfach nach meinen eigenen Vorlieben zusammen. Wichtig war, dass wir eine gute Mischung aus den großen Häusern und den kleinen Theatern haben würden.

Treffpunkt und Start: 18.30 Uhr am Bebelplatz. Wir: Sechs Berliner und ein Gast aus USA, aufgedreht und erwartungsfroh. Unseren ersten Programmpunkt, das BAT, an dem um 19.00 Uhr "aktuelle Arbeiten" gezeigt werden sollten, müssen wir leider direkt von der Liste streichen, da wir schon viel zu spät dran sind als wir um kurz vor sieben endgültig in den Bus steigen. Dieser braucht dann bis zum zweiten geplanten Ziel, der Volksbühne im Prater, eine gefühlte Ewigkeit. Wir entscheiden, ab jetzt auf die öffentlichen Verkehrsmittel umzusteigen, weil das wahrscheinlich schneller geht.

Um 20.00 Uhr sitzen wir vor einem glitzernden Blumenvorhang im Theatersaal des Praters und warten gespannt. Die Atmosphäre im Saal ist erfrischend locker. Ob das an dem Raum liegt (wir sitzen auf Holzbänken mit Blümchenkissen, man spürt und riecht geradezu, dass es sich um einen frisch renovierten Raum handelt, der noch etwas improvisiert wirkt)? Oder hängt es mit dem Event-Charakter des Abends zusammen? Sicher ist, dass es sich nicht um das gewohnte Volksbühnen-Publikum handelt; hier findet sich eine Mischung aus alteingesessenen Volksbühnen-Fans, Theater-Neulingen und Neugierigen. Es herrscht eine ungewohnte Unruhe im Saal. Und während noch weitere Zuschauer den Publikumsraum betreten, geht es auch schon los. Wir sehen einen halbstündigen Ausschnitt aus René Polleschs "Ein Chor irrt sich gewaltig". Auf der Bühne besticht vor allem Sophie Rois im schwarzen hochgeschlossenen Kleid und mit der gewohnt charmanten österreichischen Sprachfärbung. Die Gefechte, die sie verbal und körperlich mit dem in sehr bunten Kleidern gewandeten Chor, der wechselnde Figuren darstellt, austrägt, werden von den Zuschauern mit Zwischenapplaus belohnt. Wir bekommen eine Mischung aus Komödien-Elementen und Film-Motiven gespickt mit philosophisch-soziologischen Thesen ("Das Elend der Sexualität steckt nicht in ihrer Unterdrückung. Im Gegenteil, wir
sollen ja dauernd über Sex reden.") geboten. Das macht großen Spaß und Lust, das Stück bald komplett zu sehen. Fazit: Auftakt geglückt! Wir honorieren das mit Applaus und Bravo-Rufen.

Unser nächstes Ziel ist das "Theater unterm Dach". In diesem bezaubernden Haus, das ein wenig an eine Villa aus einem Märchen- oder Kinderfilm erinnert, wollen wir "Grete nach Goethes Faust" sehen, können aber leider nicht. Wir werden gemeinsam mit vielen anderen Besuchern weggeschickt, da der Raum schon voll besetzt ist. Schade!

Etwas enttäuscht beschließen wir umzudisponieren und machen uns direkt auf den Weg zur Schaubühne. Dort herrscht die gewohnt unprätentiöse Stimmung. Die Leute hier freuen sich einfach auf das Theater, müssen das aber deshalb nicht mit Kleidung, Habitus oder geschwollenen Reden dokumentieren. Herrlich! Ich liebe die Schaubühne! Wir freuen uns auf Szenen aus "Ein Sommernachtstraum" frei nach William Shakespeare (Regie: Thomas Ostermeier, Choreographie: Constanze Macras). Beinahe hätte man uns auch hier nicht reingelassen, doch die Damen am Einlass sind gnädig. Wir dürfen uns an den Rand stellen und auf die Treppen setzen. Doch zuerst müssen wir über die Bühne, um auf die andere Seite in den Zuschauerraum zu kommen. Die Schauspieler begrüßen
uns auf der Bühne zu einer Party und schenken uns Bowle aus. Die Elektro-Beats der dreiköpfigen Band dröhnen im Kopf. Die Darsteller tanzen orgiastisch auf der Bühne. Entspannt zurücklehnen kann und sollte man sich hier als Zuschauer nicht. Schauspieler Lars Eidinger stript und lässt anschließend seine Genitalien durch eine Maske zum Publikum sprechen ("Das ist das einzige Ziel, den Spaß euch auszumerzen"). Das ist der Moment, in dem bei vielen Zuschauern wohl ein unangenehmes Gefühl, vielleicht Scham, ausgelöst wird. Einige der älteren verlassen den Saal. Ob es an der Szene liegt oder ihnen einfach die Musik zu laut ist, sei dahingestellt. Wer hier einen "klassischen" Sommernachtstraum erwartet hatte, wurde sicherlich enttäuscht. Ruhig wird es erst als der Counter-Tenor Alex Nowitz seinen Einsatz hat. Die Mischung aus Tanz- und Sprechtheater mit Gesang ist eine gelungene Lesart des shakespearschen Sommernachtstraums. Als wir uns anschließend über das Gesehene austauschen fällt folgender Satz unseres amerikanischen Gastes: "This is what we in Amerika suppose German theater to be." Interessant! Scheinbar glaubt man in Amerika, dass das, was wir hier eben gesehen haben, auf deutschen Bühnen "normal" ist. Gerne würde ich dies bei Gelegenheit einmal nachprüfen.

In die Übersetzungs-Quizshow "Babelfish" im Studio der Schaubühne kommen wir dann zur Abwechslung erst mal nicht rein, weil wieder zu viel los. Wir warten eine Stunde in der Bar nebenan und schaffen es dann doch. Die Zuschauer müssen Zitate aus Literatur, Film und Politik, die zuvor mit der Übersetzungssoftware "Babelfish" in verschiedene Sprachen und dann wieder ins deutsche zurückübersetzt wurden, erraten. Die Lösung soll per Handy an die Schauspieler auf der Bühne durchgegeben werden, was nicht immer klappt, weil manchmal sofort die Mailbox anspringt. Spaß macht's trotzdem!

Mittlerweile ist es Mitternacht und wir fahren zum Admiralspalast, wo wir zum Glück nicht warten müssen, um eingelassen zu werden. Wir bekommen noch die letzten Songs der Band Cesarians mit. Die Musik mutet, so vertraut an, dass man bei jedem Lied glaubt, mitsingen zu können, doch das täuscht. Die Songs klingen wie eine Mischung aus Brecht/Weill, Waits, Cash, Musical u.v.a. und stimmen uns noch mal feierlich am Ende des Abends, der direkt übergeht in den tanzbaren Teil. Zwei DJs, einer von beiden Lars Eidinger, den wir heute schon einmal auf der Bühne gesehen haben, legen bis spät in die Nacht auf. Meinen Musikgeschmack trifft das, was von den Plattentellern kommt zu 100% - unmöglich die Tanzfläche zu verlassen. Und so wird es dann eine wirklich lange Nacht...

Fazit der 1. L.N.d.O.u.T.:
1. Mit der Entdeckung des Programms der kleinen Häuser hat es leider nicht ganz geklappt.
2. Um nicht die halbe Nacht im Bus zu verbringen, sollte man sich auf einen Bezirk konzentrieren. Wir haben letztlich nur drei Häuser geschafft, was dem Spaß aber keinen Abbruch getan hat.
3. Wer erwartet hat, sich durch die Veranstaltung einen guten Überblick über viele verschiedene Häuser schaffen zu können, wurde leider enttäuscht. Die Zeit dafür ist einfach zu kurz und die Spielstätten liegen zu weit auseinander.
4. Auf jeden Fall sollten sich die Veranstalter etwas einfallen lassen, damit die Besucher nicht permanent Schlange stehen müssen und dann doch nicht reinkommen (Zitat einer Dame in einer Warteschlange: "Habe ich mir jetzt ein Ticket für 12 Euro gekauft, um damit die ganze Nacht Bus zu fahren?")
. Vielleicht sollte beim nächsten Mal ein ganzer Tag oder sogar ein Wochenende eingeplant werden.
5. Was zählt ist das Gesamterlebnis. Alles in allem hat die L.N.d.O.u.T. großen Spaß gemacht! Ich freue mich auf's nächste Mal!