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8. Januar 2016

Max Penthollow schreibt mir // Kapitel 12: Royal Richard ("Richard III" an der Schaubühne)

Max Penthollow schreibt mir...

Liebe Maren,

hier ist mein Text zu Richard III:

Richard III – Shakespeare – Schaubühne  – Übersetzung: Marius von Mayenburg – Regie: Thomas Ostermeier – Premiere am 7. Februar 2015

Richard, Herzog von Gloster (Gloucester), praktizierender Psychopath, muss seine Macht weiter festigen und erweitern und König von England werden.

Richard muss König werden (Fotos: Arno Declair)

Dafür muss er potentielle Widersacher und auch seine Getreuen als mögliche Rivalen ermorden oder ermorden lassen und geriert sich dabei auch gerne als Gutmensch („Wenn ich deinen Ehemann getötet habe, dann doch nur aus tiefster Liebe zu Dir, um dir dann selbst ein liebender Ehemann sein zu können!“).

Richard ist finster drauf!

Die Frauen wickelt er um den Finger, sie sind ihm zugetan und sind ihm verfallen. Für Erhalt und Vermehrung seiner Macht lässt er auch ihre Kinder töten, was soll er denn auch machen?!

Warum verfallen die Frauen Richard? (Foto: Arno Declair)

Auch Richards Getreue und Ausführende seiner Auftragsmorde wirken mit am Erhalt des Macht-Systems und sind Richard bis zum Schluss loyal ergeben, bis sie - unberechenbar  wann – selbst in Ungnade fallen und eliminiert werden - müssen. Was bleibt dem Richard denn auch übrig?!

Dann sind alle weg, Richard ist jetzt Richard III, König von England, allein und einsam, und hat nur noch Feinde, die ihn bedrohen. Zutiefst finster!

Die Show fängt fulminant an, geht schwungvoll weiter und wird dann kontinuierlich mit zunehmender-Dezimierung (sic) der beteiligten Figuren immer langsamer bis hin zum Vollbild des finalen Stillstands.

Shakespeare weiß wie’s geht, Ostermeier auch:
Allerfeinste Inszenierung, beste Besetzung, hingebungsvolles Ensemble-Spiel, großartige Kostüme(!), exquisite Live-Musik! Erste Inszenierung im neuen Globe-Theater der Schaubühne, mehrere Etagen auf der Bühne und im Zuschauerraum, toll!

Das "Globe" in der Schaubühne (Foto: Arno Declair)

Voilà!

Very good theatre!

Allerliebst

Max
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Regie: Thomas Ostermeier   
Bühne: Jan Pappelbaum   
Kostüme: Florence von Gerkan
Mitarbeit Kostüme: Ralf Tristan Scezsny
Musik: Nils Ostendorf   
Video: Sébastien Dupouey   
Dramaturgie: Florian Borchmeyer   
Licht: Erich Schneider   
Puppenbau: Ingo Mewes, Karin Tiefensee
Puppentraining: Susanne Claus, Dorothee Metz
Kampfchoreographie: René Lay   

Richard III: Lars Eidinger   
Buckingham: Moritz Gottwald   
Elizabeth: Eva Meckbach   
Lady Anne: Jenny König   
Hastings, Brakenbury, Ratcliff: Sebastian Schwarz   
Catesby, Margaret, Erster Mörder: Robert Beyer   
Edward, Bürgermeister, Zweiter Mörder: Thomas Bading   
Clarence, Dorset, Stanley, Prinz v. Wales (als Puppe): Christoph Gawenda   
Rivers, York (als Puppe): Laurenz Laufenberg   
Schlagzeuger: Thomas Witte   

Dauer: ca. 150 Minuten

Richard III ist im in Saal C eingerichteten elisabethanischen Theater der Schaubühne ("Globe") zu sehen.

Pearson's Preview zum Stück hier.

Weitere Infos und Trailer auf der Seite der Schaubühne.

6. Dezember 2015

Streitraum Extra: Lesung zum Thema Flucht (Schaubühne)

Im Streitraum wurde heute nicht debattiert, sondern gelesen. Es ging um die Themen Flucht, Exil und Fremdsein. Carolin Emke, die Moderatorin des Streitraums, rief zu Beginn der Veranstaltung zum Spenden auf. Ich veröffentliche hier den Spendenaufruf von der Website der Schaubühne.

Spendenaufruf
Menschen auf der Flucht brauchen dringend Schutz und Hilfe in jeder Form, vor allem aber in rechtlichen Fragen. Doch professioneller Rechtsschutz ist für Geflüchtete nicht finanzierbar. Mit der Benefizveranstaltung »Streitraum Extra« unterstützt die Schaubühne deshalb die unabhängige Menschenrechtsorganisation PRO ASYL, die sich seit knapp 30 Jahren für die Rechte verfolgter Menschen einsetzt, sie in Asylverfahren begleitet und konkrete Einzelfallhilfe leistet.

Bitte unterstützen Sie diese Aktion mit einer Spende.

An der Kasse und im Foyer der Schaubühne finden Sie Spendenboxen.


Sie können Ihre Spende auch direkt an PRO ASYL überweisen: Spendenkonto-Nr.: 8047300 | Bank für Sozialwirtschaft Köln | BLZ: 370 205 00 | IBAN: DE62 3702 0500 0008 0473 00 | BIC: BFSWDE33XXX | Stichwort: Streitraum

Ein schöner, aber auch bewegender Mittag in der Schaubühne. Da die Nachfrage bei der Veranstaltung so groß war, entschloss sich die Schaubühne kurzfristig, die Lesung in einen weiteren Saal per Videoleinwand zu übertragen. Somit konnten noch mehr Menschen hören und sehen, was die Autor/innen, Schauspieler/innen, Musiker/innen, der künstlerische Leiter sowie die Moderatorin vortrugen.

Den Anfang der Lesung machte Nina Hoss. Mit fester, ruhiger, schöner Stimme las sie Gedichte von Ingeborg Bachmann. Nach Najem Wali, der aus seinem Buch "Bagdad. Erinnerungen an eine Weltstadt" las, kam Thomas Ostermeier. "Ein Fremder" von Edmond Jabès muss ich mir besorgen, denn der Text hat mich sehr beeindruckt, insbesondere die Stellen, in denen es um eine Erklärung von Rassismus geht. Katja Petroskskaja, die aus ihrem Text "Vielleicht Esther" las, erklärte mit einem Augenzwinkern, leider seien die Schriftsteller/innen dazu verdammt, ihre eigenen Texte zu lesen, während die Schauspieler/innen und Regisseure Kafka und Bachmannn vortragen dürften. Lars Eidinger trug - unterstützt vom Schlagzeugspiel von George Kranz - aus Kafkas "Vor dem Gesetz" vor. Durch die Schlagzeug-Untermalung wurde eine besondere Spannung und Stimmung erzeugt. Terézia Mora las Ausschnitte, aus ihrer Kolumne "Etwas mehr als 24 Stunden", die, wie sie erklärte, noch in Arbeit seien und in der sie die Geschehnisse seit dem Sommer 2015 verarbeiten wolle. Nach Eva Meckbach mit "Wir Flüchtlinge" von Hannah Arendt war Carolin Emke selbst dran. Sie las ihren Text "Kopf über Wasser". Der letzte Textvortrag kam von Ingo Schulze ("Unsere Heilige" aus "Orangen und Engel"). Den Abschluss bildete ein Klang- und Percussion-Ensemble um Liao Yiwu, der das Lied "Tarim" sang.

Infos zu den Autor/innen hier.

14. Juli 2015

Rückblick Juni: Viel Dreck und viel Nebel

06.06.15 - PREMIERE Nachtasyl (Maxim Gorki // Regie: Michael Thalheimer // Schaubühne)
Diese Inszenierung ist eine Riesenanstrengung für die Schauspieler. In Gorkis Stück geht es um Menschen die "Ganz unten" (alternativer Titel des Stückes) gelandet sind. Folglich sieht auch das Bühnenbild von Olaf Altmann aus wie eine Kanalisation. Hier ist kein Auftritt oder Abgehen möglich. Die 13 Schauspieler rutschen von oben auf die Bühne und müssen sich wieder nach oben ziehen, wenn sie die Szene verlassen. Der Dreck, der immer mehr wird, tut sein übriges. Diese letzte Inszenierung der Spielzeit ist gleichzeitig auch die erste für die neuen Ensemble-Mitglieder Peter Moltzen, Lise Risom Olsen und Alina Stiegler.

10.06.15 - Iwanow (Anton Tschechow // Regie: Dimiter Gotscheff // Volksbühne)
Diese Dernière war sehr besonders und bewegend. Vor allem als die Schauspieler während des Schlussapplauses Grüße gen Himmel schickten, um somit noch einmal dem verstorbenen Dimiter Gotschef ihre Dankbarkeit zu zeigen. Herausragend: Milan Peschel. Und wie immer das Duo Samuel Finzi und Wolfram Koch. Das Bühnenbild von Katrin Brack besteht aus einer leeren Bühne, alle "Räume" werden durch den aus dem Boden kommenden Nebel geschaffen - die Bühnenbildnerin bekam dafür den FAUST-Theaterpreis 2006 in der Kategorie Ausstattung. Die Inszenierung wurde 2006 zum Theatertreffen eingeladen.

20.06.15 - We are golden (Eva Meckbach // Schaubühne)
Zum Dritten! Leider ist diese auch die letzte Ausgabe von Eva Meckbachs Liederabend. Diesmal war ich mit vier Freund/innen da, die noch nie zuvor in der Schaubühne waren, aber nach diesem Abend ganz sicher noch öfter hier her kommen wollen. Eva Meckbach kündigt an bzw. wünscht sich in der kommenden Spielzeit weitere Liederabende zu machen, mit einem neuen Programm. Das hoffen wir sehr, denn in finde, jeder muss sie einmal im Leben gehört haben.

27.06.2015 - Happy Endings (Ein Startup-Projekt der Polyrealisten // Schaubühne)
Die letzte Premiere der Spielzeit kommt von den Polyrealisten und sie fragen: Welchen Herzenswunsch wollten Sie sich schon immer einmal erfüllen? Finden Sie Zeit, sich Ihren Träumen zu widmen? Wie oft haben Sie schon aufgegeben oder haben gar nicht erst angefangen? In ihrem Stück über Aufstieg, Scheitern und Doch-Nicht-Ganz-Scheitern geht es auch darum, ob man seine eigenen Träume begraben muss, wenn einfach das Geld fehlt, um eine Idee umsetzen zu können. Und darum, dass es vielleicht doch einen Weg gibt, auch wenn die finanziellen Mittel nicht zur Verfügung stehen.

4. Januar 2015

Familienangelegenheiten (Rückblick Dezember 2014)

14.12.14 - We are golden Weihnachtsausgabe (Eva Meckbach // Schaubühne)

20.12.14 - Showing der Theaterpädagogik der Schaubühne (Leitung: Wiebke Nonne) Schauspieler/innen der Theaterpädagogik spielen Szenen zu Themen, die sie Laufe des Jahres beschäftigten. / "Heute streng ich mich so richtig an!"

26.12.14 - Die kleinen Füchse (Lillian Helman // Regie: Thomas Ostermeier // Schaubühne)
Nina Hoss als Regina und die Inszenierung des künstlerischen Leiters sind einer der Riesenerfolge der Schaubühne...

27.12.14 - La Cousine Bette (nach Honoré de Balzac // Regie: Frank Castorf // Volksbühne)
...wer die fünf Stunden Castorf durchhält, erlebt großartige Schauspieler (allen voran Alexander Scheer) in artistischer Hochform...

14. November 2014

Schöne Stimme & Schauspielschüler (Rückblick Oktober 2014)

10.10.2014    Backstage Ostermeier - Thomas Ostermeier stellt sein Buch in der Schaubühne vor, Eva Meckbach liest ausgewählte Passagen und Florian Borchmeyer moderiert...Erinnerungen an Gert Voss, Einblicke in die vielen Gastpiele im Ausland und die Reaktionen des Publikums, Tränen bei Ostermeier als ein Filmausschnitt eines Workshop zum Hamlet in Palästina gezeigt wird ("Ich weiß gar nicht, ob die Schauspieler dort noch leben. Was die dort erleben, kann man sich hier nicht vorstellen.")

12.10.2014    We are golden  - Eva Meckbach präsentiert einen Liederabend im Studio der Schaubühne... Die Schauspielerin schrieb 13 Briefe an Freunde und Fremde und bat sie je einen Song zurückzuschicken, den sie mit persönlichen Sehnsüchten verbinden. Daraus entstand "Thirteen notes about yearning". Sie interpretiert die Song neu und wird begleitet von den Musikern Claus Erbskorn und Thomas Witte. Ein Abend mit Joni Mitchell, Patti Smith, The Organ, Fink, Nina, Simone, Simon & Garfunkel uvm.

25.10.2014    Small Town Boy - Maxim-Gorki-Theater
...diese Inszenierung wurde kontroverse diskutiert und sehr verschieden angenommen. Was man wissen sollte: Die Figur im Stück, die das Plädoyer gegen Putin, Steinbach und andere hält, spiegelt nicht die Meinung des Autors und Regissuers (Falk Richter) wieder, sondern ist bewusst überzogen.

26.10.2014    Die heilige Johanna der Schlachthöfe - Schaubühne
....Erfolgsstück des Absolventejahrgangs 2013 der Ernst-Busch-Hochschule. Jede Spielzeit inszeniert Peter Kleinert (Dozent an der Hochschule) an der Schaubühne mit Schauspielschülern ein Stück. Auf diese Weise können sich die jungen Schauspieler an, die Bühne eines großen Stadttheaters gewöhnen. Normalerweise laufen diese Stücke etwa acht mal. Die "Johanna" ist allerdings so erfolgreich, dass sie mittlerweile über 50 mal lief.

13. Januar 2014

Wengenroths Autorenklub: Ausgabe 1 - Lilian Hellman (Schaubühne)

In seinem neuen Salon-Format stellt Regisseur Patrick Wengenroth Autoren aktueller Inszenierungen an der Schaubühne vor. In der ersten Ausgabe betrachtete Wengenroth gemeinsam mit Schauspielern, Dramaturg Florian Borchmeyer und Theaterkritiker Thomas Irmer das Werk und Leben von Lilian Hellman. Für die musikalische Untermalung sorgte Matze Kloppe, der regelmäßig in Wengenroths Inszenierungen mit auf der Bühne steht. "Die kleinen Füchse" hat am 18. Januar 2014 Premiere an der Schaubühne (Regie: Thomas Ostermeier).

Es wurde aus Texten von Hellmann gelesen, gespielt, improvisiert, gesungen - besonders beeindruckend Eva Meckbachs zurückgenommene Version von Simon & Garfunkels "America" - und diskutiert. Es ging um Alkohol - ebenso wie viele ihrer männlichen Kollegen (z.B. Hemingway) war Hellman Alkoholikerin -, Rauchen und "unamerikanische Umtrieb" - die politische linke Aktivistin Lilian Hellmann und ihr Lebensgefährte Dashiel Hammett gerieten in den 50ern ins Visier Senator Mc Carthys.

Wie wir das von Wengenroth kennen wurde mit Ironie und Spaß nicht gespart. Ein gut gelauntes Publikum verließ nach drei Stunden den Theatersaal, um bei Wein und Bier das Wochenende einzuläuten.

Im März und April sollen weitere Ausgaben mit Brecht (Herr Puntila und sein Knecht Matti unter der Regie von Friederike Heller hat am 11. März 2014 Premiere) und Bolaño ("2666" unter der Regie von Àlex Rigola hat am 3. April 2014 Premiere) folgen.

Die taz schreibt über der Abend: "Die Grandezza des Rauschs"

10. September 2012

Zum Wohle der Gesellschaft? - Ein Volksfeind (Schaubühne)

Als der Badearzt Thomas Stockmann (Stefan Stern) entdeckt, dass das Heilwasser seines Heimatorts vergiftet ist – die Zuleitungsrohre führen durch ein durch Fabriken verseuchtes Gebiet -, will er im Interesse der Allgemeinheit die Öffentlichkeit aufklären. Helfen soll ihm die Presse (die Journalisten Hovstadt / Christoph Gawenda  und Billing / Moritz Gottwald sowie der Verleger Aslaksen / David Ruland), die ihm zunächst Unterstützung zusagt.

Stadtrat Peter Stockmann (Ingo Hülsmann) - Foto: Arno Declair
Stockmann fordert seinen Bruder Peter, Stadtrat des Badeortes auf, die nötigen Maßnahmen vorzunehmen. Dieser weist ihn jedoch eindringlich auf die Folgen hin: Hohe Kosten und Imageschädigung für den Kurort – die wirtschaftliche Entwicklung sei damit auf Jahre gefährdet. Ein Gegengutachten soll beweisen, dass sich Stockmann bei seinen Untersuchungen geirrt hat.

Und plötzlich beginnen auch die Unterstützer zu schwanken, wobei weniger die Zweifel an Stockmanns Untersuchung oder die Angst um Folgen für die Gesellschaft eine Rolle spielen. Man befürchtet vielmehr die Gefährdung der eigenen Karriere und Finanzierung der Zeitung (Ausbleiben der Anzeigenschaltung durch Konzerne).

Auf einer Volksversammlung spricht Stockmann und will die Bürger auf seine Seite zwingen. Dabei geht es ihm nicht mehr um das vergiftete Wasser, er prangert die Gesellschaft und ihre Politiker als Ganzes an. Der selbsternannte Wohltäter Stockmann wird zum Volksfeind, seine Familie ausgegrenzt, seine Frau (Eva Meckbach) und er verlieren ihre Anstellungen.

Die Handlung nimmt eine weitere Wendung als sein Schwiegervater Morten Kiil (Thomas Bading) die nun fallenden Aktien des Bades billig aufkauft. Sowohl sein Bruder als auch Hovstadt und Aslaksen sind nun der Meinung, dass Stockmanns Enthüllungen dazu dienten die Aktien zu senken, um diese aufkaufen zu können. Sein Bruder bezichtigt ihn des Betrugs, die Zeitung erhofft sich finanzielle Unterstützung und verspricht, sich wieder auf Stockmanns Seite zu stellen.

Ibsens Drama bewegt sich auf einem schmalen Grat: Stockmann, der zu Beginn als Aufklärer auftritt und dem das Wohlergehen der Bevölkerung das wichtigste Anliegen scheint, entwickelt sich durch zunehmenden Widerstand zum Fanatiker. In seiner Rede auf der Volksversammlung stellt er die Frage:  Kann eine Mehrheit (in Stockmanns Worten: die Dummen) die richtigen Entscheidungen treffen? Oder soll nicht besser eine wissende Minderheit darüber entscheiden, was gut für eine Gesellschaft ist. Er fordert sie Auslöschung der verlogenen/verseuchten Gesellschaft.

Stockmann (Stefan Stern) auf der Volksversammlung - Foto: Arno Declair
Thomas Ostermeiers lässt in seiner Inszenierung des Volksfeind an der Schaubühne Stockmann aus einem Pamphlet des „Unsichtbaren Komitees“ zitieren: "Der kommende Aufstand", entstanden  nach den Aufständen in den französischen Banlieues im Jahr 2005. Im Text wird zum Widerstand gegen den Konsum aufgerufen. Außerdem wird das Publikum zur Volksversammlung und aufgefordert mitzudiskutieren, wie nun weiter verfahren werden soll. Und es ist durchaus unentschlossen als der Stadtrat und Aslaksen fragen, wer denn nun der Meinung Stockmanns sei und wer nicht. Bei der Premiere auf dem Theaterfestival in Avignon im Juli soll heftig diskutiert worden sein. Bei der Berliner Premiere sind die Zuschauer eher zurückhaltend. Den Forderungen des fanatischen Stockmanns kann man ja eigentlich nicht zustimmen. Aber ist es nicht Unrecht, dass aus rein wirtschaftlichen Interessen die Wahrheit vertuscht werden soll? Die Mehrheit des Publikums entzieht sich der Diskussion und überlässt die Entscheidung den Protagonisten auf der Bühne.

Bei Ostermeier sind Stockmann, Hovstadt und Co. eine Gruppe von Freunden, die dem Studentenalter gerade entwachsen scheinen und sich noch nicht recht entscheiden können, ob ihnen Ideale wichtiger sind als die eigene Karriere und damit die Existenzsicherung. Zu Beginn proben sie als Band und singen David Bowies „Changes“ („Don’t want to be a richer man / just turn and face the strain“). Als jeder seinen persönlichen Interessen folgt, werden sie zu Gegnern, die sich mit Farbbeuteln bewerfen.

"Changes" (Moritz Gottwald, Stefan Stern, Eva Meckbach, Christoph Gawenda) - Foto: Arno Declair
Im Programmheft zum Stück wird eine Bildungselite beschrieben, die „einen Lebensstil […] entwickeln, der es ihnen ermöglichte, einerseits wohlhabend und erfolgreich zu sein, andererseits aber auch rebellisch und unorthodox zu bleiben.“ Die sogenannten Bobos (David Brooks: Die Bobos. Der Lebensstil der neuen Elite).

Stefan Stern als nervöser Badearzt Stockmann, der seine Emotionen kaum im Griff hat und für die Erreichung seiner Ziele gerne über dieselben hinausschießt und Ingo Hülsmann als arroganter, aalglatter Stadtrat, die Tatsachen zu verkehren und die Situation zu nutzen weiß, dass ihm andere schnell nachfolgen, sind bemerkenswert. Hülsmann, der gerade erst vom Deutschen Theater an die Schaubühne gewechselt ist, hat die Zuschauer mit dieser Rolle sofort für sich eingenommen.

Ehepaar Stockmann (Eva Meckbach, Stefan Stern) - Foto: Arno Declair
Auch großartig: Thomas Bading als Unternehmenschef Morton Kiil im schlecht sitzenden Anzug und Barbour-Jacke mit Schäferhund an der kurzen Leine.

Wie immer bei Ostermeiers Inszenierungen ist auch das Bühnenbild von Jan Pappelbaum perfekt für das Stück: Es kommt mit wenig Ausstattung aus, die Szenerie wird durch Zeichnungen und Schriftzüge geschaffen, die mit Kreide an die mit Tafelfarbe gestrichenen Wände gemalt werden.

17. März 2012

What a wonderful world: Uraufführung „Märtyrer“ von Marius von Mayenburg (Schaubühne)

Benjamin (Bernardo Arias Porras) will nicht mehr zum Schwimmunterricht gehen und beruft sich dabei auf die Bibel. Mädchen im Bikini verletzen seine religiösen Gefühle behauptet er. Die Mutter (Judith Engel) vermutet Drogen, die Biologielehrerin (Eva Meckbach) interpretiert das als Hilferuf eines Pubertierenden. Doch als sich der junge Mann immer tiefer in die Bibellektüre vertieft, gerät alles aus dem Lot.


Ein Mitschüler (Moritz Gottwald) – in der Klasse ein Außenseiter - wird zum Jünger, der seinem Vorbild voller Bewunderung und zunächst unreflektiert folgt, denn er findet in Benjamin jemanden, der ihm Aufmerksamkeit schenkt und verspricht ihn von seiner Gehbehinderung zu heilen. Benjamin hingegen nutzt die Schwärmerei des Mitschülers für seine Zwecke, um gegen die Erwachsene zu intrigieren.


Bei religiösem Fanatismus spielt es im Grunde keine Rolle, um welche Religion es sich handelt. Daher nimmt Autor und Regisseur Marius von Mayenburg in „Märtyrer“ an der Berliner Schaubühne nicht etwa den Koran als Zitatquelle, sondern die Bibel – insbesondere das neue Testament. Erstaunlich, denn eigentlich gilt ja das alte Testament als besonders blutrünstig. Aber so wie von Mayenburg die Aussagen von Jesus Christus mit dem Kontext der Handlung seines Stückes verknüpft, dienen sie als Aufruf zur Unterdrückung der Frau, als Ablehnung der Lust im allgemeinen und homosexueller Verbindungen im besonderen.

Zu den Highlights des Stückes gehört die Szene in der der Schulpfarrer - glänzend gespielt von Urs Jucker, dem die Rolle offenbar auf den Leib geschrieben wurde –versucht, Benjamin für ein religiöses Camp anzuwerben. Eine groteske Situation, in der der Kirchenvertreter vollständig ausblendet, wie gefährlich das Verhalten des Schülers ist.


Aus dem Ensemble sticht Eva Meckbach hervor, die als glühende Atheistin versucht, den Gründen für Benjamins Verhalten auf den Grund zu gehen, indem sie sich in die Lektüre der Bibel vertieft. Die Deutung der Bibeltexte, in die sie sich im Laufe des Stückes genau wie ihr Schüller immer stärker hinsteigert, wird zur Obsession. In der Schlussszene nagelt sie, soeben vom Schuldienst suspendiert, ihre Füße am Bühnenboden fest: „Ich bleibe hier!“ Die Erkenntnis (wenn auch nicht neu): Religion genauso wie deren Ablehnung dient leider allzu oft auf als Rechtfertigung für fanatisches Verhalten.

Weitere Infos zum Stück.

Trailer zum Stück.

Fotos: Arno Declair/Schaubühne

9. März 2012

Ich vermisse: Galerie der Toten bei „Galaxy" von BLITZ auf dem F.I.N.D. 2012

"Ich bin River Phoenix. Ich starb am 31. Oktober 1993 an einer Mischung aus Drogen und Alkohol. Ich vermisse meine Geschwister, Johnny Depp und die Red Hot Chili Peppers.“ – „Ich bin eine Kassette. Ich starb vor einigen Jahren. Ich wurde getötet von der CD, der Minidisc, der MP3, der MP4. Wie konnte das passieren.“ So und so ähnlich lauten die Mini-Monologe in Galaxy: Eva Meckbach, Jule Böwe, Bernardo Arias Porras, Judith Engel, Christoph Gawenda und Thomas Bading von der Schaubühne sowie Christos Passalis von BLITZ aus Athen stellen in einer dreistündigen Performance Tote und Totgesagtes vor. Sie schreiben Namen und Begriffe mit Edding auf Zettel und erläutern Namen, Todesdatum, Bedeutung und Zusammenhänge.


Historische Persönlichkeiten, Ideale, Epochen, Kunstformen der letzten Jahrhunderte werden, ebenso wie tote Menschen, Tiere und Erfahrungen aus dem persönlichen Schatz der Schauspieler (Christoph Gawendas Bruder, Bernardo Arias Porras Schnurrbart, der Hund von Judith Engels Oma oder Eva Meckbach mit 18) beschrieben. Tänze (Breakdance, Steptanz uva.) werden genauso wie Liedgut (Pioniergesänge und Hymnen) in die Gegenwart geholt. Rollen, die die Darsteller einmal gespielt haben (Evas Meckbach spricht z.B. über Desdemona, die sie in Othello an der Schaubühne gespielt hat) werden in die Performance integriert, Menschen, von deren Ableben man aus dem Medien erfahren hat und theaterspezifische Anekdoten (das von den Kritikern immer wieder monierte schlechte (sic!) Sprechen der Schauspieler oder unkonkrete Regieanweisungen). Sowieso findet die Auseinandersetzung mit der Schaubühne (die „alte Schaubühne“ unter Peter Stein) oder dem künstlerischen Leiter (Erinnerung an die Baracke des DT unter der Leitung von Thomas Ostermeier, die Jule Böwe, Jens Hilje, Thomas Bading u.a. vermisst) Beachtung. Für Schaubühnen-Kenner wird sogar die von der Kritik geschmähte Edward II-Inszenierung thematisiert (die die Schauspieler, die das Stück gerne spielen, vermisst).

Die Performance ist offen, d.h. die Zuschauer können jederzeit den Raum verlassen und wieder zurückkehren. Aber da das alles ganz schön süchtig macht und man immer noch den nächsten und das nächste sehen will, möchte man nichts als hier bleiben. Der Zuschauer schwankt ständig zwischen Lachen-Müssen und Weinen-Wollen, zwischen Erinnern, Entsetzen und Erstaunen und wird mit einer Achterbahnfahrt der Gefühle sowie echten Herausforderung für das eigene historische Wissen konfrontiert. Einen besonderen Reiz macht auch die Überlagerung der Kurzmonologe aus, wenn die Schauspieler ihre Texte satzweise im Wechsel sprechen und dadurch unvermutete Bezüge entstehen (Freud/Depression). Oder wenn offensichtliche Bezüge eine andere Richtung nehmen: Auf Steve Jobs folgt konsequenterweise Apple, bei dem es sich jedoch nicht um die Software, sondern um einen verstorbenen Hundwelpen handelt.

Galaxy ist zunächst nur auf dem F.I.N.D. 2012 zu sehen. Bleibt zu hoffen, dass diese Performance in das Programm der Schaubühne übernommen wird.

Trailer Galaxy von BLITZ.

Foto: Schaubühne

14. November 2011

Du wirkst etwas verhaltensauffällig: "Perplex" von Marius von Mayenburg (Schaubühne)

Wenn vier Schauspieler über ihre Rolle auf der Bühne erzählen und dabei von einer in die nächste Wechseln, ohne dass sich genau festlegen lässt, wann die Szene und die Rolle wechselt, dann ist das Perplex.

In dem Stück von Marius von Meyenburg spielen sich Eva Meckbach, Judith Engel, Robert Beyer und Sebastian Schwarz selbst. Oder vielleicht doch nicht? Sie spielen Eva, Judith, Robert und Sebastian, die verschiedene Rollen spielen in wechselnden Paarungen. Der Übergang von einer Szene in die nächste, der Wechsel von einer Rolle in eine andere ist dabei fließend. Beim Zuschauer entwickelt sich freudige Erwartung auf die die nächste Figur, die nächste Konstellation („Das ist in jedem Vier-Personen-Stück so: Beischlaf mit Partnertausch und anschließender Depression.“) Immer kann mindestens eine Person, die Szene nicht steuern, weil die anderen längst bestimmt haben, wohin es gehen soll.

Das Stück steckt voller Anspielungen auf die Arbeit am Theater, auf Klischees, auf Situationen, die Schauspieler seit Jahren kennen. So erklärt Judith, wie es ist, wenn sich die Schauspieler in ihren Rollen im Stück eben noch gegenseitig umbringen wollten und in der nächsten Minute, wenn das Licht aus und wieder angeht, rücksichtsvoll den umgefallenen Stuhl aufheben, der in der vorigen Szene umgestoßen wurde: „Immer hebt einer den Stuhl auf.“ Und als ob sie das unterstreichen wollten, schiebt einer der Schauspieler am Ende des Stückes vor der Verbeugung die soeben auf der Bühne verteilten Polster beiseite, damit die Kollegen nicht darüber stolpern. Unbewusst oder absichtlich?

Und auch der geübte Theaterzuschauer wird angeschubst. Wenn Eva Sebastian unterbricht, der in einer typischen Szene (alle sind von der Bühne verschwunden und jetzt mache ich mir ein Bild von der Situation) zu einem Monolog ansetzt: „Wir hatten doch gesagt, wir machen keine Monologe mehr“ führt das dazu, dass man sich, von der antrainierten Erwartung frei macht, dass jetzt einer die Bühne für sich hat. „All by myself“ singt Sebastian stattdessen.

„Perplex“ ist ein ständiger Identitätswandel – genau wie Schauspieler es täglich erleben, wenn sie jeden Abend in eine andere Rolle schlüpfen - und am Ende bleibt nicht nur die Erkenntnis, dass bei diesem Stück irgendwie kein Regisseur anwesend war, sondern auch die Frage „Aber wer hat mich den eigentlich besetzt?“ .

Weitere Infos und Trailer auf der Seite der Schaubühne.


Foto: Tania Kelley

9. November 2011

Freunde der Schaubühne: Einführung in "Eugen Onegin"

Das erste Treffen der Freunde nach Venedig. Kaum zu glauben, dass es erst einen Monat her ist, seit wir im T-Shirt über den Lido gelaufen sind, denn heute hat definitiv die kalte Jahreszeit begonnen. Draußen ist es nebelig, wir versammeln uns im Café der Schaubühne für ein weiteres kleines aber feines gemeinsames Theatererlebnis. Carola Dürr (Dramaturgin) und Elena Zykova (Bühne) geben uns eine Einführung in „Eugen Onegin“.

Bei „Eugen Onegin“, den meisten von uns besser als Oper bekannt, handelt es sich eigentlich um ein Versepos von Alexander Puschkin. Der russische Nationaldichter schrieb den „Roman in Versen“, wie er seinen Text selbst nannte, zwischen 1823 und 1830.

Der lettische Regisseur Alvis Hermanis, von dem schon einige Gastspiele an der Schaubühne zu sehen waren, setzt den Text mit nur fünf Schauspielern (Robert Beyer, Eva Meckbach, Sebastian Schwarz, Tilman Strauß, Luise Wolfram) für das deutsche Publikum um. Ursprünglich kommen insgesamt ca. 100 Personen vor.

Auf der Bühne (bzw. dem Model des Bühnenbilds) wimmelt es nur so von Requisiten und es liegen zig Bücher herum. Optisch erfordert diese Inszenierung also schon mal erhöhte Aufmerksamkeit.

Modern wird diese Inszenierung bewusst nicht. Carola Dürr erklärt, dass die Kostüme im Stück, der Originalkleidung der Zeit stark nachempfunden wurden und dabei sogar darauf geachtet wurde, dass möglichst Originalstoffe verwendet werden. Die Frauen tragen Korsette. Die Männer auch. Überhaupt wird bei der Inszenierung großen Wert darauf gelegt, alles möglichst nah am Alltag der Menschen des 19. Jahrhunderts in Russland zu gestalten.

Die Premiere findet am 25. November statt. Weitere Infos zum Stück auf der Seite der Schaubühne.