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10. Juli 2019

Revolution mit Mediation: Über eine "Volksfeind"-Vorstellung an der Schaubühne

Dafür gehe ich ins Theater. Und deswegen kann ich mir ein Stück wie Ein Volksfeind auch zum 5., 6. oder 7. mal ansehen.

Bei einer der letzten Vorstellung der Spielzeit 2018/19 nahm die Diskussion, die nach Stockmanns (Christoph Gawenda) Rede auf der Bürger*innenversammlung folgt, eine besondere Wendung.  Nach einigen Wortmeldungen und der üblichen Kritik am Verhalten des Stadtrats und des Zeitungsverlegers meldete sich eine Dame und schlug vor, die Diskussion moderiert weiterzuführen. David Ruland in der Rolle es Verlegers Aslaksen merkte an, dass er dies ja versuche. Die Dame gab daraufhin zu bedenken, dass er aufgrund seiner persönlichen Interessen nicht die richtige Person dafür sei. Sie folgte der Einladung, auf die Bühne zu kommen und das Gespräch zu führen. Sie stellte sich als Mediatorin vor und leitete eine Situation ein, in der beide Parteien, die Möglichkeit hatten, ihre Punkte ruhig und ohne Unterbrechungen darzulegen. Wären wir nicht mitten in einem Stück sondern einer realen Situation gewesen, wäre das die ideale Situation gewesen, um mit einer geführten Diskussion durch eine neutrale Person verschiedene Aspekte des Problems zu beleuchten. Es wäre sicherlich spannend gewesen, zu beobachten, in welche Richtung das Gespräch läuft. Doch da das Stück weitergehen musste – wir befanden uns halt doch „nur“ im Theater – wurde die Dame nach wenigen Minuten von der Bühne geleitet. Dennoch zeigt sich hier, insbesondere bei einer Inszenierung wie der „Volksfeind“ , was Theater möglich macht. Kein Abend ist gleich, über die Handlung und Konflikte denkt vermutlich niemand aus dem Publikum das selben und je nach Tagesgeschehen sowie aktueller politischer Situation, kann man die von den Schauspieler*innen gesprochenen Texte unterschiedlich bewerten.

Deswegen bleibt Theater für mich immer spannend und ich empfehle jedem*jeder, sich eine Inszenierung mehr als einmal anzusehen.

Christoph Gawenda als Dr. Stockmann (Foto: Arno Declair)

6. Dezember 2017

Rückblick Oktober & November 2017: Eine Welt im Theater, ein Theater in der Welt

Mir fällt auf, dass der Oktober fast ausschließlich im Zeichen des Feminismus stand und gleichzeitig ein Vorbote auf die Themen im November war: Weltpolitik, Globalisierung, Demokratie.


OKTOBER

1.10.2017 Es sagt mir nichts das sogenannte draußen von Sibylle Berg (Maxim Gorki Theater)

Vier Schauspielerinnen spielen eine Frau – typische (?) Mitzwanzigerin, aber kein role models, wie sie selbst sagt. Keine Lust auf Zumba? Aber auch andere sagen, dass sie sich damit total gut fühlen („den Körper spüren“). Was ist so schlimm daran, zu Hause zu bleiben? Die Versprechungen der Party erfüllen sich ja doch nicht. Schließlich muss sie auf dem Laufenden bleiben, was die Liebes-Ent-und Verwicklungen des Schwarms angeht – das Handy immer am Start (nur mal kurz in die Nachricht gucken). Die Anrufe der Mutter, die wissen will, was sie so für die Zukunft geplant hat, stören da eigentlich auch nur. Lieber Typen verprügeln. Sibylle Berg hat einen Tex für vier Schauspielerinnen des Maxim Gorki Theaters geschrieben - und die sind vor allem eins: wütend - aber dabei auch unglaublich komisch. Sie zeigt, wie Frauenbilder von der Medien und der Werbung produziert werden. Körperkult und Fitnesswahn, Shoppingexzesse zwischen den BWL-Vorlesungen und der Vertrieb von selbstsynthetisierten Drogen über das Internet - wie soll Frau da wissen, wie sie leben soll?  

Vier Frauen auf der Suche nach dem richtigen Leben: Rahel Jankowski, Cynthia Micas, Suna Gürler, Nora Abdel-Maksoud (Foto: Thomas Aurin)

Das Stück wurde von der Fachzeitschrift „Theater Heute“ zum deutschsprachigen Stück des Jahres 2014 gewählt.

Text: Sibylle Berg
Regie: Sebastian Nübling
Choreografie: Tabea Martin
Bühnenbild: Magda Willi
Kostüme: Ursula Leuenberger und Moïra Gilliéron
Mit: Nora Abdel-Maksoud, Cynthia Micas, Suna Gürler, Rahel Jankowski


5.10.2017 revisited thisisitgirl von Patrick Wengenroth (Schaubühne)

Das war mein sechster Besuch dieser Inszenierungen. Es gibt aber auch immer noch Freund*innen, die dieses tolle Stück noch nicht gesehen haben. Hier noch mal ein Link zu meinem Bericht aus 2015.


19.10.2017 PREMIERE LENIN von Milo Rau (Schaubühne)

Nach der Oktoberrevolution 1917 kämpft Lenin (Ursina Lardi) in seinem Landhaus mit seinem körperlichen Verfall, mehrere Schlaganfälle führen dazu, dass er auf die Hilfe seiner Familie und Freund*innen angewiesen ist. Dieses Setting wählt Milo Rau für sein Stück. Und sein Nachfolger und Gegenspieler Stalin (Damir Avdic) wird immer stärker. Der Autor-Regissuer und das Ensemble der Schaubühne blicken auf die zentralen Charaktere der wohl folgenreichsten Revolution der Menschheitsgeschichte. Aufbruch und Apathie, Revolutionssehnsucht und reaktionäre Widerstände, ein Labyrinth der Hoffnungen und Ängste, der politischen Ideale und kollektiven Gewalterfahrung. Düster und beklemmend sieht man auf der Bühne und parallel per Video, was nicht aufzuhalten ist. Ein "Gruselfilm in historischen Kostümen" hat Milo Rau sein Inszenierung genannt. Die Schauspieler*innen verwandeln sich immer mehr in ihre Figuren, sie ziehen sich auf der Bühne um und erhalten ihre Masken. Auch wenn diese Inszenierung sich von den letzten Arbeiten Raus unterscheidet, ist hier doch das Re-Enactment zu erkennen. Während am Anfang noch alle deutsche sprechen, ist zum Schluss fast nur noch russisch zu hören.

Damir Avdic, Ursina Lardi, Jakov Ahrens (Foto: Thomas Aurin)

Essay zum Stück in Pearson's Preview: Schöpferische Unruhe: Milo Raus »LENIN«

Regie: Milo Rau   
Bühne und Kostüme: Anton Lukas, Silvie Naunheim   
Video: Kevin Graber   
Dramaturgie: Stefan Bläske, Florian Borchmeyer, Nils Haarmann   

Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin: Ursina Lardi   
Nadeschda Konstantinowna Krupskaja: Nina Kunzendorf   
Lew Dawidowitsch Bronstein, genannt Leo Trotzki: Felix Römer   
Iossif Wissarionowitsch Dschugaschwili, genannt Stalin: Damir Avdic   
Anatoli Wassiljewitsch Lunatscharski: Ulrich Hoppe   
Fjodor Alexandrowitsch Guetier: Kay Bartholomäus Schulze   
Pjotr Petrowitsch Pakaln: Lukas Turtur   
Lydia Alexandrowna Koschkina: Iris Becher   
Sapogow: Konrad Singer   
Feiga Shabat: Veronika Bachfischer   
Kinder: Jakov und Sophia Ahrens / Georg Arms und Lia Vinogradova / Benjamin und Mirjam Wachsmuth
Live-Kamera: Florian Baumgarten, Moritz von Dungern, Matthias Schoebe

Dauer: ca. 120 Minuten


23.10.17 Feminista, Baby! (Deutsches Theater)
nach dem SCUM-Manifesto von Valerie Solanas

1968 schoss Valerie Solanas auf Andy Warhol, verletze ihn lebensgefährlich. Jahre später verstarb der Künstler an den Spätfolgen dieses Attentats. Als Solanas nach den Gründen für die Tat gefragt wurde, verwies sie auf ihr Manifest: SCUM. Bedeutung? Abschaum. Aber auch Society for cutting up men. Auch: Eine Selbstbezeichnung einer weiblichen, zukünftigen Elite, "dominierenden, sicheren, selbstvertrauenden, widerlichen, gewalttätigen, eigensüchtigen, unabhängigen, stolzen, sensationshungrigen, frei rotierenden, arroganten Frauen, die sich imstande fühlen, das Universum zu regieren."

Den feministischen Text von Valerie Solanas, der voller Witz und Furor steckt, hat Jürgen Kuttner mit drei Schauspielern (Bernd Moss, Markwart Müller-Elmau, Jörg Pose) im Deutschen Theater auf die Bühne gebracht. Ein feministisches Manifest gespielt von drei Männern - funktioniert das?

Zu Beginn des Stückes ziehen sich die drei Marilyn-Monroe-Kleider und -Perücken an und schminken sich. Und dann geht es los. Kuttner hat sich wohl dafür entschieden, die Texte von Solanas von Männern sprechen zu lassen, weil sie somit an Schärfe verlieren und koödiantischer wirken. Das ist keine schlechte Idee. Aber trotzdem denke ich die ganze Zeit: Wie wäre es, wenn das jetzt eine Frau sagen würde. Am Ender legen die Schauspieler die Frauenkleider wieder ab und steigen in ihre Männerklamotten. Alles nur ein Spiel. Alles nicht ganz ernst?

Kuttner selbst spielt auch mit: Prototyp des Machos und deswegen schwer erträglich. Diese plakative Vorstellung braucht es für mich nicht, ärgert eigentlich nur. Solanas Text reicht doch.

Das Beste an dem Abend sind die Songs von Christiane Rösinger, die einzig wahre Feministin des Abends.

Regie: Tom Kühnel, Jürgen Kuttner
Bühne: Jo Schramm
Kostüme: Daniela Selig
Musik: Christiane Rösinger, Andreas Spechtl

Jürgen Kuttner, Bernd Moss, Markwart Müller-Elmau, Jörg Pose
Live-Musik: Christiane Rösinger, Andreas Spechtl, Ramin Bijan
Live-Kamera: Marlene Blumert, Bernadette Knoller


30.10.17 Die Entführung Europas (Berliner Ensemble)
Ein Crime Noir von Alexander Eisenach

...oder der seltsame Fall vom Verschwinden einer Zukunft.

Der Privatdetektiv Max Messer (Alter Ego von Heiner Müller) wird beauftragt, die verschwundene Europa ausfindig zu machen. Tipps erhält er vom Börsenspekulaten Teiresias. Nach einer durchzechten Nacht befindet er sich im Kongo, verwirrt und ohne eine Ahnung, welche Zeit gerade herrscht. Autor und Regisseur Alexander Eisenach nimmt ein Hörspiel von Heiner Müller als Vorlage für sein Stück, um zentrale Fragen unserer Gegenwart zu stellen: Kann Europa, das noch vor wenigen Jahren ein Versprechen schien, neues Leben eingehaucht werden? Oder wird unser auch kulturell vielfältiger Kontinent unter der Vorherrschaft des ökonomischen Paradigmas weiter an Attraktivität einbüßen?

Regie: Alexander Eisenach
Bühne: Daniel Wollenzin
Kostüme: Lena Schmid , Pia Dederichs
Musik: Sven Michelson
Video: Mareike Trillhaas
Dramaturgie: Frank Raddatz

Max Messer: Christian Kuchenbuch
Grace / Europa: Stephanie Eidt
Margaret: Kathrin Wehlisch
Jupiter Kingsby: Peter Moltzen
Teiresias: Laurence Rupp



NOVEMBER

01.11.17 General Assembly: Was ist globaler Realismus? - Diskussion mit Harald Welzer und Milo Rau (Schaubühne)

Moderation: Doris Akrap (taz)

Als Auftakt zur General Assembly und anlässlich des Erscheinens des Buches »Wiederholung und Ekstase« wurde im Rahmen dieser Diskussionsrunde der Versuch unternommen, die Hintergründe für soziale und politische Ungerechtigkeit im 21. Jahrhundert, zu erklären. Dabei wurden folgende Fragen angeschnitten: Was sind die Aufgaben und Grenzen eines Weltparlaments im Zeitalter von globalem Kapitalismus, Klimawandel und Massenmigration?

In Kooperation mit FuturZwei, Diaphanes Verlag und taz.die tageszeitung.

03.-5.11.2017 General Assembly: Plenarsitzungen (Schaubühne)

07.11.17 General Assembly: Sturm auf den Reichstag (Schaubühne)

Einen ausführlichen Bericht zu den Sitzungen der General Assembly und dem Sturm auf den Reichstag habe ich bereits veröffentlicht. 


18.11.2017 revisitd Bella Figura von Yasmina Reza (Schaubühne)

Eine Freundin hat sich gewünscht, dieses Stück (Regie: Thomas Ostermeier), deren Rollen Reza auf die Schauspieler*innen zugeschnitten hat, zu sehen. Also habe ich es nach gut zweieinhalb Jahren noch mal angeschaut. Es kratzt ja immer etwas an der Boulevard Komödie, ist es aber dank seiner Dialoge dann eben doch nicht. Natürlich ist das eingespielte Duo Hoss-Waschke sowie das übrige Ensemble weit davon entfernt Boulevard zu sein. Die Anleihen sind vielleicht gewollt? Neben mir die Freundin kommentiert: Das ist wie bei uns zu Hause! Wie viele im Publikum denken das auch? Und wieder bin ich entzückt von der perfekten Auswahl der Kostüme (Florence von Gerkan).

Die Fassade bröckelt: Renato Schuch, Lore Stefanek, Nina, Hoss, Mark Waschke und Stephanie Eidt (Foto: Arno Declair)


21.11.17 Filmvorführung & Diskussion: Ein Volksfeind unterwegs (Freunde der Schaubühne e.V.)

Es passt, dass der Volksfeind-Film, der von den weltweiten Gastpielen der Schaubühne mit der Inszenierung "Ein Volksfeind" von Thomas Ostermeier, handelt, die weltpolitischen Themen, die in der General Assembly verhandelt wurden, beinhaltet. Für die Freund*innen der Schaubühne wurde die zweistündige Dokumentation über die Aufführungen der Inszenierung in Instanbul, London, Moskau, Torun, Seoul, Dehli, Santiago de Chile u.a. Städten exklusiv gezeigt. Die Filmemacher Matthias Schellenberg und Andreas Nickel waren anwesend und standen im Anschluss für eine Diskussion mit den Freundekreismitgliedern zur Verfügung.

Bisher ist noch nicht sicher, in welchem Rahmen, der Film noch einmal gezeigt wird. Interessierte können sich aber in der Mediathek der Schaubühne Ausschnitte ansehen.

17. März 2016

FIND Festival Internationale Neue Dramatik 2016 an der Schaubühne (7. bis 17. April)

Das FIND Festival Internationale Neue Dramatik findet in diesem Jahr zum 16. mal statt. Theatermacher/ innen aus der ganzen Welt kommen an der Schaubühne zusammen, um ihre Arbeiten zu präsentieren: Zu Gast sind Produktionen aus Ägypten, Belgien/Serbien, Deutschland, Iran, Irland/Großbritannien, Israel/Palästina, Italien, Schweden und der Schweiz.

Festival Internationale Neue Dramatik 2016 an der Schaubühne vom 7. bis 17. April 2016



»The Dark Ages« von Milo Rau, Regie: Milo Rau (Foto: Thomas Dashuber)

Neben großen Namen wie Milo Rau mit "The Dark Ages" (zweiter Teil der "Europa-Trilogie") und Romeo Castellucci mit "Natura e origine della mente" (nach dem gleichnamigen II. Buch der Ethik von Spinoza) gibt es beim FIND 2016 auch viele Neuentdeckungen - hier eine Auswahl an Produktionen, die besonders spannen klingen:

Dead Centre, die in Großbritannien bereits gefeiert werden, ist mit zwei Produktionen dabei: "Chekhov’s First Play" erzählt auf der Folie von "Platonov" von der Absurdität allen Seins. In "LIPPY" geht es um den rätselhaften Selbstmord vierer Frauen, die sich 2000 in ihrem Haus verbarrikadierten und 40 Tage zu Tode hungerten. Jegliche Hinweise fehlten. Ein Lippenleser versucht die Rekonstruktion ihrer letzten Gespräche und legt ihnen Worte in den Mund, die sie vielleicht nie sagten.

»LIPPY« von Dead Centre, Regie: Ben Kidd/Bush Moukarzel (Foto: Jeremy Abrahams)


Ahmed El Attar wurde mit "The Last Supper" eingeladen: Elf Figuren treffen während eines Abenessens aufeinander und formieren ein Tableau der ägyptischen Gesellschaft nach dem Sturz Mubaraks.

»The Last Supper« von Ahmed El Attar, Regie: Ahmed El Attar (Foto: Mostafa Abdel Aty)
 

Die Autorin, Regisseurin und Perfomerin Sanja Mitrović, die in Serbien geboren wurde und in Brüssel und Amsterdam lebt ist mit zwei Arbeiten vertreten: "Do You Still Love Me?" bringt zwei nur scheinbar meilenweit voneinander entfernte Welten zusammen: Fußball und Theater. In "SPEAK!" steht Mitrović selbst auf der Bühne, zusammen mit dem flämischen Performer Jorre Vandenbussche. In einem Kopf-an-Kopf-Duell hinterfragen die beiden die Verführungskraft von politischer Rhetorik. Das Publikum ist der Richter in diesem rhetorischen Zweikampf. Sanja Mitrović ist übrigens ebenfalls in Milo Raus "The Dark Ages" zu sehen.

»SPEAK!« von Sanja Mitrović, Regie: Sanja Mitrović (Foto: Bea Borgers)


Der schwedische Regisseur Marcus Lindeen zeigt uns in "Wild Minds" eine imaginäre Therapiegruppe, in der die Performer Texte sprechen, die auf Interviews mit vier echten Tagträumern aus New York basieren. Es geht dabei um "Maladaptives Tagträumen", eine psychologische Störung, bei der Menschen sich so sehr in ihre Phantasiewelt hineinsteigern, dass sie ihr Leben völlig dominiert.

»Wild Minds« von Marcus Lindeen, Regie: Marcus Lindeen (Foto: Helena Tossavainen)
 

Auch ein musikalischer Abend von und mit Patrick Wengenroth steht an: Die Lieder von Udo Jürgens sind seit Jahren ein Bestandteil der Theaterarbeit des Regisseur. In "Mein Jahr ohne Udo Jürgens" nimmt er uns zusammen mit dem Schauspieler Thomas Thieme und dem Musiker Matze Kloppe mit auf eine Reise in die ebenso unterhaltsame wie tiefsinnige Auseinandersetzung des Autors Andreas Maier mit dem Phänomen Udo Jürgens.

Und wie immer finde im Rahmen ds FIND auch eine Premiere statt: Armin Petras’ Adaption von Frank Witzels Roman "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969". Der Roman wurde 2015 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.

Zum sechsten Mal ist das Festival begleitet von FIND plus, dem Workshop-Programm für internationale Theaterstudierende. Gastland ist in diesem Jahr die Türkei.

Ein genauer Blick in das Programm des FIND lohnt sich, denn es finden auch Diskussionsrunden und Publikumsgspräche statt.

Gefeiert wird natürlich auch: am 16. April findet die große FIND Abschlussparty statt (mit einem Ticket des selben Tages ist der Eintritt frei).

Das FIND wird gefördert durch die Lottostiftung Berlin.

Tickets gibt es hier und an der Abendkasse. 

10. Februar 2016

"Was soll das Theater?" - Symposium in der Akademie der Künste

Am 24. Januar lud Ulrich Matthes, Direktor der Sektion Darstellende Kunst der Akademie der Künste, zu einer Diskussion über das gegenwärtige Theaterverständnis.

Ausgehend von der Bemerkung eines Freundes "Ich gehe nicht mehr ins Theater" und den damit verbundenen Zweifeln an der Bedeutung des Theaters wollte Matthes mit Menschen aus dem Theater (Schauspieler/innen, Kritiker/innen, Autoren, Theaterleitern u.a.) in vier Runden darüber sprechen, in welcher Situation sich das deutschsprachige Theater aktuell befindet.


Runde 1: Hat das Theater einen Auftrag?

Teilnehmer/innen Runde 1:
Burkhard C. Kosminski, Intendant Nationaltheater Mannheim
Dr. Peter Kurz, Oberbürgermeister der Stadt Mannheim
Wilfried Schulz, Intendant Staatsschauspiel Dresden
Hortensia Völckers, Künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes

Moderator Runde 1:
Jürgen Berger, Autor und Theaterkritiker (u.a. Süddeutsche Zeitung)

Zusammenfassung/Standpunkte Runde 1:
Kurz sieht den Auftrag des Theaters in der Vermittlung von Kunst.

Schulz hingegen möchte die Frage anders formulieren: Hat der Künstler ein Anliegen? Einen Auftrag gebe es nicht, denn in Dresden müsse sich jeder „halbwegs anständige Mensch“ überlegen, was er in der gegenwärtigen Situation tun möchte, so sei die Reaktion der Theaterschaffenden zu erklären. Es sei das Bedürfnis der Künstler etwas sagen zu wollen, nicht weil es Auftrag, sondern Anliegen sei. Man müsse sich verhalten und habe da auch keine andere Wahl. Ein Auftrag werde eher von Pegida unterstellt (Unterstellung die Regierung habe das Theater „beauftragt“), dabei gibt es natürlich keinen Auftrag Pegida „umzudrehen“. Schulz sagt „Wir wollen liberale Identität in Dresden sichtbar machen.“ Durch die aktuelle politische Situation entstehen in der Arbeit ästhetische Lösungen. Da sei der Kern des Theaters.

Kosminski sieht den Auftrag darin, die Stadt zu spiegeln, Theater sei die einzige soziale Kunst. Er erklärt, dass Flüchtlinge, mit denen im Theater gearbeitet wird, bezahlt werden müssen, da es sich sonst um Ausbeutung handeln würde. In Mannheim werden daher Bildungsgutscheine ausgegeben, da eine Bezahlung nicht erlaubt ist. Ein positiver Aspekt sei, dass die Flüchtlinge mit ihren Familien wieder ins Theater kommen.

Hortensia Völckers will nicht über Berlin reden und meint: "Theater muss einfach gut sein. Und wenn's politisch ist - wunderbar."


Runde 2: Authentizität vs. Schauspielkunst

Teilnehmer/innen Runde 2:

Prof. Dr. Wolfgang Engler, Rektor der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Berlin
Johanna Freiburg, Performerin & Mitglied der Gruppen Gob Squad und She She Pop
Ernest Allan Hausmann, Schauspieler (Thalia Theater Hamburg)
Ulrich Matthes, Schauspieler (Deutsches Theater Berlin)

Moderator Runde 2:
Georg Kasch, Theaterkritiker und Redakteur bei nachtkritik.de


Zusammenfassung/Standpunkte Runde 2:
Johanna Freiburg erklärt, dass sie Performance Art macht, nicht Schauspielkunst. Sie sieht sich eher als Konzeptkünstlerin und findet die Abgrenzung zum Schauspiel schwierig, da die Formen fließend geworden seien.

Professor Engler erwähnt, dass Können wichtig sei. Authentizität sei zwar positiv belegt, während Verstellung negativ belegt sei (oder als unglaubwürdig angesehen), dabei sei dies das Können des Schauspielers/der Schauspielerin. "Kunst" sei als Begriff zu unrecht verstaubt.

Matthes findet, dass beides möglich sei: Er selbst sei der Kunst des Verwandelns zugetan und gleichzeitig ein Fan des Dokumentartheaters. Ein Beispiel: SheShe Pop und Castorf haben jeweils eine ganz eigene Spielweise und beides habe seine Daseinsberechtigung. Die Kunst des Schauspielens kann man lernen und lehren, hierbei sei aber auch die Begabung wichtig.

Wie Matthes erklärt auch Hausmann, dass er sich in der Rolle nicht verwandelt, sondern sie spielt - die "Verabredung" mit den Kollegen.

Matthes stellt folgende Überlegung an: als Gert Voss unter der Regie von George Tabori "Othello" spielte (1990), stellte er die Figur in einer Weise dar, die heute sicher nicht mehr erlaubt wäre ("der edle Wilde"). Würde die Rolle heute so inszeniert werden und die vermeintlich "schwarzen Eigenschaften" derart dargestellt werden, wäre die Empörung groß (siehe: Blackfacing), aber damals galt dies als große Schauspielkunst. Hausmann meint dazu, dass es sich um die Tradition des Ausschlusses handele. Im übrigen repräsentieren deutsche Schauspielensembles nicht den Durchschnitt der Gesellschaft, People of Colour würden weitestgehend im Ensemble fehlen.

Professor Engler tut im Zusammenhang damit sein Erstaunen und seine Empörung darüber kund, dass Schauspielschüler/innen bestimmte Texte nicht mehr sprechen wollen, da sie sie z.B. sexistisch finden (z.B. von Heiner Müller). Drauf gäbe es zwei Reaktionen: 1. Dann muss es jemand anderes machen. 2. Die Frage, ob die Schüler/innen dann hier richtig seien.

Ulrich Matthes kann das verstehen, da es der Beruf des Schauspielers sei und eine Verpflichtung zur Rolle gebe. Er appelliert im übrigen daran, dass Schauspieler/innen nicht zu sehr in Schubladen gesteckt werden sollen.


Runde 3: Welche Rolle spielt die Kritik?

Teilnehmer/innen Runde 3:
Jürgen Berger, Autor und Theaterkritiker (u.a. Süddeutsche Zeitung)
Georg Kasch, Theaterkritiker und Redakteur bei nachtkritik.de
Christine Wahl, Theaterkritikerin u.a. bei Der Tagesspiegel

Moderatorin Runde 3:
Petra Kohse, Theaterwissenschaftlerin und Autorin

Zusammenfassung/Standpunkte Runde 3:
Die Kritiker/innen erklären in erster Linie , was sie unter Theaterkritik verstehen und welche Formen es gibt. Es wird dabei Print vs. Online und Frühkritik vs. Radio erläutert. Blogger/innen sind seit einiger Zeit hinzugekommen, können aber nach Meinung der Diskutant/innen gelernte Kritiker/innen nicht ersetzen.

Georg Kasch erläutert auch, dass sich die Form des Textes gar nicht von dem der Zeitungskritik unterscheide, nur die Möglichkeit des Verlinkens sei neu.

Er erklärt, dass die Kommentator/innen bei Nachtkritik oft schneller sind als die Kolleg/innen der Printmedien. Festgestellt wird auch, dass das "Online-Bashing" zugenommen hat (Anmerkung der Autorin: und es oft gar nicht mehr um die Inszenierung geht, sondern nur noch darum sich gegenseitig zu beschuldigen), da sich die Kommentator/innen im Schutz der Anonymität bewegen.

Danach gefragt, ob Kritiker/innen dazu neigen, bestimmte Regisseure oft und damit gerne zu besprechen und die Kritik damit eher positiv ausfällt, erwähnt Christine Wahl, dass sie z.B. Frank Castorf oder Milo Rau gerne bespricht, weil diese eine bestimmte Neigung (oder Landkarte) haben, aber kein Problem damit habe, auch negative Kritiken zu schreiben.

Für Kasch sind paritzipative Formen wie MEAT im Rahmen des F.I.N.D. 2014 an der Schaubühne eine große Herausforderung.

Wahl sieht Kritik auch als Exegese: Kritiker/innen kennen die Texte und deren Inszenierungen, sie schauen dann, was der/die Regisseurin oder Schauspieler/in daraus gemacht hat.

Petra Kohse verweist auf Bernd Stegemann: Beim postdramatischen Theater entzieht sich dem Publikum der Bezugspunkt.

Berger erklärt, dass die Nähe zu einem Theater manchmal so groß sei oder die Sympathie zum einem/r Regisseur/in, dass er im Theater anruft, um vorzubereiten, wenn die Kritik negativ ausfällt. 


Runde 4: Wieviel Literatur braucht das Theater?

Teilnehmer/innen Runde 4:
Björn Bicker, Autor Regisseur, Dramaturg
Friederike Emmerling, Lektorin beim S. Fischer Verlag
Prof. Ulrich Khoun, Intendant Deutsches Theater Berlin

Moderatorin Runde 4:
Christine Wahl, Theaterkritikerin u.a. bei Der Tagesspiegel

Zusammenfassung/Standpunkte Runde 4:
Schauspieler/innen haben keine Probleme mit komplexen Texten und neuen Textformen.

Die Sprachkraft wie z.B. bei Pollesch ist sehr kunstvoll. 

In einer abschließenden Diskussionsrunde mit dem Publikum gibt es eine Wortmeldung einer jungen Zuschauerin: Ihr sei aufgefallen, dass keine jungen Theaterschaffenden aufs Podium geladen worden sein. Wenn es aber im Rahmen der Veranstaltung um das aktuelle Theaterverständnis ginge, muss es doch auch die Möglichkeit geben, die jungen Vertreter/innen dazu zu hören (Anmerkung der Autorin: zumal in den Diskussionsrunden in verschiedenen Zusammenhängen immer wieder gesagt wurde, dass es so tolle junge Regieassistent/innen gäbe). Matthes begründet dies damit, dass er hier zu einem so komplexen Thema gerne erfahrene Theaterleute dabei haben wollte und bleibt damit eine richtige Antwort schuldig.

24. Mai 2011

tt11: Das wars... leider!


Kaum ist man so richtig in Theatertreffen-Stimmung, ist es auch schon wieder vorbei. Und jetzt heißt es leider wieder 50 Wochen warten bis zum nächsten. Das tt12 wird unter einer neuen Intendanz und neuer Direktion stattfinden. Wir dürfen gespannt sein, welche Neuerungen das bringt, welche Inszenierungen eingeladen werden und wie das Publikum und die Presse darauf reagieren.

Am vorletzten Tag, Sonntag, wurde - wie immer zum Abschluss - der Alfred Kerr Darstellerpreis verliehen. Jurorin Eva Mattes lobt die Leistung von Lina Beckmann in Das Werk/Im Bus/Ein Sturz und im Kirschgarten.

Direkt danach gabs die Abschlussdiskussion, in der sich die Jury den kritischen Fragen des Publikums stellen musste. Die Frage, die viele bewegete: Warum zwei Inszenierungen von Herbert Fritsch (Der Biberpelz und Nora) eingeladen wurden. Eine befriedigende Antwort gab es von der Jury leider nicht. Dafür Begründungen, warum bestimmte Produktionen nicht eingeladen wurden. Aber das kann ja auch interessant sein. Etwas ärgerlich waren einige Wortmeldungen aus dem Publikum, bei denen es schlicht darum ging, jetzt auch noch mal zu sagen, welches Stück man langweilig fand und welches einen nicht berührt habe. Nach der xten Wortmeldung dieser Art, war das dann doch etwas einseitig. Vor allem, weil die Kritisierenden kaum deutlich machten, was sie denn nun anders oder besser machen würden und welches denn die Kriterien für die Auswahl sein sollen. Wie so oft lief das dann mal wieder auf die Frage hinaus, welchen Sinn das Theatertreffen erfüllen soll. Dies zu beantworten ist m.E. unmöglich, denn da gibt es unzählige Ansichten und einen Konsens wird man hier schwer finden können.

Das Theatertreffen hat mir in diesem Jahr viel Spaß und mich um einige Theatererkenntnisse reicher gemacht. Aber ein Wermutstropfen bleibt wie immer: Als normal arbeitender und durchschnittlich verdienender Mensch, kann man es sich zeitlich und finanziell kaum leisten, alle eingeladenen Inszenierungen zu sehen. Schade! Man hat doch immer das Gefühl, etwas wichtiges verpasst zu haben und nicht überall mitreden zu können. Zwei Wochen Urlaub im Mai nächsten Jahres wären vielleicht eine Lösung. Und ich nehme mir mal wieder vor, jetzt schon mit dem Sparen für die Tickets anzufangen.

Um das Theatertreffen bis zur letzten Minute auskosten zu können, bin ich am späten Abend noch zum Konzert von Lisa Bassenge im Foyer der Berliner Festspiele gegangen. Was für eine herrliche Stimmung: Die Euphorie des (fast) letzten Abends. Überall wuseln die Schauspieler von Via Intolleranza II und andere bekannte Gesichter herum und im Garten tummeln sich die Theaterfans trotz Regens rund um das obligatorische Lagerfeuer.

Aber irgendwann muss dann auch mal Schluss sein. Also schnell raus aus dem Festspielhaus, nicht mehr rumdrehen, sonst wird man wehmütig, und sich aufs nächste Jahr freuen!

PS. Das Blogger/innen-Team hat dieses Jahr eine tolle Arbeit gemacht. Der tt11-Blog war in den letzten drei Wochen meine Haupt- und Lieblingslektüre. Weiter so und vielen Dank!

PPS. Das Logo des tt1 war genial! Besonders der Überraschungsefekt, wenn man es umdreht. Super Idee!

Bild: © Berliner Festspiele