8. September 2015

Atemberaubende Akrobatik in "THE GHOSTS" von Constanza Macras

Luft anhalten! Hoffen, dass nichts schiefgeht. Sich einfach nur wundern, dass ein 15jähriges Mädchen (und ihre etwas älteren Geschwister) das schaffen, ohne sich (oder das Publikum) zu verletzen. Was als "harmlose" Akrobatik-Nummer anfängt, entpuppt sich schnell als äußerst anspruchsvolle Darbietung. Jonglieren nicht nur mit Tellern, sondern auch mit Tischen und lebenden Menschen. Dazu kommen Constanza Macras Tänzer/innen. Der Text dazu: Wie ist das in China mit der Geburtenregulierung? Wer nur (sic!) ein Mädchen bekommt, muss weitere Kinder bekommen. Da die Familie die Kinder aber nicht versorgen kann, werden sie schnell auf die Akrobatik-Schule geschickt. Das Geld fehlt eben. Dazu: Die Geschichte des Onkels, der die drei jungen Artistinnen trainiert. Schön in Kombination mit den Tänzern von Macras, schön auch, wie sich beide Bewegungsarten kombinieren lassen, ineinander übergehen und harmonieren. In THE GHOSTS geht es auch um historische, kulturelle und philosophische Aspekte in China. Der Titel ist angelehnt an die chinesische Geistermythologie.
Ein Abend, dessen Bilder einem nicht so schnell aus dem Kopf gehen.


Nur eins von vielen schönen Bildern an diesem Abend.
Juliana Neves, Xiaorui Pan, Huanhuan Zhang, Huimin Zhang, Daisy Phillips (Foto: Thomas Aurin)

Infos und Trailer auf der Seite der Schaubühne.

Regie und Choreographie: Constanza Macras   
Bühne: Janina Audick
Kostüme: Allie Saunders
Musik: Chico Mello in Kollaboration mit Wu Wei, Jiannan Chen, Fernanda Farah und Yi Liu
Sound: Stephan Wöhrmann   
Dramaturgie: Carmen Mehnert   
Licht: Sergio de Carvalho Pessanha   
Video- & Photodesign: Manuel Osterholt   

Von und mit: Emil Bordás, Jiannan Chen, Fernanda Farah, Lu Ge, Yi Liu, Chico Mello, Juliana Neves, Xiaorui Pan, Daisy Phillips, Wu Wei, Huanhuan Zhang, Huimin Zhang 

Eine Produktion von Constanza Macras | DorkyPark und Goethe-Institut China in Koproduktion mit Tanz im August, Schaubühne am Lehniner Platz, CSS Teatro stabile di innovazione del FVG, Udine und dem Guangdong Dance Festival. Gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds, den Regierenden Bürgermeister von Berlin – Senatskanzlei – Kulturelle Angelegenheiten und durch die Kulturverwaltung des Landes Berlin. Mit freundlicher Unterstützung vom Garden Hotel, Guangzhou.

Dauer: ca. 100 Minuten

7. September 2015

Max Penthollow schreibt mir // Kapitel 3: Unser großes kleines Leben (Gedanken zu "Stück Plastik" an der Schaubühne)

Max Penthollow schreibt mir...

Liebe Maren,

hier ist mein Text zu „Stück Plastik“ von Marius von Mayenburg:

Stück Plastik – von Marius von Mayenburg -  Schaubühne Berlin – Premiere am 25. April 2015

Gestresste junge Familie aus Kunsthistorikerin, Arzt und pubertierendem Jungen bekommt Rettung in der Not von empathischer singender junger Haushaltshilfe und Putzkraft Jessica. Jessica wird irgendwie Bestandteil des Familien-Systems, irgendwie aber auch doch nicht so ganz richtig.

Konzeptkünstler und Arbeitgeber der Ehefrau, Serge, findet Jessica hübsch und cool, spannt sie den jungen Leuten aus und will sie als Putzfrau als Bestandteil seines Kunst-Installations-Projekts einsetzen.

Wunderbare Videoarbeit, teilweise vom Mobiltelefon aus, allerfeinste Globe-Theater-Bühne. Haushaltshilfe Jessica (Jenny König) singt wunderschön, und zwar nicht an der Rampe, sondern irgendwo während sie putzt und arbeitet oder duscht (aus dem Off backstage), sie singt alles und immer live.

Besondere Perle des Dramaturgischen: eine ganz kleine beiläufige Andeutung aus der ersten Hälfte des Stücks kommt als Motiv schließlich wieder und besiegelt den Schluss in einem finalen Furioso.

Liebevolle Zitate, Querverweise und Hommagen an Luis Bunuel und Alfred Hitchcock.

Marius von Mayenburg at his very best!

Er sagt etwa (im Publikumsgespräch auf der Bühne nach der Aufführung am 8. Juni 2015) „wenn man Stücke schreibt, die dann andere Leute inszenieren sollen, dann ist das wie so eine Art Bewerbung.“

So hat er es nun selbst in die Hand genommen und sein eigenes Stück Plastik als Regisseur in Szene gesetzt.

Marius von Mayenburg erweist sich aus meiner Sicht wieder und einmal mehr als Meister des Savoir Faire nach Inszenierungen wie z.B. seiner eigenen Stücke „Perplex“ und „Märtyrer“ oder Shakespeares „Viel Lärm um Nichts“ und nach seinen fabelhaften Shakespeare-Übersetzungen (z.B. „Hamlet“, „Othello“, „Maß für Maß“, „Viel Lärm um Nichts“, „Richard III“).

Wunderbares Stück, tolle Inszenierung und Regie, beste Besetzung, wunderbares Spiel der Darsteller/innen, lustvolle Songs, große Show.

Die Essenz, das eigentliche Thema: unser großes und kleines Leben.

Stück Plastik reflektiert das, was die Menschen da eben machen auf der Bühne. Es ist unser Leben, unsere Zeit, unsere kleine Welt. Die Menschen auf der Bühne, das sind wir, und das, was sie machen ist das, was wir machen. Komödie, auch ein bisschen traurig und nachdenklich. Wir dürfen richtig lachen. Wir lachen über uns selbst.

Allerfeinst!

Liebe Grüße

Max

Jenny König als Jessica mit Marie Burchard, Sebastian Schwarz, Robert Beyer (Foto: Arno Declair)

Infos zur Inszenierung auf der Seite der Schaubühne.

Pearsons's Preview zum Stück hier.

Mein (Marens) Bericht dazu hier. 

Regie: Marius von Mayenburg  
Bühne und Kostüme: Nina Wetzel  
Musik: Matthias Grübel  
Video: Sébastien Dupouey  
Dramaturgie: Maja Zade  
Licht: Erich Schneider  

Ulrike: Marie Burchard  
Michael: Robert Beyer  
Vincent: Laurenz Laufenberg  
Serge Haulupa: Sebastian Schwarz  
Jessica Schmitt: Jenny König

Premiere im Rahmen des F.I.N.D. 2015

28. August 2015

Max Penthollow schreibt mir // Kapitel 2: Kurzzusammenfassungen und Bewertungen zum "Hamlet" der Schaubühne und "Rigoletto" der Komischen Oper


Max Penthollow schreibt mir...

Liebe Maren,

hier ist meine eigene Zusammenfassung und Bewertung zu

Hamlet - Shakespeare – Schaubühne Berlin - Premiere 2008

Hamlet, Kronprinz von Dänemark, hat jede Menge Schwierigkeiten mit seiner königlichen Familie und mit der Familie seiner Freundin Ophelia, sucht Zuflucht im Wahnsinn und steht schwere Zeiten und Krisen durch. Am Ende des Stücks sind alle Vertreter der beiden Familien tot, einschließlich Hamlet und Ophelia.
Höchst kurzweilige skurril-heitere Show mit Slapstick als darstellerischem Leitmotiv der Inszenierung, was die Tragik und die Bitterkeit der erzählten Geschichte besonders drastisch verdeutlicht.

165 Minuten ohne Pause. Grandioses Intro. Beste Besetzung. Superb.

Regie: Thomas Ostermeier   
Bühne: Jan Pappelbaum   
Kostüme: Nina Wetzel   
Musik: Nils Ostendorf   
Dramaturgie: Marius von Mayenburg   
Video: Sébastien Dupouey   
Licht: Erich Schneider   
Kampfchoreographie: René Lay   

Claudius; Geist: Urs Jucker   
Hamlet: Lars Eidinger   
Gertrud; Ophelia: Jenny König   
Polonius; Osrik: Robert Beyer   
Horatio; Güldenstern: Sebastian Schwarz   
Laertes; Rosenkranz: Franz Hartwig

Infos zur Inszenierung auf der Seite der Schaubühne.


Rigoletto - Komische Oper Berlin – Premiere 2009


Rigoletto will aus Rache für die Verführung seiner Tochter deren  Verführer umbringen lassen. Bei dem Mordkomplott wird aber seine Tochter statt ihres Verführers Opfer des Anschlags und stirbt.

Rigoletto hat mit seiner Tochter seinen Lebensinhalt, sein Ein und Alles verloren.


--------------------------------------
Edit vom 11.9.2015 - Ergänzung:
Zynisch, finster, hoffnungslos und schockierend. Verdi haut sein Publikum in die Pfanne. Superb.

Aus meiner Sicht wunderbar inszeniert, gesungen und gespielt.
--------------------------------------

2 Stunden (ohne Pause)

Musikalische Leitung: Henrik Nánási
Inszenierung: Barrie Kosky
Bühnenbild und Kostüme: Alice Babidge
Dramaturgie: Ingo Gerlach
Chöre: David Cavelius
Licht: Franck Evin

Il Duca Di Mantova: Rafael Rojas
Rigoletto: Alejandro Marco-Buhrmester
Gilda: Nicole Chevalier
Sparafucile / Monterone: Alexey Antonov
Der Graf von Ceprano / Gerichtsdiener: Yakov Strizhak
La Contessa Di Ceprano / Maddalena / Giovanna / Paggio: Fredrika Brillembourg
Marullo: Nikola Ivanov
Borsa: Johannes Dunz

Infos zur Inszenierung auf der Seite der Komischen Oper.


Allerliebst

Max

8. August 2015

"Dritte Generation" von Yael Ronen & Company (Schaubühne)

Zehn israelische, palästinensische und deutsche Schauspieler/innen der dritten Generation nach dem Holocaust und der Nakba (Flucht und Vertreibung von 700.000 arabischen Palästinensern aus Palästina im Mai 1948) konfrontieren sich mit Vorurteilen, Erinnerungen (den eigenen und denen der Eltern und Großeltern) und Familiengeschichten. Klar führt das zu Konflikten und Streit und der Zuschauer weiß manchmal nicht so genau, ob das jetzt noch Spiel ist oder ernst. Hier ist viel Wut zu sehen. Und es werden viele Fragen gestellt. Für oder gegen was soll man demonstrieren? Wer ist wem was schuldig? Ist es langsam mal genug mit den Schuldgefühlen? Verstehen wir - die dritte Generation - überhaupt was damals passiert ist, was das heute passiert? "Don't compare" - der Monolg einer Israelin, der Vergleiche zwischen Holocaust und Nakba ad absurdum führt. Die Selbstironie, mit der die Schauspieler/innen der Schaubühne und des Habima National Theatre of Israel das alles auf die Bühne bringen ist vielleicht erst in der dritten Generation erlaubt und möglich. Oder auch nicht.

Das Stück wird in Deutsch, Englisch, Hebräisch und Arabisch mit deutschen und englischen Übertiteln gespielt.


Eine Koproduktion der Schaubühne mit dem Habima National Theatre of Israel und der Ruhrtriennale 2009 im Auftrag von Theater der Welt 2008 Halle, mit Unterstützung der Kulturstiftung des Bundes und des Goethe-Instituts.

Autorin: Yael Ronen & the Company
Regie: Yael Ronen   
Dramaturgie: Amit Epstein, Irina Szodruch   
Fotograf: Erez Galonska
Video: Arik Avigdor

Mit: Knut Berger, Niels Bormann, Karsten Dahlem/Matthias Matschke, Ishay Golan/Roi Miller, George Iskandar, Orit Nahmias, Rawda Slimann, Ayelet Robinson/Riki Blich/Tamar Ben-Ami, Judith Strößenreuter/Cathlen Gawlich, Yousef Sweid/Loai Noufi

Dauer: ca. 105 Minuten

Einen Trailer zum Stück gibt es hier zu sehen.

30. Juli 2015

Pari Dukovic fotografiert die Imagekampagne der Schaubühne

"Der New Yorker Fotograf Pari Dukovic hat das Ensemble der Schaubühne für die Imagekampagne der Spielzeit 2015/16 portraitiert. Nach Juergen Teller und Ute Mahler und Werner Mahler setzt das Theater damit die Zusammenarbeit mit bedeutenden zeitgenössischen Fotografen fort, die sich künstlerisch mit dem Ensemble der Schaubühne auseinandersetzen."
(Auszug aus der Pressemitteilung der Schaubühne am Lehniner Platz e.V. vom 1.7.2015)
Die gesamte Pressemitteilung hier.

Die Fotos von Pari Dukovic sind ab sofort auf der Website sowie den Werbemitteln (Leporello, Zeitung, Plakate, Postkarten) der Schaubühne zu sehen.

14. Juli 2015

Rückblick Juni: Viel Dreck und viel Nebel

06.06.15 - PREMIERE Nachtasyl (Maxim Gorki // Regie: Michael Thalheimer // Schaubühne)
Diese Inszenierung ist eine Riesenanstrengung für die Schauspieler. In Gorkis Stück geht es um Menschen die "Ganz unten" (alternativer Titel des Stückes) gelandet sind. Folglich sieht auch das Bühnenbild von Olaf Altmann aus wie eine Kanalisation. Hier ist kein Auftritt oder Abgehen möglich. Die 13 Schauspieler rutschen von oben auf die Bühne und müssen sich wieder nach oben ziehen, wenn sie die Szene verlassen. Der Dreck, der immer mehr wird, tut sein übriges. Diese letzte Inszenierung der Spielzeit ist gleichzeitig auch die erste für die neuen Ensemble-Mitglieder Peter Moltzen, Lise Risom Olsen und Alina Stiegler.

10.06.15 - Iwanow (Anton Tschechow // Regie: Dimiter Gotscheff // Volksbühne)
Diese Dernière war sehr besonders und bewegend. Vor allem als die Schauspieler während des Schlussapplauses Grüße gen Himmel schickten, um somit noch einmal dem verstorbenen Dimiter Gotschef ihre Dankbarkeit zu zeigen. Herausragend: Milan Peschel. Und wie immer das Duo Samuel Finzi und Wolfram Koch. Das Bühnenbild von Katrin Brack besteht aus einer leeren Bühne, alle "Räume" werden durch den aus dem Boden kommenden Nebel geschaffen - die Bühnenbildnerin bekam dafür den FAUST-Theaterpreis 2006 in der Kategorie Ausstattung. Die Inszenierung wurde 2006 zum Theatertreffen eingeladen.

20.06.15 - We are golden (Eva Meckbach // Schaubühne)
Zum Dritten! Leider ist diese auch die letzte Ausgabe von Eva Meckbachs Liederabend. Diesmal war ich mit vier Freund/innen da, die noch nie zuvor in der Schaubühne waren, aber nach diesem Abend ganz sicher noch öfter hier her kommen wollen. Eva Meckbach kündigt an bzw. wünscht sich in der kommenden Spielzeit weitere Liederabende zu machen, mit einem neuen Programm. Das hoffen wir sehr, denn in finde, jeder muss sie einmal im Leben gehört haben.

27.06.2015 - Happy Endings (Ein Startup-Projekt der Polyrealisten // Schaubühne)
Die letzte Premiere der Spielzeit kommt von den Polyrealisten und sie fragen: Welchen Herzenswunsch wollten Sie sich schon immer einmal erfüllen? Finden Sie Zeit, sich Ihren Träumen zu widmen? Wie oft haben Sie schon aufgegeben oder haben gar nicht erst angefangen? In ihrem Stück über Aufstieg, Scheitern und Doch-Nicht-Ganz-Scheitern geht es auch darum, ob man seine eigenen Träume begraben muss, wenn einfach das Geld fehlt, um eine Idee umsetzen zu können. Und darum, dass es vielleicht doch einen Weg gibt, auch wenn die finanziellen Mittel nicht zur Verfügung stehen.

12. Juni 2015

Rückblick Mai 2015: Geld, Macht, Körper...Beziehungen

Nun hatte ich im April durch das F.I.N.D. schon einen sehr intensiven Theatermonat,  aber der Mai übertrifft das tatsächlich noch mal. Insgesamt zehn mal war ich im Publikum der Schaubühne, Volksbühne, Sophiensäle, Berliner Feststpiele und des Deutschen Theaters. Dazu gabs eine Veranstaltung der Freunde der Schaubühne.

01.05.15 - Richard III (William Shakespeare // Regie: Thomas Ostermeier // Schaubühne)
Revisited! Im "Globe" habe ich Lars Eidinger als Richard III zum zweiten mal nach der Premiere gesehen. Wie erwartet, entwickelt er die Rolle weiter und improvisiert mehr. Was ich besonders am Globe mag, ist die familiäre Atmosphäre. Dadurch, dass man im Halbrund fast alle Zuschauer der unteren Ränge sehen kann, wird das Gefühl des gemeinsamen Erlebens eines Theaterabends verstärkt.

02.05.15 - I can be your hero baby (Performancegruppe Henrike Iglesias // Sophiensäle)
Textpassagen aus Germany's Next Topmodel werden Interviews mit Prostituierten gegenübergegestellt. Was damit ausgesagt werden soll, ist klar und keine neue Erkenntnis. Dazu kommen Zitate von bekannnten Feministinnen (Judith Butler, Laurie Penny u.a.). Auch das ist logisch und absehbar. Trotzdem macht der Abend in den Sophiensälen Freude und ich finde es erneut bedauerlich, dass hier die Stücke immer nur wenige Male gezeigt werden. Mit vielen Ideen und viel Mut der Darstellerinnen ist ein Stück entstanden, das hoffentlich noch viele (dann eben in anderen Städten) ansehen werden.

04.05.15 - Freunde treffen Künstler: Felix Römer (Freunde der Schaubühne)
Siehe Blogbeitrag vom 9.6.2015 zu dieser Veranstaltung!

05.05.15 - Von einem der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte (Oper von Dirk von Lowtzow und René Pollesch // Volksbühne)
Mit dem Stück hat der Titel nichts zu tun. Das Wortspiel ist aber trotzdem lustig. Dass Pollesch und von Lowtzow, die schon lange befreundet sind, nun endlich in einem gemeinsamen Stück zusammengefunden haben, ist eine Freude. Bei der Oper, die der Kopf von Tocotronic komponiert hat, handelt es sich um Pop, eingespielt vom Filmochester Babelsberg. Im Text ist viel vom typischen Pollesch-Diskurs zu finden. Auch bei den Schauspielern bekannte Gesichter: Martin Wuttke und Lilith Stangenberg (deren Singstimme übrigens viel angenehmer als die Sprechstimme ist). Dazu kommt ein Kinderchor, mit dem die Schauspielerin singen darf. Wer Tocotronic mag und Pollesch liebt, ist hier im richtigen Stück!

10.05.15 - Theaterpreisverleihung an Corinna Harfouch (tt15 // Berliner Festspiele)
Kolleg/innen erweisen Corinna Harfouch ihre Ehre: Mit Texten, Lieder und Reden. Besonders bewegend ist Meike Drostes Totenlied mit Akordeonbegleitung aus "Idomeneus", das sich C.H. gewünscht hat. Sie will damit an Jürgen Gosch erinnern. Corinna Harfouch beschließt nach dem üblichen Reden-Marathon der Theaterpreisverleihung, ihre Rede nicht zu halten. 

14.05.15    Vorpremiere Bella Figura (Yasmina Reza // Regie: Thomas Ostermeier // Schaubühne)
16.05.15    PREMIERE Bella Figura (Uraufführung)
Yasmina Reza hat das Stück den Schaubühnen Schauspieler/innen auf den Leib geschrieben. Schon lange bestand seitens der erfolgreichsten Dramatikerin der Gegenwart der Wunsch, eines ihrer Stücke von Thomas Ostermeier inszenieren zu lassen. Verwendet hat sie bekannte "Zutaten": Zwei Paare (Nina Hoss und Mark Waschke, Stephanie Eidt und Renato Schuch), die aufeinander treffen und die sich mit ihren Problemen immer weiter in Diskussionen verwickeln, so dass die Probleme zum Vorschein kommen. Die Fassaden aus schicken Designerklamotten im Yuppi-Restaurant bröckeln schnell. Dazu kommt die verschrobene Mutter des einen Mannes (großartig Lore Stefanek!). Erwähnenswert, weil perfekt ausgewählt: Die Kostüme von Florence von Gerkan.

22.05.15 - Wengenroths Autorenklub - Ausgabe Neun: Maxim Gorki (Schaubühne)
Mit Robert Beyer, Laurenz Laufenberg, Sebastian Schwarz. Musik: Matze Kloppe
Für mich der bisher beste Autorenklub. Diesmal findet er wieder im "Globe" statt und es gibt Wodka, der auch mal umgetreten und verschüttet wird. Es wird zwischendurch kräftig nachgeschenkt - allerdings teilweise auch Wasser (man weiß es erst beim Probieren) - da die Gläser schnell vom Publikum geleert werden. Ob Sebastian Schwarz (als Anton Tschechow) auch Wodka und wenn ja, wie viel getrunken hat, ist unklar. Bei einem Schauspieler weiß man halt nie so genau, ob's vielleicht gespielt ist. Laurenz Laufenberg tritt als Wolfgang Joop auf und hat, sich wie ich finde den Habitus des Designers ziemlich gut abgeschaut. Die große schlanke Erscheinung passt dazu. Alle drei Schauspieler spielen die erste Szene aus "Nachtasyl" mit dreimaliger Wiederholung und bauen dabei noch eine Spitze gegen Lars Eidinger ein (Was bleibt, wenn alle anderen Hamlet spielen? Schau, die Wolken von Sülz Maria!").
In der Spielzeitzeitung wird ein Resümee gezogen. Es ist u.a. zu lesen, dass neben 14 Ensemblemitgliedern und 13 Gästen, 54 Kostüme zu sehen waren, Texte aus 140 Büchern vorgetragen wurden, 5 Flaschen Whiskey, 4 Flaschen Korn, 2 Flaschen Mezcal, 1 Flasche Tequila, 250 Flaschen Bier und 10 Liter Rotwein von Darstellern und Publikum konsumiert wurden. Außerdem fielen 3 Menschen in Ohnmaht, davon 2 Zuschauer und 1 Gast... ("Das alles kann Theater, wenn es live und lebendig ist. Und die gute Nachricht zum Schluss - der Wahnsinn geht weiter!"). Ob das Format in der nächsten Spielzeit fortgesetzt wird, ist noch ungewiss. Wir hoffen!

23.05.15 - Fabian oder Der Gang vor die Hunde (Erich Kästner // Regie: Peter Kleinert // Schaubühne)
Studierende der Ernst Busch Hochsschule für Schauspielkunst im 3. Jahr treten in jeder Spielzeit im Studio der Schaubühne mit einem Stück auf. In der Dramatisierung von Erich Kästners Roman "Fabian" wird das gezeigt, was viele Jugendliche in Berlin auch heute erleben: Das hecktische Suchen nach Spaß um jeden Preis - ohne Orientierung, rasend schnell und unaufhaltsam. Vor allem Hauptdarsteller Timocin Ziegler spielt überzeugend und mitreißend. Erneut ein eindrucksvoller Abend der Ernst-Busch-Schauspielschüler.

26.05.15 - Complexity of Belonging (Falk Richter & Anouk van Dijk // Gastspiel aus Melbourne// Schaubühne)
Zum fünften mal haben Richter und van Dijk (mittlerweile Intendantin der Chunky Move Company Melbourne) gemeinsam ein Stück erarbeitet. "Complexity of Belonging" hatte in diesem Jahr beim Melbourne Festival Premiere. Wieder treffen persönliche Geschichten auf politische und soziale Themen: Die titelgebende Zughörigkeit und die Frage nach der Identität bzw. Herkunft spielt bei den austratralischen Schauspielern und Tänzern eine große Rolle. Wie immer bei Falk Richter geht es aber auch um Beziehungen, Gender und Sexualität sowie Partnerschaft und deren Scheitern. Belonging wird zu longing. Vernetzung und soziale Medien fehlen ebensowenig. Das Theater von Falk Richter ist einmalig - bezeichnend u.a. die Nutzung des gesamten Bühnenraums und die langen, schnellen Monolge, die er seine Schauspieler sprechen lässt (besonders bemerkenswert der Schlussmonolog einer Schauspielerin, die 176 Eingenschaften aufzählt, die ein Mann haben muss). Mal wieder ein beeindruckender, bewegender Abend!

30.05.15 - Das Himbeerreich (Andres Veiel // Deutsches Theater)
Die Welt der Banker. Für sein Stück hat Andres Veiel mehr als 20 führende Banker interviewt und ist in seiner Recherche den Verbindungslinien zwischen den persönlichen Motiven und den gesellschaftlichen Strukturen im Finanzwesen gefolgt. Jeder der Protagonisten erzählt seine persönliche Geschichte, in der Erfolg und Scheitern oft dicht beieinander liegen. Die einzige Frau unter den Erzählenden bringt noch einen zusätzlichen Faktor mit ein: Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die für Frauen ohnehin schwieriger ist. Nach 60 Vorstellungen wurde "Das Himbeerreich" am 30. Mai 2015 abgespielt.
Andres Veiel ist für seine Dokumentationen (u.a. "Die Spielwütigen" über vier Schauspielschüler/innen der Ernst Busch Hochschule für Schauspielkunst) und Dokumentarstücke bekannt. Für sein Stück "Der Kick", das die Ermordung eines 16jährigen Jungen durch Neonazis thematisiert, nutzte Veiel 1.500 Seiten Gesprächsprotokoll, die er mit Jugendlichen im brandenburgischen Dorf Potzlow führte.